
Wir Kinder der Leichtigkeit lautet der Titel des Literaturwissenschaftlers und Schriftstellers Dirk von Petersdorff. Auffällig ist der ebenfalls im Pluralis Majestatis ambitionierte Untertitel: »Unsere Geschichte seit den Siebzigern«. Überraschend dabei, dass auf der hinteren Einschlagklappe in der Kurzbiographie des Autors das Geburtsjahr 1966 nicht genannt wird. Dabei ist das nicht unwichtig, weil von Petersdorff historische Ereignisse mit eigenen, persönlichen Erfahrungen verbindet. Obwohl autobiographisches einfließt, ist der Anspruch des Buches der einer Kulturgeschichte, die die Veränderungen der letzten rund fünf Jahrzehnte erklären soll.
Von Petersdorff spricht von drei »großen Erzählungen,« die Ende der 1970er Jahre an ihr Ende gekommen bzw. zerfallen seien und macht Lyotard zu seinem Kronzeugen. Zum einen die Erzählung des Sozialismus/Kommunismus, die 1989/90 kollabierte. Parallel begann man sich sukzessive von der Idee des grenzenlosen Fortschritts durch zerstörerische »Naturbeherrschung« zu verabschieden. Besonders interessant ist die Veränderung, die von Petersdorff in der Kunst (im weitesten Sinn in der Kultur) diagnostiziert. Die »modernistische Erzählung«, so die These, sei irgendwann »selbst zur Tradition erstarrt« und wurde nur noch von »ästhetischen Autoritäten« wie Adorno verteidigt. In Wirklichkeit hielt die einst verpönte Massenkultur Einlass in die hehren Kulturtempel und von Petersdorffs Referenz ist in diesem Fall Leslie Fiedler, der das bereits 1969 kommen sah und in Bob Dylan denjenigen entdeckte, der die Grenzen überwinden würde – und der schließlich 2006 den Literaturnobelpreis erhielt.
Auch auf die Architektur der »neuen Zeit« wird zurückgeblickt, was bisweilen durchaus komisch wirkt, etwa wenn nebenbei erwähnt wird, dass es »im Zeichen der Postmoderne« auch »unangenehme Kunststoffe« und »Trostlosigkeiten« gegeben habe. Flachdachbauten waren natürlich wirklich eine Veränderung – aber was für eine. Unumgehbar für den Autor der Weg in die Postmoderne, jener Phase, in der das »Nebeneinander« der »Weltanschauungen, Formen und Stile…vor Augen tritt und zur Normalität geworden ist«. So lautet ein Zwischenfazit des Buchs nach einem Städel-Besuch und Bildern von Gerhard Richter, Anselm Kiefer oder Helmut Middendorf. Kurz darauf die mehr als verständliche Ablehnung des Begriffs »Postmoderne« und der Vorschlag, sie »Spätmoderne« zu nennen. Es bleibt das Problem der Vorläufigkeit solcher Zuordnungen. Vor allem jedoch: Zeichnete sich gerade nicht schon die Moderne durch ein Stil- und Formenmix aus? Und war nicht das, was in der Literatur aus der Gruppe 47 heraus nach dem Krieg publiziert und rasch kanonisiert wurde, eher restaurativ, stellenweise sogar vormodern gewesen? Steckte nicht bereits in James Joyce, Alfred Döblin und John Dos Passos diese »Spätmoderne«?
Für einen kurzen Moment stockt die Chronologie. Dann wird erzählt von dem Lebensgefühl Mitte/Ende der 70er, in der »Mengen und Dinge« an »ihrem Platz standen«, die ökonomischen Verhältnisse überschaubar waren, es einen »breiten Mittelstand« gab und Extremurlaube nicht wegen fehlender finanzieller Mittel nicht stattfanden. »Man regte sich auch nicht so schnell auf wie heute«. Zwar war die Abneigung zwischen den Anhängern von CDU und SPD stark ausgeprägt, spielte aber im Alltag keine gravierende Rolle. Es gab das, was man heute hochtrabend als »Ambiguitätstoleranz« bezeichnet (Ausnahmen gab es immer). Anhand dessen, was man »Lebensläufe« nennt, zeigt sich die Diskrepanz zur Gegenwart besonders deutlich. Damals, so von Petersdorff, gab es diesen Kult um »Lebensläufe« nicht. Heutzutage sind sie essentiell, werden »ergänzt, optimiert und ängstlich verglichen…, weil etwas fehlen könnte, was andere aufzuweisen haben«.
