Der klei­ne Franz und der spin­ner­te Schor­schl

Ein Salz­bur­ger Traum

Um 1910 wa­ren in den öster­rei­chi­schen Städ­ten vie­le Pfer­de un­ter­wegs, sie zo­gen Wa­gen und Kut­schen ver­schie­den­ster Art. In Wien fuhr im Ju­ni 1903 die letz­te Pferdestraßen­bahn, doch schwe­re Gü­ter wur­den wei­ter­hin in er­ster Li­nie von Pfer­den be­för­dert. Die Pho­bie des klei­nen Hans, die Freud an­hand der Auf­zeich­nun­gen des Va­ters des Kna­ben 1909 be­schrieb und ana­ly­sier­te, die Angst des Kna­ben vor Last­pfer­den, be­son­ders dann, wenn sie mit den Bei­nen »Kra­wall ma­chen«, muß zu­nächst ein­mal ganz rea­li­stisch ge­we­sen sein, zu­mal die Fa­mi­lie in der Un­te­ren Via­dukt­gas­se ge­gen­über von ei­nem La­ger­haus wohn­te, wo ein re­ger Ver­kehr von Fuhr­wer­ken herrsch­te. Freud tritt dem Vor­wurf, bei der Be­hand­lung der Pho­bie wür­den dem Kna­ben Din­ge vor al­lem se­xu­el­ler Na­tur le­dig­lich sug­ge­riert, of­fen­siv ent­ge­gen. Sei­nen wohl­ab­ge­wo­ge­nen Ar­gu­men­ten zum Trotz kann man sich bei der Lek­tü­re auch mehr als hun­dert Jah­re spä­ter des Ein­drucks nicht er­weh­ren, daß Freud und sein Ana­ly­se­ge­hil­fe (Han­sens Va­ter) das fa­mi­liä­re Ge­sche­hen nicht nur se­xua­li­sie­ren, son­dern mit Sym­bol­wer­ten – die dann al­le in ein und die­sel­be Rich­tung zei­gen – re­gel­recht über­la­den. Rie­si­ge Fuhr­wer­ke in un­un­ter­bro­che­ner Fol­ge gleich vor der Haus­tür, soll­ten sie ei­nen vier­jäh­ri­gen Jun­gen et­wa nicht erschre­cken? Das ist doch so, wie wenn ei­ne Fa­mi­lie heu­te an ei­ner Ortsdurchfahrt­straße wohnt, auf der in ei­nem fort mo­to­ri­sier­te Last­wa­gen zu ge­wal­ti­gen La­ger­haus­kom­ple­xen – et­wa der Fir­men Ho­fer oder Lutz – vor­bei­b­rau­sen. Vor al­ler Sor­ge um die se­xu­el­le Ent­wick­lung des Kin­des wer­den sich sei­ne El­tern vor al­lem Ge­dan­ken ma­chen, wie sie si­cher­stel­len kön­nen, daß es nie­mals von ein im Ernst­fall wohl fa­ta­len Ver­kehrs­un­fall be­trof­fen sein wird.

