Car­lo Ma­sa­la: Welt­un­ord­nung

Carlo Masala: Weltunordnung

Car­lo Ma­sa­la:
Welt­un­ord­nung

Die Pu­bli­ka­ti­ons­ge­schich­te des Buchs »Welt­un­ord­nung« von Car­lo Ma­sa­la be­stä­tigt in­di­rekt die sich im Ti­tel aus­drücken­de Fest­stel­lung. Die er­ste Auf­la­ge er­schien 2016. Zwei Jah­re da­nach ei­ne ak­tua­li­sier­te Ver­si­on. Und jetzt, 2022, nach der In­va­si­on der Ukrai­ne durch Russ­land, er­scheint ei­ne drit­te, aber­mals ak­tua­li­sier­te und um ein Ka­pi­tel er­gänz­te Auf­la­ge. So wer­den Be­fun­de des Au­tors be­legt und noch vor kur­zer Zeit für un­mög­lich ge­hal­te­ne Ent­wick­lun­gen wer­den plötz­lich Rea­li­tät.

Car­lo Ma­sa­la, 1968 ge­bo­ren, ist Pro­fes­sor für In­ter­na­tio­na­le Po­li­tik an der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr in Mün­chen. Ei­ner brei­te­ren Öf­fent­lich­keit wur­de er durch die mi­li­tä­ri­sche und geo­po­li­ti­sche Kom­men­tie­rung des Kriegs Russ­lands ge­gen die Ukrai­ne seit Fe­bru­ar 2022 be­kannt. Sein Idea­lis­mus dem ar­gu­men­ta­ti­ven Aus­tausch ge­gen­über ist so groß, dass er sich bis­wei­len so­gar ins Di­let­tan­ten­ge­tüm­mel der Po­lit­talk­shows stürzt. Wer sich dies er­spa­ren möch­te, kann im­mer­hin noch die­ses Buch le­sen. Und es lohnt sich.

Die Ar­beits­hy­po­the­se ist schnell for­mu­liert: Die Zei­ten­wen­de 1989/90 mit dem Zu­sam­men­bruch des bi­po­la­ren Sy­stems (USA vs UdSSR bzw. NATO vs War­schau­er Pakt) hat nach ei­nem kurz­zei­ti­gen Ho­ney­moon (»En­de der Ge­schich­te«) zu ei­ner ve­ri­ta­blen welt­po­li­ti­schen Un­ord­nung ge­führt. Aber, so stellt Ma­sa­la kühl fest: »Die Ver­su­che der ‘west­li­chen’ Welt […] ei­ne neue glo­ba­le Ord­nung zu schaf­fen, ha­ben in ei­nem nicht un­er­heb­li­chen Ma­ße da­zu bei­getra­gen, dass wir heu­te in ei­ner Welt der Un­ord­nung le­ben.« (»West­lich« wird hier na­tür­lich nicht als geo­gra­fi­sche son­dern als ge­sell­schaft­lich-kul­tu­rel­le Zu­ord­nung ver­stan­den.) Da­ne­ben gibt es mit dem in­ter­na­tio­na­len Ter­ro­ris­mus, Mi­gra­ti­ons­strö­men, Cy­ber­an­grif­fen und Pan­de­mien wei­te­re Her­aus­for­de­run­gen, die zur De­sta­bi­li­sie­rung füh­ren.

In den 2000er Jah­ren wur­de die »uni­la­te­ra­le Wen­de« der ame­ri­ka­ni­schen Si­cher­heits- und Au­ßen­po­li­tik durch ei­ne selt­sa­me Al­li­anz aus Neo­kon­ser­va­ti­ven und li­be­ra­len De­mo­kra­ten noch ver­stärkt. Die USA sa­hen »den Ein­satz mi­li­tä­ri­scher Macht­mit­tel als le­gi­ti­mes In­stru­ment […] um ih­re glo­ba­len Phan­ta­sien zu rea­li­sie­ren«. Da­bei sind al­le Mis­sio­nie­rungs­ver­su­che, die bis­wei­len un­ter dem Eu­phe­mis­mus der »hu­ma­ni­tä­ren In­ter­ven­ti­on« ge­framt wur­den und De­mo­kra­tie und freie Markt­wirt­schaft uni­ver­sa­li­sie­ren so­wie die » ‘west­li­che’ Vor­herr­schaft über den Rest der Welt« fest­schrei­ben soll­ten, ge­schei­tert. Die Li­ste ist lang, reicht »von Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na über Af­gha­ni­stan und den Irak bis hin zu Li­by­en« (und ist da­mit noch nicht ein­mal voll­stän­dig). Re­sul­tat: Zer­fal­len­de Staa­ten oder be­sten­falls ein­ge­fro­re­ne Kon­flik­te. Auch die ge­walt­sa­me Be­kämp­fung des is­la­mi­schen Ter­ro­ris­mus ist nur teil­wei­se ge­lun­gen.

