Die un­zäh­li­gen Pfa­de des Ster­bens

Wie kann man die Fra­ge über die Recht­fer­ti­gung von Ster­be­hil­fe be­ant­wor­ten? Wie kann man ak­zep­tie­ren, dass auch schon Kin­der manch­mal ster­ben müs­sen? Wie kann man ver­ste­hen, dass je­mand noch in der Blü­te­zeit des Le­bens den so­ge­nann­ten Schnit­ter trifft?

Kei­ner kann Ant­wor­ten dar­auf ge­ben. Man kann nur ver­mu­ten, denn die Wahr­heit liegt, falls es über­haupt ei­ne gibt, hin­ter vie­len Fas­sa­den und Trug­bil­dern ver­bor­gen, und der größ­te Schlei­er vor un­se­ren Au­gen ist der der Un­wis­sen­heit und des ewi­gen Schwei­gens. Je­de Spe­ku­la­ti­on in die­se Rich­tung, je­de noch so be­grün­de­te An­nah­me ist, wie, wenn man in ei­nem gro­ßen kreis­för­mi­gen Saal steht, und von die­sem in al­le Rich­tun­gen Gän­ge ab­ge­hen, und die­se mit Vor­hän­gen ver­deckt sind. Schiebt man ei­nen Vor­hang bei­sei­te, so sieht man nichts als Dun­kel­heit und setzt man auch nur ei­nen Fuß hin­ter die Schwel­le der Fin­ster­nis, so geht man da­mit be­reits das Ri­si­ko ein, in die Schluch­ten des Irr­tums zu fal­len. Man kann war­ten, bis sich die Vor­hän­ge von sel­ber öff­nen, man den rich­ti­gen Weg ge­weist be­kommt, doch dann ist es mei­stens be­reits zu spät, noch aus ei­ge­ner Kraft um­zu­keh­ren. Ein frei­wil­li­ges Ge­hen, in zwei­er­lei Hin­sicht, kann dann nicht mehr er­war­tet wer­den. Schwer­wie­gen­des Weh­kla­gen und Jam­mern sind dann der Preis für ei­ne ge­rin­ge Ri­si­ko­freu­dig­keit. Soll­ten wir dann nicht lie­ber selbst den Weg der Wahr­heit su­chen? Je eher wir wis­sen, wel­chen Pfad wir spä­ter ein­schla­gen müs­sen, de­sto bes­ser kön­nen wir uns auf die Rei­se vor­be­rei­ten. Wir ha­ben im­mer­hin das Licht un­se­rer Ver­nunft, wel­ches uns we­nig­stens ei­nen klei­nen Teil der Dun­kel­heit hin­ter den Vor­hän­gen of­fen­bart.

War­um al­so nicht?

Was macht den ster­ben­den Men­schen aus? Ist der Tod nun wirk­lich der »Gleich­ma­cher« oder ist er et­was an­de­res? Wenn ich die­sen Be­griff hö­re, den­ke ich im­mer un­will­kür­lich an ei­nen Scharf­rich­ter mit ei­ner Axt. Wenn al­le Fä­den wirk­lich in ei­nem Punkt zu­sam­men­lau­fen, kann es im Grun­de doch nur ei­nen Ty­pus Tod ge­ben, der sich nur un­ter­schied­li­cher Mit­tel be­dient. Ist der Tod aber wirk­lich im­mer gleich?

Im Fol­gen­den wer­de ich ver­su­chen mich in die Rol­le ei­nes Ster­ben­den hin­ein­zu­den­ken. Ich bin mir im Kla­ren, dass es auch an­ders kom­men kann, doch ich ha­be mich für die je­weils ei­ne Va­ri­an­te ent­schie­den. Ich den­ke au­ßer­dem, dass das ei­ne gu­te Vor­be­rei­tung auf das ei­ge­ne En­de ist, denn erst das En­de krönt das Werk als Gan­zes, und dem En­de mit er­ho­be­nen Haupt und stol­zer Brust ent­ge­gen­zu­ste­hen, ver­leiht deut­lich mehr Wür­de und Eh­re.

Ich lie­ge in ei­nem Bett. Ich kann aber nicht mehr sa­gen, ob die­ses Bett zu Hau­se steht oder im Kran­ken­haus. Was macht das auch schon aus? Bei mei­ner schwe­ren Krank­heit kann es so­wie­so kei­ne Hei­lung ge­ben. Im Kran­ken­haus lä­ge ich dann doch nur auf der Pal­lia­tiv-Sta­ti­on. Man wür­de ei­gent­lich nur noch zu­se­hen, wie ich hier lang­sam kre­pie­re, ab und zu mir noch ir­gend­wel­che Me­di­zin ver­ab­rei­chen, de­ren Wir­kung un­ge­fähr de­rer ei­nes Pla­ce­bos ent­sprä­che. Und ein Bett ha­be ich zu Hau­se auch. Nur die­se selt­sa­men Schnü­re und Schläu­che nicht, und da­zu die­ses ewig mo­no­to­ne Pie­pen. Aber das hör­te ich schon nicht mehr, als ich nur drei Wo­chen im Kran­ken­haus lag. Al­so, ich weiß nicht, wo ich ge­ra­de bin. Ich kann nichts se­hen, kann nur noch be­grenzt hö­ren, und schon lan­ge nicht mehr spre­chen. Manch­mal be­mer­ke ich es aber den­noch, wenn je­mand bei mir ist und mit mir re­det. Sei­ne Wor­te er­schei­nen mir wie Ru­fe auf ei­nem gro­ßen Berg­mas­siv, ich glau­be ir­gend­ein fer­nes Schrei­en zu hö­ren, aber ich kann nicht ein Wort ver­ste­hen, es klingt so, als gin­gen die Ru­fe im tie­fen Ne­bel des Schmer­zes ver­lo­ren.

