Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Fall­obst

Hans Magnus Enzensberger: Fallobst - Nur ein Notizbuch

Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger: Fall­obst – Nur ein No­tiz­buch

Fall­obst ge­hört, wie man nach­le­sen kann, zur Ka­te­go­rie »Wirt­schafts­obst«. Da­mit wird Obst be­zeich­net, wel­ches als Ta­fel­obst »nicht ge­eig­net«, aber den­noch und zur wei­te­ren Ver­ar­bei­tung oder Zu­be­rei­tung vor­ge­se­hen ist (wie z. B. als Most). Wenn je­mand wie Hans Ma­gnus En­zens­ber­ger sei­ne No­ta­ten­samm­lung als »Fall­obst« be­zeich­net, ist das ein we­nig ei­tel. Was durch den Un­ter­ti­tel »Nur ein No­tiz­buch« fort­ge­setzt wird.

Es ist ein um­fang­rei­ches No­tiz­buch mit mehr als 360 Sei­ten, bis­wei­len auf­ge­lockert von Il­lu­stra­tio­nen des 2011 ver­stor­be­nen Bernd Bex­te, dem En­zens­ber­ger am Schluß ei­ne klei­ne Hom­mage wid­met. Die ein­zel­nen No­ta­te sind nicht da­tiert; mit et­was de­tek­ti­vi­schem Ge­spür lässt sich der Zeit­raum ir­gend­wo zwi­schen 2012 und 2018 ver­or­ten. Die Un­ter­tei­lung in drei »Kör­be« (der er­ste um­fasst da­bei fast 300 Sei­ten) wirkt et­was my­ste­ri­ös. Ge­gen En­de wer­den die No­ti­zen et­was aus­führ­li­cher.

Be­son­ders zu Be­ginn gibt es sehr vie­le Zi­ta­te. Der Grund­ton der ei­ge­nen No­ta­te ist hei­ter und lau­nig. Da sind ety­mo­lo­gi­sche Sprach­spie­le, die bis­wei­len in Li­sten mün­den. Bei­spiels­wei­se über »Sucht­ge­fah­ren« – d. h. Haupt­wör­ter, die mit »-sucht« er­gänzt wer­den kön­nen, oder auch »Lü­ste« auf »-lust«. Oder Su­che nach Wör­tern, die et­was mit »Spit­zen-« zu tun ha­ben. Auf­ga­ben, die man Gym­na­si­asten stel­len könn­te. Hübsch die­se kur­ze Ab­hand­lung über die Kunst des »Schwur­belns«. Und es gibt so­gar ei­ne Auf­zäh­lung von be­son­ders »ge­lun­ge­nen« Schla­ger­rei­men. Be­grif­fe wie »Ho­heit«, »sa­lopp« oder auch das in­zwi­schen in­fla­tio­när ver­wen­de­te »gut auf­ge­stellt« wer­den auf­ge­spießt (er wür­digt en pas­sant die Jour­na­li­stin Ga­brie­le Gött­le für ihr Sprach­ge­fühl).

All­ge­gen­wär­ti­ge Ab­kür­zun­gen sind für En­zens­ber­ger Zei­chen ei­nes »Sno­bis­mus der Ein­ge­weih­ten«. Be­son­ders bis­sig ge­ra­ten ei­ni­ge Me­di­en­be­ob­ach­tun­gen (et­wa wenn er knapp aber deut­lich die ZDF-Nach­rich­ten­sen­dun­gen ab­watscht). Man er­fährt et­was über sei­ne Lek­tü­re­ein­drücke von Blai­se Pas­cal, Mon­tai­gne, Ni­co­las Cham­fort, Balzac und Lich­ten­berg und be­kommt ei­ne Re­zen­si­on (oder ist es doch kei­ne?) über ei­nen »Wald- und Wie­sen­ma­ler« zu le­sen. Sel­te­ner sind An­ek­do­ten, wie et­wa über Hen­ry Kis­sin­ger. Bei Per­sön­lich­kei­ten wie Frank Schirr­ma­cher und Wolf­gang Pohrt, die in­zwi­schen ver­stor­ben sind, blei­ben sei­ne zum Teil schnei­den­den Be­mer­kun­gen ste­hen (bei­spiels­wei­se über Pohrts Ab­we­sen­heit, die ja krank­heits­be­dingt be­grün­det war). Pohrt schätzt er nicht we­gen son­dern trotz sei­nes deut­schen Selbst­haß­es (die Be­mer­kun­gen hier­zu sind äu­ßerst in­ter­es­sant).

