»...dann wird er nach­her in­ter­viewt«

Olym­pi­sche Win­ter­spie­le 2026. Es ist an­ge­rich­tet. Zu­ge­ge­ben, als Win­ter­sport­wo­chen­en­de­schau­er hat man ei­ne ge­wis­se Kon­di­ti­on. Auch und ge­ra­de für Olym­pi­sche Spie­le. Nach we­ni­gen Ta­gen glaubt man, den Rhyth­mus der Ver­an­stal­tun­gen zu ken­nen, an­ti­zi­piert Wett­kämp­fe. Ein üb­ri­ges über­neh­men die Me­di­en, ARD/ZDF, Eu­ro­s­port und, war­um ich auch im­mer das se­hen darf, SRG. Al­le ha­ben ih­re »Ex­per­ten« im Stu­dio, am »Pre­sen­ter« und am Mi­kro­phon und wenn man Pech hat, gibt es zwei und wenn ganz viel Pech hat, drei da­von. In der Schweiz darf der Ex­per­te (auch die Ex­per­tin) Schwi­zer­dütsch spre­chen, was, wenn man es nicht ge­wohnt ist, bis­wei­len wie ei­ne Ton­stö­rung klingt und ge­wöh­nungs­be­dürf­tig ist. Da­bei hät­te ich ger­ne mehr von Beat Feuz (Ski al­pin Her­ren) und Ti­na Wei­ra­ther (Ski al­pin Frau­en) ver­stan­den. Die Schwei­zer Re­por­ter be­sta­chen mit ih­ren nüch­ter­nen Kom­men­ta­ren, auch wenn es um Me­dail­len für die Schweiz ging. Man hat­te Freu­de, aber kei­nen Tri­umph. Beim Cur­ling-Fi­na­le der Frau­en riet der Kom­men­ta­tor zum Be­ten, als zu er­ken­nen war, dass die Schwe­din­nen ge­win­nen.

Bis­wei­len fragt man sich schon, war­um na­he­zu je­dem Kom­men­ta­tor Ex­per­ti­se zur Sei­te ge­stellt wird. In sel­te­nen Fäl­len geht das al­ler­dings auf, et­wa wie bei Eu­ro­s­port und dem Bob­fah­ren. Die Bob­le­gen­de An­dré Lan­ge kom­men­tier­te sport­ler­zu­ge­wandt und be­wer­te­te die Lei­stun­gen ent­spre­chend dem ak­tu­el­len Kön­nen der Ath­le­ten. Un­ver­gess­lich wird sein »ja­woll« blei­ben, wenn ir­gend­ein Bob­pi­lot ei­ne Kur­ve ein­wand­frei neh­men konn­te. Auch beim ZDF-Eis­hockey ge­fiel das Duo aus Ex­per­tin Ron­ja Je­ni­ke und Re­por­ter Kon­stan­tin Klo­ster­mann.

Kon­ge­ni­al war na­tür­lich das Ski al­pin-Team Bernd Schmel­zer und Fe­lix Neu­reu­ther (ARD), vor al­lem, weil Schmel­zer mit ge­le­gent­li­chem Sar­kas­mus dem all­zu dro­hen­den Pa­thos den Sta­chel zog. Un­schlag­bar al­ler­dings Eu­ro­s­port mit Sig­gi Hein­rich und Mi­cha­el Rösch beim Bi­ath­lon. Lei­der war Eurosport1 nicht im­mer auf der Hö­he, schal­te­te oft wild hin und her, un­ter­brach Wett­kämp­fe in ent­schei­den­den Si­tua­tio­nen durch Wer­bung. Man woll­te halt, dass sich der Zu­schau­er HBO­max zu­legt. Sehr schwach war al­ler­dings die Stu­dio­mo­de­ra­ti­on dort. Und was ein Fa­bi­an Ham­bü­chen im Win­ter­sport zu su­chen hat, war auch nicht ganz klar. Die ARD hat­te al­ler­dings Ka­tha­ri­na Witt, die zwar vom Eis­kunst­lau­fen Ah­nung hat, aber an­son­sten eher durch Plat­ti­tü­den auf­fiel.