Ma­sa­la be­legt dies an zahl­rei­chen Bei­spie­len, ana­ly­siert die Dop­pel­mo­ral des We­stens, der De­mo­kra­tie pre­digt, aber bei­spiels­wei­se »fal­sche« Wahl­aus­gän­ge (wie in Al­ge­ri­en 1991/92 oder der Tür­kei 1996) sa­bo­tiert oder kor­rup­te, aber ihm ge­wo­ge­ne Prä­si­den­ten an die Macht hievt (wie in der Ver­gan­gen­heit in Af­gha­ni­stan). Schließ­lich ver­wirft Ma­sa­la mit dem »Li­be­ra­lis­mus« und der Ver­recht­li­chung der Au­ßen- bzw. Welt­po­li­tik zwei Säu­len des ak­tu­el­len po­li­ti­schen Den­kens.

Letz­te­res wird kri­tisch be­fragt, denn wenn sich »in­ter­na­tio­na­le Straf­ge­richts­hö­fe mit macht­po­li­tisch pe­ri­phe­ren Er­eig­nis­sen« be­schäf­ti­gen, »die es si­cher­lich ver­dien­ten, auf­ge­klärt zu wer­den« ent­steht rasch der Ein­druck, »es han­de­le sich bei ih­nen um Sie­ger­ju­stiz und zu­gleich um In­stru­men­te, die ‘klei­ne­ren’ Staa­ten auf­ge­zwun­gen wer­den.« Hier wird aber­mals die Dop­pel­zün­gig­keit deut­lich, denn ei­ne völ­ker­recht­li­che Auf­ar­bei­tung des An­griffs­kriegs der USA ge­gen den Irak 2003 wird es nicht ge­ben.

Hart geht Ma­sa­la vor al­lem mit den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ins Ge­richt. Sie, die 1945 die in­ter­na­tio­na­len In­sti­tu­tio­nen mit auf­ge­baut hat­ten, be­gan­nen die neue Welt­la­ge für Al­lein­gän­ge aus­zu­nut­zen. Da­bei fing es zu­nächst ganz gut an. Die Ku­wait-In­va­si­on des Irak wur­de vom ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten Ge­or­ge Bush in ei­ner brei­ten Ko­ali­ti­on in­ner­halb der Ver­ein­ten Na­tio­nen völ­ker­recht­lich ab­ge­si­chert. Da­nach bröckel­te je­doch suk­zes­si­ve die Be­reit­schaft der Ver­ei­nig­ten Staa­ten, sich in­ter­na­tio­na­len Re­geln ein­zu­fü­gen. Da­bei geht es nicht nur um In­ter­ven­tio­nis­mus, son­dern auch um das Ge­gen­teil. Als Fol­ge des So­ma­lia-De­ba­kels 1993 ver­füg­te Bill Clin­ton, dass man sich an UN-ge­führ­ten Peace­kee­ping-Ope­ra­tio­nen nicht mehr be­tei­li­gen wer­den, wenn nicht vi­ta­le na­tio­na­le In­ter­es­sen der USA be­rührt sind. Da­her, so Ma­sa­la, ha­be man nicht an ei­ner ro­bu­sten UN-Mis­si­on in Ru­an­da teil­ge­nom­men – mit den Fol­gen ei­nes Ge­no­zids an 800.000 Men­schen. End­gül­tig ver­ab­schie­det ha­be man sich von der UN 1999, als die NATO im Ko­so­vo oh­ne Man­dat ein­griff. Vie­len an­de­ren In­sti­tu­tio­nen blie­ben die USA ent­we­der fern oder setz­ten ih­re Mit­ar­beit aus.

