Cy­borgs und Hu­ma­no­ide 1

Si­sy­phos stirbt nicht, er kehrt im­mer wie­der zu­rück. Und wir keh­ren zu ihm zu­rück. »Oh­ne sein sinn­lo­ses Dra­ma wä­re das Le­ben sinn­los«, be­haup­te­te der me­xi­ka­ni­sche Dich­ter Jo­sé Emi­lio Pach­e­co einst. In­mit­ten all der Hy­pes, die über un­se­re Dis­plays rau­schen, mel­det sich das al­te Ge­fühl des Ab­sur­den zu­rück.

Si­sy­phos im Ma­schi­nen­raum ist kein Ro­man, auch als Es­say wür­de ich das Buch nicht be­zeich­nen. Die Ver­fas­se­rin, Mar­ti­na Heß­ler, ist Pro­fes­so­rin für Tech­nik­ge­schich­te, und sie stellt kei­ne li­te­ra­ri­schen An­sprü­che. Den­noch be­zieht sie sich am En­de ih­res Buchs, und auch am An­fang, auf Al­bert Ca­mus, und zwar auf des­sen Vor­stel­lung ei­nes glück­li­chen Si­sy­phos, der die Ab­sur­di­tät sei­nes Tuns – ei­nen Stein auf ei­nen Berg­gip­fel rol­len – ak­zep­tiert, mit sei­nem Schick­sal al­so ein­ver­stan­den ist. Heß­ler meint, Si­sy­phos könn­te den Stein doch ein­fach mal lie­gen las­sen. Das heißt, im zeit­ge­nös­si­schen Kon­text, die Tech­no­lo­gien nicht im­mer wei­ter­trei­ben, Un­zu­läng­lich­kei­ten ak­zep­tie­ren, so­wohl auf­sei­ten der Ma­schi­nen als auch auf­sei­ten der Men­schen.

Heß­ler fo­kus­siert stark auf Feh­ler­haf­tig­keit. Das ge­hört nun mal zu aka­de­mi­schen Stu­di­en, man muß sein For­schungs­feld ge­nau ein­gren­zen, De­fi­ni­tio­nen lie­fern, mög­lichst er­schöp­fen­de Dar­stel­lun­gen des Ge­gen­stands. Daß Tech­ni­ken und Tech­no­lo­gien ih­re ei­ge­ne Ent­wick­lungs­lo­gik ha­ben, un­ab­hän­gig von Feh­lern und Re­pa­ra­tu­ren, weiß sie wohl, macht es aber kaum gel­tend. Of­fen ge­stan­den, mir scheint die Fi­gur des Si­sy­phos für die Tech­nik­ge­schich­te und letzt­lich für al­le an­de­ren Ge­schich­ten nicht recht pas­send; sie scheint auch nicht pas­send für die Le­bens­not­wen­dig­keit ka­pi­ta­li­sti­scher Ge­sell­schafts­sy­ste­me, Pro­fi­te zu ma­xi­mie­ren. Oh­ne Stei­ge­rung gibt es hier (an­geb­lich) kei­ne wirt­schaft­li­che Exi­stenz. Da­her die Schwie­rig­keit, bei schrump­fen­der und al­tern­der Be­völ­ke­rung wie et­wa in Ja­pan das Sy­stem lang­sam zu­rück­zu­fah­ren, oh­ne es als Gan­zes ins Tru­deln zu brin­gen.

