Mo­ni­ka Ma­ron: Ar­tur Lanz

Monika Maron: Artur Lanz

Mo­ni­ka Ma­ron: Ar­tur Lanz

»Er war viel­leicht fünf­zig Jah­re alt, von schma­ler Ge­stalt, mit blon­dem, leicht er­grau­tem Haar, das in kur­zen Locken wirr um sei­nen Kopf stand, als wür­de er es stän­dig mit den Hän­den durch­fah­ren.« So be­schreibt die Ich-Er­zäh­le­rin Char­lot­te Win­ter in Mo­ni­ka Ma­rons neue­stem Ro­man die Ti­tel­fi­gur Ar­tur Lanz. Sie sieht ihn vor dem Su­per­markt, dort, wo auch Ob­dach­lo­se zu­sam­men­kom­men. Win­ter sucht ein Ge­spräch mit ei­nem ver­zag­ten Mann, der die Streu­ner fast be­wun­dert: »Die ha­ben es doch gut, die ha­ben es hin­ter sich…Die stel­len kei­ne Fra­gen mehr, die brau­chen kei­ne Ant­wor­ten mehr. Al­le Fra­gen hei­ßen nur noch Schnaps und Bier und al­le Ant­wor­ten auch, bis es end­gül­tig vor­bei ist.«

Es dau­ert Mo­na­te, bis sie ihn wie­der­trifft und vom »Dra­ma« er­fährt, dass »in der Män­ner­see­le von Ar­tur Lanz tob­te«. Sein Ein­satz zur Ret­tung sei­nes Hun­des aus ei­nem Raps­feld be­glück­te und ver­än­der­te Ar­tur Lanz’ Sicht auf das Da­sein der­art, dass er al­les hin­ter sich ließ, was sein Le­ben bis­her struk­tu­rier­te. »Ein tie­fes Glück« stell­te sich ein, und sein Kör­per emp­fand ei­nen »sü­ßen Schmerz.« Es ist ei­ner der Schwach­punk­te des Ro­mans: Die Eu­pho­rie Art­urs teilt sich dem Le­ser nicht mit. Man denkt un­will­kür­lich an den groß­ar­ti­gen Dag Sol­stad und ei­ne sei­ner Haupt­fi­gu­ren, die ihr Le­ben än­dert, weil sie ei­nen Re­gen­schirm nicht öff­nen kann.

Hier bleibt das Er­eig­nis Be­haup­tung und die Fol­gen schei­nen eher ab­surd: Ar­tur Lanz ließ sich schei­den, mie­te­te sich ei­ne neue Woh­nung, wur­de herz­krank, und stürz­te sich in ein »wir­res Her­um­den­ken«. Sei­ne Ar­beit als Phy­si­ker ver­rich­tet er oh­ne En­thu­si­as­mus als Brot­er­werb. Und er er­zählt Win­ter von sei­nem Va­ter, den El­tern, der ehr­gei­zi­gen Mut­ter, sei­ner Kind­heit, von der Hy­po­thek, die er durch den Na­men be­kam, den ihm die Mut­ter gab: Ar­tur – der Held der Ar­tus­sa­ge. Wel­che Ver­pflich­tung. Aber, auch hier ernst­haft ge­fragt, sind zum Bei­spiel al­le Fe­li­xe der­art prä­dis­po­niert, wenn sie her­aus­ge­fun­den ha­ben, nicht per­ma­nent glück­lich sein zu kön­nen?

Man liest wei­ter. Bei­de, die Ich-Er­zäh­le­rin und auch Ar­tur, kon­zen­trie­ren sich auf je ver­schie­de­nen We­gen um und über die Ar­tus­sa­ga. Char­lot­te Win­ter, die man mit den üb­li­chen Vor­be­hal­ten als das Al­ter Ego Mo­ni­ka Ma­rons se­hen könn­te, glaubt, ei­ne er­trag­rei­che Fi­gur für ei­ne Er­zäh­lung ken­nen­ge­lernt zu ha­ben. Ar­tur glaubt, mensch­li­ches Ver­ständ­nis zu fin­den. Aber er hat nichts Hel­di­sches an sich. Und auch nichts Au­ßer­ge­wöhn­li­ches. Wie ne­ben­bei re­ka­pi­tu­liert Win­ter nach dem er­sten Ken­nen­ler­nen, das »das Ge­heim­nis, das ich dem ver­lo­re­nen Mann auf der Park­bank an­ge­dich­tet hat­te« ver­lo­ren war. »Ar­tur Lanz war ein ge­wöhn­li­cher, lie­bens­wür­di­ger, zag­haf­ter, an sich selbst lei­den­der, wi­der­stands­lo­ser Mann ge­wor­den.« Und nun?

Art­urs Vor­na­me dient als Fo­lie für die her­aus­for­dern­de Fra­ge, war­um so et­was wie Hel­den­tum und mit ihm der Held (oder die Hel­din) ei­gent­lich der­art aus der Mo­de ge­kom­men ist. Er­ster An­lauf­punkt für die Er­ör­te­rung der Pro­ble­ma­tik ist ei­ne Art Sa­lon, zu dem die Er­zäh­le­rin bei Adam, ei­nem eme­ri­tier­ten Pro­fes­sor, ab und an ein­ge­la­den wird. Adam ist sich des Glückes sei­ner ge­ra­de noch »rich­ti­gen« Ge­ne­ra­ti­on be­wusst: »Ich ge­hö­re zum Feind­bild. Pro­fes­sor, ei­ne zwan­zig Jah­re jün­ge­re Frau, Geg­ner der Gen­der­spra­che, nicht schwul, bi, que­er oder son­sti­ges, al­so stock­kon­ser­va­tiv. Ich bin ge­ra­de noch so durch­ge­kom­men.« Die Vor­stel­lung der Ge­sell­schaft er­zeugt den­noch ein lei­ses Gru­seln: »Das Ehe­paar Mül­ler-Herms­dorf, er ein ehe­ma­li­ger, in­zwi­schen auch eme­ri­tier­ter Kol­le­ge von Adam, sei­ne Frau Psy­cho­lo­gin, Wolf und Ul­ri­ke Zei­sig, bei­de Künst­ler, Pe­ne­lo­pe Nie­mann, ehe­ma­li­ge Ham­bur­ger Kul­tur­se­na­to­rin, und Eva, Adams zwei­te Frau, die zwan­zig Jah­re jün­ger war als er und ei­gent­lich Gud­run hieß.«

