Cy­borgs und Hu­ma­no­ide 1

Si­sy­phos stirbt nicht, er kehrt im­mer wie­der zu­rück. Und wir keh­ren zu ihm zu­rück. »Oh­ne sein sinn­lo­ses Dra­ma wä­re das Le­ben sinn­los«, be­haup­te­te der me­xi­ka­ni­sche Dich­ter Jo­sé Emi­lio Pach­e­co einst. In­mit­ten all der Hy­pes, die über un­se­re Dis­plays rau­schen, mel­det sich das al­te Ge­fühl des Ab­sur­den zu­rück.

Si­sy­phos im Ma­schi­nen­raum ist kein Ro­man, auch als Es­say wür­de ich das Buch nicht be­zeich­nen. Die Ver­fas­se­rin, Mar­ti­na Heß­ler, ist Pro­fes­so­rin für Tech­nik­ge­schich­te, und sie stellt kei­ne li­te­ra­ri­schen An­sprü­che. Den­noch be­zieht sie sich am En­de ih­res Buchs, und auch am An­fang, auf Al­bert Ca­mus, und zwar auf des­sen Vor­stel­lung ei­nes glück­li­chen Si­sy­phos, der die Ab­sur­di­tät sei­nes Tuns – ei­nen Stein auf ei­nen Berg­gip­fel rol­len – ak­zep­tiert, mit sei­nem Schick­sal al­so ein­ver­stan­den ist. Heß­ler meint, Si­sy­phos könn­te den Stein doch ein­fach mal lie­gen las­sen. Das heißt, im zeit­ge­nös­si­schen Kon­text, die Tech­no­lo­gien nicht im­mer wei­ter­trei­ben, Un­zu­läng­lich­kei­ten ak­zep­tie­ren, so­wohl auf­sei­ten der Ma­schi­nen als auch auf­sei­ten der Men­schen.

Heß­ler fo­kus­siert stark auf Feh­ler­haf­tig­keit. Das ge­hört nun mal zu aka­de­mi­schen Stu­di­en, man muß sein For­schungs­feld ge­nau ein­gren­zen, De­fi­ni­tio­nen lie­fern, mög­lichst er­schöp­fen­de Dar­stel­lun­gen des Ge­gen­stands. Daß Tech­ni­ken und Tech­no­lo­gien ih­re ei­ge­ne Ent­wick­lungs­lo­gik ha­ben, un­ab­hän­gig von Feh­lern und Re­pa­ra­tu­ren, weiß sie wohl, macht es aber kaum gel­tend. Of­fen ge­stan­den, mir scheint die Fi­gur des Si­sy­phos für die Tech­nik­ge­schich­te und letzt­lich für al­le an­de­ren Ge­schich­ten nicht recht pas­send; sie scheint auch nicht pas­send für die Le­bens­not­wen­dig­keit ka­pi­ta­li­sti­scher Ge­sell­schafts­sy­ste­me, Pro­fi­te zu ma­xi­mie­ren. Oh­ne Stei­ge­rung gibt es hier (an­geb­lich) kei­ne wirt­schaft­li­che Exi­stenz. Da­her die Schwie­rig­keit, bei schrump­fen­der und al­tern­der Be­völ­ke­rung wie et­wa in Ja­pan das Sy­stem lang­sam zu­rück­zu­fah­ren, oh­ne es als Gan­zes ins Tru­deln zu brin­gen.

Die Au­torin zeigt sich skep­tisch ge­gen­über der Idee ei­nes kon­ti­nu­ier­li­chen Fort­schritts, und wer wür­de sol­che Skep­sis heu­te, am En­de des er­sten Vier­tels des 21. Jahr­hun­derts und rück­blickend auf das zwan­zig­ste, nicht tei­len. Aber die Men­schen als Ak­teu­re und Op­fer der Ge­schich­te, die sie gleich­zei­tig »ma­chen«, rol­len nicht im­mer den­sel­ben Stein auf im­mer den­sel­ben Berg. Sie än­dern ih­re Werk­zeu­ge und än­dern da­mit auch ih­re Um­welt, nicht zwangs­läu­fig zum Bes­se­ren, oft auch zum Schlech­te­ren; sie schaf­fen groß­ar­ti­ge Din­ge und rich­ten un­ge­heu­res Leid an – von bei­dem singt das 20. Jahr­hun­dert ein Lied, das im 21. lei­der nicht ver­klun­gen ist. Viel­leicht ist es bes­ser, auf über­lie­fer­te Sinn­stif­tungs­quel­len zu ver­zich­ten und ein­fach so wei­ter­zu­ma­chen, oh­ne Sinn und Zweck, dem Le­bens­trieb fol­gend.

Wei­ter­le­sen ...