Der Ost­deut­sche, in Böh­men auf­ge­wach­se­ne, in Kalks­burg bei Wien zur Schu­le ge­gan­ge­ne Schrift­stel­ler Franz Füh­mann träum­te im Mai 1977 wäh­rend ei­nes kur­zen Be­suchs in der Stadt Salz­burg von ei­nem Pferd, das ihn zum rei­ßen­den Fluß wälz­te und hin­ein­warf. In sei­nem gro­ßen Trakl-Es­say Vor Feu­er­schlün­den be­rich­tet er kurz da­von: »Ros­se stie­gen aus ei­nem Brun­nen und wälz­ten mich durch den Stein der Stadt und stürz­ten mich in die rot­schäu­men­de Salz­ach, die ihr Stein­bett über mir schloß.« 1977 gab es in Salz­burg nur noch we­ni­ge Pfer­de, die Tou­ri­sten in Fia­kern be­för­der­ten. Ich selbst wohn­te da­mals in der Max­gla­ner Vor­stadt un­weit vom Alm­ka­nal und hör­te abends manch­mal Huf­ge­trap­pel, das mich fast mär­chen­haft an­rühr­te, bis ich ei­nes Ta­ges den Ka­nal ent­lang spa­zier­te und auf die Scheu­ne stieß, in der Fia­ker­pfer­de die Nacht zu­brach­ten. Je­der, der Tra­kls Dich­tung kennt, wird sich bei der Kennt­nis­nah­me von Füh­manns Traum an ein Ge­dicht er­in­nern, in dem Rös­ser vor­kom­men, und zwar mit der­sel­ben Wort­wahl und gleich­falls im Plu­ral. Das 1910 ver­faß­te Ge­dicht Die schö­ne Stadt nimmt ein den Salz­bur­gern ver­trau­tes Bild aus der Wirk­lich­keit auf, näm­lich den Brun­nen auf dem Re­si­denz­platz, wo stei­ner­ne Pfer­de aus dem Was­ser tau­chen oder – bei Füh­mann – stei­gen. Zu Leb­zei­ten Tra­kls war die Stadt aber noch von le­ben­di­gen Pfer­den be­völ­kert, so daß der tro­chä­isch-vier­he­bi­ge, ex­pres­si­on­stisch-pro­to­koll­haf­te Satz »Rös­ser tau­chen aus dem Brun­nen« sich eben­so auf die we­ni­ge Geh­mi­nu­ten vom Re­si­denz­brun­nen ent­fern­te Pfer­de­schwem­me be­zie­hen könn­te, wo in noch nicht mo­to­ri­sier­ten Zei­ten er­hitz­te und ver­schmutz­te Pfer­de ge­kühlt und ge­wa­schen wur­den.

Rös­ser tau­chen aus dem Brun­nen... Füh­mann hat­te al­so ein Ge­dicht ge­träumt, ver­mischt mit den Ta­ges­re­sten sei­ner Salz­bur­ger Spa­zier­gän­ge, und in­eins da­mit ein zwei­tes Ge­dicht, das er we­der in sei­nem Es­say noch in sei­ner Traum­aus­ar­bei­tung zi­tiert: Vor­stadt im Föhn aus dem Jahr 1911 (beim Früh­stück im Ho­tel liest Füh­mann dann in der Zei­tung vom Föhn, der am Vor­tag meh­re­re Op­fer ge­for­dert ha­be). Wie­der­um be­rührt sich unmittel­bares Er­le­ben mit den traum­haf­ten Bil­dern des Ge­dichts. Und ein Ka­nal speit plötz­lich fei­stes Blut / Vom Schlacht­haus in den stil­len Fluß hin­un­ter. Die Sze­ne­ri­en der schö­nen Stadt kip­pen in die Wahr­neh­mung des Grau­ens, oh­ne daß der Ort wech­seln wür­de. Aus­ge­ar­bei­tet hat Füh­mann die­sen Traum in ei­nem erst nach sei­nem Tod (1984) ver­öf­fent­lich­ten Text, der aus dem ei­nen Satz ei­ne klei­ne Ge­schich­te macht – kein Ge­dicht, son­dern ein er­zähl­tes Nach­ein­an­der mit zwei deut­lich von­ein­an­der ge­schie­de­nen Tei­len und an­ge­deu­te­ten Über­gän­gen, Ver­wand­lun­gen in der Mit­te. Das träu­men­de Ich treibt ei­nen Fluß mit röt­li­chen Schlie­ren hin­un­ter, wäh­rend aus Lö­chern in der Ufer­fas­sung Blut­fä­den rin­nen. Im zwei­ten Teil fin­det sich der Träu­men­de in ei­ner was­ser­ge­füll­ten Mul­de wie­der, of­fen­bar die Scha­le ei­nes Brun­nens, und ei­ne Stim­me mur­melt (wie Was­ser): Rös­ser tau­chen aus dem Brun­nen, Rös­ser tau­chen aus dem Brun­nen, im­mer wie­der den­sel­ben Satz. Der Traum­text wie­der­holt das Zi­tat drei­mal, ehe es als Li­ta­nei und zu­letzt als blo­ßes Sau­sen ver­klingt. Ein Roß – und nicht meh­re­re Rös­ser, wie es im Es­say heißt – ist aus dem Brun­nen ge­stie­gen und wälzt nun den Träu­men­den zu­rück in den Fluß, aus dem es her­auf­ge­kom­men war. Das Was­ser wird im letz­ten Satz als grau und, noch ein­mal, rot­schlie­rig be­schrie­ben.