Win­ter ver­sucht die Vor- oder Nach­tei­le des »post­he­roi­schen« Zeit­al­ters zu er­ör­tern und ern­tet das er­war­te­te Kopf­schüt­teln nebst »de­fä­ti­sti­scher Be­mer­kun­gen« vor al­lem der Frau­en, auf die zu ant­wor­ten sinn­los war. »Die Män­ner«, so Char­lot­te Win­ter, »frag­ten we­nig­stens«. Im­mer­hin, so stellt man ir­gend­wann fest, nennt sich ein Piz­za­ser­vice heut­zu­ta­ge noch »Lie­fer­held«. Für sich sel­ber bi­lan­ziert Win­ter, dass »post­he­ro­isch nur ein Syn­onym für fei­ge war, wie das Wort Mut in dem Wort Zi­vil­cou­ra­ge un­ter­ge­gan­gen war« und ein In­diz für den un­ter­schwel­li­gen Wunsch nach Un­ter­gang sein könn­te.

Ei­gent­lich war es ein Rät­sel, war­um Char­lot­te Win­ter im­mer wie­der ein­ge­la­den wird, denn mit ei­nem Be­ken­ner­tum à la »Wir sind die Antikriegs‑, Antiatom‑, Antikolonial‑, die an­ti­fa­schi­sti­sche Ge­ne­ra­ti­on…« hat sie rein gar nichts zu schaf­fen. Un­er­gie­bi­ge Streits sind vor­pro­gram­miert: »Fast im­mer, wenn er mich ein­lud, fand ich mich in ei­ner Ge­sell­schaft, der ich lie­ber fern­ge­blie­ben wä­re.« Im­mer­hin sind die Be­schrei­bun­gen die­ser Zu­sam­men­künf­te nebst dem leid­vol­len Um­gang der sich pro­gres­siv ge­ben­den Teil­neh­mer (vor al­lem der Teil­neh­me­rin­nen) klei­ne Per­len die­ses Ro­mans (und da­mit auch ir­gend­wie Per­len im so­zia­len Le­ben der Er­zäh­le­rin).

Als Pen­dant zu die­ser Ge­sell­schaft trifft sie sich ein­mal im Mo­nat in ei­ner der letz­ten Bars, in de­nen man noch rau­chen darf, mit ih­rer äl­te­sten Freun­din »La­dy«, wie Win­ter so­zia­li­siert in der DDR, aus­ge­stat­tet mit ei­ner ge­hö­ri­gen Por­ti­on def­tig-rea­li­täts­ge­sät­tig­ten Ur­teil­ver­mö­gens. Da lebt die Er­zäh­le­rin rich­tig auf.

Der Ro­man bleibt arg be­müht wenn es um die Kon­struk­ti­on des Hel­den­tums aus der Ar­tus­sa­ga und de­ren Trans­for­ma­ti­on, oder, bes­ser: Un­mög­lich­keit ei­ner Trans­for­ma­ti­on in die Ge­gen­wart geht. Die Schil­de­run­gen der wei­te­ren Tref­fen mit Ar­tur Lanz (üb­ri­gens oh­ne jeg­li­che ero­ti­sche Kon­no­ta­tio­nen) tra­gen nicht da­zu bei, die Fas­zi­na­ti­on für die­se Per­son zu stei­gern. Selbst die Schil­de­rung ei­ner au­ßer­ehe­li­chen Af­fä­re Lanz’ und den hier­aus re­sul­tie­ren­den stil­len De­mü­ti­gun­gen sei­ner da­ma­li­gen Ehe­frau macht es nur kurz bes­ser. Win­ter scheint zwi­schen­zeit­lich das Schreib­pro­jekt auf­grund der Bläs­se der Fi­gur auf­ge­ge­ben zu ha­ben (am En­de dann doch nicht – das Pro­dukt hält man, so wird min­de­stens sug­ge­riert, ge­ra­de in Hän­den).

Erst als Ar­tur von sei­nem Ar­beits­kol­le­gen Ge­rald er­zählt, kommt der Ro­man wie­der in Fahrt. Bei­de ar­bei­ten an ei­nem In­sti­tut, wel­ches sich un­ter an­de­rem mit Be­schich­tun­gen für Wind­kraft­an­la­gen be­schäf­tigt, die Tie­re von den für sie meist töd­li­chen Ro­tor­blät­tern fern­hal­ten soll. Die­ser Ge­rald, der vor­sorg­lich kei­ne In­sti­tuts­mit­glie­der auf Face­book zu sei­nen Freun­den ge­nom­men hat, schreibt dort von ei­nem »Grü­nen Reich«, das auf­grund von für ihn über­trie­be­nen Sze­na­ri­en be­züg­lich der Fol­gen des Kli­ma­wan­dels dro­he. Ei­ne Mit­ar­bei­te­rin, die sich an­onym als Freun­din Zu­gang zu den nur Freun­den zu­gän­gi­gen Po­stings Ge­ralds ver­schafft hat, the­ma­ti­siert dies als un­ver­ein­bar mit den Wer­ten des In­sti­tuts. Es gibt ei­ne An­hö­rung, bei der Ge­rald auf das Recht der frei­en Mei­nungs­äu­ße­rung als Pri­vat­per­son pocht. Die In­sti­tuts­lei­tung sieht die Wer­te des Un­ter­neh­mens kon­ter­ka­riert. Ge­rald ist je­doch nicht do­me­sti­zier­bar; im Ge­gen­teil. Sei­ne For­mu­lie­rung po­stet er nun öf­fent­lich – in deutsch und eng­lisch. Da­nach bricht er zu ei­nem Ur­laub nach Thü­rin­gen auf.