Sind Groß­mäch­te im­mer noch »die ei­gent­li­chen und zen­tra­len An­triebs­kräf­te der in­ter­na­tio­na­len Po­li­tik«? Und wie wird »Groß­macht« de­fi­niert? Mi­li­tä­risch ist die Vor­rang­stel­lung der USA zwar im­mer noch un­an­ge­foch­ten, aber der »Be­sitz mi­li­tä­ri­scher Macht ist […] nicht mehr mit der Fä­hig­keit gleich­zu­set­zen«, »ei­ge­ne In­ter­es­sen glo­bal durch­zu­set­zen.« Die­se Er­fah­rung ha­ben die USA in Viet­nam und vor al­lem zu­letzt in Af­gha­ni­stan und dem Irak ge­macht, »als deut­lich wur­de, dass es nach der er­folg­rei­chen Be­en­di­gung der mi­li­tä­ri­schen Hand­lun­gen in bei­den Län­dern kein Kon­zept für die Zeit da­nach gab.« Das »ame­ri­ka­ni­sche Nar­ra­tiv der De­mo­kra­ti­sie­rung« ver­lor an Glaub­wür­dig­keit. Man hat­te sich schlicht­weg zu sehr auf die rei­ne Er­obe­rung kon­zen­triert und die kul­tu­rel­len Ei­gen­hei­ten nicht aus­rei­chend be­rück­sich­tigt.

Dem­nach zählt nicht mehr die mi­li­tä­ri­sche Aus­stat­tung al­lei­ne, um Macht aus­zu­üben. Vor al­lem die öko­no­mi­sche Po­tenz ei­nes Staa­tes oder, im Fal­le der Eu­ro­päi­schen Uni­on, ei­nes mul­ti­na­tio­nal agie­ren­den Ak­teurs, ist von Wich­tig­keit. Hier ist die Welt längst mul­ti­po­lar. Die EU ist mi­li­tä­risch schwach, öko­no­misch aber stark. Ei­ne Son­der­rol­le in­ner­halb der EU nimmt hier Deutsch­land mit sei­ner ve­ri­ta­blen Ex­port­ab­hän­gig­keit ein. Zu­dem ist man ab­hän­gig von rus­si­scher En­er­gie und chi­ne­si­schen Zu­lie­fe­run­gen. Chi­na ist seit vie­len Jah­ren ei­ne öko­no­mi­sche Su­per­macht, rü­stet aber auch mi­li­tä­risch auf und er­hebt ag­gres­siv Macht­an­sprü­che im süd­chi­ne­si­schen Meer bis hin zur Dro­hung der »Wie­der­ver­ei­ni­gung« mit Tai­wan. Russ­land rü­stet sei­ne Nu­kle­ar­waf­fen­po­ten­tia­le auf und ist hier min­de­stens auf Au­gen­hö­he mit den USA. Öko­no­misch und vor al­lem de­mo­gra­phisch ist das Land al­ler­dings eher schwach. Auch In­di­en drängt auf die in­ter­na­tio­na­le Büh­ne. Zu­sätz­lich gibt es noch »das Phä­no­men öko­no­misch po­ten­ter Zwerg­staa­ten«, wie zum Bei­spiel die Golf­staa­ten mit ih­ren Öl- und Gas­vor­kom­men, die in­zwi­schen ak­tiv und ro­bust re­gio­nal­po­li­ti­sche Am­bi­tio­nen pfle­gen. Die uni­po­la­re Ord­nung seit 1990 mit der Do­mi­nanz der USA be­ginnt sich zu Gun­sten ei­ner Mul­ti­po­la­ri­tät auf­zu­lö­sen. Das er­in­nert zu­wei­len an die Welt­ord­nung En­de des 19. Jahr­hun­derts mit min­de­stens fünf (eu­ro­päi­schen) Groß­mäch­ten, von de­nen zwei (Deutsch­land und Frank­reich) ver­fein­det wa­ren.