Be­sit­ze ich ei­gent­lich noch Oh­ren zum Hö­ren? Ich kann sie nicht füh­len. Be­sit­ze ich ei­gent­lich noch über­haupt ei­nen Kör­per? Fast könn­te ich mei­nen, mein Be­wusst­sein wä­re bloß nur noch ein Pro­gramm auf ir­gend­ei­nem Com­pu­ter. Der Com­pu­ter ist so fair und spielt mir we­nig­stens noch ein Ge­fühl der Schmer­zen vor, da­mit ich nicht voll­kom­men den Ver­stand ver­lie­re in die­ser schein­ba­ren Iso­la­ti­on.

Ich bin froh, dass der Schmerz so lang­sam nach­lässt und ich freue mich dar­auf, wenn er end­lich ver­sie­gen wird. Dann wird der Zeit­punkt kom­men, wo auch der letz­te Fun­ken Er­in­ne­rung ver­lo­ren ge­gan­gen ist, wenn der letz­te Trop­fen Blut ver­gos­sen wor­den sein wird, wenn ich das Schwert zu Bo­den le­ge und mich er­ge­be. Ich wünsch­te, ich wä­re jetzt schon da­zu im­stan­de, doch ich ha­be nicht den Mut los­zu­las­sen. Was ist denn dann mit mei­nen An­ge­hö­ri­gen, mei­ner Frau, mei­nen Kin­dern? Ich kann sie doch nicht ein­fach so im Stich las­sen, ich spü­re sie manch­mal ne­ben mir, und auch wenn ich nicht mehr hö­ren und se­hen kann, so spü­re ich doch trotz­dem in­ner­lich ein Wei­nen und Schluch­zen in ih­ren Ge­sich­tern. Ha­ben sie denn noch nicht be­grif­fen, dass auch mei­ne Zeit ir­gend­wann ab­ge­lau­fen ist?

Wenn ich so auf das Ver­gan­ge­ne blicke, das mit Tag und Nacht vor den Au­gen vor­bei flim­mert, dann über­zeugt es mich je­den Tag, je­de Stun­de, ja, so­gar je­de Mi­nu­te, da­von, doch end­lich mit dem Le­ben ab­zu­schlie­ßen. Ich ha­be viel er­reicht in mei­nem Le­ben, die Na­tur hat mir jetzt ein En­de ge­setzt, mein Kör­per ist un­ter dem ho­hen Druck des Al­ters schon zer­bro­chen, war­um al­so soll­te ich nicht end­lich die Ver­gan­gen­heit hin­ter mir las­sen, und zu neu­en Ufern auf­bre­chen?

Ja, end­lich ist es so­weit! Ich mer­ke, wie der Schmerz end­gül­tig auf­ge­hört hat, welch ein sü­ßes Ge­fühl das doch ist, viel schö­ner als je­de Form der Freu­de! Mei­ne kör­per­li­che Hül­le wer­de ich nun ent­gül­tig ab­wer­fen kön­nen. Aber was kommt dann?

Ich fah­re in mei­nem Au­to ge­müt­lich über ei­ne Stra­ße, es ist ei­ne schön kur­vi­ge Stra­ße an me­ter­ho­hen Klip­pen. Es ist schon dun­kel. Links die stei­le Fels­wand, rechts der Ab­grund, da­vor noch ei­ne dün­ne Leit­plan­ke, die schon fast vom An­gucken zer­bricht. Ich weiß nicht, wie tief es rechts her­un­ter­geht, ehe man auf das Meer trifft, aber so­weit ich weiß, könn­ten das gut und ger­ne 50 Me­ter und mehr sein. Was bin ich doch froh, dass mein Au­to noch funk­tio­nie­ren­de Schein­wer­fer hat! Und hier auf der un­be­fah­re­nen Ne­ben­stra­ße muss man auch gar nicht ab­blen­den. Was wohl mei­ne Frau und mei­ne Kin­der zu Hau­se ma­chen? Das Ar­beits­es­sen in ei­nem Ho­tel am Strand war zwar an sich ganz an­ge­nehm, aber zu Hau­se an­kom­men, ist im­mer noch das Schön­ste am Tag. Man hat sich den gan­zen Tag nur kon­zen­triert, von mor­gens bis abends, und nun muss man auch noch auf die Stra­ße mit ih­ren Kur­ven ach­ten, was ist es da doch schön, wenn man end­lich mal sei­ne Frau in den Arm neh­men kann, und al­le An­stren­gun­gen und Mü­hen ei­nes ver­gan­ge­nen Ta­ges ver­gisst. Im Ra­dio läuft wie im­mer nur schlech­te Mu­sik, und die Nach­rich­ten dort sind auch nicht mal das, was sie einst wa­ren. Bes­ser, ich schal­te es aus.

Ver­dammt, wo kommt denn auf ein­mal das Au­to da vor­ne her! Und die­ses hel­le Licht, hat der Such­schein­wer­fer am Au­to und hat er die Lam­pen zum Ge­bäu­de­an­strah­len ge­kauft?! Was war das für ein Ruckeln? Und für ein Kra­chen? War­um ha­be ich auf ein­mal das Ge­fühl zu schwe­ben? Was ge­schieht hier mit mir?