Beim Ski­sprin­gen schal­te ich auch an nor­ma­len Wo­chen­en­den im­mer auf Eu­ro­s­port. Schon zur Vier­schan­zen­tour­nee gab es hier ne­ben Ger­hard Lein­au­er nicht nur Wer­ner Schu­ster (der ehe­ma­li­ge deut­sche Bun­des­trai­ner der Ski­sprin­ger), son­dern auch noch Mar­kus Ei­sen­bich­ler. Selt­sam, dass die­ses Trio funk­tio­niert, auch ge­ra­de dort, wenn Ei­sen­bich­ler sanft sei­nem ehe­ma­li­gen Chef ein­mal wi­der­spricht. Der Spruch der Spie­le stammt denn auch von Mar­kus Ei­sen­bich­ler, als Phil­ipp Rai­mund auf der Groß­schan­ze zu viel woll­te: »Das Sin­gen und das Sprin­gen / kann man nicht er­zwin­gen.«

Wo es geht, wer­den die Wett­be­wer­be bei ARD und ZDF nach Ge­schlech­tern ge­trennt kom­men­tiert. Beim Ski­sprin­gen ist man al­so auf Ei­ke Pa­bs­dorf ein­ge­stellt, al­lei­ne es hilft nichts. Man muss um- oder den Ton ab­schal­ten und emp­fin­det Mit­leid für Se­ve­rin Freund, den Ex­per­ten. Paps­dorf ist ex­em­pla­risch für all je­ne Sport­kom­men­ta­to­ren, die dem Zu­schau­er das er­klä­ren, was er se­hen kann. Be­son­ders un­an­ge­nehm hier auch die bei­den Ski al­pin Re­por­ter des ZDF Hil­fen­haus und Me­se­berg, die wirk­lich je­den Rie­sen­sla­lom-Schwung re­zen­sier­ten. Das galt äqui­va­lent auch für Eik Gal­ley (ARD) beim Ro­deln, Ske­le­ton oder Bob. Nicht ei­ne Se­kun­de Ru­he. Be­son­ders lu­stig im­mer die Er­klä­rung, wenn die Zeit von grün auf rot springt.

Für das er­nüch­tern­de Fa­zit der deut­schen Bi­ath­le­ten fand man bei Eu­ro­s­port schon früh deut­li­che Wor­te. Als Mi­cha­el Rösch von der gu­ten letz­ten Run­de von Fran­zis­ka Preuß im Ver­fol­ger sprach, wur­de Hein­rich ein we­nig gran­tig. Es blie­be halt ein sech­ster Platz, Run­de hin, Run­de her. Beim ZDF konn­te der deut­sche Sla­lom­läu­fer un­wi­der­spro­chen sein Ver­sa­gen ca­mou­flie­ren, in dem er von den ste­ri­len Spie­len sprach. Als soll­te man ei­nem 12platzierten Ath­le­ten noch zu­ju­beln. Und auch die nach dem er­sten Durch­lauf zweit­plat­zier­te deut­sche Sla­lom­läu­fe­rin, die im zwei­ten Durch­gang am er­sten Tor ein­fä­del­te wur­de da­nach noch in­ter­viewt. War­um?

Kei­ne Fra­ge, die schier un­end­li­chen Tur­nier­ver­läu­fe von Cur­ling und Eis­hockey (Män­ner und Frau­en) zie­hen das Pro­gramm in die Län­ge. Wer sich – wie ich – für bei­de Sport­ar­ten (wie auch Short­track, Aeri­als, Eis­kunst­lau­fen, Eis­schnell­lau­fen oder Free­style nur mä­ssig in­ter­es­siert, be­kam durch­aus freie Zeit. Kur­ze Aus­flü­ge zei­gen: Na­he­zu über­all gibt es Dop­pel­mo­de­ra­tio­nen. Bis­wei­len wird aus­gie­big und bis ins letz­te De­tail al­les und je­des mit ho­her Red­un­danz­dich­te ana­ly­siert. Oft­mals – ins­be­son­de­re bei ARD und ZDF – im Stu­dio, zu La­sten des lau­fen­den Wett­be­werbs, et­wa wenn beim Bob oder Ro­deln die hin­te­ren Rän­ge star­te­ten. Bis­wei­len sen­de­te man Por­traits von Sport­lern, de­ren Wett­be­wer­be erst Stun­den spä­ter be­gan­nen oder, wie am letz­ten Sams­tag, ir­gend­wel­che Zu­sam­men­fas­sun­gen statt des Bron­ze-Eis­hockey-Spiels Finn­land ge­gen Slo­wa­kei. Die Mo­de­ra­to­rin hat­te vor­her an­ge­kün­digt, die Me­dail­len sei­en für heu­te ver­teilt. Es war nicht so sel­ten, dass ARD oder ZDF plan­los wa­ren. Da hal­fen auch die Streams nicht, die im üb­ri­gen häu­fig von den an­de­ren Leu­ten der an­de­ren An­stalt kom­men­tiert wur­den. Die Streams hat­ten al­ler­dings den Vor­teil, dass man vor dem Wett­kampf Im­pres­sio­nen ge­zeigt be­kam, die es sonst sel­ten gibt. Et­wa die Stil­le im War­te­raum der Ski­sprin­ger.