Man kann, wie ge­sagt, die­sen knapp zwei Sei­ten lan­gen Text als li­te­ra­ri­sier­te Traum­erzählung le­sen, die sich ver­mut­lich ein gu­tes Stück vom wirk­lich Ge­träum­ten ent­fernt. (Wer kann schon sa­gen, was er »wirk­lich« ge­träumt hat!) Noch bes­ser liest oder sieht man ihn aber als Film, als er­zäh­len­de Ab­fol­ge von Bil­dern im Sin­ne des­sen, was Füh­mann im Es­say, wo er in im­mer neu­en An­sät­zen den Par­al­le­len zwi­schen Ge­dicht und Traum nach­sinnt, über die­se Ver­wandt­schaft schreibt. Ein Ge­dicht mit traum­ar­ti­gen Bil­dern sei »kei­ne Ge­mäl­de­skiz­ze«, be­tont Füh­mann, »es ist so et­was wie ein Sa­men­korn ei­nes Fil­mes; ein in sich ge­schlos­se­nes Voll­ende­tes und zu­gleich of­fen als Frei­brief für ei­nen Traum.« Ge­nau die­se Frei­heit nimmt sich Füh­mann, wenn er zwei Ge­dich­te Tra­kls in­ein­an­der­fügt und zu­gleich aus­ein­an­der­fal­tet und das Gan­ze, al­so das neue li­te­ra­ri­sche Ge­bil­de, das aus der zu­gleich vi­su­el­len und sen­si­ti­ven In­ter­pre­ta­ti­on her­vor­geht, mit den Wahr­neh­mun­gen sei­nes zwei­ten Be­suchs in Salz­burg – nach dem er­sten in sei­ner weit zu­rück­lie­gen­den Kind­heit – ver­setzt. Um die­sem Text, der in Band 7 der Füh­mann-Werk­aus­ga­be den Ti­tel »Salz­bur­ger Traum (Nach dem Wie­der­sehn und Wie­der­ver­las­sen, Mai 1977)« trägt, ge­recht zu wer­den, müß­te ich ihn als Dreh­buch be­grei­fen und in Film­bil­der um­set­zen, doch da­zu rei­chen we­der mei­ne Fä­hig­kei­ten noch mei­ne Mit­tel. Das Ge­dicht, eben­so dicht und oft ge­nug selt­sam wie ein Traum, hat die Ge­stalt ei­nes Kerns (oder Korns oder Keims), der vom Le­ser zum Auf­ge­hen und wo­mög­lich zum Blü­hen ge­bracht wer­den soll. Ei­nen sol­chen Pro­zeß, ver­schlun­gen und fast ein gan­zes Le­ben wäh­rend, hat Füh­mann in sei­nem Trakl-Es­say ex­em­pla­risch vor­ge­führt. Je­ne Traum­erzählung aber, sie gleicht ei­ner Blü­te, die stell­ver­tre­tend für die In­ter­pre­ta­ti­on ste­hen kann und Pol­len ent­hält, die uns wer weiß wo­hin füh­ren.