Zur neu­en Un­ord­nung ge­hö­ren auch »Ad-hoc-Ko­ope­ra­tio­nen«. Da­mit sind Bünd­nis­se »zwi­schen den ge­gen­wär­ti­gen und den auf­stre­ben­den Groß­mäch­ten ge­meint«, die nur par­ti­ell und zur Er­rei­chung ei­nes ge­mein­sam for­mu­lier­ten Ziels ge­schlos­sen wur­den. Bei­spie­le wä­ren die Ver­hand­lun­gen um das Atom­ab­kom­men mit dem Iran, die (am En­de ge­schei­ter­ten) so­ge­nann­ten »Minsk«-Abkommen für die Lö­sung des von Russ­land in­iti­ier­ten Ukrai­ne­kon­flikts 2014 oder auch ei­ne mul­ti­la­te­ra­le Impfal­lianz als Kon­kur­renz zur WHO. Ge­mein ist die­sen Ko­ope­ra­tio­nen die tief­sit­zen­de Skep­sis ge­gen­über eta­blier­ten mul­ti­la­te­ra­len In­sti­tu­tio­nen, die, je grö­ßer sie (UNO, EU, NATO) sind, de­sto schwie­ri­ger ist es, ei­nen trag­fä­hi­gen Lö­sungs­an­satz zu fin­den, zu­mal, wenn das Ein­stim­mig­keits­prin­zip fest­ge­schrie­ben ist.

Ad-hoc-Ko­ope­ra­ti­on wä­ren fle­xi­bler und lö­sungs­ori­en­tier­ter. Schwie­rig könn­te es wer­den, die Ver­ein­ba­run­gen rechts­ver­bind­lich dau­er­haft zu le­gi­ti­mie­ren. So­wohl die USA wie auch Russ­land ha­ben in der jün­ge­ren Ver­gan­gen­heit aus fa­den­schei­ni­gen Grün­den bi- oder mul­ti­la­te­ra­le Ver­trä­ge ge­bro­chen bzw. sind aus­ge­tre­ten.

Zu Be­ginn stellt Car­lo Ma­sa­la fest, dass vie­le Po­li­ti­k­er­klä­rer und ‑be­ra­ter ent­we­der zu hi­sto­ri­schen Bei­spie­len grei­fen oder schlicht­weg »wünsch­ba­re Ord­nun­gen« for­mu­lie­ren. Dies ist ei­ne de­zen­te An­spie­lung auf Hen­ry Kis­sin­gers 2014 er­schie­ne­nes Buch »Welt­ord­nung«. Ma­sa­la will dar­über hin­aus ge­hen, ein »Plä­doy­er für ei­ne klu­ge, rea­li­sti­sche Po­li­tik für das 21. Jahr­hun­dert« ent­wickeln. Aus­ge­hend von der Hy­po­the­se, dass »stra­te­gi­sche Über­ra­schun­gen und Un­vor­her­sag­bar­keit von Ent­wick­lun­gen […] in Zu­kunft die Rah­men­be­din­gun­gen für au­ßen- und si­cher­heits­po­li­ti­sches Han­deln« wei­ter­hin dar­stel­len wer­den, plä­diert er für ei­ne »rea­li­sti­sche Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik«, die »se­lek­tiv und in Ko­ali­tio­nen der Wil­li­gen er­fol­gen« soll.

»Se­lek­tiv be­deu­tet in die­sem Fall für ei­nen Staat wie die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, dass er sein Han­deln strikt an sei­nen ei­ge­nen In­ter­es­sen aus­rich­ten muss. We­der Bünd­nis­so­li­da­ri­tät noch ei­ne wie auch im­mer emp­fun­de­ne Ver­ant­wor­tung für die Auf­recht­erhal­tung glo­ba­ler Sta­bi­li­tät sind un­ter den hier skiz­zier­ten Be­din­gun­gen ge­eig­net, pri­mä­re Zie­le deut­scher Au­ßen­po­li­tik zu sein.« Wie das na­tio­na­le In­ter­es­se de­fi­niert wird, ob­liegt ei­ner­seits der »geo­po­li­ti­schen La­ge der Bun­des­re­pu­blik als Zen­tral­macht Eu­ro­pas« und an­de­rer­seits der je­wei­li­gen Si­tua­ti­on. Nicht je­der Kon­flikt auf der Welt tan­giert deut­sche In­ter­es­sen und muss mit oder gar von Deutsch­land ge­löst wer­den.