Fra­gen über Fra­gen, die mir da in den Kopf schie­ßen. Es ist so, als ob man sich im Krieg be­fin­det und ganz un­be­fan­gen sei­nen Kopf aus der Deckung hebt; ehe man sich ver­sieht, hat man et­li­che Ku­geln im Kopf, die je­weils den ste­chen­den Schmerz wie­der auf ei­nen neu­en Hö­he­punkt trei­ben. Die­se Fra­gen zer­mür­ben mich ge­nau­so. Doch mit ei­nem Schlag löscht die Ant­wort, die Er­kennt­nis al­le Zwei­fel, al­le Fra­gen, ein­fach al­les aus: Ich stür­ze mit mei­nem Au­to die Klip­pen her­un­ter!

Ja, die­se Ein­sicht löscht wirk­lich ALLES aus. Und mit je­der Se­kun­de, die sie in mei­nem Kopf über al­len Ge­dan­ken thront, wer­den mir im­mer mehr neue Bil­der ins Ge­hirn ge­schos­sen. Sind sie wirk­lich neu? Ich ken­ne sie doch! Es wa­ren all die ver­dräng­ten Ge­dan­ken, all die Er­in­ne­run­gen, die ich ir­gend­wann ein­mal ab­ge­legt ha­be und sie für nich­tig er­klär­te. Sie sind wohl doch nicht ganz so un­be­deu­tend, wie ich dach­te. Was ha­be ich da­mals nur ge­tan, dass aus­ge­rech­net MIR das ge­sche­hen muss?! Ha­be ich so sehr ge­sün­digt? Mein Gott, be­schüt­ze mich! Auch wenn ich dich nicht im­mer sah, nicht im­mer an dich glaub­te, du liebst doch al­le Men­schen, dann ret­te mich nur ein­mal, nur jetzt, ich wer­de um­keh­ren und dich prei­sen, aber BITTE schenk’ mir mein Le­ben!

Nichts ge­schah. Die­ser Mo­ment, ich glau­be, er war kaum län­ger als we­ni­ge Se­kun­den, aber er er­schien mir wie Mi­nu­ten, wie Stun­den, es ist schon er­staun­lich zu wel­chen Höchst­lei­stun­gen ich doch hier im­stan­de bin, wenn ich das doch nur im­mer im Be­ruf wä­re, dann wür­de mei­ne näch­ste Be­för­de­rung...

NEIN! Ich kann nicht mehr an das Geld den­ken! Was bringt mir all der Mam­mon, wenn mei­ne Fa­mi­lie un­ter mei­ner Ab­we­sen­heit lei­det? So häu­fig in letz­ter Zeit blieb ich fast den gan­zen Tag lang weg. Wie konn­te ich nur ver­ges­sen, was wirk­lich wich­tig ist im Le­ben?

Ich hö­re schon das Kra­chen der Ka­ros­se­rie, das Au­to schlägt jetzt auf, ich spü­re schon, wie mein Leib zer­quetscht wird, erst die Bei­ne, dann mein Rumpf und mei­nen Kopf spü­re ich schon gar nicht mehr. Es ist aus. Für im­mer. Aber was kommt dann?

Hier ste­he ich, in der Hand die Klin­ge, um den Hals den Strick. Hier ste­he ich, und es sind die letz­ten Mo­men­te mei­nes wert­lo­sen Le­bens, ehe ICH SELBST die­ser Far­ce ein an­ge­mes­se­nes En­de be­rei­ten wer­de. Ich ha­be nie­mals et­was er­reicht, wenn ich nach Hau­se ge­he, so sind da we­der Frau noch Kin­der, mein Ar­beits­platz ist mir neu­lich ge­kün­digt wor­den, nun muss ich Au­to und Haus ver­kau­fen. Ich ha­be mein gan­zes Le­ben lang nur auf Pro­fit und Reich­tum ge­ach­tet, je­de Form des Glücks kam zu kurz, es zähl­te nicht ei­ne Se­kun­de lang die Freu­de, wur­den mir An­ge­bo­te ge­macht, so ha­be ich im­mer nur dem mit der höch­sten Ren­di­te zu­ge­sagt. Jetzt ha­be ich den Preis da­für: Ich ge­be mir das ein­zig­ste, was mein Le­ben all die Zeit lang nur wert war, voll­kom­men un­be­ach­tet der teu­ren Klei­der an mei­nem Leib, oder der Au­tos, die mich an die un­ter­schied­lich­sten Or­te tru­gen, oder mei­ner ei­ge­nen vier lu­xu­riö­sen Wän­de, es zählt nur das nack­te Le­ben, und das war nicht mehr wert als der ei­ge­ne TOD.

Des­we­gen bin ich jetzt hier. Ich ste­he auf dem dicken Ast im Ap­fel­baum hin­term Haus. Um mei­nen Hals be­fin­det sich die raue Hanf­faser ganz vir­tu­os zu ei­nem Kno­ten ge­wickelt, wie er sonst ei­gent­lich nur bei Hin­rich­tun­gen üb­lich ist. Da­für ist die­ser Baum hier mein ganz per­sön­li­cher Gal­gen! Und in der rech­ten Hand hal­te ich ein Mes­ser, ein Kü­chen­mes­ser der fein­sten Art, sei­ne Klin­ge ist min­de­stens 20 cm lang und aus rost­frei­em Edel­stahl. Falls ich mich zu den ei­nen Schritt nicht traue, so kann ich we­nig­stens mir noch die Keh­le oder die Puls­adern auf­schnei­den, oder ich boh­re tief in mei­ne Brust, um mei­nen kran­ken Herz den letz­ten Stoß zu ge­ben.

Wenn ich so auf mein Le­ben zu­rück­blicke, dann ent­decke ich doch nur Schlech­tes, von vor­ne bis hin­ten nur ei­ne ein­zi­ge Qual. War­um al­so soll­te ich noch wei­ter­le­ben wol­len? Be­las­se ich die ge­leb­ten Jah­re doch ein­fach bei dem, was sie sind, schlie­ße mit ih­nen ent­gül­tig ab, so wie man die Ak­ten der ver­gan­ge­nen Fäl­le ins Ar­chiv legt, so le­ge ich auch mein Le­ben ein­fach bei­sei­te.