En­zens­ber­ger schwärmt vom Eng­li­schen Gar­ten, phi­lo­so­phiert über die Gret­chen­fra­ge, den Markt, die ver­schie­de­nen Ka­pi­ta­lis­men, die Kunst des Rück­zugs und sorgt sich um »ver­schwun­de­ne Ar­beit«. Mit Ur­tei­len spart er nicht. So är­gert er sich über die Geld­po­li­tik der EZB (die er als »Schwin­del« apo­stro­phiert), be­zeich­net Ber­tels­mann als »Kra­ke«, hält In­tel­li­genz für »kei­ne mo­ra­lisch re­le­van­te Ei­gen­schaft«, er­kennt ei­ne Par­al­le­le zwi­schen NSA und IS, fin­det die Bel­le-Epo­que »schau­der­haft«, legt sich mit der Psy­cho­ana­ly­se an (»Die See­le durch die Psy­che zu er­set­zen war kei­ne gu­te Idee«), wet­tert ge­gen Be­stre­bun­gen zur Ab­schaf­fung des Bar­gelds, fin­det Dik­ta­to­ren »mo­nu­men­ta­le Lang­wei­ler«, de­fi­niert das See­fah­ren als »kri­mi­nell« und be­klagt spöt­tisch den un­auf­hör­lich in Me­di­en nie­der­pras­seln­den »Be­trof­fen­heits­re­gen«. Wirk­lich ge­konnt ist sei­ne Po­le­mik ge­gen Phy­si­ker als die Mär­chen­er­zäh­ler un­se­rer Zeit.

Manch­mal wird es red­un­dant. So wur­de man schon im letz­ten Buch hin­rei­chend be­lehrt, wie er­nied­ri­gend Flug­ha­fen­kon­trol­len sind. Und auch die Ein­las­sun­gen über »das In­ter­net« nebst Über­for­de­rung des Men­schen durch die neu­en Tech­ni­ken sind in die­ser Pau­scha­li­sie­rung we­der neu noch ori­gi­nell. Im­mer­hin ist En­zens­ber­ger bei al­lem Är­ger klug ge­nug, die Am­bi­va­len­zen in sei­nem Han­deln zu er­ken­nen: Schimp­fend über das »Netz« ist er auch je­mand, der es gleich­zei­tig ver­wen­det – ins­be­son­de­re die On­line­enzy­klo­pä­die Wi­ki­pe­dia. Zu­wei­len ha­ben En­zens­ber­gers Ein­wür­fe et­was aus­ge­stellt-que­ru­lan­ti­sches.

Es über­wie­gen je­doch die luf­ti­gen Be­mer­kun­gen. Nie­mand kann der­art sou­ve­rän von der Be­deu­tungs­lo­sig­keit von Ge­dich­ten schrei­ben als der Ly­ri­ker En­zens­ber­ger (ge­meint ist na­tür­lich das Ge­gen­teil). Für die Post­mo­der­ne hat er nur noch das Ad­jek­tiv »ekel­er­re­gend« und be­grün­det dies in ei­nem Ge­dicht (!): »Mei­net­we­gen // macht ru­hig so wei­ter. // Aber oh­ne mich.« Das ist na­tür­lich Ko­ket­te­rie. Denn in Wahr­heit ist er im­mer noch da. Und mit­ten­drin. Glück­li­cher­wei­se.

Nicht al­les, was da an Obst her­un­ter­ge­fal­len ist, mag mun­den. Aber es ist trotz­dem min­de­stens un­ter­halt­sam. Denn lang­wei­lig – das war En­zens­ber­ger noch nie.

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