Vier Fund­stücke…

ab­seits des Tru­bels:

Kal­te Du­sche

Sie­ben Stun­den Wim Wen­ders?

Ni­na Jäck­le: Das Ru­del der Mo­ri­bun­den

Kri­mi und Zeit

En dé­tail:

I

Kal­te Du­sche

»Ein Au­tor ist je­mand, der sich auf sei­nen oder ih­ren – hof­fent­lich sau­ber ab­ge­putz­ten – OASCH setzt und schreibt. Nicht dar­über re­det, zu schrei­ben. Nicht sei­ner Mut­ter er­zählt, dass er schrei­ben will, oder sei­ner Frau, oder Mann, oder Freun­din, oder Freun­den. Nicht dar­über po­stet, zu schrei­ben. Kein Feed­back will, kei­ne Grup­pen braucht, kei­ne Mei­nun­gen, kei­ne Arsch­lö­cher um sich her­um.«

Das sitzt.

Jo­han­nes Wit­tek er­klärt nicht nur, was ein Au­tor ist, son­dern er zeigt je­man­dem wie mir, wel­che Fül­le von Li­te­ra­tur­zeit­schrif­ten es jen­seits all de­rer gibt, die man kennt (und die man manch­mal in­zwi­schen et­was lang­wei­lig fin­det).

Hier die kal­ten Du­sche.

II

Sie­ben Stun­den Wim Wen­ders?

Kann man das über­haupt aus­hal­ten?

Die kur­ze Ant­wort: Ja.

Die lan­ge Ant­wort: Es war ein Ver­gnü­gen.

Man merkt, dass Jo­chen Weg­ner und Chri­stoph Amend noch mal so ei­ni­ges an­ge­schaut ha­ben, be­vor sie den Mei­ster zum 80. Ge­burts­tag ih­re Fra­gen stell­ten. So et­was soll­te Schu­le ma­chen. Wen­ders läuft denn auch zu gro­ßer Form auf, er­zählt bei­spiels­wei­se, wie Pe­ter Falk beim Dreh und pri­vat so war (2:04), wie es zum Ken­nen­ler­nen mit Pe­ter Hand­ke kam (2:47), er­klärt, war­um Pi­na ein 3D-Film sein muss­te (3:38), was sein Lieb­lings­film ist, war­um Net­flix plei­te geht, was man bei Di­gi­ta­li­sie­run­gen von Fil­men be­ach­ten muss und war­um die Rei­se nach To­kyo von Ya­su­ji­rō Ozu der be­ste Film al­ler Zei­ten ist (4:48). Man er­fährt, wo man Wen­ders’ Sum­mer in the Ci­ty im Netz se­hen kann und wel­che Sci­ence-Fic­tion-Fil­me er be­son­ders schätzt.

Auch auf die Ti­tel­fra­ge des Pod­casts nach der Zu­kunft des Ki­nos geht Wen­ders ein.

III

Ni­na Jäck­le und Das Ru­del der Mo­ri­bun­den

Nina Jäckle: Das Rudel der Moribunden
Ni­na Jäck­le: Das Ru­del der Mo­ri­bun­den

»Hin­ter dem Grün, in un­mit­tel­ba­rer Nä­he, ver­läuft der Schot­ter­weg«. Da ist das Haus, ein win­zi­ges Haus, be­wohnt von ei­ner er­zäh­len­den Frau, die man, wie der Le­ser dann er­fährt, »die Ze­tern­de« nennt. Aber wer nennt sie so? Kaum geht sie aus dem Haus, ver­sehrt wie sie ist. Und wenn, dann be­geg­nen ihr selt­sa­me an­de­re Be­woh­ner, der Se­lig­ver­wo­be­ne et­wa oder die Klein­ge­wor­den­de. Und dann gibt die­ses Ru­del der Mo­ri­bun­den, ei­ne »fra­gi­le« Hun­de­meu­te, al­te, räu­di­ge, bis­wei­len in ei­nem selt­sa­men Chor bel­len­de Tie­re. In­mit­ten die­ser Hor­de, die sich lau­fend ver­grö­ßert, weil der Herr­scher die­ses Mo­ri­bun­den­ru­dels im­mer neue Tie­re auf­nimmt, tollt ein jun­ger Hund, fast un­be­ach­tet von den an­de­ren.

Und dann, so scheint es, ist Ni­na Jäck­les Kleinst­ge­schich­te vom Ru­del der Mo­ri­bun­den auch schon zu En­de und man be­ginnt sie noch­mals zu le­sen und al­les zeigt sich ei­nem, die­ses Haus wird sicht­bar, das Ge­bell hör­bar, der Schot­ter­weg knirscht, die Men­schen in den Häu­sern wer­den er­ahn­bar. Noch wehrt man sich ge­gen die in ei­nem bro­deln­den Al­le­go­rien. Am En­de ver­geb­lich. Und die 25 Sei­ten wer­den plötz­lich zu ei­nem Bil­der­tep­pich. So schnell, das weiß man jetzt, wird man das nicht ver­ges­sen.

