Ja­mai­ka ist nicht über­all

Jamaika ist nicht überall

Ja­mai­ka ist nicht über­all

Quel­le: Der Bun­des­wahl­lei­ter

Es wird son­diert und ver­han­delt. Aber die »Jamaika«-Koalition hat nur in be­stimm­ten Re­gio­nen ei­ne Mehr­heit. Am En­de könn­te sie, die schein­ba­re al­ter­na­ti­ve schein­bar al­ter­na­tiv­lo­se Kon­stel­la­ti­on (Lieb­lings­kind der Me­di­en) die Ver­dros­sen­heit wei­ter Tei­le der Be­völ­ke­rung an den Po­li­tik­be­trieb noch be­för­dern.

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  1. Du meinst wohl „die schein­bar al­ter­na­tiv­LO­SE Kon­stel­la­ti­on“. Schein­bar, denn selbst­ver­ständ­lich gä­be es ehr­li­che­re Al­ter­na­ti­ven. Ehr­lich wä­re z.B. ei­ne CDU/C­SU/F­DP-Min­der­heits­re­gie­rung. Für ei­ne am Ge­mein­wohl ori­en­tier­te Po­li­tik lie­sse sich ganz si­cher im­mer ei­ne Mehr­heit fin­den. Na­tür­lich ist das wish­ful thin­king, denn je­de der Ja­mai­ka-Ko­ali­ton­s­par­tei­en lechzt nach Mi­ni­ster­po­sten und je­de strebt da­nach ih­re je­wei­li­ge Kli­en­tel zu be­die­nen. Fau­le Kom­pro­mis­se und Dei­ne Be­fürch­tung zu­neh­men­der Ver­dros­sen­heit sind da selbst­ver­ständ­lich vor­pro­gram­miert.

  2. Ja, »schein­bar al­ter­na­tiv­los« soll­te es hei­ßen; ist kor­ri­giert. Dan­ke für den Hin­weis.

    Von Min­der­heits­re­gie­run­gen hal­te ich we­nig. In der ak­tu­el­len Kon­stel­la­ti­on wä­re sie auch da­hin­ge­hend schwie­rig, weil am En­de nie­mand von ei­nem AfD-Vo­tum an­ge­wie­sen sein möch­te, denn theo­re­tisch wä­re es ja mög­lich, dass zum Bei­spiel die Di­gi­ta­li­sie­rungs­po­li­tik ei­ner CDU/C­SU/F­DP-Min­der­heits­re­gie­rung von der AfD ge­stützt wer­den könn­te. Oder auf an­de­ren Ge­bie­ten sol­che Bünd­nis­se ent­ste­hen. Jetzt ist es ja so, dass sol­che Zu­ge­ständ­nis­se an ei­ne Min­der­hei­ten­re­gie­rung auch im­mer ih­ren po­li­ti­schen Preis ha­ben.

    Und na­tür­lich geht es auch um Pöst­chen. Wenn schon die Grü­nen und die FDP als Mehr­heits­be­schaf­fer für Mer­kel die­nen sol­len, dann wol­len sie auch ent­spre­chend an den Fleisch­töp­fen sein und nicht nur im Bun­des­tag brav ab­stim­men.

    Mei­ne Pro­gno­se geht da­hin, dass »Ja­mai­ka« ei­ne Ver­wal­tungs­re­gie­rung sein wird; Re­gie­ren »auf Sicht«. Et­was, was Mer­kel ja per se ganz gut kann. Je­der wird ein paar Brot­krü­mel aus sei­nem Pro­gramm er­hal­ten. Das wird dann um­ge­setzt und nach an­dert­halb Jah­ren weiss nie­mand mehr, wer wel­ches Mi­ni­ster­amt hat. An den USA kann man in­zwi­schen er­ken­nen, wel­chen Scha­den ei­ne seit zehn Mo­na­ten prak­tisch nicht exi­stie­ren­de Re­gie­rung an­rich­tet: Kei­nen. (Noch nicht.)

