Die­ter Bon­gartz: Va­ter­land

Dieter Bongartz: Vaterland
Die­ter Bon­gartz: Va­ter­land

Der Ti­tel die­ses Ro­mans ist von fei­ner Dop­pel­deu­tig­keit: Va­ter­land. Ge­meint ist nicht un­be­dingt das, was man sich dar­un­ter vor­stellt; in­di­rekt na­tür­lich schon. Da wird von je­man­dem er­zählt, der im Land des Va­ters lebt, dem Land, in der die Ver­gan­gen­heit nicht ver­gan­gen ist und da lebt der Va­ter, der Karl heißt, einst Vor­zei­ge­ober­ge­frei­ter, der vor der Reichs­kanz­lei bei Staats­be­su­chen in blank­ge­putz­ten Stie­feln die Gä­ste emp­fing, spä­ter dann ging es nach Nor­we­gen, die er­sten To­ten wa­ren Eng­län­der, die man fo­to­gra­fier­te, Tro­phä­en, dann Russ­land, er ist Feld­we­bel, »Po­si­ti­on 3351«, ein Hü­gel, den man »hal­ten« muss, er kann nicht auf den ein­zi­gen Rus­sen, der ihm dort be­geg­net, schie­ßen, et­was hält ihn zu­rück, statt­des­sen schießt der Rot­ar­mist, zwei Kopf­schüs­se, zer­schos­se­ner Mund, er wird aus der »Mat­sche­pam­pe« ins La­za­rett ge­tra­gen. Sech­zehn Mal wird Karl ope­riert, dann ei­ne Pfle­ge­an­stalt, er ist nur noch ein Kno­chen­ge­rip­pe, »Mit­glied im Bund der Hirn­ver­letz­ten«. »Sie müss­ten tot sein, sa­gen die Ärz­te« und sie schie­ben ihn zur An­schau­ung in die Hör­sä­le der Uni­ver­si­tä­ten.

Es ist aber auch die Ge­schich­te von Loui­se, da­mit be­ginnt al­les, wie sie, die klei­ne Loui­se, ih­ren Va­ter, den Kut­scher, be­wun­dert und ver­ehrt; Kind­heits­idyl­le. Und dann pas­siert das, was nicht pas­sie­ren darf, der Va­ter wird krank, tod­krank, er »be­lei­digt« sie mit sei­nem Tod und nun ist sie mit Heinz, dem Bru­der, und der über­for­der­ten Mut­ter al­lei­ne und sie müs­sen sich durch­schla­gen. Es sind die 1920er oder 30er Jah­re, Loui­se nimmt ei­ne Bü­ro­stel­lung an, ir­gend­wie lernt sie Karl ken­nen, ei­ne kon­fes­sio­nel­le »Misch­ehe«. Das Paar zieht von Qued­lin­burg ins Rhein­land, Ma­rie wird ge­bo­ren. Nach den Schüs­sen auf Karl be­sucht sie ihn Wo­chen oder Mo­na­te spä­ter, wird zu sei­nem Bett ge­führt und dann sagt sie das, was er nie ver­ges­sen wird: »Schwe­ster, das ist nicht mein Mann. Das ist nicht mein Mann. Nicht mein Mann …«. Im­mer wie­der. Trom­mel­feu­er.

Lan­ge bleibt Karl im Pfle­ge­heim und Loui­se hat ei­nen Ver­eh­rer, Gun­ther, das schlech­te Ge­wis­sen plagt sie, ob­wohl nichts pas­siert, au­ßer ein Kuss vor der Haus­tür, und dann sitzt plötz­lich Karl in der Woh­nung, wur­de ent­las­sen und al­les wird an­ders. Als die Ame­ri­ka­ner schon in der Stadt sind, wird der sehn­lichst er­war­te­te Sohn ge­bo­ren, Mi­chel soll er hei­ßen, spä­ter Mi­cha­el, neun Pfund, ein Pracht­kerl, aber Mi­chel sagt nichts, at­met nicht, er ist tot. Loui­ses Le­bens­trau­ma. Wa­ren es die Trop­fen, die die Ge­burt er­leich­tern soll­ten? War es der Abend mit Gun­ther, der Kuss, ei­ne Ra­che?