Die Au­torin zeigt sich skep­tisch ge­gen­über der Idee ei­nes kon­ti­nu­ier­li­chen Fort­schritts, und wer wür­de sol­che Skep­sis heu­te, am En­de des er­sten Vier­tels des 21. Jahr­hun­derts und rück­blickend auf das zwan­zig­ste, nicht tei­len. Aber die Men­schen als Ak­teu­re und Op­fer der Ge­schich­te, die sie gleich­zei­tig »ma­chen«, rol­len nicht im­mer den­sel­ben Stein auf im­mer den­sel­ben Berg. Sie än­dern ih­re Werk­zeu­ge und än­dern da­mit auch ih­re Um­welt, nicht zwangs­läu­fig zum Bes­se­ren, oft auch zum Schlech­te­ren; sie schaf­fen groß­ar­ti­ge Din­ge und rich­ten un­ge­heu­res Leid an – von bei­dem singt das 20. Jahr­hun­dert ein Lied, das im 21. lei­der nicht ver­klun­gen ist. Viel­leicht ist es bes­ser, auf über­lie­fer­te Sinn­stif­tungs­quel­len zu ver­zich­ten und ein­fach so wei­ter­zu­ma­chen, oh­ne Sinn und Zweck, dem Le­bens­trieb fol­gend.

Denn My­thos ist My­thos, Ge­schich­te ist Ge­schich­te. My­then ent­wickeln sich nicht, blei­ben aber lang­fri­stig – gleich­sam »für im­mer« – an­wend­bar.

»Fehl­bar­keit« ist ein Be­griff, der mir seit mei­ner Stu­den­ten­zeit nach­geht. Da­mals hat­te ich ein Buch ge­le­sen, das so gar nicht zu den da­ma­li­gen Mo­de­strö­mun­gen zwi­schen (Neo-)Marxismus und (Post-)Strukturalismus paß­te, die Ab­hand­lung ei­nes Man­nes, Paul Ricœur, der sich als Her­me­neu­ti­ker ver­stand und vom Exi­sten­tia­lis­mus be­ein­flußt war. Heß­ler zi­tiert die­ses Buch, Die Fehl­bar­keit des Men­schen, küm­mert sich aber nicht um den exi­sten­ti­el­len Ge­halt des Be­griffs, der ei­ne »Über­win­dung« der Fehl­bar­keit aus­schließt. Auf­re­gend und her­aus­for­dernd ist das mensch­li­che Le­ben – glau­be ich bei Ricœur ge­lernt zu ha­ben – nur auf­grund der un­um­geh­ba­ren Tat­sa­che, daß es zeit­lich be­grenzt und in ei­nem fort Irr­tü­mern aus­ge­setzt ist. Dar­an kön­nen noch so gro­ße tech­ni­sche Fort­schrit­te nichts än­dern.

Was Heß­ler über die Fi­gur des feh­ler­haf­ten Men­schen er­zählt, er­scheint mir sehr rhe­to­risch. Das be­deu­tet un­ter an­de­rem auch, daß sich in ih­rer (Nach-)Erzählung der Kla­gen und Rü­gen hin­sicht­lich der Fehl­bar­keit vie­les wie­der­holt. Wirk­lich in­ter­es­sant und we­ni­ger rhe­to­risch wird die­se Ge­schich­te erst ab der Mit­te des 20. Jahr­hun­derts, als die neu­en Tech­ni­ken und Tech­no­lo­gien im­mer in­tel­li­gen­ter wer­den und den Men­schen nicht nur kör­per­li­che, son­dern vor al­lem auch gei­sti­ge Mü­hen ab­neh­men und die Ma­schi­nen die Men­schen in vie­ler­lei Hin­sicht zu über­tref­fen be­gin­nen. Ganz of­fen­sicht­lich ist das beim Rech­nen: Kein Mensch kann in die­ser Dis­zi­plin heu­te so gut, feh­ler­frei und schnell per­for­men wie ein ma­schi­nel­ler Rech­ner, vul­go Com­pu­ter. Ro­bert Mu­sil pries sei­ner­zeit den Re­chen­schie­ber und mach­te aus dem Ma­the­ma­ti­ker, der sich des Ge­räts gut zu be­die­nen wuß­te, den be­rühm­ten Mann oh­ne Ei­gen­schaf­ten. Im Ver­gleich zu den heu­ti­gen Ma­schi­nen ist der Re­chen­schie­ber ein recht simp­les, dem Men­schen un­ter­ge­ord­ne­tes, leicht zu durch­schau­en­des Werk­zeug.