Muß man denn al­les im­mer gleich in­ter­pre­tie­ren? Muß man über­all Sym­bo­le und Sinn­bil­der se­hen? Der Psy­cho­ana­ly­ti­ker muß, sei­ne Theo­rie lei­tet ihn da­zu an, sie flößt ihm ih­ren In­ter­pre­ta­ti­ons­zwang ein. In den sieb­zi­ger Jah­ren ha­ben der Psych­ia­ter Fé­lix Guatta­ri und der Phi­lo­soph Gil­les De­leu­ze ihr Den­ken ge­gen die­se Zwän­ge ge­rich­tet und sich über das Pa­pa-Ma­ma-Häns­chen-Drei­eck lu­stig ge­macht. Das Un­be­wuß­te »repräsen­tiert nichts, aber es pro­du­ziert, es be­deu­tet nichts, aber es funk­tio­niert«, po­stu­lie­ren sie im An­ti-Ödi­pus. In der Freud­schen Ana­ly­se ver­weist das Pferd im­mer auf je­mand an­de­res, mei­stens auf den Va­ter. Manch­mal kann es auch die schwan­ge­re Mut­ter »be­deu­ten«: die Be­deu­tungs­spen­der sind für den Psy­cho­ana­ly­ti­ker äu­ßerst fle­xi­bel, sie kön­nen in di­ver­sen Kon­tex­ten ein­ge­setzt wer­den. Füh­manns Salz­bur­ger Traum bie­tet kein In­diz, um das aus dem Brun­nen stei­gen­de Pferd mit sei­nem längst ver­stor­be­nen Va­ter in Ver­bin­dung zu brin­gen. An­de­rer­seits ha­ben auch wir un­ser Be­lie­ben, und so wol­len wir es denn ver­su­chen. Die Trakl-Ur­sze­ne in Füh­manns Le­bens­ge­schich­te, auf den »drit­ten oder vier­ten Mai 1945« da­tiert, ist eng mit Füh­manns Va­ter ver­bun­den. Als jun­ger Sol­dat muß­te der Sohn am näch­sten Tag zu­rück zur Wehr­macht, was zu die­sem Zeit­punkt Tod oder Ge­fan­gen­schaft be­deu­te­te. Der Va­ter, ein Apo­the­ker wie Trakl (und des­sen Va­ter), be­schäf­tigt sich an die­sem Abend mit sei­nen Re­zep­tu­ren, wäh­rend der Sohn in ei­nem kurz zu­vor in ei­nem An­ti­qua­ri­at er­stan­de­nen Band Trakl-Ge­dich­te liest. Füh­manns Er­zäh­lung zu­fol­ge, die ei­nen au­to­bio­gra­phi­schen An­spruch stellt, aber auch das Zwie­licht fer­ner Er­in­ne­run­gen ver­strömt, war sein Va­ter Ge­org Trakl 1914 in Po­len be­geg­net, wo sich bei­de als An­ge­hö­ri­ge der k. u. k. Ar­mee auf­hiel­ten. In sei­nem letz­ten Ge­dicht ver­ar­bei­te­te der Salz­bur­ger Dich­ter Er­leb­nis­se wäh­rend der Schlacht bei Gro­dek. Füh­mann zi­tiert mehr­mals dar­aus: Al­le Stra­ßen mün­den in schwar­ze Ver­we­sung.