Es soll­te sechs Jah­re dau­ern, bis »der Jun­ge« ge­bo­ren wur­de, auch er heißt Mi­chel, ein spä­te­rer Mi­cha­el, dem er­sten Mi­chel wie aus dem Ge­sicht ge­schnit­ten, al­les gleich, nur le­ben­dig und fi­del. Und hier be­ginnt sie erst, die zwei­te Ge­schich­te des Va­ter­lands mit all ih­ren Brü­chen, aus­ge­leb­ten und un­ter­drück­ten Lei­den­schaf­ten, dem Le­bens­zwei­fel und ‑ekel von Loui­se und dem auf­trump­fen­den Karl, der beim Sonn­tags­skat im­mer al­le schlägt, Kreuz­wort­rät­sel löst, al­te Wit­ze er­zählt. Rhei­ni­sche Ge­sel­lig­keit, die auch nicht ge­stört wird durch den ein­sti­gen »Que­ru­lan­ten« und Ver­tei­ler »il­le­ga­ler Schrif­ten« Hil­le­brandt, der ihn vor al­len ein »Na­zi­schwein« nennt und sei­ne »Zah­len« zeigt.

Von nun wech­selt die Per­spek­ti­ve nicht mehr zwi­schen Loui­se und Karl, son­dern es wer­den Epi­so­den aus Michels/Michaels Le­ben er­zählt, der fast bis zum Schluss »der Jun­ge« blei­ben wird. Man liest von der Ver­ach­tung des Jun­gen sei­nem Va­ter ge­gen­über, was die­ser da­mals ge­tan (oder auch nicht ge­tan) hat, der Ver­zweif­lung der Mut­ter, die aus­bre­chen will (so­gar ei­ne Flucht zu Ver­wand­ten in der DDR er­wägt und bei ei­nem Be­such kind­lich na­iv den Gun­ter von vor zwei Jahr­zehn­ten sucht), der wil­den Af­fä­re des teil­ge­lähm­ten Va­ters mit Mar­tha, der wohl­ha­ben­den, ver­hei­ra­te­ten Rich­te­rin im Ort, die jäh en­det, dem Schei­tern des Ma­ler­ge­schäfts (Ge­richts­voll­zie­her ge­hen ein und aus), die An­bie­de­rung der gan­zen Fa­mi­lie an den be­tuch­ten On­kel, der am En­de des Sonn­tags­be­suchs 50 Mark un­ter dem Te­le­fon lie­gen lässt. Da ist der Schü­ler, der sich Putz­gers Hi­sto­ri­schen Welt­at­las wünscht und spä­ter, als Stu­dent mit lan­gen, blon­den Haa­ren zum »An­ar­cho-Syn­di­ka­li­sten« wird. »Nie­mals wie der, nie­mals wie die«, schwört er. Dann, als doch noch ein klei­ner Wohl­stand kommt, weil der Va­ter nach der Li­qui­die­rung des Ge­schäfts in­zwi­schen Ver­si­che­run­gen ver­kauft, er­krankt die Mut­ter an Krebs. Zu­sam­men­rücken. Tod.

Al­les schon mal ir­gend­wo ge­le­sen, ge­hört, ge­se­hen?

Mag sein. Aber nicht in die­ser Spra­che, die­sem atem­lo­sen Rhyth­mus, der Auf­zäh­lun­gen manch­mal nicht mehr durch Kom­ma­ta trennt, et­wa wenn es um die »Weh­mut Sehn­sucht Trau­rig­keit« in den Au­gen der Knei­pen­gän­ger geht oder wenn der Va­ter sich in ein Netz aus »Träu­men Fan­ta­ste­rei­en Deu­tun­gen« zu ver­stricken scheint. Wenn Sät­ze nicht durch Punk­te be­en­det, son­dern durch ei­nen kur­siv ge­setz­ten Back­ground-Chor un­ter­bro­chen wer­den, mal kom­men­tie­rend, mal iro­nisch; mal bö­se, mal mil­de. Nur da­zu da, um Stim­mung zu er­zeu­gen, zu ver­stär­ken oder – sel­te­ner – um­zu­lei­ten. Das Er­zäh­len im Prä­sens saugt den Le­ser in die kam­mer­spiel­ar­ti­gen Sze­ne­rien. Nur sel­ten wird ab­ge­rückt vom per­so­na­len Er­zäh­len, dann ver­wan­delt sich der Jun­ge kurz zum »Ich«, ei­ne Be­schwö­rung, fast ein Ge­bet, als Selbst­be­haup­tung ge­gen­über dem Va­ter: »Ich bin dein ein­zi­ger Sohn, den du lieb hast auf dei­ne Wei­se und der dich nicht lieb ha­ben kann auf sei­ne Wei­se, und ich ver­scho­ne dich nicht, denn du warst im­mer tot und bleibst im­mer tot und sollst im­mer tot blei­ben und mich nie­mals fin­den von Ewig­kei­ten zu Ewig­kei­ten …« Ja, der Ka­tho­li­zis­mus spielt im Rhein­land noch ei­ne Rol­le und Mi­cha­el kann es nicht ab­schüt­teln, selbst als Kom­mu­nist.