Nun ha­be ich die Wahl: Gal­gen oder Mes­ser? Schritt oder Schnitt? Er­hän­gen oder Ab­ste­chen? Ich füh­re die Klin­ge an mei­ne Keh­le. Sie ist furcht­bar kalt, aber in ihr spie­gelt sich mein Ge­sicht. Was für ein lei­den­der und ge­quäl­ter Ge­sichts­aus­druck! Ich werf das Mes­ser weg und er­he­be mein rech­tes Bein für das Fi­na­le. Nun ver­la­ge­re ich mein Ge­wicht, stür­ze lang­sam vom Ast, wo­bei »stür­zen« das fal­sche Wort ist, wohl eher »rut­schen«, dann fal­le ich ein klei­nes Stück. Die Schlin­ge zieht sich zu.

Da ich nicht sehr tief ge­fal­len bin, zer­bricht es mir nicht mein Ge­nick, es schnürt mir nur den Hals zu. Die Luft bleibt mir weg, kein Blut strömt mehr ins Ge­hirn. In den letz­ten Au­gen­blicken be­vor mein Blick schwarz wird und al­le Ge­dan­ken in die Lee­re stür­zen, führt die Ago­nie noch ein paar Bil­der vor mein in­ne­res Au­ge. Bil­der, die mich mit Freu­de er­füllt ha­ben, die wirk­lich schö­nen Mo­men­ten an­ge­hört ha­ben. Wie konn­te ich sie nur ver­ges­sen? Jetzt, wo es kein zu­rück mehr gibt, wo ich nicht ein­mal mehr ei­nen Schmer­zens­schrei äu­ßern kann, da über­kommt mich plötz­lich Reue. Ja, ich be­reue es, dass ich mir selbst den Tod ge­ben woll­te. Es gibt doch im­mer noch Hoff­nung, selbst dann, wenn es für den Au­gen­blick nicht so aus­sieht. Ver­dammt, wie konn­te ich das nur tun? Und wo ist bloß das Mes­ser, wenn man es braucht? Selt­sa­me Far­ben­spie­le hu­schen durch mein Blick­feld, erst ganz hel­le leuch­ten­de Far­ben, dann im­mer dunk­ler, bis schließ­lich al­les schwarz wird. Aber was kommt dann?

Es war ein ganz nor­ma­ler Ar­beits­tag. Ich ha­be ge­ar­bei­tet wie im­mer. Es ge­schah nichts be­son­de­res – wie im­mer. Mei­ne Fa­mi­lie er­war­tet mich wie im­mer. Da bin ich al­so nun, ha­be mich ge­ra­de mit­hil­fe mei­nes An­ge­stell­ten­dienst­aus­wei­ses von der Ar­beit ab­ge­mel­det, und bin nun auf dem Weg zur Tief­ga­ra­ge. Un­glück­li­cher­wei­se ist der Auf­zug ka­putt, des­we­gen muss ich mei­ne mü­den Bei­ne durch das Trep­pen­haus quä­len. Stu­fe für Stu­fe, Trep­pe für Trep­pe stei­ge ich hin­un­ter. Un­glaub­lich, wie sehr ich mich freue, mei­ne Frau und mei­ne Kin­der wie­der­zu­se­hen. So in Ge­dan­ken ver­sun­ken be­mer­ke ich nicht, wie hin­ter ei­ner Tür zu ir­gend­ei­nem Ge­rä­te­raum ein Au­gen­paar her­vor­linst. Die Tür ist nur ei­nen klei­nen Spalt of­fen, doch was ich nicht weiß, ist, dass sie sich im­mer wei­ter öff­net und ein mas­kier­ter Mann mit ei­ner Pi­sto­le zum Vor­schein kommt. Als er an­fängt zu brül­len, be­mer­ke ich ihn. Un­ter sei­ner Mas­ke, die er wohl aus ei­ner Woll­müt­ze her­ge­stellt hat, wird fast je­des Wort ver­schluckt. Das ein­zi­ge, was ich hö­ren kann, sind Frag­men­te wie »Geld her« oder »gibt mir dei­ne Dienst­kar­te«. Ich schaue auf sei­ne Pi­sto­le und oh­ne zu zö­gern ge­be ich ihm mei­ne Geld­bör­se. Ver­dammt, was da so al­les drin ist...