  3. Was wä­re so tra­gisch, wenn die AFD ei­ner von CDU/CSU/FDP als ver­nünf­tig an­ge­se­he­nen Po­li­tik zu­stim­men wür­de? Klar, geht nicht, weil die AFD als Pa­ria­par­tei stig­ma­ti­siert und ein­fach nur zu igno­rie­ren ist. So wur­de wäh­rend der letz­ten Le­gis­la­tur auch mit der Lin­ken ver­fah­ren. Das ging so­weit, dass die SPD ge­gen ih­ren ei­ge­nen An­trag stimmt, nur weil er wort­gleich von der Lin­ken ein­ge­bracht wur­de. Da liegt doch die gan­ze Crux und der Grund für die zu­neh­men­de Ver­dros­sen­heit. Nicht mehr die Ver­nunft, son­dern par­tei­tak­ti­sche Spiel­chen be­stim­men die Po­li­tik und so wer­den fort­wäh­rend „Ge­set­ze“ ver­ab­schie­det, die ent­we­der weit­ge­hend wir­kungs­los, manch­mal so­gar con­tra­pro­duk­tiv, oder gar ver­fas­sungs­wid­rig sind. Ja­mai­ka wird dar­an nichts än­dern. Und zu den USA sag ich jetzt mal nichts. Da scheint mir Dein be­sorg­tes „Noch nicht“ ziem­lich an­ge­bracht.

  4. Ja, tat­säch­lich, die Par­al­le­len sind mit Hän­den zu grei­fen. Und wer ein biss­chen äl­ter ist er­in­nert sich an die Stig­ma­ti­sie­rung der Grü­nen in den 1980er Jah­ren. Die hat­ten ja auch links­ra­di­ka­le und Ex-Na­zis im Schlepp­tau (letz­te­re schnell we­ni­ger), aber es durf­te eben nicht sein, was nicht sein soll­te. Um­ge­kehrt war die ideo­lo­gi­sche Ver­blen­dun­ga al­ler­dings eben­falls lan­ge in­takt. Ich er­in­ne­re mich an ei­ne Talk­shiw in den 1980er Jah­ren als Jut­ta Dit­furth ne­ben ei­nem CSU-Mann saß. Der sag­te ir­gend­et­was – und sie war ganz ver­blüfft und er­wähn­te dann sinn­ge­mäss: Ich müss­te dem, was Sie sa­gen ei­gent­lich zu­stim­men, aber Sie sind ja von der CSU...

    Die Hy­ste­rie, die die Me­di­en im Fall der AfD er­fasst hat, ist ja – das kann man gut in Öster­reich se­hen – kon­tra­pro­duk­tiv. Wenn es zur Ja­mai­ka-Ko­ali­ti­on kom­men soll­te (wo­von ich aus­ge­he) wer­den die Me­di­en (und die Op­po­si­ti­on) im­mer schön dar­auf schau­en, ob die AfD den Re­gie­rungs­ent­wür­fen zu­ge­stimmt hat oder nicht. Ent­spre­chend wird dann die Be­wer­tung aus­fal­len. Die Ver­su­chung die­ser Form von Af­fekt­po­li­tik ist ein­fach zu gross. Man se­he ge­ra­de die Be­richt­erstat­tung über Trump. Da hält ein Kriegs­ver­bre­cher und ehe­ma­li­ger Ex-Prä­si­dent der USA ei­ne Brand­re­de ge­gen Trump – und al­le fin­den das toll. Bei so­viel Dumm­heit könn­te ich schrei­en.