In­mit­ten des Er­zähl­flows ver­ha­ken sich ab­rup­te Tem­po­wech­sel. Dann wer­den Au­gen­blicke der­art zeit­lu­pen­ar­tig ver­dich­tet, das sie zu Un­ver­gess­bar­keits­pflöcken im Le­ser-Ge­dächt­nis wer­den. Da ist et­wa das Er­eig­nis auf der Hö­he 5531 oder das Ver­sin­ken des Jun­gen in die hi­sto­ri­schen Kar­ten des Welt­alt­las. Aber vor al­lem die Ster­be­sze­nen, der Tod von Loui­ses Va­ter, das Ster­ben von Mi­cha­els Mut­ter mit 62, die nie auf­ge­ge­be­ne Di­stanz des Jun­gen ihr ge­gen­über, die er spä­ter so oft be­reu­en und ihn fast zer­fres­sen wird, be­son­ders sein Fern­blei­ben beim 60. Ge­burts­tag, als die Mut­ter so sehn­süch­tig auf ei­nen Glück­wunsch war­te­te, wäh­rend er in Groß­bri­tan­ni­en war. Über­haupt, Lie­bes­be­wei­se, Be­rüh­run­gen gibt es in die­ser Fa­mi­lie so gut wie nie. Au­ßer Karls Ver­hält­nis zu Mar­tha, als be­reits ei­ne Be­rüh­rung reicht, um ihn wahn­sin­nig vor Geil­heit zu ma­chen. Dann, Jah­re spä­ter, der Tod des oft tot­ge­sag­ten und im­mer wie­der auf­ge­stan­de­nen Va­ters. Mi­cha­el ist nun 50, es ist nun das »En­de der Kind­heit«.

Ver­blüf­fend, wie we­nig man bis da­hin vom »Jun­gen« er­fah­ren hat. Er macht Fil­me, schreibt Bü­cher. Und dann er­wischt es auch ihn. Mit 40 be­reits Ho­den­krebs, ge­heilt, spä­ter dann, nach dem Tod der El­tern, Pro­sta­ta und Le­ber. Be­hand­lun­gen, Hoff­nun­gen, Schmer­zen, Sze­nen aus der On­ko­lo­gie. Schließ­lich Los­las­sen. Der Krebs als Fluch der Fa­mi­lie. Zum Schluss »der Hei­li­ge Geist«: Träu­me von ihm und den El­tern aus ei­ner an­de­ren, phan­ta­sier­ten Zeit.

Spä­te­stens am En­de ist klar, dass der Au­tor des Ro­mans vie­les von die­sem Mi­cha­el hat. Die­ter Bon­gartz war Kin­der­buch­au­tor, dreh­te Do­ku­men­tar­fil­me für das Fern­se­hen, schrieb Dreh­bü­cher u. a. für Mär­chen­fil­me und the­ma­ti­sier­te in Bü­chern und Fil­men den Rechts­extre­mis­mus in Deutsch­land. Er starb 2015. Zehn Jah­re nach sei­nem Tod liegt nun Va­ter­land vor, ein wuch­ti­ger, zu­gleich ex­pres­si­ver wie fi­li­gran-zar­ter Ro­man. Groß­ar­tig, das es die­sen Ro­man gibt.

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