Nicht nur Geld, son­dern auch mein Per­so­nal­aus­weis, mein Füh­rer­schein, mei­ne Fahr­zeug­pa­pie­re, so­gar noch die Ki­no­kar­ten für mich und mei­ne Frau. Der Mann durch­wühlt mein Port­mon­naie, er scheint et­was zu su­chen, was er nicht fin­den kann. Er fragt mich, wo mein Dienst­aus­weis ist. Was heißt er fragt, er brüllt mich an. Da fällt es mir plötz­lich wie­der ein: Ich ha­be ihn oben vor dem Ab­mel­de­au­to­ma­ten lie­gen las­sen. War ich denn so per­plex? Die net­te Kol­le­gin, die mich da noch ge­grüßt hat, hat mich wohl so sehr be­ein­druckt, dass ich das bei­na­he Wich­tig­ste ver­ges­sen ha­be. Was für ein Mist auch! Der Mann wird ner­vös, als ich ihm das er­läu­te­re. Ich bie­te ihm mit vor­sich­ti­ger Stim­me an, noch ein­mal hoch­zu­ge­hen, und den Aus­weis zu ho­len. Ob­wohl ich so­gar freund­li­cher und zu­rück­hal­ten­der bin, als wie bei mei­nem Chef, wird der Mann nur noch mehr ag­gres­siv. Er flucht laut und schießt auf mich, erst ein­mal, dann noch ein­mal und das drit­te Mal lässt auch nicht lan­ge auf sich war­ten. Die Ku­geln ste­chen schwer in mei­nem Leib. Plötz­lich sind da un­ge­heu­re Schmer­zen, wo vor­her nur Glück und Freu­de war, so­dass ich zu Bo­den sin­ken muss. Ich sin­ke auf die Knie und fas­se mir an den Leib. Fast schon kon­trol­lie­rend fah­re ich mit der lin­ken Hand über mei­nen Rumpf. Ich spü­re nur schwe­re Schmer­zen und das war­me Blut an mei­ner Hand. Ich muss wür­gen, beu­ge mich ein Stück vor und spucke Blut aus mei­nem Mund. Dann hö­re ich oben ei­ne Frau schrei­en und noch mehr Schüs­se. Just in die­sem Au­gen­blick wird mir erst klar, dass ich ei­nem Raub­mord zum Op­fer ge­fal­len bin. Ich fra­ge mich, wie ich nur jetzt schon aus dem Le­ben schei­den kann, ich ha­be doch noch Frau und Kin­der, und letz­te­re sind noch längst nicht alt ge­nug, um den Ver­lust ih­res Va­ters zu ver­kraf­ten. Ich muss mit den Trä­nen kämp­fen, mei­ne Au­gen wer­den bei den Ge­dan­ken an mei­ne Fa­mi­lie ganz feucht. Doch ich se­he, dass ich nun nicht mehr ent­kom­men kann, ich las­se das hin­ter mir, was ge­sche­hen ist, ich ge­be auf zu hof­fen, lang­sam sin­ke ich vorn­über, bis mein Kopf dann auf dem Bo­den auf­schlägt. Ich hät­te es euch noch ger­ne ge­sagt, mei­ne Lie­ben, aber ich kam nicht mehr da­zu: Lebt wohl! Aber was kommt dann?

Wie man an die­sen vier Bei­spie­len, die bei­na­he je­den Be­reich der mög­li­chen Ster­bens­ar­ten ab­decken, un­schwer er­ken­nen kann, ist, dass der Tod, ob­wohl er doch im Grun­de im­mer gleich ist, er be­stimmt das En­de des le­ben­den Or­ga­nis­mus, so viel­fäl­tig wie sonst nichts auf die­ser Er­de sein kann.

Was ist aber nun ge­nau der Un­ter­schied zwi­schen dem na­tür­li­chen Tod als Bei­spiel und et­wa dem Sui­zid? In bei­den Fäl­len wird un­ser Le­ben be­en­det und wir ha­ben noch Zeit uns da­von zu ver­ab­schie­den. Selbst wenn wir schein­bar au­gen­blick­lich ster­ben, et­wa bei ei­ner Ex­plo­si­on, wo un­ser Kör­per in tau­sen­de Fet­zen zer­ris­sen wird, und wir noch nicht ein­mal den Schmerz spü­ren, selbst wenn wir wie bei ei­nem Spreng­stoff­at­ten­tat noch un­be­wusst di­rekt ne­ben der Bom­be ste­hen, so ist es doch IMMER so, dass un­ser Le­ben noch ein­mal re­vi­diert wird. Wir kön­nen es hier un­ten auf der Er­de je­doch nicht er­ken­nen, dass so et­was aus­nahms­los ge­schieht. Denn ich wa­ge zu sa­gen, dass je­der ster­ben­de Mensch noch die Ge­le­gen­heit er­hält, in­ner­halb von Se­kun­den noch ein­mal sein Le­ben kom­plett wie ei­ne Film­rol­le ab­zu­wickeln. Viel­leicht ist es so­gar so, dass wir das in ei­ner Art und Wei­se, ins­be­son­de­re der Ge­schwin­dig­keit, tun, wie wir Men­schen sie gar nicht ken­nen. Viel­leicht kann das Op­fer des Bom­ben­at­ten­tats, noch wäh­rend sein Kör­per zer­ris­sen wird, in we­ni­gen Tau­send­stel­se­kun­den, sich noch in­ner­lich ver­ab­schie­den.

Wir wis­sen nicht, wie es wirk­lich ist, weil der Tod wie ein ei­ser­ner Vor­hang un­über­wind­bar und un­heim­lich am schein­ba­ren En­de einer­je­den Exi­stenz steht. Doch da wir im Tod doch ALLE gleich sind, egal ob Mensch oder Tier, müs­sen wir die­sen Zu­stand der Ent­in­di­vi­dua­li­sie­rung doch noch am ei­ge­nen Lei­be er­fah­ren. Wenn es nun so wä­re, dass die vor­an­ge­gan­ge­nen Bei­spie­le je­weils ei­ner an­de­ren Per­son auf den un­ter­schied­lich­sten Welt­tei­len, in den un­ter­schied­lich­sten per­sön­li­chen Si­tua­tio­nen, zu­ge­ord­net wor­den wä­ren und sie al­le zur glei­chen Zeit ster­ben, sie viel­leicht vor­her noch nicht­mals ih­re Spra­che ver­stan­den, so ist es doch so, dass sie im Tod von all den un­be­deu­ten­den ir­di­schen Um­stän­den be­freit sind, wenn sie sich tref­fen könn­ten, wahr­schein­lich so­gar ein­an­der ver­ste­hen könn­ten. Sie sind wie wei­ßes Pa­pier, das man von sei­ner Schrift be­rei­nigt hat. Doch ge­nau dar­in liegt die Va­ri­anz des Im­mer­glei­chen, in dem »Wie«, der Weg ist hier das Ziel. Die Art und Wei­se, auf der die Ge­stor­be­nen ih­re Iden­ti­tät ver­lo­ren ha­ben, ist ge­nau­so in­di­vi­du­ell wie je­ne selbst.