Als der »Vi­ze­chef der Rech­ten Par­tei« (der Na­me »AfD« fällt nicht), die For­mu­lie­rung vom »Grü­nen Reich« auf­nimmt, be­kommt die Em­pö­rung im In­sti­tut ei­ne neue Di­men­si­on. Sub­til ver­sucht Win­ter aber­mals, Ar­tur zur Ver­tei­di­gung sei­nes Kol­le­gen zu ani­mie­ren. Dies ob­wohl er Ge­ralds Zwei­fel und Be­fürch­tun­gen nicht teilt. Aber »[K]ann man je­man­den nur ver­tei­di­gen, wenn er recht hat? Ist es nicht auch ein Recht, un­recht zu ha­ben?« Ar­tur ver­steht die An­spie­lun­gen nicht. Wäh­rend­des­sen er­in­nert sich Win­ter an ei­ne Si­tua­ti­on in der DDR, als das Spie­len ei­ner Schall­plat­te von Wolf Bier­mann auf ei­nem Stu­den­ten­fest zu ei­nem Tri­bu­nal ge­führt hat­te, bis »La­dy« ge­gen die dro­hen­de Ex­ma­tri­ku­la­ti­on für die Bier­mann-Auf­le­ge­rin »das Schwert ge­zo­gen und ge­gen das De­nun­zi­an­ten­tum« er­folg­reich »ge­schwun­gen« hat­te. Es wur­de nur ei­ne Ver­war­nung aus­ge­spro­chen.

Die Schil­de­rung des Scher­ben­ge­richts der In­sti­tuts­sit­zung ist der Hö­he­punkt des Bu­ches. Die bis­wei­len ko­mi­schen Ab­läu­fe und das Re­sul­tat sol­len hier nicht vor­weg ge­nom­men wer­den. Nur so viel: Ma­ron ge­lingt es, die po­lit­kor­rek­ten An­kla­ge­el­lip­sen, die in­zwi­schen leid­lich aus so­ge­nann­ten »Feuil­le­ton­de­bat­ten« be­kannt sind, prä­zi­se und un­ter­halt­sam zu schil­dern und auf das Um­feld der Prot­ago­ni­sten zu pro­ji­zie­ren. Und die vor­he­ri­gen Über­le­gun­gen zum He­ro­is­mus in ei­ner Wohl­stands­ge­sell­schaft be­kom­men ei­ne wei­te­re Di­men­si­on. Klei­ner Wer­muts­trop­fen: Lei­der mu­tiert »La­dy« am En­de zur Speng­ler-Jün­ge­rin.

Ja, es schim­mert ei­ne Men­ge von Mo­ni­ka Ma­rons Zeit­geist­kri­tik in die­sem Ro­man durch, die bis­wei­len fast es­say­istisch da­her­kommt. Die Em­pö­rungs­pa­let­te reicht vom Gen­der­stern­chen über das sich ste­tig aus­wei­ten­de Rauch­ver­bot, die Rück­sichts­lo­sig­keit von Jog­gern bis zu »junge[n] Männer[n], die sich ihr Brust­haar […] mit hei­ßen Wachs­strei­fen« epi­lie­ren und »de­nen man ih­re Wild­heit schon in der Kind­heit mit Rital­in aus­ge­trie­ben oder in lie­be­vol­len Ge­sprä­chen ver­lei­det hat­te, die viel­leicht selbst schon glaub­ten, für das Bö­se in der Welt sei­en nur die Män­ner ver­ant­wort­lich ge­we­sen«. Auch die Be­gei­ste­rung er­wach­se­ner Men­schen für Fan­ta­sy-Fil­me ge­fällt ihr nicht. Für sie sind dies Sym­pto­me ei­nes »de­ge­ne­rier­ten Bewusstseinszustand[s]«. Wie so oft be­klagt sie die man­geln­de Frei­heits­lie­be der Deut­schen und gei­sselt die De­ge­ne­riert­heit und Un­bil­dung der ein­sti­gen DDR-Re­gie­ren­den. Das al­les liest man durch­aus ger­ne, weil es nicht ver­bis­sen vor­ge­bracht und li­stig in die Hand­lung in­te­griert wird. Und für ei­ne Steh­par­ty mit pro­vo­ka­ti­vem Small­talk durch­aus fürs er­ste ge­nü­gend Ma­te­ri­al lie­fern dürf­te.