  5. Aus der Li­te­ra­tur kann man vie­les Le­bens­prak­ti­sche ler­nen. Ich wun­de­re mich, dass die­ses »Le­ben­wis­sen« hier beim po­li­ti­schen Spe­ku­lie­ren nicht zur An­wen­dung kommt. Bei­spiels­wei­se kann man der Li­te­ra­tur ent­neh­men, dass der Glau­be, man kön­ne sein Le­ben im Griff ha­ben, im­mer ei­ne Il­lu­si­on ist. An ir­gend­ei­nem Punkt im Le­ben schei­tert je­der.
    Ei­ner Re­gie­rung das Schei­tern vor­aus­zu­sa­gen, oder auch nur der Re­gie­rungs­bil­dung, ist ein del­phi­sches Ora­kel. Es kann nicht an­ders aus­ge­hen, als dass man Recht be­hält. Mit dem wach­sen­den Ver­druss wer­den Sie eben­so Recht be­hal­ten, schon weil die im­mensen Di­lem­ma­ta un­se­rer Zeit un­mög­lich sich in ir­gend­ei­ner »fort­schritt­li­chen« oder »kon­ser­va­ti­ven« Idyl­le auf­lö­sen kön­nen. Frü­her die Kon­ser­va­ti­ven wa­ren sich eben des Un­zu­läng­li­chen ge­ra­de be­wusst.
    Po­li­tik nimmt sel­ten die best­mög­li­che Rich­tung, son­dern sucht Pe­ri­ode für Pe­ri­ode den Emer­gen­cy Exit, und im­mer un­ter den er­schwer­ten Be­din­gun­gen von mensch­li­cher Fehl­bar­keit, man­geln­dem Zu­kunfts­sen­so­ri­um, tak­ti­scher Zer­strit­ten­heit in­klu­si­ve Neid, Miss­gunst und Gier, Über­fäl­len durch un­vor­her­ge­se­he­ne, wie wohl oft ab­seh­ba­rer neu­er Schwie­rig­kei­ten usw. Wie ge­sagt, das soll­te ei­nem schon das Le­ben in dop­pelt und drei­fach re­fle­xiv ge­bro­che­ner Per­spek­ti­ve leh­ren und die Li­te­ra­tur hilft ei­nem doch, das Ro­man­haf­te al­les Po­li­ti­schen zu se­hen.
    Die 4 Par­tei­en-Son­die­rungs­ge­sprä­che ha­ben, so wür­de ich spe­ku­lie­ren, den Vor­teil, dass die froh­ge­mu­ten Kon­sens­su­cher sich mit ei­ner Viel­zahl von Blick­win­keln be­schäf­ti­gen zu müs­sen. Sie kön­nen nicht aus­wei­chen. Das ist schon mal heil­sa­mer, weil da­durch die ins Wahl­pro­gramm ge­rutsch­ten Weih­nachts­wunsch­zet­tel sich nicht so un­be­fragt durch­set­zen kön­nen.
    Aber wie ge­sagt, war­um un­ken, ver­mu­ten, kom­bi­nie­ren? Die Trei­ber der Ent­wick­lung sind ja die Po­li­ti­ker nur noch am Ran­de. Sie sind »Die Ge­trie­be­nen«, ver­blen­det durch »Over­con­fi­dence«. Li­te­ra­tur-No­bel-Preis­trä­ger Ro­bert Zim­mer­mann sag­te es einst so schön, als ge­ra­de in Pe­ru ein Hoff­nungs­trä­ger am po­li­ti­schen Him­mel nach oben stieg: »They al­ways start as Ica­rus ...«. Mer­kels Ver­su­che, Tak­tik und Sach­lich­keit mit­ein­an­der zu ver­söh­nen, sind der re­spek­ta­ble Ver­such, auf dem Bo­den der fest­stell­ba­ren Pro­ble­me zu blei­ben, in si­che­rer Ent­fer­nung von der Hit­ze der Hal­lu­zi­na­tio­nen, der Zu­kunfts­äng­ste, der Ideo­lo­gi­en. Man kann nur hof­fen, dass, wenn die Po­li­ti­ker end­lich am Bo­den blie­ben, die Son­nen nicht auf die Er­de stür­zen.

  6. Ja­mai­ka hat nur dann ei­ne Chan­ce, wenn die je­weils be­tei­lig­ten Par­tei­en Res­sorts ver­ein­ba­ren, in de­nen sie, und nur sie, in ge­wis­sen Gren­zen ei­ne »Macht« be­sit­zen. Die Grü­nen be­kom­men bspw. die Öko­lo­gie, die FDP die Di­gi­ta­li­sie­rung, die CSU wo­mög­lich In­ne­res usw. Wenn die Kom­pe­ten­zen dann ab­ge­grenzt und ver­ein­bart sind, kann das vier Jah­re funk­tio­nie­ren. Es wä­re eher ei­ne Ver­wal­tung statt ei­ner Re­gie­rung, aber das ist der Trend. Mer­kel hat ja bis­her eher sel­ten re­giert – und wenn, dann im­mer po­pu­li­stisch (mit Aus­nah­me der Flücht­lings­kri­se) und un­ter Aus­blen­dung des Par­la­ments und so­gar ih­rer Par­tei. Die Me­di­en fei­ern das als Po­li­tik »auf Sicht«. Kann man ma­chen – bis dann ir­gend­wann die Fra­ge auf­kommt, wer da­nach ans Ru­der soll.

    Das hat mit Schei­tern oder Nicht-Schei­tern sehr we­nig zu tun. Eher mit der Wahr­neh­mung nach drau­ßen. Denn die Me­di­en wer­den ver­su­chen in den Schnitt­stel­len Dif­fe­ren­zen aus­zu­ma­chen und die Ko­ali­ti­ons­part­ner ge­gen­ein­an­der aus­zu­spie­len.

    Die Drauf­sicht des po­li­tisch nur mä­ßig in­ter­es­sier­ten Bür­gers könn­te nach vier Jah­ren die­se sein: Es gibt nicht nur kaum noch Dif­fe­ren­zen zwi­schen Uni­on und SPD – auch die an­de­ren Par­tei­en sind mehr oder we­ni­ger aus­tausch­bar. Die Op­po­si­ti­on der SPD wird kaum als se­ri­ös wahr­ge­nom­men wer­den, denn in den letz­ten 19 Jah­ren war sie 14 Jah­re an der Re­gie­rung min­de­stens be­tei­ligt.