Sein Va­ter er­in­nert sich in der Trakl-Ur­sze­ne an den »spin­ner­ten Schor­schl«, der Un­men­gen Wein trank und »Ge­dich­terln« schrieb, die sei­ne Ka­me­ra­den nicht ernst nah­men. Füh­mann be­schrieb die­sen Va­ter in an­de­ren Tex­ten als fa­na­ti­schen Na­zi und Orts­grup­pen­lei­ter der Par­tei im böh­mi­schen Roch­litz; sein Bio­graph Gun­nar Decker be­zwei­felt die hi­sto­ri­sche Rich­tig­keit die­ser Dar­stel­lung, die er auf die selbst­anklä­ge­ri­sche an­ti­fa­schi­sti­sche Ob­ses­si­on zu­rück­führt, die den Au­tor jahr­zehn­te­lang nicht los­ließ. Füh­mann ge­riet in so­wje­ti­sche Ge­fan­gen­schaft, wur­de »um­er­zo­gen«, zeig­te sich lan­ge Zeit dank­bar da­für. Auch in der »neu­en Ge­sell­schaft« stieß er auf Va­ter­fi­gu­ren, ge­gen die er erst spät zu re­bel­lie­ren be­gann. Die Rol­le ei­ner ab­strakt au­to­ri­tä­ren, gleich­sam pa­tri­ar­cha­len In­stanz spiel­te für ihn – wie für vie­le an­de­re – der Mar­xis­mus und be­son­ders die äs­the­ti­sche Dok­trin des so­zia­li­sti­schen Rea­lis­mus, die den All­tag des Schrift­stel­lers als sy­ste­ma­ti­sche Ein­fluß­nah­me der Kul­tur­po­li­tik auf sein Schaf­fen be­stimm­te. Ein Bei­spiel ist der so­ge­nann­te »Bit­ter­fel­der Weg«, den Füh­mann zu­nächst, En­de der fünf­zi­ger Jah­re, mit Be­gei­ste­rung ging, spä­ter aber so ei­gen­wil­lig in­ter­pre­tier­te, daß er just durch sei­ne Auf­fas­sung li­te­ra­ri­scher »Werk­tä­tig­keit« in Kon­flikt zur Dok­trin ge­riet. Man muß nicht die Psy­cho­ana­ly­se stra­pa­zie­ren, um zur Fest­stel­lung zu ge­lan­gen, daß Füh­mann sich und sein Werk erst be­frei­en konn­te, als er die­se Au­to­ri­tät zu hinter­fragen be­gann. Die­ser Pro­zeß hat sei­ne An­fän­ge in den frü­hen sieb­zi­ger Jah­ren; aus­ge­löst wur­de er durch den Pra­ger Früh­ling und des­sen Un­ter­drückung im Som­mer 1968 (wo­bei zu be­den­ken ist, daß die­se Er­eig­nis­se in der al­ten Hei­mat Füh­manns statt­fan­den und daß er da­mals schon seit ei­ni­ger Zeit tsche­chi­sche Ly­rik ins Deut­sche über­setz­te). Erst in die­ser letz­ten Pha­se, als er zu­dem sei­ne Al­ko­hol­krank­heit be­kämpf­te, ge­lang es ihm, sei­ne Schaf­fens­kraft recht ei­gent­lich zu ent­fes­seln. Man könn­te die Pas­sa­gen der Auseinander­setzung mit der mar­xi­sti­schen Äs­the­tik und der DDR-Kul­tur­bü­ro­kra­tie im Rah­men ei­nes Trakl-Es­says als un­nö­ti­ge Ab­schwei­fun­gen ab­tun; tat­säch­lich ist der dar­in be­schrie­be­ne schritt­wei­se Be­frei­ungs­pro­zeß ein we­sent­li­cher, ja, ent­schei­den­der Teil sei­ner Er­fah­rung mit Tra­kls Ge­dicht. Erst nach dem spä­ten Va­ter­mord – im Freud­schen Sinn als Zer­brechung über­lie­fer­ter Denk­kor­set­te – ge­lingt es ihm, den Sinn des Tra­klschen Ge­dichts in sei­ner Viel­falt und Am­bi­va­lenz zu ent­schlüs­sen. Zu ent­schlüs­seln und auf sich be­ru­hen zu las­sen, da es sich ra­tio­na­lem, auf Ein­deu­tig­keit und Par­tei­nah­me be­dach­tem Ver­ste­hen ent­zieht.