Ob­wohl kon­ven­tio­nell er­zählt und die Ti­tel­fi­gur nicht be­son­ders cha­ris­ma­tisch da­her­kommt, ge­lingt es Ma­ron, den Le­ser neu­gie­rig zu hal­ten. Die viel­leicht schön­ste Stel­le ist al­ler­dings die Er­zäh­lung ei­nes Herbst­sturm-Wo­chen­en­des im No­vem­ber, als sich Char­lot­te Win­ter aus­schließ­lich mit Fon­ta­nes »Stech­lin« ein­lässt; los­ge­löst von al­len ta­ges­ak­tu­el­len Nach­rich­ten und Ab­len­kun­gen. Ei­ne Rei­se in das schier un­end­li­che Land der Li­te­ra­tur. Je­der den­ken­de Mensch weiß, wie nö­tig so et­was bis­wei­len ist. Aber ob sich wohl in ein­hun­dert Jah­ren ir­gend­je­mand mit Mo­ni­ka Ma­rons »Ar­tur Lanz« der­art in­ten­siv be­schäf­ti­gen und auf die dann fer­ne Zeit des Post­he­ro­is­mus mit je­ner Mi­schung aus Weh­mut und Trotz zu­rück­blicken wird wie wei­land die Er­zäh­le­rin auf Fon­ta­ne?

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  1. Es ist ja ge­gen ei­ne Li­te­ra­tur, die ganz jung schon ih­re Be­deu­tung ent­fal­tet, nichts ein­zu­wen­den. Ich emp­fin­de da schon ein biss­chen Ver­gnü­gen, wenn ich mir vor­stel­le, wie sich die Kä­fig-Hüh­ner im Feuil­le­ton vor Un­be­ha­gen schüt­teln, wenn sie die­sen »Rea­lis­mus« schlucken müs­sen. Das Grau­en: könn­ten die­se Be­schrei­bun­gen das sein, was un­se­re Zeit­um­stän­de aus­macht?! Könn­te das stim­men?! Wie wer­den wir da­ste­hen, ein­ge­fan­gen in un­se­ren ewig glei­chen Be­we­gun­gen, wenn die letz­ten Stri­che ge­tan und al­le Far­ben ge­trock­net sind?!
    Der Rea­lis­mus ist in die­ser Hin­sicht in­ter­es­sant, weil die heu­ti­ge Rea­li­tät schon reich­lich ver­schwom­men ist. Die Wahr­neh­mun­gen ba­sie­ren auf me­dia­lem Hö­ren­sa­gen, die Er­fah­run­gen stam­men aus zwei­ter Hand, und das Wis­sen ist ver­al­tet, ehe das Ren­ten­kon­to voll ist. Da wird der li­te­ra­ri­sche Rea­lis­mus zur Wet­te auf die lang­fri­stig wo­mög­lich ge­naue­ste Ver­si­on über die Ge­gen­wart. Der Li­te­ra­tur-Preis für die größ­te Ähn­lich­keit mit den Zeit­um­stän­den geht an... Den be­sag­ten Hüh­nern muss sich doch der Ma­gen um­dre­hen bei dem Ge­dan­ken: Was, wenn die Ma­ron recht be­hält?! Was, wenn wir am En­de ge­nau so da­ste­hen, wie sie es schil­dert?!

  2. Ja, da ist was dran. Man könn­te auch fra­gen: War­um wird ein sol­cher Ro­man be­reits als Pro­vo­ka­ti­on emp­fun­den? An der Form – die oh­ne­hin nie­man­den in­ter­es­siert – kann es nicht lie­gen. Er ist li­te­ra­risch kon­ven­tio­nell er­zählt und eher dem Rea­lis­mus ver­haf­tet.

    Ma­rons Bot­schaft – sub­ku­tan: Ge­gen die Wahn­sinns­spit­zen des Zeit­geists hilft nur Es­ka­pis­mus. Das will in die­ser di­rek­ten Form na­tür­lich nie­mand hö­ren.

  3. Das The­ma (die The­se) des Ro­mans könn­te sein: Vom vor­zei­ti­gen En­de des Hel­den-frei­en Zeit­al­ters...
    Ich ha­be das Schlag­wort vom Post­he­ro­is­mus ja nie be­ach­tet, weil es so vie­le Neo­lo­gis­men gibt, die nur Il­lu­stra­tio­nen sind. Aber jüngst hat mich Dou­glas Mur­ray da­von über­zeugt, dass es ein ab­sur­des Hel­den­tum im We­sten gibt, dass er Saint-Ge­or­ge-Syn­drom nann­te. Der Rit­ter er­sticht den Dra­chen (ver­gleich­bar dem Kom­mu­nis­mus), ern­tet den Ruhm, und hält nach neu­en Hel­den­ta­ten Aus­schau. Er fin­det klei­ne­re Un­ge­heu­er, er­le­digt sie, und räumt tüch­tig auf. Schließ­lich blei­ben nur noch die klein­sten Würm­chen üb­rig, aber er hat sich längst an die Ehr­erbie­tun­gen ge­wöhnt, und er­war­tet je­des­mal den­sel­ben Bo­hai um sei­ne Per­son.
    Das kann man auf die Nach­fah­ren des Rit­ters über­tra­gen. Sie zer­tre­ten Würm­chen und ver­lan­gen das Bun­des­ver­dienst­kreuz. Ist das wirk­lich post­he­ro­isch, oder schon sa­tyr-he­ro­isch?!
    Murray’s Pa­ra­bel trifft schon den nar­ziss­ti­schen Kern die­ses Ver­zichts, aber deut­li­cher noch wird Jor­dan Pe­ter­son: Du kannst nie­man­den pa­zi­fi­stisch be­geg­nen, der be­reit ist, sein Le­ben ge­gen Dich auf’s Spiel zu set­zen... Das be­deu­tet in der Rück­schau, dass 2001 mit dem Fa­nal des is­la­mi­schen Ter­rors be­reits das En­de des »post­he­roi­schen Zeit­al­ters« ein­ge­läu­tet hat, oh­ne dass wir es re­gi­striert hät­ten. Ich se­he es in bei­den Fäl­len ge­nau­so: die Ver­ste­ti­gung des zi­vi­len Le­bens hin­ter phy­si­schen und me­ta­phy­si­schen »Schutz­wäl­len« mag im­mer die Il­lu­si­on von der Über­flüs­sig­keit des Hel­dens mit sich brin­gen. Aber es ist nur ei­ne Pha­se, die im­mer wie­der un­ter­bro­chen wer­den kann...