Wei­ter­hin soll­te sich ei­ne neue, rea­li­sti­sche Au­ßen­po­li­tik »von der Fes­sel des selbst­ver­ord­ne­ten völ­ker­recht­li­chen Dog­mas lö­sen«. Die­ser Punkt dürf­te ei­ni­gen Ak­teu­ren zu­nächst auf­sto­ßen, aber Ma­sa­la il­lu­striert, wie völ­ker­recht­lich »kor­rek­tes« Han­deln bei­spiels­wei­se die Sou­ve­rä­ni­tät Deutsch­lands ein­schrän­ken könn­te: »Au­ßer im Fal­le ei­nes di­rek­ten An­grif­fes auf das Ter­ri­to­ri­um der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land, der mit Blick auf das Recht zur in­di­vi­du­el­len und kol­lek­ti­ven Selbst­ver­tei­di­gung je­den Staat da­zu er­mäch­tigt, oh­ne vor­her­ge­hen­de An­ru­fung des Si­cher­heits­ra­tes der Ver­ein­ten Na­tio­nen Ge­gen­maß­nah­men zu er­grei­fen, un­ter­wirft die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ih­re Ent­schei­dun­gen zum mi­li­tä­ri­schen Ein­grei­fen dem mög­li­chen Ve­to (oder po­si­tiv aus­ge­drückt der mög­li­chen Zu­stim­mung) je­des der fünf stän­di­gen Mit­glieds­staa­ten des UN-Si­cher­heits­ra­tes.« So­lan­ge die Ver­ein­ten Na­tio­nen kei­ne Re­for­men ein­lei­ten, be­stim­men un­ter Um­stän­den Län­der wie Russ­land oder Chi­na im Welt­si­cher­heits­rat in ih­rem Sinn deut­sche Si­cher­heits- und Ver­tei­di­gungs­po­li­tik. Die Fol­gen der Läh­mung die­ser In­sti­tu­ti­on sind ak­tu­ell seit dem 24.2.2022 zu er­ken­nen – das Ve­to der In­va­si­ons­macht Russ­land ver­hin­dert ent­schlos­se­nes, kon­zer­tier­tes Han­deln. Statt­des­sen über­neh­men EU und NATO in ei­ner »Ko­ali­ti­on der Wil­li­gen« den Schutz der Sou­ve­rä­ni­tät der Ukrai­ne.

Völ­ker­recht­li­che Ar­gu­men­ta­tio­nen bei po­li­ti­schen Ent­schei­dun­gen sind und blei­ben wich­tig, dür­fen aber nicht al­lei­ne po­li­ti­sche oder auch öko­no­mi­sche Ent­schei­dun­gen be­stim­men. An­son­sten dürf­te man kon­se­quen­ter­wei­se kei­ne Roh­stof­fe aus den ara­bi­schen Golf­re­gio­nen, Sau­di Ara­bi­en oder auch Chi­na ein­kau­fen. Wer Ent­wick­lungs­hil­fe an die Im­ple­men­tie­rung un­se­rer de­mo­kra­ti­schen Ver­fas­sung kop­pelt und die­se Län­der mis­sio­nie­ren möch­te, wird schei­tern. Das Er­geb­nis die­ser »Entweder-Oder«-Politik des We­stens ist die Prä­senz Russ­lands und vor al­lem Chi­nas in den roh­stoff­rei­chen Län­dern Afri­kas. Was öko­no­misch un­be­dingt ver­mie­den wer­den muss, sind mo­no­po­li­ti­sche Struk­tu­ren zu An­bie­tern wie dies am Bei­spiel Russ­land deut­lich wird. Lie­fer­ket­ten­ab­hän­gig­kei­ten mit chi­ne­si­schen Un­ter­neh­men sind eben­falls be­denk­lich ge­wach­sen. Da­bei war es bis vor we­ni­gen Jah­ren gän­gi­ge Po­li­tik, mit Russ­land und auch Chi­na Tech­no­lo­gie­trans­fer zu be­trei­ben. Hier wur­de ei­ne Gren­ze über­schrit­ten, die deut­schen In­ter­es­sen ent­ge­gen steht.