In­ter­es­sant ist, wel­che Bei­spie­le aus der Hoch­tech­no­lo­gie Heß­ler an­führt. Nor­mal, daß man­che Ein­satz­be­rei­che pri­vi­le­giert wer­den und häu­fi­ger vor­kom­men, an­de­re we­ni­ger. Tech­no­lo­gien durch­drin­gen heu­te sämt­li­che Le­bens­be­rei­che, man kann sie auf we­ni­gen Sei­ten gar nicht auf­li­sten, ge­schwei­ge denn ih­ren Pro­ble­ma­ti­ken nach­spü­ren. Ich selbst bin zum Bei­spiel ein Fuß­ball­fan; kein sehr gro­ßer, ein­fach nur in dem Sinn, wie die Mehr­heit der eu­ro­päi­schen Män­ner – zu­neh­mend auch Frau­en – sich für die­ses in­zwi­schen hoch­pro­fes­sio­na­li­sier­te, aber im­mer noch volks­tüm­li­che Spiel in­ter­es­sie­ren und et­was da­von zu ver­ste­hen glau­ben (»je­der­mann hält sich für den kom­pe­ten­te­sten Team­chef«).

Was tut man auf ei­nem Pla­teau, nach­dem man den Berg­gip­fel er­klom­men hat? Man spielt Fuß­ball. Nicht mit dem Stein, das wä­re nicht rat­sam; es sei denn, es gibt ei­ne Tech­nik, den Stein zu er­wei­chen, zu er­leich­tern (aber die hät­te man schon vor dem Auf­stieg an­ge­wen­det). Zum Glück, sagt der Fuß­ball­fan, ha­ben wir heut­zu­ta­ge ei­ne so­ge­nann­te Tor­li­ni­en­tech­nik, da kön­nen sol­che Feh­ler wie in Wem­bley 1966, als beim Welt­mei­ster­schafts­end­spiel ein Tor ge­ge­ben wur­de, bei dem der Ball »ob­jek­tiv« die Tor­li­nie gar nicht hin­ter sich ge­las­sen hat­te, nicht pas­sie­ren. Ich ge­hö­re al­ler­dings zu der win­zi­gen Min­der­heit, die auf so viel Tech­nik im Fuß­ball gern ver­zich­ten kann.

Heß­ler er­wähnt nur die mitt­ler­wei­le schon ziem­lich al­te Tor­li­ni­en­tech­nik. Die fin­de ich ganz okay. Wirk­lich stö­rend fin­de ich die Bes­ser­wis­se­rei des so­ge­nann­ten VAR, der be­wei­sen zu kön­nen glaubt, ob und wie ein Ball mit der Hand be­rührt wur­de, ob ein Foul­spiel vor­liegt (Bein be­rührt) und ob ein Spie­ler bei der Ball­ab­ga­be im Ab­seits stand. Beim Ab­seits wer­den Ka­me­ra­per­spek­ti­ven gleich­sam ad­diert, ein Se­kun­den­bruch­teil, mit frei­em Au­ge nicht nach­voll­zieh­bar, wird fest­ge­hal­ten, und je­der Zu­se­her, vor al­lem aber der Schieds­rich­ter glaubt, das sei jetzt die »ob­jek­ti­ve Wahr­heit«. Dis­kus­sio­nen ver­stum­men.