IV

Kri­mi und Zeit

Si­cher­lich gibt es ir­gend­wo Un­ter­su­chen, die auf­zei­gen, wie­vie­le Mi­nu­ten und Stun­den am Tag im (öf­fent­lich-recht­li­chen) Fern­se­hen Kri­mis al­ler Gen­res und Re­gio­nen lau­fen. Im deut­schen Fern­se­hen sind Mord und Tot­schlag in­zwi­schen längst all­täg­lich ge­wor­den. Schon zum Abend­essen wird je nach Re­gi­on und Per­so­nal mal mehr, mal we­ni­ger ernst­haft er­mit­telt. Ne­ben der Tat, die in­zwi­schen als selbst­ver­ständ­lich be­bil­dert wird, dreht es häu­fig auch um die Be­find­lich­kei­ten der Er­mitt­ler. Meist sind sie des­il­lu­sio­niert oder kämp­fen mit starr­köp­fi­gen Vor­ge­setz­ten. Zwin­gend ist es, dass am En­de der Tä­ter ge­fasst wird. Die Fil­me fol­gen über­wie­gend dem glei­chen Sche­ma; ein Mit­ra­ten, wer der Tä­ter sein könn­te, ist zu­meist sinn­los, weil in­tel­lek­tu­ell un­ter­for­dernd. Das Spiel der Dar­stel­ler ist fast im­mer nur mit­tel­mä­ssig, was ver­mut­lich ge­wollt ist, denn ei­nen Thrill will man nicht er­zeu­gen. Im­mer­hin er­hält man mit Kri­mis ei­ne Rei­he von Schau­spie­ler am Le­ben. Mit der Rei­ni­gung durch die Ver­haf­tung gehts dann zum näch­sten Kri­mi, vom Bo­den­see nach Eng­land oder Reykja­vik oder Neu­see­land.

Frü­her wa­ren zum Bei­spiel die Ver­fil­mun­gen der Kri­mi­nal­ro­ma­ne von Fran­cis Dur­bridge Er­eig­nis­se. Ein­mal im Jahr wur­den sie in kur­zer Fol­ge an meh­re­ren Aben­den ge­zeigt. Spä­ter in­sze­nier­ten Jür­gen Ro­land und Wolf­gang Men­ge an­spruchs­vol­le Kri­mi­nal­fil­me. 1969 be­gann das ZDF mit Der Kom­mis­sar. Dann kam der Tat­ort der ARD und das ZDF er­fand Der­rick. Vom Kom­mis­sar gab es 8 Staf­feln und 97 Fol­gen in zehn Jah­ren (al­le wur­den in schwarz-weiß ge­dreht). Der­rick hielt sich län­ger, von 1974 bis 1996 gab es 281 Fol­gen. Zu bei­den schrieb Her­bert Rein­ecker die Dreh­bü­cher. Der Ein­fach­heit hal­ber spiel­ten bei­de Rei­hen in Mün­chen.

Ins­be­son­de­re die Der­rick-Fol­gen ent­wickel­ten sich in den 1990er Jah­ren zu eher sta­ti­schen Kam­mer­spie­len, voll­stän­dig zu­ge­schnit­ten auf Horst Tap­pert als Ober­inspek­tor Der­rick, der im­mer mehr mit Ein­ge­bun­gen die Fäl­le lö­ste. Die Kom­mis­sar-Fol­gen wa­ren da an­ders. Die Tat, die Vo­ka­bel »Mord«, hat­te hier noch ei­nen Schrecken. Der Tod ei­nes Men­schen war noch ei­ne Ka­ta­stro­phe, kei­ne Abend­un­ter­hal­tung. Auch hier do­mi­nier­te der ti­tel­ge­ben­de Kom­mis­sar Kel­ler (ge­spielt von Erik Ode), aber er hat­te ein Team zur Ver­fü­gung, das er nicht nur lei­te­te, son­dern die As­si­sten­ten, die of­fi­zi­ell den Ti­tel In­spek­tor bzw. Kri­mi­nal­haupt­mei­ster hat­ten, be­fä­hig­te, auch kon­trä­re Mei­nun­gen zum »Chef« ar­ti­ku­lie­ren zu kön­nen, so­fern sie ar­gu­men­ta­tiv wa­ren. Be­son­ders ein In­spek­tor (ge­spielt von Rein­hard Glem­nitz) trat häu­fig nass­forsch mit schnel­len Er­klä­run­gen auf (die sel­ten stimm­ten) und wur­de dann von Kel­ler sanft aus­ge­bremst. Die Hier­ar­chie wur­de zu kei­ner Zeit be­fragt. Da das, was man heu­te Kri­mi­nal­tech­nik nennt, noch nicht wie heu­te ent­wickelt war, kam es dar­auf an, Aus­sa­gen und Ver­hal­ten der un­mit­tel­bar Be­tei­lig­ten zu ana­ly­sie­ren und Wi­der­sprü­che her­aus­zu­fin­den. Kel­ler lö­ste sei­ne Fäl­le mit psy­cho­lo­gi­schem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen. Er be­ob­ach­te­te, sei es im Ge­spräch oder dem Ver­hal­ten von Tat­ver­däch­ti­gen, Zeu­gen oder An­ge­hö­ri­gen von Op­fern.