  4. @ Gre­gor Keu­sch­nig und @ die_kalte_sophie

    Je­der be­lie­bi­ge Haus­brand kann es nö­tig ma­chen, dass je­mand frei­wil­lig (und geschickt/ ziel­ge­rich­tet) sein Le­ben für an­de­re aufs Spiel setzt. So Aus­drücke wie post­he­ro­isch ver­schlei­ern das. In­so­fern ist Had­mut Da­nischs Feu­er­wehr­ob­ses­si­on haar­ge­nau am Punkt. Auch Ri­chard Ford hat das ka­piert und – in ei­ner dol­len Er­zäh­lung über – - – Feu­er­wehr­leu­te the­ma­ti­siert. Und ja doch: Wenn es heiß wird sind das fast nur Män­ner. – Die­ses »fast« gilt in mei­nen Au­gen, hat aber ei­nen ganz über­höh­ten Stel­len­wert be­kom­men. Es ist wie bei den Renn­fah­rern. Es gibt – fast – kei­ne Mi­chae­la Schuh­ma­cher, und das hat so­li­de (bio­lo­gi­sche) Grün­de.

    Jor­dan B. Pe­ter­son be­zieht die­se Si­tua­ti­ons­be­schrei­bung des männ­li­chen Hel­den in der post­he­roi­schen Welt ganz rea­li­stisch auf den Is­lam – wie Sar­ra­zin und Mur­ray und Mo­ni­ka Ma­ron auch. – Und was pas­siert: Die (ver­meint­lich de­mo­kra­ti­sche) Öf­fent­lich­keit er­klärt die drei zu ih­ren Fein­den! Hin­fort mit die­sen Irr­leh­re­rIn­nen aus uns­rer rei­nen (J. Fran­zen – Pu­ri­ty!) Mit­te. – »Is­n’t it Iro­nic?« (Ala­nis Mo­ris­set­te)

    Ih­re Be­spre­chung von Mo­ni­ka Ma­rons Buch ist je­den­falls in­ter­esssant, Gre­gor Keu­sch­nig, dan­ke da­für. – Sie er­in­ner­te mich an ein paar Ge­sell­schafts-Mar­gi­na­li­en von – - – Ni­ko­laus Fest auf des­sen Blog. Fest ge­lin­gen da, wie of­fen­bar Mo­ni­ka Ma­ron, rich­ti­ge Ka­bi­netts­stück­chen. Ich ha­be ihm das mal ge­schrie­ben – er schien ver­blüfft. – Es ist eben oft der gei­stes­ge­gen­wär­tig und ge­las­sen auf­ge­grif­fe­ne Stoff, der den Text macht. Der Zei­tungs­mann Kleist wuss­te das auch, klar.

    Au­ßer­dem ha­be ich die letz­ten Ta­ge in ei­ner al­ter­tüm­lich-ver­bumm­fi­del­ten (=wun­der­ba­ren) Über­set­zung des Don Qui­chot­te von Lud­wig Tieck und Wal­ter Wid­mer ge­le­sen – nicht zu­letzt über »die mi­ko­miko­ni­sche In­fan­tin«. Und über Sancho Pan­sa. Der sagt dem trau­ri­gen Rit­ter, dass er ei­ne Hu­re ge­tö­tet und ei­nen Wein­schlauch zer­hau­en ha­be und kei­nen Rie­sen und da sagt Don Qui­chot­te: »Was spricht denn der Narr – bist Du bei Sin­nen?«

    Die Hunds­fött’, so nicht aus dem Bett wol­len, heißt es an ei­ner an­de­ren Quel­le, la­ben sich an de­nen Ro­mans als wenn es ihr ei­gen Le­ben wä­re, so ca.

    Es ist das aber ei­ner der gro­ßen Vor­tei­le von de­nen Ro­mans, dass sie es uns er­mög­li­chen, die­se le­bens­wich­ti­gen man­nig­fa­chen Un­ter­schie­de zwi­schen Phan­ta­sie und Wirk­lich­keit spie­le­risch zu er­kun­den – wenn sie gut sind, ne? -

    Die Post­mo­der­ne hat das im gro­ßen und gan­zen ein­fach nur ver­ne­belt und der De­kon­struk­ti­vis­mus ad ab­sur­dum ge­führt.

    Die ver­nunft­ge­bo­re­ne Bi­po­la­ri­tät von Phan­ta­sie und Wirk­lich­keit ist – in Wahr­heit, he­he, – es­sen­ti­ell. Nicht zu­letzt, wenn man in­ter­es­san­te Spie­le (=Lek­tü­ren) – und – - – - ei­nen spie­le­risch auf­ge­klär­ten (=bes­se­ren, hu­ma­ne­ren) Zu­gang zur Wirk­lich­keit ha­ben möch­te. Da dies der 271. Ge­burts­tag von JWv Goe­the ist, fü­ge ich hin­zu: Ess­sen­ti­ell für die Ge­win­nung von sol­chen spie­le­risch (und: re­fle­xiv) ver­fei­ner­ten Be­wuss­st­seins­la­gen ist ein Ver­ständ­nis für die Un­ter­schei­dung von Nah- und Fern­ver­hält­nis­sen (kann man in den »Ma­xi­men und Re­fle­xio­nen« nach­le­sen, da fin­det man: un­ter der Num­mer 557 – »Das na­he Phä­no­men hängt aber mit dem fer­nen nur in dem Sin­ne zu­sam­men, dass sich al­les auf we­ni­ge gro­ße Ge­set­ze be­zieht, die sich über­all ma­ni­fe­sti­ren.« – Goe­the sagt, dass die­se Tat­sa­che auch den Ge­bil­de­ten nur schwer zu­gäng­lich sei – weil es auch de­nen so geht wie al­len an­de­ren, näm­lich dass »es ge­gen ih­re Na­tur ist« zu ver­ste­hen, dass isch ih­re höchst per­sön­li­chen Er­fah­run­gen nicht oh­ne er­heb­li­che Ab­strak­ti­ons­lei­stun­gen ver­all­ge­mei­nern las­sen.