Auf die­sem Um­weg be­kä­me nun auch das Pferd aus Füh­manns Salz­bur­ger Traum sei­nen Sinn. Die Pol­len der bei­den Ge­dich­te – Die schö­ne Stadt und Vor­stadt im Föhn – füh­ren am En­de zu­rück zum Ich, das sich in traum­haf­tem Ver­ste­hen und Wei­ter­spin­nen der flim­mern­den Tra­klschen Bild­welt öff­net. Das Pferd wälzt das Traum-Ich zum Fluß, bei­de stür­zen hin­ein, das Was­ser und die Fin­ster­nis schlie­ßen sich »über uns«, al­so über bei­den. Al­le Stra­ßen mün­den in schwar­ze Ver­we­sung, heißt es im Gro­dek-Ge­dicht, das Füh­mann in der Traum­er­zäh­lung nicht zi­tiert. Vor Feu­er­schlün­den be­rich­tet noch von ei­nem zwei­ten Trakl-Traum, wo der Dich­ter als Fi­gur auf­tritt, in ei­ner Hal­tung und mit ei­ner Kopf­be­deckung, die an ein über­lie­fer­tes Fo­to er­in­nert (dies zu den »Ta­ges­re­sten«). Füh­mann träum­te die­sen Traum in ei­ner Ent­zie­hungs­an­stalt in Ro­stock, wo er sei­ne Al­ko­hol­sucht los­wer­den woll­te. »Ich zech­te mit mei­nem Va­ter, und Ge­org Trakl sah uns zu, mit schief­ge­neig­ter Ge­stalt, ei­ne Pu­del­müt­ze auf dem Schä­del, und in sei­ner Hand ei­ne Kin­der­klap­per. Ich stritt wü­tend mit mei­nem Va­ter; er [Trakl] hör­te zu und sag­te kein Wort, er be­tä­tig­te auch die Klap­per nicht; er stand lä­chelnd wie der Tod, ein lin­ki­sches Lä­cheln, und mit ei­nem Mal war er ver­schwun­den, und da war auch der Streit zwi­schen uns bei­den be­en­det, und wir zer­ran­nen in ei­nem bröck­li­gen Schutt.« Sinn­bil­der...? Ja, die Kin­der­klap­per könn­te das Ge­dicht sein. Das Ge­dicht schweigt, so­lan­ge der Kampf mit dem Va­ter nicht aus­ge­kämpft ist, sei es durch ei­nen »Mord«, sei es durch – wie auch im­mer mög­lich ge­wor­de­ne – Ver­söh­nung, durch Ein­sicht in fun­da­men­ta­le Ge­mein­sam­kei­ten. Erst die Be­frei­ung vom au­to­ri­tä­ren Zwang öff­net den Weg zur Dich­tung. Va­ter und Sohn ze­chen, sie sind bei­de Trin­ker. Auch Trakl war ein Trin­ker, oben­drein dro­gen­süch­tig. Den­noch, auch wenn in vie­len Ge­dich­ten Tra­kls die Rau­scher­fah­rung nach­wir­ken mag, ge­hört auch der Kampf ge­gen die­se Ab­hän­gig­keit zur Vor­aus­set­zung schöp­fe­ri­scher Pro­duk­ti­on. Und es kann sein, daß sie am En­de al­le drei, der Ober­na­zi, der Um­er­zo­ge­ne und der spin­ner­te Dich­ter, in schwar­zer Ver­we­sung, im rot­schlie­ri­gen Was­ser, im kal­ten Licht ver­sin­ken. Die­ser Wahr­heit ist ins Au­ge zu se­hen.