Spiel­ten vie­le Der­rick-Fol­gen in der Ober­schicht, so wa­ren beim Kom­mis­sar al­le Mi­lieus ver­tre­ten: Ob­dach­lo­se, Mil­lio­nä­re, Play­boys, Künst­ler, Ärz­te oder auch jun­ge Men­schen, die aus ih­rem Le­ben aus­bre­chen woll­ten. Die Lö­sung des Falls hat­te Prio­ri­tät; pri­va­te Pro­ble­me der Er­mitt­ler wa­ren sel­ten und wenn, dann nur De­ko­ra­ti­on. Die Fol­gen wa­ren nicht di­rekt po­li­tisch, aber ge­sell­schaft­lich wur­de durch­aus der Wan­del, der sich nicht ver­leug­nen ließ, ge­zeigt, et­wa in­dem da­mals an­ge­sag­te Mu­si­ker und Mu­sik­grup­pen wie die Les Hum­phries Sin­gers oder Bo­ney M. in Ne­ben­rol­len auf­tra­ten. Es gab ver­ein­zelt Kom­mis­sar-Lie­der. In mei­ner Er­in­ne­rung wur­den die Tä­ter (oder Schul­di­gen) stets ge­fasst, auch wenn es sich bis­wei­len um ei­nen Un­fall han­del­te.

Und nun das Schö­ne: Al­le die­se Kom­mis­sar- und ‑wer möch­te- auch Der­rick-Fol­gen (je 60 Mi­nu­ten) kann man auch jetzt noch an­schau­en. Ganz oh­ne Fern­se­hen! In je ei­nem End­los-Stream bei plu­to TV wer­den sie 24 Stun­den rund um die Uhr nach­ein­an­der ge­zeigt. Und dann be­ginnt die Zeit­rei­se nicht nur in das Ge­biet des Kri­mi­nal­spiels, son­dern auch in die Bun­des­re­pu­blik der 1970er Jah­re, in de­nen es zum Bei­spiel noch Woh­nun­gen mit Toi­let­te auf dem Flur gab, das Rau­chen zum gu­ten Ton ge­hör­te und die Kom­mu­ni­ka­ti­on über Te­le­fon ei­ne Her­aus­for­de­rung war. So gut wie nie schlug der Kom­mis­sar ein ihm an­ge­bo­te­nes al­ko­ho­li­sches Ge­tränk aus. Nicht im­mer ist die Auf­lö­sung des Falls über­zeu­gend (bei Der­rick spä­ter noch we­ni­ger), aber die Ein­blicke in ei­ne ver­gan­ge­nen Zeit sind zu­meist groß­ar­tig. Was man auch von den Schau­spie­lern sa­gen kann: Al­le gro­ßen wa­ren min­de­stens in ei­ner Fol­ge da­bei. Und auch der da­ma­li­ge Nach­wuchs kam zu Ein­sät­zen. (Si­cher, der »Neue Deut­sche Film« mach­te nicht mit.)

Für vie­le heu­ti­ge Zu­schau­er dürf­te die bis­wei­len selbst für da­ma­li­ge Zei­ten ge­dehn­te Lang­sam­keit vor al­lem in den Dia­lo­gen ei­ne Her­aus­for­de­rung dar­stel­len. Kein Han­dy­klin­geln un­ter­bricht hier die Kon­zen­tra­ti­on. Man lernt wie­der das Hin­hö­ren und Hin­schau­en, es kommt auf je­de Be­we­gung an, die Art und Wei­se wie ei­ne Zi­ga­ret­te oder ein Ge­trän­keglas ge­hal­ten wird. Schließ­lich die Nah­auf­nah­men auf die Ge­sich­ter, je­de Au­gen­brau­en­be­we­gung, ein Zucken der Un­ter­lip­pe et­wa, das Ab­wen­den vom Au­gen­kon­takt. Al­les hat hier (viel­leicht) ei­nen Sinn, zeigt den ak­tu­el­len Zu­stand der je­wei­li­gen Fi­gur. »Ac­tion« gibt es kaum, wenn es ein­mal ei­ne Prü­ge­lei gibt, wirkt sie eher pein­lich.

Hier die Links zu den Streams:

Der Kom­mis­sar
Der­rick

Klei­ne War­nung: Die Fil­me wer­den vom Streaman­bie­ter in der Re­gel zwei Mal mit Wer­bung un­ter­bro­chen.

(Wer will, fin­det auch noch an­de­ren Se­ri­en­kri­mis, wie zum Bei­spiel die frü­hen Fol­gen von Der Al­te mit Sieg­fried Lo­witz in der Ti­tel­rol­le.)

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