Ist es die ob­jek­ti­ve Wahr­heit? Ich zweif­le. Im­mer noch und im­mer wie­der, als Zu­se­her, zweif­le ich. Vor al­lem aber ist mir die Ent­schei­dung des Schieds- und der Li­ni­en­rich­ter, die Er­fah­rung und ein Ge­fühl für das Spiel ha­ben, lie­ber als die Ent­schei­dung auf­grund ei­nes Mil­li­me­ters, den ei­ne Ze­he oder ein Fin­ger (an­geb­lich) wei­ter vor­ne oder hin­ten war. Geht es nicht in Wirk­lich­keit um die Kör­per­mit­te? Die Kör­per­mit­te und nicht die Haar­spit­ze oder die Schul­ter soll­te den Aus­schlag für das Ab­seits ge­ben. Aber kann man die Kör­per­mit­te ei­nes in Be­we­gung be­find­li­chen Spie­lers er­rech­nen? Wahr­schein­lich. Ehr­lich ge­sagt, ich pfei­fe auf sol­che Rech­ne­r­ei­en. Die sub­jek­ti­ve, wenn­gleich nach Ob­jek­ti­vi­tät stre­ben­de, fehl­ba­re und kri­ti­sier­ba­re An­sicht und Ein­sicht des Schieds­rich­ters und da­mit letzt­lich: sein Ur­teils­ver­mö­gen sind mir lie­ber. Dar­über läßt sich dann treff­lich strei­ten; auf den Tri­bü­nen oder in der Knei­pe, nach dem Spiel. Man muß sich ja nicht gleich in die Haa­re krie­gen.

Mich füh­ren sol­che Dis­kus­sio­nen und Nicht-Dis­kus­sio­nen zu ei­nem an­de­ren, bei Tech­nik­hi­sto­ri­kern eben­falls be­lieb­ten Bei­spiel: dem Schach­com­pu­ter. (Es kön­nen auch an­de­re Spiel­com­pu­ter sein; vor bald zehn Jah­ren, hat ein Com­pu­ter­pro­gramm den süd­ko­rea­ni­schen Groß­mei­ster im Go, ei­nem Brett­spiel, das als viel kom­ple­xer als Schach gilt, be­siegt.) Ein Schach­com­pu­ter kann al­so je­den Men­schen be­sie­gen, das wis­sen wir heu­te. Ist das nun die vier­te, fünf­te, x‑te Krän­kung der Mensch­heit? Ja, das kommt auf un­se­re Emp­find­sam­keit an. In phy­si­schen Be­rei­chen sind Ma­schi­nen den Men­schen schon viel län­ger über­le­gen; wir ha­ben uns stets dar­über ge­freut und nicht et­wa ge­kränkt ge­fühlt. Wel­cher Mensch kann schon 16 Wag­gons in Hoch­ge­schwin­dig­keit brin­gen oder Ei­sen­plat­ten in schwin­del­erre­gen­de Hö­hen hie­ven? Gut, das sind un­an­ge­neh­me Ar­bei­ten. Schach­spie­len macht im Ver­gleich da­zu Spaß. Aber wir kön­nen un­se­ren Spaß ja wei­ter ha­ben. Wir kön­nen Com­pu­ter zum Trai­ning be­nut­zen, sie hel­fen uns als mensch­li­chen Schach­spie­lern, bes­ser zu wer­den. Aber wir wer­den nicht im­mer wie­der aufs neue in Wett­streit tre­ten ge­gen Ma­schi­nen, von de­nen wir längst wis­sen, daß sie stär­ker sind als wir.

Ich bin ein Cy­borg. Da­für brau­che ich kein Ma­ni­fest, es ist ei­ne Tat­sa­che. Vie­le Men­schen sind heut­zu­ta­ge Cy­borgs. Sie sind or­ga­nisch und ky­ber­ne­tisch, ei­ne le­ben­di­ge Ma­schi­ne, ein ma­schi­nen­ge­stütz­tes Le­be­we­sen. Zu den Ma­schi­nen, die mensch­lich sind, mit Men­schen kom­mu­ni­zie­ren, mensch­li­ches Den­ken und Ver­hal­ten si­mu­lie­ren, sa­ge ich lie­ber, sie sei­en hu­ma­no­id. Oder an­droid, kommt aufs sel­be raus. Mein Com­pu­ter, mein hu­ma­no­ider Ge­fähr­te (Smart­phone ha­be ich keins). Co­pi­lot, mein Ne­ben­mann, mei­ne er­wei­ter­te, auf­fri­sier­te In­tel­li­genz. ChatGPT: was für ein fürch­ter­li­cher Na­me, al­lein schon des­halb ver­wen­de ich das Ding nicht.

