Die Kunst des Auf­ge­bens IV

(← III)

Nach­spiel

Da ich mit Dai­ko­ku nun ein­mal ver­traut, wenn nicht so­gar ver­trau­lich ge­wor­den war, konn­te ich nicht um­hin, den Schrein auf­zu­su­chen, der sei­nen Na­men trug. Er war mir auf der Land­kar­te auf­ge­fal­len, lag noch in un­se­rer Re­gi­on, aber ziem­lich weit weg von mei­ner nä­he­ren Um­ge­bung. Ich konn­te ihn nur mit der Ei­sen­bahn er­rei­chen, stieg am Haupt­bahn­hof von Hi­ro­shi­ma in ei­nen Wag­gon der mir recht ver­trau­ten Ka­be-Li­nie um.

Bild 1 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 1 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Der Ort selbst hieß Bai­rin, al­so Pflau­men­hain; noch ein Grund für mich, hin­zu­fah­ren. Ich stieg an ei­nem wah­ren Pro­vinz­bahn­hof aus, kaum mehr als ei­ne Hal­te­stel­le, mit We­gerl ne­ben dem ein­zi­gen Ge­leis, das der Bahn­steig für ein paar Me­ter in zwei ga­bel­te. Da­bei wur­de der Raum jen­seits des Ge­lei­ses, stadt­sei­tig, von ei­nem weit­läu­fi­gen Ein­kaufs­zen­trum mit den üb­li­chen fen­ster­lo­sen Kä­sten und Ku­ben ein­ge­nom­men, wäh­rend ge­gen­über die be­wal­de­ten Ber­ge als­bald steil an­stie­gen. Auf der Kar­te hat­te ich er­kannt, daß ich ein Stück­weit ge­gen die Fahrt­rich­tung zu ge­hen hat­te, und war über­rascht, als der Schrein, bes­ser: das Schrein­chen schon nach we­ni­gen Schrit­ten vor mir auf­tauch­te. Be­drängt von ei­nem Ein­fa­mi­li­en­haus, zwei da­vor ge­park­ten Au­tos und lau­ter Ra­dio­mu­sik, schien es sich dünn zu ma­chen wie je­mand, der den Bauch ein­zieht – ein Ein­druck, den die vie­len klei­nen, an Obe­lis­ken er­in­nern­den Schriftsäul­chen, die ihn um­frie­de­ten, noch ver­stärk­te. Ich ging ein‑, zwei­mal um ihn her­um. Von Dai­ko­ku kei­ne Spur, über­haupt kei­ne ein­zi­ge Sta­tue, nur die üb­li­che Lee­re im Ta­ber­na­kel. Der Kra­nich im Gie­bel­feld, die Flü­gel über Wel­len oder Wol­ken aus­ge­brei­tet, war die ein­zi­ge Ver­bin­dung zu mei­ner Be­geg­nung mit der lu­sti­gen Gott­heit in Ogu­ra. Im­mer­hin!

Bild 2 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 2 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Es war al­so noch früh; ge­wöhn­lich schät­ze ich die We­ge ja mehr als das Ziel. Ich ging wei­ter in die Rich­tung, wo sich die Berg­ket­te er­hob, ir­gend­wo müß­te ich auf Pflau­men­bäu­me sto­ßen, stieß aber nur auf ein ein­zi­ges, ein Bäum­chen, das al­ler­dings sehr schö­ne wei­ße Blü­ten vor­wies. Es stand un­be­küm­mert da in ei­nem win­zi­gen Gärt­chen ne­ben ei­nem Brach­feld – nein, hier war ein­mal ein Haus ge­stan­den, in ei­ner Ecke hat­te man Stei­ne und Ge­mäu­er zu­sam­men­ge­tra­gen. Wei­ter oben dann ein er­ster Wall aus hell­grau­em Be­ton; als ich die en­ge Un­ter­füh­rung durch­quer­te, sah ich auch schon den näch­sten, den über­näch­sten Wall, ei­ner mäch­ti­ger als der an­de­re. Wo­hin ich mich auch wen­de, im­mer wer­de ich an die Ka­ta­stro­phen er­in­nert. Von ei­nem Haus war nur der er­ste Stock er­hal­ten (ge­wöhn­lich flüch­ten sich die Men­schen nach oben, in die­sem Fall sind sie hof­fent­lich un­ten ge­blie­ben), ei­ne gan­ze Ecke fehl­te, man sah durch ein gro­ßes Loch in das leer­ge­räum­te Wohn­zim­mer. Mir war bald klar, daß die Zer­stö­rung, die ich hier ah­nen konn­te, nicht vor zwei­ein­halb Jah­ren ge­sche­hen war, son­dern ein paar Jah­re vor­her, da­mals hat­ten sich die Un­wet­ter auf den Nor­den von Hi­ro­shi­ma kon­zen­triert, nicht auf den Osten. Ich er­in­ner­te mich, daß auch da­mals vie­le Men­schen um­ge­kom­men wa­ren, und bei dem, was ich jetzt sah, wun­der­te mich die Zahl der Op­fer nicht.