    Goe­the sagt: Die Wahr­heit zu er­ken­nen ist ein so­zu­sa­gen un­na­tür­li­ches Ge­schäft, es wi­der­strebt selbst den Ge­bil­de­ten (das – haar­ge­nau, so­gar wort­wört­lich (!) das, sagt auch – - – - Jo­na­than Haidt in dem von mir wei­ter oben ver­link­ten Vor­trag, üb­ri­gens). – Nun, das, die­se Goe­the­sche Ein­sicht, hät­te Ri­chard Ror­ty viel­leicht ge­fal­len. -

    - Ich hät­te aber dann nach­ge­legt: Goe­the sagt des­we­gen nicht, man sol­le es nicht pro­bie­ren, her­aus­zu­fin­den, was wirk­lich der Fall sei. Dann, so phan­ta­sie­re ich noch ein biss­chen wei­ter, hät­te Ri­chard Ror­ty ge­lacht – zu­min­dest an ei­nem sol­chen Ju­bel­ta­ge der Deut­schen doch im­mer­hin, wie dem heu­ti­gen; schon al­lein aus Höf­lich­keit, n’ est-ce pas?

  5. Der Feu­er­wehr­mann als so­zu­sa­gen letz­ter Held in der post­he­roi­schen Zeit kommt bei Ma­ron so­gar ein­mal kurz vor. Wo­mit dann wie­der der Bo­gen zum 11. Sep­tem­ber ge­schla­gen ist...

  6. Joe Bi­den: »Ein Schwar­zer hat die Glüh­bir­ne er­fun­den, nicht ein wei­ßer Typ na­mens Edi­son.«
    Im Link un­ten mehr zur Re­ka­ti­on der Me­di­en in GB und den USA:
    Biden’s as­ser­ti­on, af­ter tal­king to Ja­cob Bla­ke Sr., at a Keno­sha cam­paign event that, “A black man in­ven­ted the light bulb, not a white guy na­med Edi­son”.  
    https://www.unz.com/isteve/24-hours-later-who-has-reported-that-biden-is-hotep-pilled-on-the-light-bulb-question/

  7. Net­te Ge­schich­te. Es han­delt sich wohl um ein Lieb­lings­nar­ra­tiv der Schwar­zen-Be­we­gung, das Joe »Stumb­ling-Ton­gue« Bi­den in der Kir­che von Keno­sha zum Be­sten gibt. Er er­wähnt auch das un­säg­li­che Mas­sa­ker von Tul­sa, 1921, das we­ni­ger den Stolz als die Res­sen­ti­ments der Schwar­zen be­die­nen soll.
    Das wird nix mit der Wie­der­ver­ei­ni­gung der U.S.A., wie je­de grup­pen­dy­na­mi­sche Er­fah­rung zeigt. Man kann nicht die ei­ne Sei­te »ein­schlei­men« und die an­de­re Sei­te »mit Schuld­vor­wür­fen be­zäh­men«, oh­ne dass ei­nem re­gel­mä­ßig die Din­ge aus dem Ru­der lau­fen. Bi­den ist ein­fäl­tig, aber man kann sa­gen, der Her­aus­for­de­rer be­geg­net dem Amts­in­ha­ber auf Au­gen­hö­he, je­den­falls was das »mo­ra­li­sche Ni­veau« an­be­langt...

  8. Die Ge­schich­te geht wei­ter – Joe Bi­den, Do­nald Trump, – Part­ly Truth and Part­ly Fic­tion (Chris Chri­stoff­er­son – Sun­day Morn­in’ Si­de­walk)

    How is this: Jef­frey Gold­berg, Chef­re­dak­teur des At­lan­tic Month­ly be­haup­te­te un­längst in ei­ner Ti­tel­ge­schich­te, Trump ha­be US-Kriegs­ve­te­ra­nen als Ver­lie­rer und Jam­mer­lap­pen (»lo­sers and suckers«) be­zeich­net. – Gold­berg be­rief sich auf »an­ony­me Quel­len«. Joe Bi­den ist groß auf die Ge­schich­te ein­ge­stie­gen und hat Trump dar­auf­hin als den nie­der­träch­tig­sten Prä­si­den­ten be­zeich­net. Der fran­zö­si­sche Bot­schaf­ter in Wa­shing­ton und Trumps ehe­ma­li­ger Si­cher­heits­be­ra­ter und jet­zi­ger  In­tim­feind John Bol­ton sag­ten un­ter­des­sen: Die Ge­schich­te des At­lan­tic stimmt nicht, Trump ha­be nie et­was der­ar­ti­ges ge­sagt.