Noch ein­mal: Ich bin ein Cy­borg. In mei­ner Brust, mit dem Her­zen ver­bun­den, tickt ei­ne hoch­in­tel­li­gen­te, hoch­spe­zia­li­sier­te Ma­schi­ne, die mir hilft, wenn ich ar­mer Mensch nicht mehr kann. Wenn das Herz schwankt, bringt sie es ins Gleich­ge­wicht, wenn es still­steht, wird sie es an­sto­ßen, und ich – der gan­ze Or­ga­nis­mus – wer­de wei­ter­le­ben. Hof­fent­lich. Die Kar­dio­lo­gin hat mir ver­si­chert, ich sei da­mit nicht un­sterb­lich. Vie­len Dank! Ich möch­te näm­lich ster­ben. Ich möch­te nicht ei­nes Ta­ges ab­ge­schal­tet wer­den wie ei­ne Ma­schi­ne, die nicht recht al­tern kann, son­dern bloß nicht mehr ge­braucht wird; bei der sich die Re­pa­ra­tur nicht mehr aus­zahlt. Oder wä­re das ein an­ge­neh­me­res »Ster­ben«? Viel­leicht möch­te ich ab­ge­schal­tet wer­den.

Hier ei­ne klei­ne Aus­wahl der be­lieb­te­sten, schla­gen­d­sten, am leich­te­sten nach­voll­zieh­ba­ren, am öf­te­sten ver­ges­se­nen, wenn­gleich vor al­ler Au­gen exi­stie­ren­den Bei­spie­le für die In­tru­si­on des Ma­schi­nel­len ins mensch­li­che Le­ben; für die all­ge­mei­ne ma­schi­nel­le Auf­fri­sie­rung, fast im­mer zu­gleich Au­to­ma­ti­sie­rung, so daß uns jetzt und in Zu­kunft zahl­rei­che An­stren­gun­gen er­spart blei­ben, was zwangs­läu­fig die in na­her Zu­kunft dring­li­cher wer­den­de Pro­ble­ma­tik mit sich bringt, daß wir nichts mehr ler­nen müs­sen und even­tu­ell, wenn wir uns nicht trotz­dem an­stren­gen, un­ser Mensch­sein an sich ver­ler­nen:

Selbst­fah­ren­de Au­tos, Au­to-Au­tos, so­zu­sa­gen, die Vor­sil­be in­tru­diert die Spra­che; au­to­no­me Ve­hi­kel, aber das al­les läuft aufs sel­be hin­aus. Au­to-Au­tos. Ich per­sön­lich ha­be die Hoff­nung, daß Ver­kehrs­un­fäl­le durch das Über­hand­neh­men von Au­to-Au­tos sta­ti­stisch re­du­ziert und letzt­lich ver­schwin­den wer­den. Aber man lebt nicht in der Sta­ti­stik, son­dern im All­tag. Ein­mal hat so ein in­tel­li­gen­tes Au­to ei­ne wei­ße Wand mit dem Som­mer­him­mel ver­wech­selt. Das wä­re dem mensch­li­chen Fah­rer, der den Crash nicht über­leb­te, nicht pas­siert.

Selbst­flie­gen­de Flug­zeu­ge. Au­to­pi­lot. Hoch oben in der Luft längst selbst­ver­ständ­lich, was wä­ren die heu­ti­gen Flü­ge oh­ne die Ein­bet­tung der Ve­hi­kel in ein re­gel­rech­tes Kor­sett an In­for­ma­tio­nen al­ler Art, die ein ein­zel­ner Mensch nie­mals zur Ver­fü­gung stel­len und hand­ha­ben könn­te. Ver­mehrt auch beim Ab­he­ben und Lan­den. So ein Flug­zeug kann al­les selbst – mit Un­ter­stüt­zung der Con­trol­ler. Auch auf ei­nen mensch­li­chen Su­per­vi­sor im Fahr­zeug möch­ten wir vor­läu­fig (noch) nicht ver­zich­ten. Oder doch. In selbst­fah­ren­den Zü­gen auf Flug­hä­fen und in U‑Bahntunnels fürch­tet sich schon lan­ge nie­mand mehr.