Bild 3 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 3 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Die Ver­bau­ung war ein ge­wal­ti­ges Pro­jekt von schüt­zen­den Däm­men und nütz­li­chen Tras­sen, ei­ner neu­en Au­to­bahn, ei­nem Tun­nel, der hier ganz in der Nä­he ge­gra­ben wur­de. Seit­lich vom zwei­ten Damm und der auf­ge­ris­se­nen Schlucht, die er ver­sperr­te, war ein Weg, an dem ka­put­ten Haus vor­bei, und bald dar­auf fand ich mich in ei­nem Gar­ten wie­der, der im Früh­ling und Som­mer pa­ra­die­sisch aus­se­hen muß­te und es im Grun­de ge­nom­men auch jetzt tat – un­ver­lier­ba­res Eden! –, frei zu­gäng­lich und ge­pflegt, we­ni­ge Me­ter vom Ka­ta­stro­phen­strei­fen ent­fernt. Ge­drun­ge­ne Pal­men mit grün und gol­den glän­zen­den We­deln und strup­pig-ge­drun­ge­nen Stäm­men, ein gro­ßer Kusu­no-Baum und – ja, da wa­ren sie! – zahl­rei­che Pflau­men­bäu­me, von de­nen ei­ni­ge weiß blüh­ten, wäh­rend die li­la, fast pur­purn ge­färb­ten schon ein we­nig am Ver­blü­hen wa­ren, auf dem Bo­den sich be­reits Blü­ten­tep­pi­che bil­de­ten. Zu­recht­ge­schnit­te­ne Busch­köp­fe stie­gen den Hang hin­auf, im Som­mer tru­gen sie al­le­samt Far­ben, das Schau­spiel der vor­an­schrei­ten­den Jah­res­zeit hat­te eben erst, mit den Pflau­men, zag­haft be­gon­nen. An ei­ner Sei­te, par­al­lel zur Berg­ket­te, wur­de der Gar­ten von ei­nem lang­ge­zo­ge­nen Block­haus be­grenzt, das un­be­wohnt war und wohl auch kei­ne Ge­mein­schafts­tref­fen be­her­berg­te, es schien ir­gend­wie ein­fach üb­rig­ge­blie­ben. Da­hin­ter dann noch ein letz­tes, wei­ßes Wohn­haus, an dem die La­wi­ne seit­lich vor­bei­ge­rauscht war, oh­ne es auch nur im ge­ring­sten an­zu­grei­fen.