    Kommt der Twit­te­rer Ghost of Da­ni­el Par­ker und zeigt, dass die an­geb­li­chen Trump-Zi­ta­te im At­lan­tic  – in der Schluß-Se­quenz des Films The God­fa­ther II – ge­spro­chen wer­den. – 

    https://twitter.com/SeekerOTL/status/130306217445416550

    Jef­frey Gold­berg vom At­lan­tic, das üb­ri­gens der Wit­we von Ste­ve Jobs ge­hört, sagt die­ser Twit­te­rer wei­ter, sei ein gro­ßer God­fa­ther-Fan. Er zi­tiert Ar­ti­kel, in de­nen Gold­berg aus­führ­lich über The God­fa­ther ge­schrie­ben hat. Zu­dem hat er mit Ba­rack Oba­ma dar­über dis­ku­tiert.

    Neu­ste Wen­dung – Jef­frey Gold­berg sagt, die Trump-Zi­ta­te in sei­nem Ar­ti­kel sei­en wohl nicht ge­spro­chen wor­den – mit kryp­ti­scher Be­to­nung auf dem Wort ge­spro­chen.
    Je­mals was dar­über in Deut­schen Zei­tun­gen ge­le­sen, in den Nach­rich­ten ge­hört oder ge­se­hen? – Fun­ny how that hap­pens.

  9. Das The­ma Hel­den­tum bei M.M. hat of­fen­bar zwei Wur­zeln: der Ein­satz für Mei­nungs- und Ge­dan­ken­frei­heit in den spe­zi­fi­schen Be­ru­fen (Pu­bli­zi­stik, Uni­ver­si­tät), und die Mög­lich­keit ei­nes ge­sell­schaft­li­chen Dis­kur­ses zwi­schen Men­schen ver­schie­de­ner Ori­en­tie­rung. Die Sphä­ren der Öf­fent­lich­keit und des Pri­va­ten.
    @Gregor hat es gut her­aus­ge­ar­bei­tet: die Sze­nen mit den ge­sell­schaft­li­chen Aben­den (als Ur­mo­dell des bür­ger­li­chen Zeit­al­ters) si­gna­li­sie­ren Ent­frem­dung, Gleich­gül­tig­keit, ja bei­na­he ge­woll­te Förm­lich­keit wie zu Zei­ten nach der Re­for­ma­ti­on, mit läp­pi­schen Ge­sten der Ver­bun­den­heit. Da­mals kei­ne Ge­sprä­che über Gott bei Tisch, heu­te kei­ne Ge­sprä­che über Po­li­tik. So­dass ei­gent­lich nur der All­tag und das Wet­ter üb­rig bleibt, weil Ge­sprä­che über Kunst un­ser Emp­fin­dungs­ver­mö­gen sicht­bar ma­chen wür­de, und da­mit un­se­re mo­ra­li­sche Kon­sti­tu­ti­on of­fen­bar wird. Man kann ja nicht über Kunst re­den, oh­ne so­gleich ein kom­plet­tes Ge­ständ­nis über die Sum­me sei­ner An­sich­ten ab­zu­le­gen (...um­schrei­bend Vir­gi­nia Woolf).
    Hei­kel, aber auf je­den Fall die tra­gi­sche No­te un­se­rer Zeit. Die spät­bür­ger­li­che Kunst nimmt an den »Di­stan­zie­run­gen« teil.

  10. Und da­zu kommt: man nicht nicht-kom­mu­ni­zie­ren! Das heißt, auch bei den schein­bar be­lang­lo­sen The­men wie Es­sen, Pro­mi­nen­te, Mo­bi­li­tät, Kol­le­gen, Live­style, Stress, etc. wer­den per­ma­nent nor­ma­ti­ve Aspek­te for­mu­liert. In­zwi­schen sind auch Ge­sprä­che über Se­xua­li­tät mög­lich, in de­nen sich die Men­schen als »Per­so­na« de­fi­nie­ren und ih­re Selbst­idea­li­sie­rung auf­recht er­hal­ten. Was kann man nicht al­les sein, wenn man erst ein­mal die Hem­mung ab­ge­legt hat, über sich selbst Lü­gen zu er­zäh­len, und sie selbst zu glau­ben... Die Be­frei­ung des Dis­kur­ses durch die Fik­ti­on der »Of­fen­heit«. Die­se Ath­le­tik der Pseu­do-In­tro­spek­ti­on steht in di­rek­ter »Re­so­nanz« zum zwei­ten La­ster un­se­rer Zeit: die Au­then­ti­zi­tät der Ein­füh­lung, mit der uns die Peace-and-Harm­o­ny Ma­fia ter­ro­ri­siert.
    Ich weiß ehr­lich ge­sagt nicht, wo das noch hin­ge­hen soll. Vom Stand­punkt der »fühl­ba­ren Ab­sur­di­tät« aus ha­ben wir den Gip­fel schon er­reicht. Scha­de, dass M.M. das Hel­den­tum ab­schät­zig be­ur­teilt. Sie selbst in Per­son ver­kör­pert sehr wohl bür­ger­li­chen Mut, aber die­se Qua­li­tät ist of­fen­bar an die di­rek­te Trans­ak­ti­on, die öf­fent­li­che Re­plik, die spon­ta­ne Ein­lass­sung, das In­ter­view ge­kop­pelt. Als Mensch, als Typ gibt sie ei­gent­lich ei­ne po­si­ti­ve Ant­wort...

  11. Na­ja, Ih­nen (und den zwei, drei Men­schen, die hier noch mit­le­sen) kann ich es ja ver­ra­ten: Ma­ron be­schreibt ja nur, dass es kein Hel­den­tum mehr ge­be. Der Ver­lauf des Ro­mans zeigt in ei­nem Punkt das Ge­gen­teil. Als das Scher­ben­ge­richt über den In­sti­tuts­mit­ar­bei­ter tagt und sich die Schlin­ge um sei­nen Hals be­droh­lich zu­zu­zie­hen scheint – da ex­plo­diert Ar­tur Lanz und nimmt ri­go­ros und laut­stark Par­tei für sei­nen Kol­le­gen. Das Hel­den­tum liegt – wie soll­te es für ei­ne Ost­deut­sche an­ders sein – im Wi­der­spruch.