Ein Wort vermisst man in dieser melancholischen Sentenz: Durchlässigkeit. Man musste nicht studiert haben, um eine gut dotierte Bürotätigkeit zu bekommen, die mit irgendeiner englischen Vokabel zu einem »Manager« aufgebrezelt wurde. Man konnte aufsteigen, ohne antichambrieren zu müssen. Aber es war bereits eine Zeit, so von Petersdorff, in der man am Alten noch hing, »und wusste, dass es sich nicht fortsetzen ließ«. Die »neue Leichtigkeit« bekam Risse. Er erzählt von der Ölkrise, dem Waldsterben- und Ozonloch-Diskurs, referiert über Denker der Differenz wie Niklas Luhmann und thematisiert Habermas’ Postulat der neuen Unübersichtlichkeit. Die Welt kam näher, ob man das wollte oder nicht; Lebens- und Familienentwürfe veränderten sich. Interessant, dass einige Ereignisse, die solche Veränderungen zeigten, nicht aufgegriffen werden. Der Anschlag von Terroristen bei den Olympischen Spielen 1972 etwa, der bei aller Abscheu vor der Tat mit einem Schlag die »Sache« der Palästinenser in die Öffentlichkeit brachte. Oder, gravierender, die Nachrüstungsdebatte der 1980er, der die atomare Bedrohung durchspielte und Deutschland im Ausland zum Angstland werden ließ. Generell spielen die Protagonisten der 68er, die spätestens von den 80ern an immer weiter die Institutionen kamen, keine Rolle im Buch.
Der Mauerfall ist dann für von Petersdorff ein Kant’sches »Geschichtszeichen«. Aber der Enthusiasmus erledigte sich rasch. Im Buch wird auf die Jugoslawien-Kriege hingewiesen; der Augustputsch in Russland 1991 spielt allerdings genau so wenig eine Rolle wie der Krieg um die Befreiung Kuwaits im selben Jahr, der in Übereinstimmung mit der UNO und einer breiten Koalition regionaler Staaten unter Führung der USA stattfand. Ikonisch wurde dabei Peter Arnett, der für CNN von einem Hoteldach in Bagdad, die Bomben der Amerikaner erwartend, live berichtete. Ein paar Monate später kletterte Boris Jelzin in Moskau auf einen Panzer der Putschisten. Von nun an waren Revolution und Krieg Live-Ereignisse.
Dass Medien und Digitalisierung in diesem Buch nie thematisiert werden, ist ein markantes Versäumnis. Da hilft auch der Blick auf den 11. September 2001 nicht. Von Petersdorffs Nachschau erweckt den Eindruck, der islamistische Terrorismus sei damals geboren worden. Als hätte es die Anschläge auf die US-Botschaften in Kenia und Tansania 1998 nicht gegeben. Immerhin konstatiert er, dass das »Zeitalter der Differenz« beginnend mit der Gründung des Islamischen Republik Iran 1979 »mächtige Gegenkräfte« erzeugte, die mit der globalisierten, westlich geprägten Weltordnung nicht kompatibel war. Dass der Islamismus bei den westlichen Intellektuellen im Gegensatz zum Sozialismus kaum Anziehungskraft besaß, verharmlost die Auswirkungen allerdings. Entscheidend war (und ist leider immer noch), dass mit geringem Aufwand durch in Echtzeit berichtende Medien eine sehr große Wirkung erzielt werden kann. Die Zahl der Kriege und Konflikte war in den 70er und 80er-Jahren ähnlich hoch, aber medial fanden diese nur in größerer, zeitlicher Verzögerung und komprimiert statt. So hat man in deutschen Medien vom Ausmaß eines der größten Verbrechen der Nachkriegsgeschichte, den Massenmorden der Roten Khmer zwischen 1975 und 1978, erst sehr viel später erfahren. Als Vietnam diesem Terror ein Ende setzte, beklagte man noch einen völkerrechtswidrigen Eingriff.