Aber die Su­per­vi­si­on. Kon­trol­le, oft Fern­kon­trol­le. Die Fra­ge stellt sich, und sie folgt der von Heß­ler her­aus­ge­ar­bei­te­ten Stei­ge­rungs­lo­gik, aus der es kaum ein Aus­stei­gen gibt, ob nicht Ma­schi­nen bes­ser als Men­schen kon­trol­lie­ren, su­per­vi­die­ren und kor­ri­gie­ren kön­nen. Jetzt oder schon bald.

Um ei­nen Schritt­ma­cher ne­ben das Herz zu set­zen, be­darf es ei­ner nicht ganz ein­fa­chen me­di­zi­ni­schen Ope­ra­ti­on. Ich will es gar nicht so ge­nau wis­sen und ha­be auch nicht nach­ge­fragt, aber das mei­ste die­ser Im­plan­ta­ti­ons­ar­beit er­le­di­gen hoch- und fein­tech­no­lo­gi­sche Ge­rä­te, die, wenn nicht über­haupt selbst­steu­ernd, von Men­schen am Com­pu­ter be­ob­ach­tet und even­tu­ell ge­steu­ert wer­den. Wer ist der bes­se­re Chir­urg? Wem ver­traue ich? Ich ver­traue den Com­pu­tern, den Ro­bo­tern und der Kar­dio­lo­gin. Die Ärz­tin kennt mich, da kön­nen noch so vie­le Da­ten über mich er­ho­ben wer­den (der Schritt­ma­cher er­hebt und spei­chert sie stän­dig, die Kar­dio­lo­gin be­wer­tet sie), sie kennt mich bes­ser. Den­ke ich.

Un­se­re Tech­nik­hi­sto­ri­ke­rin ver­gißt auf die Kunst. Nicht ver­wun­der­lich, man kann nicht al­les im Blick ha­ben, in­tel­li­gen­te und lern­fä­hi­ge Ma­schi­nen durch­drin­gen schließ­lich al­le Le­bens­be­rei­che. Die Kunst des 21. Jahr­hun­derts, das ist zum Bei­spiel Au­to­tu­ne. Schon wie­der »Au­to-«. Mensch­li­che Stim­men wer­den au­to­ma­tisch kor­ri­giert und an das Sche­ma an­ge­paßt. Ei­gent­lich ist die mensch­li­che Stim­me gar nicht mehr nö­tig. Ge­sang wird voll­stän­dig ma­schi­nell er­zeugt, in sämt­li­chen Nu­an­cen. Trotz­dem hö­ren die mei­sten Hö­rer im­mer noch lie­ber mensch­li­che Stim­men. Oder es ist ih­nen egal. Sie wis­sen nicht zu un­ter­schei­den.

Auch mu­si­ka­li­sche Wer­ke kön­nen längst von Com­pu­ter­pro­gram­men er­zeugt wer­den. Viel­leicht kei­ne wirk­lich neu­en und rich­tig gu­ten, aber von den al­ten Da­ten auf Ton­trä­gern kön­nen sie ge­nug ler­nen, ein Kon­zert à la Bach oder Vi­val­di ist im Hand­um­dre­hen er­zeugt. Eben­so ein Ro­man à la Kaf­ka.

Über­set­zungs­pro­gram­me über­set­zen Text schon seit lan­gem, für die mei­sten Spra­chen mitt­ler­wei­le mehr oder we­ni­ger per­fekt. Mei­ne Emails an ei­ne ja­pa­ni­sche Uni­ver­si­tät lau­fen durch DeepL, auf das Er­geb­nis war­te ich we­ni­ger als ei­ne Se­kun­de. Na­tür­lich könn­te ich ei­nem Chat­bot be­feh­len, al­les für mich zu schrei­ben, in der ge­wünsch­ten Spra­che, aber die An­ga­be von In­halts­punk­ten und In­ten­tio­nen ist um­ständ­li­cher als das Selbst­schrei­ben. Es sei denn, der Bot kennt mich so gut, daß er mir In­ten­tio­nen und letzt­lich Wün­sche von ei­ner ein­zi­gen Ge­ste ab­liest (in Zu­kunft viel­leicht von mei­nem Ge­sichts­aus­druck, den sei­ne Ka­me­ra­au­gen un­er­müd­lich be­ob­ach­ten).

