
2023 publizierte der Dichter, Übersetzer, Dichter, Herausgeber und ehemalige Geschäftsführer des Hanser-Verlags Michael Krüger mit Verabredung mit Dichtern bisweilen launige und sehr personendichte Lebens- und Verleger-Erinnerungen. 1943 in einem kleinen Dorf in Sachsen-Anhalt geboren, machte Krüger in den 1960er Jahren nach seiner Lehre als Verlagskaufmann in London erste Schritte in die Literaturwelt, wurde zunächst Lektor im Hanser-Verlag, den er schließlich seit Mitte der 1980er Jahre bis 2013 federführend leitete. Neben seinen autobiografischen Erinnerungen entwickelte Krüger kenntnisreiche Ausflüge unter anderem in die englischsprachige, polnische, italienische und hebräische Poesie. Zwei Jahre später widmet er sich nun mit Unter Dichtern schwerpunktmässig den deutsch(sprachig)en Poeten und legt ein Potpourri aus Lob- und Geburtstagsreden, Nachworten, Laudationen, Preisreden und vor allem seinen funkelnd-einfühlsamen, seelenmalerischen Nachrufen aus mehr als vierzig Jahren vor.
Unter Dichtern beginnt dem Hinweis auf die 1983 entstandene Erzählung Enzyklopädie der Toten des jugoslawischen Schriftstellers Danilo Kiš, in der Archivare die Biographien aller Menschen gesammelt haben. Krügers Rekurs auf die Furcht, die Dichter könnten in Vergessenheit geraten, stimmt melancholisch, denn er hört nicht auf, darauf hinzuweisen, wie randständig und gleichzeitig notwendig sie und deren Poesie sind. Die Sorge geht dahin, dass die kleinen Gedichtbände neben den Konvoluten der mächtigen, kommerziell forcierten Romane untergehen könnten. Krüger bespricht, lobt und feiert das Gedicht, das Poem und damit den Dichter und wenn es irgendwie geht, vermeidet er den Gattungsbegriff Lyrik, wissend, dass viele Dichter ihn als unzureichend empfinden.
Selten verlässt er in diesem Buch die genuinen Dichter. Etwa mit einem eigenen Gedicht auf den Nobelpreis 2019 für Peter Handke. Oder diese Hymne auf den einst in München wirkenden Dramatiker Tankred Dorst, in der Krüger mit Wehmut auf die einstigen großen Inszenierungen an den Münchner Theatern blickt. Auch Botho Strauß kommt vor, er nennt ihn den »bedeutendsten Dramatiker der Nachkriegszeit.« Mit dem aktuellen Theaterbetrieb fremdelt Krüger. Gewürdigt werden die Komponisten Wilhelm Killmayer und Alfred Brendel über ihre Gedichte hinaus. Undenkbar, dass er den großartigen Nachruf auf seinen Freund, den Kritiker Peter Hamm, der zuweilen auch Gedichte publizierte, nicht in die Sammlung aufgenommen hätte. Auch Peter von Matt (»der ewige Neugierige«) wird gewürdigt. Und warum Werner Herzog, dessen Drehbücher im Hanser-Verlag erschienen waren, für sein Gesamtwerk ausgezeichnet gehört, kann man in einer durch die Corona-Pandemie ausgefallenen Laudatio nachlesen. Wird er selber für seine Dichtung ausgezeichnet, beschäftigt er sich mit den Namensgebern. Für den Mörike-Preis sucht er nach Nektar aus der als nahezu unlesbar quantifizierte Novelle Maler Nolten.
Krüger hebelt zuweilen listig den vermeintlichen Gegensatz zwischen Dichter und Schriftsteller aus. Dezidiert bei Michael Köhlmeier, der »eben gelegentlich auch Gedichte schreibt«. Und weiter bei Jorge Luis Borges (»Sphinx aus Buenos Aires«), Nicolas Born (ein »Handwerker alten Schlages«), Elias Canetti (»voller Rätsel und Abgründe«), W. G. Sebald (»der melancholische Erinnerungensammler«), Gerd Jonke (»Aura von Magenbitter«) oder Horst Bienek (»ein komplizierter Fall«), um nur einige zu nennen. Großartig, wie er den Blick auf die zunächst deprimiert erscheinenden Gedichte von Hermann Lenz weitet.
Wunderbar seine Begeisterung über Oskar Pastiors »verrückte Sprachspielereien«, die Bewunderung vor Elias Canetti, der Respekt vor dem exzentrischen Christian Enzensberger. Dessen ungleich bekannteren Bruder Hans Magnus Enzensberger traf Krüger einst einmal unverhofft im brasilianischen Urwald. Man lernt, dass Hans Magnus’ erfolgreichstes Werk das Lehrbuch Der Zahlenteufel ist, ein, wie es im Untertitel heißt, »Kopfkissenbuch für alle, die Angst vor der Mathematik haben.«
In den Zwischentexten klingt zuweilen Anekdotisches an, aber der Fokus ist auf Krügers schwärmerisch-sprühende Leidenschaft für die die Poesie im allgemeinen und die Gedichte von Ilse Aichinger, Alfred Kolleritsch, Günter Kunert, Jürgen Becker, Jan Skácel, Rainer Malkowski, John Burnside, Joseph Brodsky oder, um aktuelle Dichter zu nennen, Raoul Schrott, Valzhyna Mort und Eva Maria Leuenberger im Speziellen, gerichtet. Krügers Ziel ist es, die Poesie der Dichter sinnlich »zu erfassen«, nicht zu beschreiben oder zu interpretieren. Vehement fällt seine Verteidigung des von der Kritik pejorativ als »Verdachtswort« verwendeten Urteils, ein Gedicht sei »hermetisch«, aus. Ein spezifisch deutsches Phänomen, so urteilt er. In Italien (und nicht nur dort) sei dies eine hohe Auszeichnung.
Was auffällt: Krüger kümmert sich nicht um Verlagsgrenzen. Es spielt keine Rolle, in welchem Verlag »seine« Dichter verlegt wurden. Seit 2010 publiziert er seine Gedichte bei Suhrkamp; die Reihe der edition suhrkamp nennt er seine »Universität«. Interessant, wie Krüger in seinen Erinnerungen das Verhältnis zum fast zwanzig Jahre älteren, ehemaligen Konkurrenten, dem Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld, beschreibt. Während viele Kollegen von Krüger als Freunde tituliert werden, empfindet er für Unseld Bewunderung.
Sicher, Redundanzen sind bei einem solchen Projekt kaum zu vermeiden. Ob man von einigen Persönlichkeiten etwa eine Laudatio und dann noch einen Nachruf braucht? Krüger zeigt damit seine besondere Wertschätzung. Das, was er »Predigten« nennt, gibt es glücklicherweise selten; hier fällt er sich meist selbst ins Wort. Der oder die ein oder andere Dichter fehlt. Womöglich gab es keinen Anlass. Dennoch erwacht schon jetzt die Neugier. Nicht unbedingt auf die von ihm spielerisch angebrachten möglichen Monografien über Schriftsteller und ihre Witwen oder Dichter und Literaturagenten, sondern eher auf den vermutlich bald konkretisierten dritten Band, Arbeitstitel: »Meine Romanciers«.
Bei aller Unterschiedlichkeit in Temperament und Stil bilden Michael Krügers Erinnerungen und Sammlungen, Siegfried Unselds Briefwechsel und Reiseberichte sowie Fritz J. Raddatz’ Tagebücher das Triptychon der deutschen Nachkriegsliteratur.