Im letzten Kapitel werden die Zeitmarken der jüngeren Vergangenheit behandelt: Euro-Einführung, Sommerstimmung bei der Fußball-WM 2006, die Finanzkrise 2008, schließlich die großen Fluchtbewegungen, die 2014/15 kumulierten. Im Buch werden anhand des Briefwechsels zwischen dem Soziologen Armin Nassehi und dem rechten Aktivisten Götz Kubitschek die weit auseinanderliegenden Positionen dargestellt. Auch wenn einige »Identitätssetzungen« sogenannter progressiver Linker kritisiert werden, besteht kein Zweifel daran, dass von Petersdorff Nassehis Gesellschaftsbild zustimmt. Er ist sogar bereit zu akzeptieren, dass ein muslimischer Student es vermeidet, Frauen in der Öffentlichkeit zu umarmen. Passend dazu seine Entdeckung von Markus Gabriels Trivialphilosophie vom Abschied von der Welt als Ganzes hin zu einer fragmentierten Welt, die aus lauter Sinnfeldern besteht, die parallel nebeneinander existieren. Da Gabriel damit das Ende der »großen Erzählungen« der letzten einhundert Jahre zementiert, findet von Petersdorff diese Sicht verlockend.
In der Chronologie der Wendepunkte kommt es mit dem 24.2.2022 zum letzten Akt. »Wir hatten geglaubt, dass Ländergrenzen immer durchlässiger und weniger wichtig würden…« steht da, als seien plötzlich alle Kriege und »Interventionen« der letzten 30 Jahre vergessen. Es geht nicht darum, dass Dirk von Petersdorff eine Sicht auf die Jahrzehnte seines Erlebens und Bewusstseins ausgebreitet hat. Meine Kritik richtet sich daran, hieraus eine allgemeine Kulturgeschichte zu konstruieren. Ein bisschen mehr reflexive Subjektivität hätte ich vorausgesetzt. Sicher, er hat das inzwischen unvermeidbar schlechte Gewissen, weil in seinem mit Fernwärme betriebenen Haus auch noch ein Holzofen steht. Dazu hat er auch noch Freude daran, dafür Holz zu spalten. Was der Leser nicht erfährt ist, ob er vielleicht sogar Fleisch ist. Dafür ist er aber Fahrradfahrer. Ernst zu nehmen sind solche zeitgeistlichen Alibi-Selbstgeißelungen nicht.
Wo ist die Leichtigkeit der damaligen Zeit hin, wenn es sie überhaupt gab und nicht einfach ein Phänomen der Jugend war? War das Leben in den 70er und 80ern unbeschwerter, freier? Lässt sich dazu vielleicht einiges in der damaligen Literatur erkennen? (Ich glaube: ja!) Warum versieht man Bücher, Serien und Filme, die in dieser Zeit entstanden, heute mit Triggerwarnungen? (Warum schreibt ein Literaturwissenschaftler von »Studierenden«, auch wenn diese nicht studieren?) Am Ende: Lassen sich Epochen überhaupt vergleichen? Wird nicht unsere Gegenwart von Menschen in fünfzig Jahren rückschauend ähnlich melancholisch betrachtet werden, weil vielleicht weitere »große Erzählungen« an ihr Ende gekommen sind? Welche könnten das sein?
Was zeichnet sich davon bereits heute ab? Derzeit scheint man eingezwängt zwischen Revisionisten und Apokalyptikern, Ideologen und Pragmatikern. Aber war das nicht auch das Gefühl, als der sogenannte NATO-Doppelbeschluss auf der Agenda stand und 1981 Millionen Menschen dagegen demonstrierten? Und wenn von Petersdorff schon auf den Moment des Mauerfalls schaut – war er ähnlich erhaben für die Menschen in der ehemaligen DDR? Welche Welten waren dort zusammengebrochen? Der Siegeszug des Individualismus, das, was man »Freiheit« nennt, scheint nur ein ephemeres Ereignis gewesen zu sein. Die Drohungen eines neuen Uniformismus sind virulent; was von Petersdorff von den dirigistischen, teilweise überzogenen Covid-Maßnahmen schreibt, ist ja richtig.
Was bleibt also? Im letzten Teil seines Buches gibt es eine überraschende Antwort, ein Plädoyer bestehend aus »Lebensformen der Gegenwart«. Ein Entkommen in die Literatur mit Portraits beispielsweise von Herta Müller, Benjamin von Stuckrad-Barre, Judith Hermann, Clemens Mayer oder Jan Fosse. Einblicke in ihr Schaffen, ihr Werken, ihr Wirken. Dabei gelingen ihm bisweilen nuancenreiche Beobachtungen. Es erinnert an das, was Marcel Beyer einmal »Refugienbürgertum« nannte. Andere nennen es »Waldgang«. Beides muss man sich leisten können.
Der Nobelpreis für Dylan war 2016. 2006 hatte gerade erst, nämlich 2004, mit dem Preis für E. Jelinek, politisch-feministische Literatur ins Blickfeld der Nobel-Entscheidungsträger Einzug gehalten.