    (Das En­de: die bei­den ver­las­sen das Un­ter­neh­men, ge­hen in die Schweiz und ar­bei­ten am oder im »Cern«. Und wenn sie nicht ge­stor­ben sind...)

  12. Öh – Cern,ja, na­tür­lich – aber da flog ja auch ei­ner we­gen PC – Ales­san­dro Strumi­na, ein Gast­for­scher, ne, in ei­ner Ja­mes Da­mo­re Par­al­lel­ak­ti­on. 

    https://www.welt.de/wissenschaft/article181736732/Eklat-am-Cern-Physik-wurde-von-Maennern-erfunden.html

    Mo­ni­ka Ma­ron hat da ei­ne irschn­dwie ver­gif­te­te Spur ge­legt. Der Mat­thi­as Ma­tus­sek hat das so­we­nig ge­merkt wie der Mo­ritz von Us­lar – und wie auch? Die Ju­lia En­cke in der FAS hat es ja auch nicht ge­merkt. – Fehlt nur noch die San­dra Ke­gel, Clau­di-Kop­petsch-Fan-La­dy von der Werk­tags-FAZ, dann ste­hen wie­der al­le Neu­ne – im Na­men Jür­gen Kau­bes und der Gleich­be­rech­ti­gung und des Fort­schritts, ja­woll, zack­zack, sau­ber in ei­ner Rei­he da – be­reit zum Um­ke­geln, he­he.

    Ma­tus­sek hat über von Us­lar üb­ri­gens mal fal­len­las­sen, dass der nicht ge­ra­de das sei, was man un­ter ei­ner Le­se­rat­te ver­ste­he. – Zu ei­nem Pro­to­de­nun­zia­tor Mo­ni­ka Marons/ Ar­tur Lanz’ und Hilfs­an­ge­tell­ten des ZEIT-Geists hats frei­lich ge­langt. – Und, ach­gott ja, die FAZ – was tut sie: Sie hi­sto­ri­siert (u. a.) Mo­ritz von Us­lars »Tempo«-Wurzeln (!), in­dem sie trocke­nen Augs die Re­zen­si­on ei­ner »wis­sen­schaft­li­che Ab­hand­lung über den Pop-Dis­kurs« ins Blatt hievt. – So im Hoch­som­mer dies­jahr ge­sche­hen zum Plä­sir von Leu­ten, die Spaß dar­an ha­ben, wenn der zeit­gei­sti­ge Un­sinn in Tor­ten­förm­chen aus­ge­backen wird, die – »Son­ne, Mond und Ster­ne / Ham uns al­le ger­ne« – Un­sinn von kin­der­gar­ten­ar­ti­ger All-Um­fas­send­heit her­vor­zau­bert. -
    – Es ist »als wei­ter« (ba­disch) so, dass der »Über­bau be­lie­big vie­le Zi­ta­te lie­fert, (...) Mit­bring­sel, prak­tisch un­schäd­li­che Lie­bes­per­len«, wie auch die­ses Zi­tat hier, ne?

    In sum­ma, ein we­nig zu steil ok, aber doch be­ein­druckend flott: »Haft­er­leich­te­run­gen in al­len mög­li­chen Far­ben« lie­fert (im­mer noch der Über­bau) und so – zum sanf­ten Schluß, – des Dich­ters und des­sen ge­be­ne­dei­ter Le­ser­schaft in nun­mehr trau­ter Nä­he und Her­zens­syn­chro­ni­zi­tät (Sting) ver­gos­se­ne »Trä­nen der Dank­bar­keit« her­vor­zau­bert. – In sum­ma – schö­ner gehts kaum, trotz al­le­dem und al­le­dem. Oh – hier hallt zum gu­ten Schluß noch ein­mal ein von fer­ne an Ar­tur Lanz ge­mah­nen­des Hel­den­echo durch. – »Ahh so rescht« (der Dat­te­rich).

  13. Na­ja, der Mensch, der von Us­lar re­zen­siert hat (in der FAS), ist ein ve­ri­ta­bler Klein­geist. Über den darf man sich nicht auf­re­gen. Dass er über­haupt pu­bli­ziert wird, ver­ste­he wer will...

  14. @ Gre­gor Keu­sch­nig -
    – Ich be­zog mich auf Mo­ritz von  Us­lars ZEIT-Hit-pie­ce über Mo­ni­ka Ma­ron und auf An­drea Die­ners Re­zen­si­on des Bu­ches »Zeit­geist­jour­na­lis­mus« (über TEMPO (wo u. a. Chri­sti­an Kracht und – der jun­ge Mo­ritz von Us­lar am­te­ten) vom 22. 7. 2020. Dar­in das Ka­pi­tel 3 – »In­sze­nie­rung post­he­roi­scher Ge­ne­ra­tio­na­li­tät«, ne? Wie Fried­rich Wil­helm Jo­seph Rit­ter von Schel­ling einst schrieb  – ahh, ok, ich er­in­ne­re mich wie­der, für den ha­ben Sie mich ja in die Schran­ken ge­wie­sen, he­he.

    https://www.transcript-verlag.de/978–3‑8376–5129‑4/zeitgeistjournalismus/?c=311000198

    PS
    Ih­ren FAS Be­zug vert­seh’ ich nicht – kann sein, ist falsch, kann sein ist un­wich­tig, kann auch bei­des sein; ick wees et nich’.