Die Fra­ge, wel­cher Weg nun der Rich­ti­ge ist, um an das Bild der Saa­les mit den Vor­hän­gen an­zu­knüp­fen, kön­nen wir ge­nau­so we­nig be­ant­wor­ten, wie wir dem Na­men­lo­sen ei­nen Na­men ge­ben kön­nen. Das Leucht­kraft un­se­res Ver­stan­des reicht nicht aus, um Licht ins Dun­kel zu brin­gen. Wir kön­nen nur die Hin­wei­se, die uns durch frem­de Mäch­te ge­ge­ben wer­den, deu­ten. Des­we­gen kann ich dem In­di­vi­du­um nur emp­feh­len, dass es je­den Weg kennt, denn das ge­dank­li­che Be­schrei­ten sämt­li­cher theo­re­tisch mög­li­cher Pfa­de ist die ein­zi­ge Art und Wei­se, auf den Tod vor­be­rei­tet zu sein. Nur, wenn man je­de Idee mit­ein­an­der auf­ge­wo­gen, je­de The­se und je­des Ar­gu­ment ge­gein­an­der lau­fen ge­las­sen hat, kann man sich si­cher sein, sich auf der rich­ti­gen Sei­te zu be­fin­den. Es liegt dann am In­di­vi­du­um, den ei­ge­nen Fo­kus zu set­zen, um den für sich selbst be­sten Glau­ben zu fin­den.

Die­se Fak­ten wer­fen ein ganz neu­es Licht auf den Tod. Sie las­sen ihn als Phan­tom er­schei­nen, da er an je­dem Ort, in je­der Si­tua­ti­on, in je­der Ge­stalt, in je­der Art und Wei­se und zu je­der Zeit auf­tre­ten kann. Aber die­ses neue To­des­bild ver­än­dert ei­gent­lich nichts an den be­stehen­den Tat­sa­chen, es ver­deut­licht nur um so mehr, ins­be­son­de­re ge­gen­über der ver­mensch­lich­ten und per­so­ni­fi­zier­ten Al­le­go­rie des Sen­sen­manns, die Über­le­gen­heit und die all­um­fas­sen­de Macht die­ses, doch ei­gent­lich so ba­na­len, Vor­gan­ges. Was die­ses Et­was der nun­mehr viel­fäl­tig­sten Ge­walt der Er­de noch viel mehr ver­un­heim­licht, ist die sche­men­haf­te My­stik, die er den Men­schen ge­gen­über zeigt. Wir wis­sen von ihm, wir kön­nen ihn als ei­nen Teil des Le­bens er­ken­nen, aber uns wird auf Er­den nie­mals sei­ne wah­re, kom­plet­te In­te­gri­tät er­sicht­lich sein. Es wirkt bei­na­he so, als hät­te die­ses frag­men­ta­ri­sche Se­hen, Er­ken­nen und Ver­ste­hen ei­nen Zweck, was mich zu­min­dest zu­tiefst be­un­ru­higt.

Denn die Er­kennt­nis, nicht wis­sen zu KÖNNEN, was mir nach mei­nem Tod wi­der­fah­ren wird, weckt in mir ein Ge­fühl der Ver­säum­nis. Was ha­be ich nicht oder zu viel ge­tan, da­mit mir das vor­ent­hal­ten bleibt?

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9 Kommentare zu »Die un­zäh­li­gen Pfa­de des Ster­bens«:

  1. Julia Marie sagt:

    Ein sehr be­we­gen­der Text. Un­glaub­lich sen­si­bel und bis zum En­de durch­dacht. Der Tod ist ein gro­ßes My­ste­ri­um, dass der Mensch nie ganz er­grün­den wird. Lei­der ver­ges­sen wir viel zu oft, dass er über uns al­len steht.

    #1

  2. Count Lecrin sagt:

    Dan­ke für das Kom­pli­ment! Ich wähl­te die­sen Weg des nie­der­ge­schrie­be­nen Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ments haupt­säch­lich, weil ich mei­ne Fä­hig­kei­ten für das Schrei­ben von epi­schen Pro­sa­tex­ten et­was te­sten und trai­nie­ren woll­te.

    #2

  3. Zu den Bei­spie­len gä­be es viel zu sa­gen. Sie sind sehr am­bi­tio­niert er­zählt und ver­su­chen ei­gent­lich das Un­mög­li­che zu er­zäh­len. Die Idee, dass ei­nem das Le­ben noch ein­mal Re­vue pas­siert, ist auf­grund von Aus­sa­gen von so­ge­nann­ten Nah­tod­erfah­run­gen ent­stan­den. Sie ist hef­tig um­strit­ten, da ja nicht nach­ge­wie­sen wer­den kann, dass die Er­eig­nis­se tat­säch­lich so­zu­sa­gen aus dem Tod her­aus ent­sprin­gen; es könn­ten ge­nau­so gut »nor­ma­le« Träu­me sein. (Nicht un­be­dingt ein Aus­weis se­riö­ser Wis­sen­schafts­pu­bli­zi­stik, aber auf die Schnel­le ein Ar­ti­kel aus der Rhei­ni­schen Post über die Skep­sis mit dem Um­gang sol­cher Er­leb­nis­se: hier.)