Zwei Be­grif­fe wur­de man nicht los. Da ist zu­nächst das im­mer wie­der be­schwo­re­ne Ge­schichts­buch in das sich ir­gend­je­mand ein­tra­gen kann, wenn die­ses oder je­nes ge­lingt. Ei­nen vi­su­el­len Blick auf die­ses Buch zeig­te die ARD, als man die ge­sam­mel­ten Me­dail­len der bei­den deut­schen Ro­del-To­bis nicht nur zeig­te, son­dern sie bat, sich je­de ein­zel­ne um den Hals zu hän­gen. Die lei­der so häu­fig her­um­zap­peln­de Mo­de­ra­to­rin Ste­pha­nie Mül­ler-Spir­ra war be­gei­stert.

Die größ­te Kar­rie­re mach­te aber der Druck. Man kennt ihn schon län­ger aus dem Fuß­ball. Frü­her galt ein Heim­spiel als Vor­teil, man hat­te kei­ne An­rei­se, kann­te die Bau­ten, konn­te sich auf gro­ße Über­stüt­zung durch die Fans ein­stel­len. Das war ein­mal. Heu­te ist ein Heim­spiel druck­be­la­stet. Fast hat man den Ein­druck ei­nes ir­rever­si­blen Nach­teils. Ähn­li­ches gilt of­fen­sicht­lich für Olym­pia. Da­bei hat­ten nicht nur ita­lie­ni­sche Sport­ler Druck aus­zu­hal­ten, son­dern je­der Sport­ler, der auch an­satz­wei­se als Fa­vo­rit galt. Der Druck war ein stets prä­sen­ter Be­glei­ter. Ob beim letz­ten Ste­hend­schie­ßen im Bi­ath­lon, dem vier­ten Lauf beim Bob­fah­ren, dem Fi­na­le im Skicross oder als Füh­ren­de mit 0,8 Se­kun­den nach dem er­sten Lauf im Sla­lom – im­mer wie­der wur­den Mo­men­te des Drucks her­vor­ge­kramt, die Lei­stun­gen oder eben nicht so gu­te Lei­stun­gen er­hö­hen oder er­klä­ren soll­ten. Nur ein­mal hör­te man den Satz von Mi­kae­la Shff­rin zi­tiert, der ver­mut­lich be­ste Ski­fah­re­rin al­ler Zei­ten, die den Druck des Sie­gens als ein Pri­vi­leg auf­fasst, als Mo­ti­va­ti­on, An­trieb.

Es war so­wohl für Re­por­ter wie auch für deut­sche Sport­ler im Bi­ath­lon oder der Nor­di­schen Kom­bi­na­ti­on – ein­sti­ge Pa­ra­de­dis­zi­pli­nen – ein­fa­cher, den »Druck« zu be­mü­hen, um an­de­re Grün­de erst gar nicht su­chen zu müs­sen. Am schlimm­sten aber war das Mit­leid der Re­por­ter, die in den an­schei­nend un­ver­meid­ba­ren, aber fast im­mer voll­kom­men über­flüs­si­gen so­ge­nann­ten In­ter­views un­mit­tel­bar nach dem Wett­kampf, zu Seel­sor­gern und Hoff­nungs­pre­di­gern wur­den. Da­zu passt es, dass die Sport­ler fast durch­gän­gig ge­duzt wer­den.

Nicht im­mer ging es um Sport. Da war die Dis­kus­si­on um den Helm des ukrai­ni­schen Ske­le­to­ni, die wie­der die Fra­ge nach der Tren­nung von Po­li­tik und Sport auf­kom­men ließ und die Mo­ra­li­sten wie­der nach vor­ne schob. Auch der furcht­ba­re Sturz von Lin­sey Vonn do­mi­nier­te die Be­richt­erstat­tung mehr als das Ren­nen. (Na, wer weiß aus­wen­dig den Na­men der Olym­pia-Sie­ge­rin?) Beim Ski­sprin­gen er­fuhr man, dass Phil­ipp Rai­mund die Freund­schaft zum Nor­we­ger Mar­kus Lind­vik auf­kün­dig­te, weil die­ser sich nicht für den An­zug­skan­dal im letz­ten Jah­re ent­schul­digt hat­te. Kei­ner frug, war­um sich Rai­mund nicht auf sei­nen Sport kon­zen­triert hat.