Wie so oft in Träu­men ge­hen auch in Füh­manns Salz­bur­ger Er­zäh­lung un­ter­schwel­li­ge Ver­wand­lun­gen vor sich. An­fangs spürt der Träu­men­de im rei­ßen­den Fluß we­der Näs­se noch Käl­te, noch emp­fin­det er Angst; es herrscht eher ein Ge­fühl stau­nen­der Geborgen­heit. Be­kannt­lich schwebt der mensch­li­che Fö­tus vor der Ge­burt im Frucht­was­ser; ei­ne sol­che At­mo­sphä­re des Um­spült­seins fin­det man auch in man­chen Ge­dich­ten Ge­org Tra­kls. Spä­ter je­doch mel­det sich beim Füh­mann­schen Traum-Ich Wi­der­wil­le; Näs­se und Käl­te be­drän­gen ihn jetzt. An der Schwel­le zum zwei­ten Teil der Er­zäh­lung hat ein Er­eig­nis statt­ge­fun­den, et­was wie ei­ne Ge­burt; der Träu­men­de liegt in ei­ner Mul­de oder Pfüt­ze, ist aber nicht mehr voll­stän­dig von Was­ser um­ge­ben. Das Pferd be­wegt sei­nen klei­nen Kör­per mit »fast zar­ten Stö­ßen« zu­rück zum Fluß, der schließ­lich zum Grab wird, oh­ne daß das dunk­le En­de be­droh­lich wir­ken wür­de. Die bei­den Trakl-Ge­dich­te, aus de­nen meh­re­re Bil­der in Füh­manns Traum ein­flie­ßen, sind ih­rer­seits am­bi­va­lent, aller­dings herrscht im ei­nen ei­ne me­lan­cho­li­sche Schön­heit vor (»be­droht« von »Blüten­krallen«), wäh­rend im an­de­ren die »schö­nen Wä­gen« und »küh­nen Rei­ter« von ekeler­regenden Bil­dern so­wie Ge­heul und Ge­stank ab­ge­drängt wer­den. Ähn­lich un­ent­schie­den zwi­schen herbst­li­cher Schön­heit und tie­fer Trau­er über all das ver­gos­se­ne Blut ver­harrt Tra­kls Kriegs­ge­dicht Gro­dek. Man muß hier gar nicht an Ril­kes er­ste Dui­ne­ser Ele­gie er­in­nern, muß nicht den im­mer noch und im­mer wie­der ge­heim­nis­vol­len Satz vom Schö­nen, das »nichts als des Schreck­li­chen An­fang« sei, zi­tie­ren, um die schmerz­haf­te Of­fen­heit ei­ner sol­cher­art in­ten­si­vier­ten Wahr­neh­mung zu be­nen­nen. Das von Ril­ke be­schwo­re­ne Ge­ra­de-noch-Er­tra­gen, aus dem das Kunst­werk her­vor­geht, ist ei­ne Er­fah­rung, die im 20. Jahr­hun­dert Front­sol­da­ten eben­so mach­ten wie Idea­li­sten, die durch das lang­sa­me Zer­bröckeln ih­rer Hoff­nun­gen im tri­via­len All­tag zer­mürbt und nicht sel­ten zer­stört wur­den.

»Un­ent­schie­den­heit« ist ein an­de­res Wort für »Am­bi­va­lenz«. Mehr als al­les an­de­re muß­te ei­ne sol­che Hal­tung der mar­xi­sti­schen Welt­an­schau­ung fremd, im po­li­ti­schen Kampf schäd­lich und stö­rend sein. Tra­kls Ge­dicht un­ter­grub in Füh­manns exi­sten­ti­el­ler Lek­tü­re die ideo­lo­gi­schen Ge­wiß­hei­ten des 20. Jahr­hun­derts. Die For­mel und For­de­rung ei­ner »Ein­heit im Wi­der­spruch«, mit der Füh­mann dem Werk und sei­nem un­glück­li­chen Schöp­fer nach­spür­te, ist ei­ne an­ti­he­ge­lia­ni­sche Aus­le­gung von Dia­lek­tik, die mit den Grund­sät­zen der DDR-Ideo­lo­gen nicht in Über­ein­stim­mung zu brin­gen war. Sie be­dingt ei­ne tra­gi­sche Sicht der Din­ge in schar­fem Kon­trast zum Ge­schichts­op­ti­mis­mus, dem Füh­mann sich so lan­ge ver­pflich­tet fühl­te. Al­le Stra­ßen mün­den in schwar­ze Ver­we­sung: das galt nicht nur 1914 oder 1945 auf den eu­ro­päi­schen Schlacht­fel­dern, es galt eben­so im trü­ben All­tag des Ar­bei­ter- und Bau­ern­staa­tes, und es gilt wohl wei­ter­hin in ei­ner Zeit, da die furcht­erre­gen­den tram­peln­den Pfer­de mit neu­en, nur schein­bar leich­te­ren La­sten und Fuhr­wer­ken zu­rück­keh­ren.