    Ich hal­te den Tod we­der für ein Phan­tom noch für ei­nen ba­na­len Vor­gang. Dies wird auch aus den Bei­spie­len nicht ab­ge­lei­tet. Die Um­stän­de mö­gen ba­nal, nich­tig oder gar zu­fäl­lig sein – der Tod an sich ist es nicht. Er ist – das ist mei­ne The­se – kon­sti­tu­ie­rend. Zwar kommt er oft zu früh (manch­mal auch zu spät), aber dies ist nur ein Emp­fin­den der Men­schen und los­ge­löst von jeg­li­cher Lo­gik.

    Es klingt ko­misch, aber am mei­sten ha­be ich von Witt­gen­stein bzgl. die­ser Pro­ble­ma­tik ge­lernt. Ein kal­ter Blick (in frü­hen Jah­ren ge­schrie­ben). Im Trac­ta­tus, den er für lan­ge Zeit für das/sein Welt­erklä­rungs­buch schlecht­hin hielt (und dann spä­ter da­von ab­rück­te) heisst es:

    6.431 Wie auch beim Tod die Welt sich nicht än­dert, son­dern auf­hört.
    6.4311 Der Tod ist kein Er­eig­nis des Le­bens. Den Tod er­lebt man nicht.
    Wenn man un­ter Ewig­keit nicht un­end­li­che Zeit­dau­er, son­dern Un­zeit­lich­keit ver­steht, dann lebt der ewig, der in der Ge­gen­wart lebt.
    Un­ser Le­ben ist eben­so end­los, wie un­ser Ge­sichts­feld gren­zen­los ist.

    (Her­vor­he­bung von mir)

    Ich glau­be, dass un­se­re Angst oder Furcht we­ni­ger vor dem Tod als vor dem Vor­gang des Ster­bens be­steht. Dies wird in­di­rekt in die­sem Satz von Witt­gen­stein aus­ge­drückt (ob­wohl er un­se­re Angst vor der Ap­pa­ra­te­me­di­zin noch gar nicht kann­te).

    Wei­ter:

    6.4312 Die zeit­li­che Un­sterb­lich­keit der See­le des Men­schen, das heißt al­so ihr ewi­ges Fort­le­ben auch nach dem To­de, ist nicht nur auf kei­ne Wei­se ver­bürgt, son­dern vor al­lem lei­stet die­se An­nah­me gar nicht das, was man im­mer mit ihr er­rei­chen woll­te. Wird denn da­durch ein Rät­sel ge­löst, dass ich ewig fort­le­be? Ist denn die­ses ewi­ge Le­ben dann nicht eben­so rät­sel­haft wie das ge­gen­wär­ti­ge? Die Lö­sung des Rät­sels des Le­bens in Raum und Zeit liegt a u ß e r h a l b von Raum und Zeit.(Nicht Pro­ble­me der Na­tur­wis­sen­schaft sind ja zu lö­sen.)

    Und dann auch gleich der To­des­stoss für die re­li­giö­se Trö­stung auf Er­den:

    6.432 W i e die Welt ist, ist für das Hö­he­re voll­kom­men gleich­gül­tig. Gott of­fen­bart sich nicht i n der Welt.

    6.44 Nicht w i e die Welt ist, ist das My­sti­sche, son­dern d a s s sie ist.

    Man kann das kri­ti­sie­ren, aber au­ßer viel­leicht Ca­mus ist mir da nichts Ra­tio­na­le­res mehr be­geg­net; für mich ei­ne sä­ku­la­re Trö­stung. Mein Ziel ist, in die­sem Geist zu »ster­ben«. (Und ich weiss jetzt schon, dass es mir wohl nicht ge­lin­gen wird.)

    #3

  4. Count Lecrin sagt:

    Be­züg­lich der in­di­vi­du­el­len An­sich­ten vom Tod kann man sich wahr­schein­lich jah­re­lang strei­ten. Und ge­nau die­se Un­si­cher­heit ist ja das, was uns Men­schen dar­an so fas­zi­niert.
    Ich den­ke, hier soll­te man eher we­ni­ger Kri­tik an ein­zel­nen Po­si­tio­nen üben, son­dern viel­mehr ver­su­chen die­se nach­zu­voll­zie­hen (sinn­ge­mäß ha­be ich das ja auch im Bei­trag selbst er­wähnt).

    #4

  5. lou-salome sagt:

    Ster­be­pro­zes­se
    @Count Le­crin: Ha­be Ih­ren Bei­trag mit gro­ßem In­ter­es­se ge­le­sen und muss trotz des sehr in­ter­es­san­ten The­mas aus zeit­li­chen Grün­den pas­sen, wei­ter als u.a. zu ant­wor­ten, es ist so ein wei­tes Feld und es gibt da­zu so viel zu sa­gen, zu schrei­ben.
    Aus mei­nem pri­va­ten und z.T.auch aus mei­nem be­ruf­li­chen Um­feld kann ich zu Um­gang mit dem Ster­ben und dem Tod be­stä­ti­gen, dass aus Un­si­cher­heit und Angst die Aus­ein­an­der­set­zung mit dem Tod ver­mie­den wird. Und je jün­ger man/frau ist, de­sto wei­ter wird die­ses The­ma aus dem All­tag ver­drängt ( ist aber m.E. auch ver­ständ­lich, ich ha­be An­fang zwan­zig auch we­ni­ger als heu­te an das (ei­ge­ne) Ster­ben und den Tod ge­dacht).
    Und ich ha­be mit den Jah­ren ge­lernt, be­ob­ach­tet und mit­ge­fühlt, das Er­fah­run­gen und per­sön­li­che Merk­ma­le ei­nes Men­schens den Um­gang mit der Le­bens­end­pha­se mit be­ein­flus­sen und es liegt auf der Hand, dass das Le­bens­al­ter ei­nes Men­schen da­zu bei­trägt, sich mit dem The­ma ‘ei­ge­ner Tod’ ver­mehrt aus­ein­an­der­zu­set­zen.
    Aber auch Le­bens­zu­frie­den­heit, weil ein in sich zu­frie­de­ner Mensch den Tod eher an­neh­men kann ( so ster­ben zu kön­nen, wä­re mein Wunsch, ist aber noch ein lan­ger Weg), so­zia­le In­te­gra­ti­on ( ge­bor­ge­ne und po­si­ti­ve Kon­tak­te zum so­zia­len Um­feld) und na­tür­lich re­li­giö­se Bin­dun­gen, weil die­se Men­schen in ih­rem Glau­ben Halt fin­den und ehr­fürch­tig den Tod an­neh­men.