Na­tür­lich ka­men ge­gen En­de die Dis­kus­sio­nen über das doch eher er­nüch­tern­de Ab­schnei­den des »Team Deutsch­land« auf. Bei­spiels­wei­se ei­ne Ses­sel­run­de mit Fak­to­tum Fe­lix Neu­reu­ther, dem Re­por­ter Claus Lufen und Tho­mas Wei­kert vom DOSB. Im ZDF gab es auch nur Phra­sen von Wei­kert, den ei­ne wie im­mer über­for­der­te Kat­rin Mül­ler-Ho­hen­stein nicht wil­lig war, zu be­fra­gen. Es geht im­mer um Sport in der Schu­le, die deut­schen Sport­ver­ei­ne, die Po­li­tik und – selbst­ver­ständ­lich – das Geld bzw.: das feh­len­de Geld. Fehlt da wirk­lich Geld oder wird es nur falsch ein­ge­setzt? Der DSV bei­spiels­wei­se hat bei ste­tig stei­gen­den Mit­teln we­ni­ger Er­folg zu ver­zeich­nen. Schon im Fuß­ball weiß man: Geld schießt kei­ne To­re. Ste­hen Er­trag und Auf­wand bei­spiels­wei­se im Bi­ath­lon in ei­nem rich­ti­gen Ver­hält­nis? Oder wä­re we­ni­ger mehr? Am En­de weiß der Funk­tio­när noch, dass Olym­pi­sche Spie­le in Deutsch­land ei­nen Schub aus­lö­sen wür­den. Nur: Wer soll die be­zah­len?

Prompt wur­de die Fa­ma vom »Pech« der Deut­schen ge­strickt, ei­ne Ta­bel­le mit den Vier­ten Plät­zen er­stellt. Aus­weis von Ver­zweif­lung. An den Kern, den Stel­len­wert in der Ge­sell­schaft des­sen, was man grob un­ter »Lei­stung« zu­sam­men­fas­sen kann, ging man nicht. Ist Spit­zen­sport – in­dem man hin­ein­wächst – über­haupt noch at­trak­tiv? In den Kom­men­ta­ren zu di­ver­sen Sport­ar­ten wur­den ei­nem in Kurz­form et­li­che Kran­ken­ak­ten von Ath­le­ten vor­ge­le­sen. Schreckt das nicht auch ab? Zu­mal das »gro­ße Geld« sel­ten zu ge­win­nen ist. Schaut man sich den Nach­wuchs bei­spiels­wei­se beim Män­ner-Bi­ath­lon oder im Ski­sprin­gen an, so sieht man für Deutsch­land nur noch schwarz, manch­mal rot aber kaum noch gold.

Es passt, dass 6 / 8 / 5 der deut­schen Me­dail­len auf der Eis­bahn, beim Ro­deln, Bob und Ske­le­ton ge­won­nen wur­den (von 8 / 10 / 8). »Wir sind Ku­fe« mein­te An­dré Lan­ge bei Eu­ro­s­port eu­pho­risch – um so­fort auf die FES hin­zu­wei­sen. Als je­mand, der häu­fig die­se Win­ter­sport­wo­chen­en­den schaut (sie­he oben) fällt mir auf, dass aus­ge­rech­net Ro­deln und Bob, vor al­lem aber Ske­le­ton, Stief­kin­der der Be­richt­erstat­tung sind. Wenn ir­gend­wo ein Ski­sprin­gen, ein Sla­lom und/oder ein Bi­ath­lon-Wett­be­werb ist, wer­den die­se zur Gän­ze mit Vor- und Nach­ana­ly­se­schnick­schnack über­tra­gen, wäh­rend vom Bob und Ro­deln nur lieb­los 15 Mi­nu­ten zu­sam­men ge­schnit­ten wer­den. Es sind trotz der Er­fol­ge Rand­sport­ar­ten in den deut­schen Me­di­en, ähn­lich dem Ru­dern und dem Ka­nu-Sport. Und es sind Ma­te­ri­al­sport­ar­ten. Der Auf­wand, den »rich­ti­gen« Bob, die »rich­ti­ge« Ku­fe zu fin­den, ist enorm. Man kann sehr gut sein, aber oh­ne das »rich­ti­ge« Ge­rät ge­winnt man kaum ei­ne Me­dail­le. Auch hier steht bei Deutsch­land ein Ge­ne­ra­tio­nen­wech­sel an.

Letz­te­rer ist auch in der Sport­be­richt­erstat­tung sicht- wie hör­bar. Die ARD-Sport­schau pro­biert in­zwi­schen als Mo­de­ra­tor ei­nen Clown wie Mal­te Völz, der neu­lich ein Bin­go-Spiel her­aus­kram­te mit den Äu­ße­run­gen des Trai­ners des ab­stiegs­be­droh­ten Zweit­li­gi­sten Greu­ther-Fürth spiel­te. Die­ser Möch­te­gern­ko­mi­ker hat­te al­ler­dings ver­ges­sen, die sinn­los-blöd­sin­ni­gen, im­mer­glei­chen Fra­gen sei­ner »Kol­le­gen« da­ne­ben zu stel­len.

Ir­gend­wann muss man sich das mit HBO­max ver­mut­lich über­le­gen.

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