Ko­ali­tio­nen der »Wil­li­gen« – das sind kei­ne Lie­bes­hei­ra­ten, son­dern lo­se Zweck­bünd­nis­se, in der sou­ve­rä­ne Staa­ten un­ter­halb der Groß­macht-Ebe­ne, die nicht in al­len po­li­ti­schen Po­si­tio­nen deckungs­glei­che An­sich­ten ver­tre­ten, In­ter­es­sen in ei­nem kon­kre­ten Fall bün­deln. Die­ser Ent­wurf ei­ner neu­en Au­ßen- und Si­cher­heits­po­li­tik ist al­les an­de­re als be­quem. Deutsch­land als blo­ßer »Zahl­mei­ster«, der sich an­son­sten rhe­to­risch den USA an­schließt, hat aus­ge­dient. Da­bei plä­diert Ma­sa­la nicht für deut­sche Son­der­we­ge oder ei­ne neue Bis­marck-ähn­li­che Bünd­nis­po­li­tik. Aber dass ein Land wie die Bun­des­re­pu­blik si­cher­heits­po­li­tisch »In­ter­es­sen« hat, wur­de bis­her eher als Macht­ge­ha­be in­ter­pre­tiert und höch­stens auf öko­no­mi­scher Ebe­ne durch­ge­setzt (hier wä­re die Au­steri­täts­po­li­tik Mer­kels in der so­ge­nann­ten »Grie­chen­land-Kri­se« zu nen­nen). In die­sem Zu­sam­men­hang mag man an die am An­fang von den Ver­ei­nig­ten Staa­ten skep­tisch be­äug­te Ent­span­nungs­po­li­tik der so­zi­al-li­be­ra­len Re­gie­rung ab 1969 den­ken. Egon Bahr, der Ar­chi­tekt die­ser Po­li­tik, schrieb in sei­nem Me­moi­ren, man ha­be da­mals die USA über die Po­li­tik und de­ren Ab­sich­ten »in­for­miert« – und nicht um Zu­stim­mung ge­be­ten. Es war im In­ter­es­se der Bun­des­re­pu­blik, Er­leich­te­run­gen für die Deut­schen in der DDR zu er­rei­chen.

Die Not­wen­dig­kei­ten lie­gen klar auf dem Tisch, zu­mal Ma­sa­la die USA in der Zu­kunft als un­zu­ver­läs­si­gen Ver­bün­de­ten sieht. Das ist nicht neu, be­kommt je­doch in An­be­tracht der Ra­di­ka­li­sie­rung der US-ame­ri­ka­ni­schen In­nen­po­li­tik und der neu­en »Un­ord­nung« der Welt neue Bri­sanz. Wie so häu­fig droht für die Zeit nach Joe Bi­den nicht nur ei­ne Pha­se des ame­ri­ka­ni­schen Iso­la­tio­nis­mus, son­dern even­tu­ell so­gar die Ab­kehr der USA als Si­cher­heits­ga­rant für Eu­ro­pa.

Ma­sa­la nimmt mit sei­nem Mo­dell An­lei­hen bei dem ame­ri­ka­ni­schen Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Ste­phen M. Walt und sei­ner »Balance-of-threat«-Theorie (»Gleich­ge­wicht der Be­dro­hung«; die häu­fig ge­le­se­ne Über­set­zung »Gleich­ge­wicht des Schreckens« ist ver­wir­rend, da sie mit der Si­tua­ti­on wäh­rend des Kal­ten Kriegs ver­wech­selt wer­den kann). Des­sen Kern­the­se geht da­hin, dass Staa­ten Bünd­nis­se bil­den (bzw. bil­den soll­ten) um Be­dro­hun­gen aus­zu­glei­chen (die Ab­gren­zung von »Be­dro­hung« und »Ri­si­ko« wird in Ma­sa­las Buch er­läu­tert). Das »al­te« Nar­ra­tiv des Macht­aus­gleichs wird zwar nicht voll­stän­dig ver­wor­fen, scheint al­ler­dings in ei­ner Welt, in der Groß­mäch­te zu­se­hends an Ein­fluss ver­lie­ren, min­de­stens er­gän­zungs­be­dürf­tig. Zu­mal wenn, wie es ein­mal heißt, »die Groß­mäch­te kei­ne ge­mein­sa­me Idee« mehr von ei­ner Welt­ord­nung ha­ben.