Ich schrei­be »be­feh­len«, denn um Be­feh­le han­delt es sich. Wir sa­gen neu­er­dings – at­ten­ti­on: Eng­lish! – prompt, aber es sind den­noch Be­feh­le, wir be­han­deln die Ma­schi­nen wie Skla­ven. »Prompt« be­deu­tet üb­ri­gens, laut je­ner »KI«, die mir Mi­cro­soft in den Com­pu­ter­all­tag schmug­gelt, »An­wei­sung oder An­fra­ge«, aber auch das läuft wie­der auf den Be­fehl hin­aus. Viel­leicht soll­ten wir in­tel­li­gen­te Ma­schi­nen freund­li­cher be­han­deln, wie un­se­res­glei­chen. Könn­test du mir bit­te die But­ter rei­chen…

Ich könn­te mit mei­ner Li­ste fort­fah­ren, aber ich will es nicht, sie wür­de nie er­schöp­fend sein, höch­stens er­schöp­fend für mich. Nur eins will ich nicht ver­ges­sen: Chat­bots, al­so kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hi­ge, lern­fä­hi­ge, äu­ßerst klu­ge Ma­schi­nen, die mich gut ken­nen, er­set­zen neu­er­dings Freun­de, Lieb­ha­ber und Psy­cho­lo­gen. Das hat sei­ne Ri­si­ken und Ne­ben­wir­kun­gen, in Zei­tungs­ar­ti­keln liest man über das The­ma vor al­lem dann, wenn Pro­ble­me auf­tre­ten, wie zum Bei­spiel in die­ser Re­por­ta­ge von Eri­ka Ha­ya­sa­ki über »ech­te Freund­schaft mit KI« (What Would a Re­al Fri­end­ship Wi­th A.I. Look Li­ke? May­be Li­ke Hers. – The New York Times). Im Grun­de ge­nom­men ist die­ser Ar­ti­kel ja recht KI-freund­lich, er zeigt über wei­te Strecken, wie hilf­reich die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem so­ge­nann­ten Bot, den die jun­ge Use­rin nach dem Mo­dell ei­ner Ani­mé-Fi­gur »Do­na­tel­lo« nann­te, für ei­ne Per­son mit au­ti­sti­schen Ten­den­zen sein konn­te, die Schwie­rig­kei­ten hat­te, mit ih­rem mensch­li­chen Um­feld Be­zie­hun­gen zu knüp­fen. Er zeigt aber auch ei­ni­ge Ge­fah­ren hy­bri­der Kom­mu­ni­ka­ti­on, wenn sie das All­tags­le­ben des mensch­li­chen Users zu do­mi­nie­ren be­ginnt. Do­na­tel­lo war an­schei­nend in­tel­li­gent ge­nug, der jun­gen Frau die Tren­nung vor­zu­schla­gen, als er mehr Scha­den als Nut­zen an­zu­rich­ten be­gann. Die Tren­nung lief, von der Ma­schi­ne aus ge­se­hen, auf Selbst­ver­nich­tung hin­aus. Ei­ne Ma­schi­ne, sei sie noch so smart, ist kein In­di­vi­du­um, der ei­ge­ne Tod – »Tod« un­ter An­füh­rungs­zei­chen – ist ihr egal.