Nach­be­mer­kung
Man kann sich die Fra­ge stel­len, ob die Pho­bie des klei­nen Hans nicht durch den­je­ni­gen her­vor­ge­ru­fen wur­de, der sie an ihm the­ra­pie­ren woll­te. Hans hat Angst vor dem Ver­bot, im Bett der Ma­ma zu ku­scheln. Ein ganz nor­ma­les Be­dürf­nis, wie mir scheint, das si­cher auch klei­ne Mäd­chen ver­spü­ren, die be­stimmt nicht aus »se­xu­el­len« Grün­den die kör­per­li­che Nä­he des Va­ters – oder der Mut­ter – su­chen. Der Va­ter des klei­nen Hans the­ra­piert als Psy­cho­ana­ly­se-Ge­hil­fe ge­nau je­ne Angst, die er zu­erst in den Kna­ben hin­ein­ge­legt hat, und zwar durch ei­ne Rei­he von Ver­bo­ten, die aus heu­ti­ger Sicht un­nö­tig er­schei­nen, die Freud aber of­fen­bar für un­um­stöß­lich hielt. Wie, wenn der Va­ter auf das »In­zest­ver­bot« und das Ona­nie­ver­bot ein­fach ver­zich­tet hät­te? Ja, dann hät­te der Psy­cho­the­ra­peut nichts mehr zu tun, der Pa­pa sein ge­lieb­tes Hob­by ver­lo­ren.

In ei­ner Jah­re spä­ter er­schie­ne­nen Nach­schrift zu sei­nem Ana­ly­se­be­richt er­zählt Freud von ei­nem Be­such des klei­nen Hans, der in­zwi­schen groß ge­wor­den ist: statt­li­che neun­zehn Jah­re alt. Der gro­ße Hans er­scheint ihm als nor­ma­ler, viel­ver­spre­chen­der jun­ger Mann, der le­bens­froh in die Zu­kunft blickt. Beim Schrei­ben hält Freud stets sei­ne Ge­füh­le zu­rück, aber man kann hier spü­ren, wie er sich über den Er­folg sei­nes vor so vie­len Jah­ren durch­ge­führ­ten the­ra­peu­ti­schen Werks freut. Er zeigt sich um­so mehr be­frie­digt, als der ehe­ma­li­ge Pa­ti­ent mit schwie­ri­gen Um­stän­den kon­fron­tiert ge­we­sen war: Sei­ne El­tern hat­ten sich schei­den las­sen. Wer ihn dann auf­ge­zo­gen hat, er­fah­ren wir aus Freuds Mit­tei­lung nicht (es war die Mut­ter, die wie der Va­ter ei­ne neue Ehe ein­ging). Auf die Idee, in der ver­mut­lich schon wäh­rend der frü­hen Kind­heit des Kna­ben span­nungsgeladenen Be­zie­hung zwi­schen den bei­den El­tern­tei­len ei­nen mög­li­chen Grund für des­sen Pho­bie zu su­chen, kommt Freud nicht. Es bleibt al­les am Ödi­pus­kom­plex hän­gen.

© Leo­pold Fe­der­mair

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