Das neu ein­ge­brach­te Ka­pi­tel über den Russ­lan­d/U­krai­ne-Krieg bün­delt die ak­tu­el­len Di­lem­ma­ta. Ma­sa­la po­si­tio­niert sich hier ein­deu­tig. Die Ukrai­ne muss in ih­ren Ver­tei­di­gungs­be­mü­hun­gen un­ter­stützt wer­den. Ver­hand­lun­gen, in de­nen sie für ei­nen Waf­fen­still­stand ter­ri­to­ria­le Zu­ge­ständ­nis­se an Russ­land ma­chen müss­te, wä­ren das fal­sche Si­gnal: »Die Ge­fahr, die mit sol­chen ter­ri­to­ria­len Kon­zes­sio­nen an Russ­land ver­bun­den ist, ist die Tat­sa­che, dass sich Russ­land als re­vi­sio­ni­sti­sche Macht in sei­ner Wahr­neh­mung be­stärkt sieht, durch den Ein­satz mi­li­tä­ri­scher Mit­tel po­li­ti­sche Zie­le er­rei­chen zu kön­nen«. Der Au­tor ist al­ler­dings Rea­list ge­nug, um in der Zu­kunft Ris­se in der EU- und NA­TO-Ei­nig­keit zu se­hen, je län­ger der Krieg dau­ern und die wirt­schaft­li­chen Fol­gen spür­ba­rer wer­den soll­ten.

Bis­wei­len sind ei­ni­ge Ka­pi­tel des Bu­ches den Ent­wick­lun­gen von 2022 nicht im­mer an­ge­passt wor­den, et­wa wenn von den rus­si­schen Ak­ti­vi­tä­ten in der »Ost­ukrai­ne« die Re­de ist – ge­meint dürf­te da­mit wohl der Stand von 2018 mit den bei­den so­ge­nann­ten »Volks­re­pu­bli­ken« auf ukrai­ni­schem Ge­biet ge­meint sein. Zu­dem hät­te man ger­ne mehr Er­läu­te­run­gen von ihm zur »Balance-of-threat«-Idee ge­le­sen. Auch wä­re es in­ter­es­sant ge­we­sen, wie sich Ma­sa­la die wo­mög­lich not­wen­di­gen Kor­rek­tu­ren der post­ko­lo­nia­len Will­kür­gren­zen in Afri­ka und dem Na­hen Osten vor­stellt.

Aber das sind Pe­ti­tes­sen. »Welt­un­ord­nung« ist mit sei­ner kla­ren Ana­ly­tik, die in ei­nem po­pu­lär­wis­sen­schaft­li­chen Duk­tus ver­fasst wur­de, ein gran­dio­ser Wurf, zu­mal auch ei­ni­ge po­li­ti­schen Dog­men an­ge­spro­chen und sanft, aber be­stimmt, ent­zau­bert wer­den. Der Le­ser wird kon­si­stent und schlüs­sig mit den ak­tu­el­len geo­po­li­ti­schen Her­aus­for­de­run­gen ver­traut ge­macht. Das Buch ist ein idea­ler Aus­gangs­punkt für wei­te­re Be­schäf­ti­gung mit der Ma­te­rie. Lek­tü­re­vor­schlä­ge am En­de gibt es ge­nug (vie­le da­von lei­der nur in eng­li­scher Spra­che).

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  1. Al­so, die Idee, dass ein »Staat wie die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land [...] sein Han­deln strikt an sei­nen ei­ge­nen In­ter­es­sen aus­rich­ten muss«, lässt mich ver­mu­ten, dass Ma­sa­la ent­we­der ein Aus­län­der oder ein mu­ti­ger Igno­rant deut­scher Po­li­tik­ge­wohn­hei­ten ist. Mir sind kei­ne »ei­ge­nen In­ter­es­sen« be­kannt, je­den­falls nicht vom Hö­ren-Sa­gen; ich ken­ne in der deut­schen Au­ßen­po­li­tik nur prin­zi­pi­el­le Über­le­gun­gen, zum Bei­spiel Frau­en­rech­te. Das ist un­ser Ding! Fas­se ein all­ge­mein­gül­ti­ges Ziel, über­hö­he sei­ne Be­deu­tung, er­freue Dich an der ei­ge­nen Le­gi­ti­mi­tät, ver­ge­gen­wär­ti­ge Dein Schei­tern, und be­kla­ge Dich bei al­len. Dann fas­se ein neu­es Ziel. – Ich sym­pa­thi­sie­re den­noch mit der Ab­schaf­fung der Kli­schees bei Ma­sa­la: die völ­ker­recht­li­che Ord­nung ist als Ga­rant der Sta­bi­li­tät über­schätzt. Und der Li­be­ra­lis­mus ist als Ex­port­schla­ger nicht zu ge­brau­chen. Die Auf­fas­sung, die »Groß­mäch­te« wä­ren die Ge­stal­ter ei­ner Welt­ord­nung liegt seit 10 Jah­ren auch nicht mehr be­son­ders na­he. Eben­so gut könn­te man sie für das Ge­gen­teil ver­ant­wort­lich ma­chen. Es ist zum Mäu­se­mel­ken: ei­nes­teils brau­chen wir »Welt­ord­nung« in ei­nem mehr­deu­ti­gen und so­gar me­ta­phy­si­schen Sinn, und an­de­rer­seits sind wir nicht in der La­ge, in­ter­na­tio­na­le In­sti­tu­tio­nen zu schaf­fen, die die­ses Be­dürf­nis zu­ver­läs­sig ver­wal­ten könn­ten. Hat der Teu­fel sei­ne Hand im Spiel?!