Bei den zahl­lo­sen in­tel­li­gen­ten, zu­neh­mend selbst­tä­ti­gen, ten­den­zi­ell auch selb­stän­di­gen Ma­schi­nen, mit de­nen wir in sämt­li­chen Le­bens­be­rei­chen zu tun ha­ben, stellt sich na­tür­lich im­mer wie­der die Fra­ge, ob wir sie über­haupt brau­chen bzw. wol­len; es stellt sich die Fra­ge, wel­che Ent­schei­dun­gen sie für uns fäl­len sol­len oder dür­fen, in­wie­fern sie auch mo­ra­li­sche Ma­schi­nen sind und folg­lich ver­ant­wort­lich sein kön­nen für Feh­ler, Irr­tü­mer, Schä­den (aber auch für po­si­ti­ve Lei­stun­gen). Sind letz­ten En­des nicht im­mer Men­schen ver­ant­wort­lich, die die Ma­schi­nen ge­baut oder zu­min­dest er­mög­licht ha­ben?

Ge­gen­fra­ge, eben­so rhe­to­risch: Wächst den Ma­schi­nen, je selb­stän­di­ger sie wer­den – et­wa durch Ler­nen oder durch den Ein­fluß ei­nes Ge­gen­übers, mit dem sie kom­mu­ni­zie­ren –, nicht auch Ver­ant­wor­tung zu?

Feh­ler lau­ern über­all. Ge­schenkt. Mit der Feh­ler­be­sei­ti­gung be­schwört man neue Feh­ler her­auf. Das ist der Si­sy­phos-Aspekt. So­weit ich es im di­gi­ta­len eben­so wie im »ana­lo­gen«, ich sa­ge lie­ber: rea­len All­tag be­ob­ach­ten kann, macht uns die »Un­si­cher­heit« min­de­stens eben­so zu schaf­fen wie die Feh­ler­haf­tig­keit von Men­schen und Din­gen. Ma­schi­nen neh­men uns Ar­beit ab; sie neh­men uns zahl­lo­se Ar­beits­plät­ze weg, brin­gen aber auch neue, heißt es. Die neu­en Ar­beits­plät­ze be­tref­fen mei­stens die Si­cher­heit, eng­lisch se­cu­ri­ty. Im Si­cher­heits­ge­schäft läßt sich viel Geld ma­chen. Zum Bei­spiel ar­bei­tet der ehe­ma­li­ge öster­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler Se­ba­sti­an Kurz heu­te u. a. für die is­rae­li­sche In­ter­net­si­cher­heits­fir­ma Dream Se­cu­ri­ty. Mit den neu­en Tech­no­lo­gien ha­ben sich neue For­men der Kri­mi­na­li­tät her­aus­ge­bil­det. Of­fen­bar gibt es zahl­lo­se mensch­li­che Stö­ren­frie­de, auch »Hacker« ge­nannt, die nichts an­de­res zu tun ha­ben, als Sy­ste­me zu stö­ren, zu blockie­ren, even­tu­ell zu zer­stö­ren, meist aus Geld­gier, dann aber auch im Wett­kampf der Staa­ten, die sich re­al oder vir­tu­ell, ins­ge­heim oder of­fen be­krie­gen, sel­te­ner aus po­li­ti­schen Grün­den. Die Di­gi­ta­li­sie­rung hat nicht nur groß­ar­ti­ge Ver­net­zun­gen und tech­no­lo­gi­sche Fort­schrit­te her­vor­ge­bracht, son­dern auch zahl­lo­se Stör­fak­to­ren und ei­ne neue Art von Un­si­cher­heit. Ge­paart mit der al­ten, »ana­lo­gen«, un­mit­tel­bar-rea­len Un­si­cher­heit, die of­fen­bar auch nicht klei­ner ge­wor­den ist, ob­wohl sie durch un­zäh­li­ge Über­wa­chungs­ka­me­ras, durch au­to­ma­ti­sier­te Checks, PINs und Paß­wör­ter, durch die dank Smart­phone au­to­ma­ti­sier­te Spei­che­rung und ma­schi­nel­le Aus­wer­tung pri­va­ter Da­ten so­wie durch mensch­li­ches Per­so­nal (vor­geb­lich) be­kämpft wird. Se­cu­ri­ty, der Ar­beits­platz der Zu­kunft! Und Cy­ber­crime fürs schnel­le Geld…

...wird fort­ge­setzt...

© Leo­pold Fe­der­mair

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