    Ih­re an­ge­führ­ten li­te­ra­ri­schen Bei­spie­le sind sehr ein­fühl­sam, sen­si­bel be­ob­ach­tet und be­schrie­ben und ich spü­re beim Le­sen, wie sehr Sie sich da­mit aus­ein­an­der­ge­setzt ha­ben. Die­sen In­hal­ten müss­te man mehr Be­ach­tung zol­len und dar­auf ein­ge­hen; K.G. hat da­zu ei­ni­ge in­ter­es­san­te Sät­ze no­tiert.
    Viel­leicht fin­den Sie hier noch neue in­ter­es­san­te wis­sen­schaft­li­che Bei­trä­ge

    #5

  6. Count Lecrin sagt:

    Fein­bild Tod
    Erst­mal vie­len Dank für Ihr In­ter­es­se und Ih­rer Hoch­ach­tung!
    Ich glau­be, dass der Mensch im Tod ein Feind­bild ge­schaf­fen hat, wel­ches er fort­wäh­rend be­kämpft. Im Fern­se­hen, in Nach­rich­ten et­wa, er­fährt man zwar in re­la­ti­ver Häu­fig­keit von Leid, Tod und Ster­ben, aber das The­ma wird da­bei m.E. im­mer nur voll­kom­men ge­fühl- und herz­los ab­ge­han­delt. Die kom­mer­zi­el­len Me­di­en (Fil­me, Fern­seh­se­ri­en, Mu­sik etc.) ver­mei­den da­bei mei­stens völ­lig, die­ses The­ma auch nur im ge­ring­sten zu tan­gie­ren.
    Des­we­gen wür­de ich sa­gen, dass der Mensch da­zu er­zo­gen wird, sich NICHT mit dem The­ma Tod aus­ein­an­der­zu­set­zen. Wer das trotz­dem tut, ist so­zu­sa­gen ein »Re­bell«, ein Quer­den­ker. Die leicht ne­ga­ti­ve Kon­no­ta­ti­on die­ser Be­grif­fe sagt auch schon vie­les über die ge­sell­schaft­li­che An­er­ken­nung aus, reich, be­rühmt oder be­liebt wer­den kann man da­mit eher sel­ten. Das ist dann wohl ein wei­te­rer Grund, die­se The­ma­tik lie­ber aus dem All­tag zu ver­ban­nen.

    Ich glau­be, stark darf sich nur der­je­ni­ge nen­nen, der weiß, dass er in sei­ner ei­ge­nen Ver­gäng­lich­keit sei­nen Be­zwin­ger ge­fun­den hat. Wenn ich mir per­sön­lich das über­le­ge, wird mir klar, wie leicht man da­bei schei­tern kann...

    #6

  7. Zehner sagt:

    War­um, so fra­ge ich mich,
    soll man den Tod als et­was Ne­ga­ti­ves be­trach­ten? Ist er nicht die Voll­endung und mit­hin die Über­win­dung des Le­bens? Wer emp­fin­det sei­ne Exi­stenz (zu­min­dest manch­mal) nicht als an­stren­gend, un­be­frie­di­gend und sinn­los?
    Wie hier schon rich­tig ge­sagt wur­de: Die mei­sten Men­schen ha­ben Angst vor dem Ster­ben, nicht vor dem Tot­sein.

    Was kommt dann? Ich glau­be, dass da­nach nichts kommt. Es ist ein­fach aus. Un­ser Ge­hirn mag noch so hoch ent­wickelt sein, oh­ne bio­lo­gi­sche Füt­te­rung kann es doch nicht fort­be­stehen. Ist es nicht tröst­lich, dass das gan­ze Pla­nen, Sor­gen und Hof­fen ei­nes Ta­ges mal ein En­de ha­ben könn­te?

    Sehr schö­ner Bei­trag üb­ri­gens. Die Ein­be­zie­hung sol­cher The­men stellt ei­ne Auf­wer­tung für Herrn Keu­sch­nigs oh­ne­hin äu­ßerst in­ter­es­san­tes Blog dar.

    #7

  8. Count Lecrin sagt:

    Das En­de krönt das Werk
    Aus­sa­gen, so sinn­ge­mäß dem Ti­tel, ha­be ich schon öf­ters ge­hört. Ich den­ke, Sie ha­ben Recht mit dem Be­griff der »Voll­endung«.

    Ich stim­me Ih­nen aber nicht be­züg­lich der ma­te­ria­li­sti­schen Theo­rie bzgl. des Nichts’ nach dem Tod zu. Ich per­sön­lich glau­be nicht nicht an ein Le­ben da­nach, wahr­schein­lich hal­te ich ein sol­ches für ei­nen per­sön­li­chen Hoff­nungs­schim­mer.

    Vie­len Dank im Üb­ri­gen für Ih­re Hoch­ach­tung!

    #8

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