  2. Ich kann Sie be­ru­hi­gen: Ma­sa­la ist Deut­scher und hat durch­aus Kennt­nis­se über die prin­zi­pi­en­treue Au­ßen­po­li­tik (die er im üb­ri­gen nicht di­rekt at­tackiert, aber sehr wohl kri­tisch sieht). Deut­sche In­ter­es­sen sind stark an öko­no­mi­schem »Flow« ge­kop­pelt: freie Han­dels­we­ge (welt­weit), mög­lichst we­nig Han­dels­hin­der­nis­se in Form von Zöl­len (bis dann deut­sche Un­ter­neh­men be­trof­fen sind – dann tritt man na­tür­lich da­für ein), si­che­re Gren­zen. Ein fun­da­men­ta­les In­ter­es­se ist die po­li­ti­sche Sta­bi­li­tät in Eu­ro­pa, die ja durch Russ­lands In­va­si­on ins Wan­ken ge­kom­men ist.

    Das Pro­blem liegt al­ler­dings auf der Hand: Mit »deut­schen In­ter­es­sen« kann man die Mer­kel-Po­li­tik des »Tech­no­lo­gie­trans­fers« mit Russ­land und Chi­na und dem Aus­bau der Han­dels­ver­bin­dun­gen bis hin zur Ab­hän­gig­keit nach­träg­lich auch recht­fer­ti­gen. Volks­wirt­schaft­lich ist ei­ne En­er­gie­ab­hän­gig­keit von > 50% na­tür­lich ei­ne Ka­ta­stro­phe, aber das woll­te man nicht se­hen. Wenn man – wie Lin­ke, AfD und vie­le SPD-Leu­te – die Ukrai­ne als Re­gio­nal­staat in der Nach­bar­schaft Russ­lands sieht, gibt es mit die­ser Sicht nach wie vor kei­ne Pro­ble­me. Das ist aber das Groß­macht­den­ken des 19. Jahr­hun­derts.

    Ei­ne prag­ma­ti­sche Au­ßen­po­li­tik ist nun das, was in punk­to Erd­gas und Erd­öl an­ge­dacht ist: Wenn wir un­se­re En­er­gie­ab­hän­gig­keit von ei­nem An­bie­ter re­du­zie­ren wol­len (bzw. müs­sen), blei­ben nur an­de­re Lie­fe­ran­ten. Die sind bis auf ei­ni­ge we­ni­ge Aus­nah­men (Nor­we­gen, USA), was Men­schen­rech­te et. al. an­geht, na­tür­lich auch kei­ne Mu­ster­bei­spie­le (Ka­tar, Sau­di-Ara­bi­en, usw.). Es dient aber den deut­schen In­ter­es­sen, hier trotz­dem tä­tig zu wer­den – oh­ne dass man die­se Län­der so­fort als »Freun­de« ein­stuft.

    Dass man »deut­sche In­ter­es­sen« so schwer aus­macht, liegt ja auch dar­an, dass sie bis­lang nur mit Scheck­bü­chern aus­ge­stat­tet wa­ren. Das ge­hört der Ver­gan­gen­heit an, weil die Glo­ba­li­sie­rung ge­ra­de ih­re Kin­der auf dem Grill hat.

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