Bild 4 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 4 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Und dann noch ein Wall, der drit­te und mäch­tig­ste, man konn­te ihn be­stei­gen auf ei­ner Trep­pe. An sei­nem Fuß be­fand sich ein Tüm­pel mit­samt Quel­le und Bam­bus­rohr zum Trin­ken, und hin­ter die­sem im Ge­büsch ein Vo­gel, plötz­lich sah ich ihn, als er auf­flog, sah zu­erst nur den glän­zen­den Fleck in der Luft, die tür­kis und silb­rig blau glän­zen­den Flü­gel, das Bäuch­lein von ei­nem zar­ten Rot, kaum grö­ßer als ein Spatz, ein Fing, je­doch ein Wun­der­vo­gel; kein Sit­tich und auch kein Ko­li­bri, er stand flie­gend nicht in der Luft, flat­ter­te er fast be­hä­big mit den Flü­geln und nahm mei­ne Ge­gen­wart hin, mit lei­ser Neu­gier, nicht an­ders, als ich ihn be­trach­te­te. Nicht so zu­trau­lich wie das ei­ne Rot­kehl­chen, das mir auf dem Cam­pus oft be­geg­net und mich dann ei­ne Wei­le be­glei­tet, von Bäum­chen zu Bäum­chen, aber auch nicht so scheu wie die mei­sten an­de­ren. Er hüpf­te ei­ne Wei­le am Tüm­pel­rand, ließ sich dann auf dem Schot­ter nie­der, dann wie­der auf ei­nem Ast, als ich schon dach­te, er hät­te mich ver­las­sen. Ich er­stieg den drit­ten Wall, um ei­nen Über­blick über die Ge­gend zu be­kom­men, und war da­mit zu­frie­den, wei­ter nach oben gab es oh­ne­hin kei­nen Weg. Der Wun­der­vo­gel piep­ste mich ein­mal an, fast un­hör­bar, hei­ser, ein ein­zi­ges Mal, groß­ar­ti­ger Sän­ger war er nicht, sei­ne Schön­heit ganz im Bild­haf­ten auf­ge­gan­gen.

Bild 5 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 5 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Ein gu­ter Sän­ger war der an­de­re, der mir beim Ab­stieg in Rich­tung Bahn­ge­lei­se be­geg­ne­te. Er saß auf ei­ner Strom­lei­tung, war grau, un­an­sehn­lich, ver­ein­zelt; kein Spatz, doch er sang mir et­was vor und hör­te nicht da­mit auf, so daß ich nach gar nicht so kur­zer Hö­rer­schaft, die ich ge­noß, die Ge­duld ver­lor – zu mei­ner Schan­de muß ich es ge­ste­hen – und wei­ter­ging, in­dem ich dem Sän­ger zu­zwit­scher­te: »So lang wie du, mein Freund, ha­be ich nicht Zeit.« Und ein paar Au­gen­blicke spä­ter, an ei­nem Ab­schnitt der neu­en Tras­se vor­bei­kom­mend, dach­te ich, daß sie, die Men­schen – die an­de­ren? – die Ka­ta­stro­phen zum Vor­wand und zur Recht­fer­ti­gung für ihr ei­ge­nes Zer­stö­rungs­werk neh­men. Die Ka­ta­stro­phen und ge­nau­so die Epi­de­mien, dach­te ich noch. Zu­letzt, schon auf der Aus­fall­stra­ße, am Rand des Shop­ping-Are­als, wo Fuß­ge­her wie ich nicht sehr be­liebt sind, sah ich noch ein Ca­fé, das man auf ei­ner stei­len Au­ßen­trep­pe im zwei­ten Stock (ja­pa­ni­scher Zäh­lung) ei­nes schma­len Ge­bäu­des er­reich­te. Es nann­te sich Hiro’s Ca­fé, war ge­schlos­sen und rag­te him­mel­blau in den blau­en Him­mel. Noch ein Grund, hier­her zu­rück­zu­keh­ren!

Bild 6 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 6 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

Was mir, wie­der im Zug, ein­fiel, ist die Idee, daß Dai­ko­ku den Schrein frei­wil­lig ver­las­sen ha­ben könn­te. Er ist aus­ge­wan­dert. Viel­leicht schützt er nicht vor Hoch­was­ser, son­dern um­ge­kehrt, er zieht es an. Und so, um den An­rai­nern nicht noch mehr Un­glück zu brin­gen, war er ir­gend­wo­hin über­sie­delt, in ei­ne men­schen­lee­re Ge­gend wie Ogu­ra drü­ben im Osten.

Bild 7 – Kunst des Aufgebens IV – © Leopold Federmair

Bild 7 – Kunst des Auf­ge­bens IV – © Leo­pold Fe­der­mair

© Leo­pold Fe­der­mair

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