Aus ak­tu­el­lem An­lass

2014 er­schien der Ro­man Die Murau Iden­ti­tät von Alex­an­der Schim­mel­busch. Mei­ne da­ma­li­ge Re­zen­si­on, die ei­gent­lich schon wohl­be­hal­ten im Nir­wa­na schweb­te (schließ­lich hat man auch im In­ter­net nicht un­be­grenzt Platz), ha­be ich aus ak­tu­el­lem An­lass wie­der her­vor­ge­holt.

Sen­sa­ti­on: Tho­mas Bern­hard ist gar nicht tot und wur­de 1989 ei­ner »An­ti­kör­per­be­hand­lung« un­ter­zo­gen, die ihn mit ex­zel­len­ter Ge­sund­heit aus­ge­stat­tet hat. Er lebt un­ter dem Na­men Franz-Jo­sef Murau in New York, ist ver­hei­ra­tet mit ei­ner Spa­nie­rin und hat ei­nen Sohn. Der Ich-Er­zäh­ler Alex­an­der Schim­mel­busch ist die­sem Ge­heim­nis auf der Spur und be­sitzt fünf »ver­sie­gel­te Rei­se­be­rich­te« aus den Jah­ren 1992 bis 2000 von Bern­hards Ver­le­ger. Es geht dar­in vor al­lem um Àni­ma Ne­gra, das ul­ti­ma­ti­ve Ma­nu­skript des Mei­sters; so et­was wie das letz­te, ul­ti­ma­ti­ve Buch überhaupt.(Vermutlich in letz­ter Mi­nu­te konn­te der Ver­lag den Au­tor über­zeu­gen, sein Buch ent­ge­gen der Vor­ankün­di­gung nicht Àni­ma Ne­gra zu nen­nen, zu­mal es sich um ei­ne Wein­mar­ke han­delt.)

Das ist al­so das so­ge­nann­te Set­ting in »Die Murau Iden­ti­tät« (oh­ne Bin­de­strich!). Und was hät­te da noch kom­men kön­nen. Statt­des­sen? Ein hib­be­li­ger, nar­ziss­ti­scher Er­zäh­ler, der un­be­dingt mit Schim­mel­busch gleich­ge­setzt wer­den soll und dies nicht nur, weil er sich mehr­mals so nennt, son­dern weil es ver­mut­lich zum Plan die­ses Bu­ches ge­hört. Gut ver­steckt da­bei, dass Schim­mel­busch na­tür­lich nicht nur Schim­mel­busch ist, son­dern sich als Este­ban, den Sohn Bern­hards sieht, der In­vest­ment­ban­ker ist (wie Schim­mel­busch es im re­al life war) und sich ge­le­gent­lich als Künst­ler ge­riert (was Schim­mel­busch si­cher­lich für sich in An­spruch nimmt).

All dies wä­re noch aus­zu­hal­ten ge­we­sen, wenn die Ge­schich­te dann ir­gend­wann als Sa­ti­re, Ko­mö­die oder Gro­tes­ke zün­den wür­de, aber es wird dann nur ein ve­ri­ta­bler Rohr­kre­pie­rer. Der Nar­ziss Schim­mel­busch will un­be­dingt auch ein biss­chen Rad­datz-Lu­xus-Flair her­bei­zau­bern, Wein- und Cham­pa­gner­mar­ken wer­den auf­ge­fah­ren, die Un­ter­schie­de zwi­schen Busi­ness-Class und First-Class di­ver­ser Flug­li­ni­en aus­ge­brei­tet und dem größ­ten Hob­by des Er­zäh­lers wird im­mer aus­gie­big Platz ein­ge­räumt: Er liebt den Oral­ver­kehr, er­in­nert sich an die we­ni­gen Mo­men­te ehe­li­cher Har­mo­nie als sei­ne jet­zi­ge Ex-Frau vor ihm knie­te und es ihm be­sorg­te (»ich auf ein­mal kei­ne Kri­tik mehr hör­te, son­dern die wei­chen Lip­pen mei­ner Ehe­frau auf mei­nem Al­ter Ego spür­te«) und noch zwei Mal dür­fen die Le­ser die se­xu­el­len Ver­gnü­gun­gen des fel­la­tio­phi­len Schim­mel­busch le­sen. Man ist ir­gend­wann schon froh, dass beim Dop­pel­null-Jour­na­li­sten A.S., auf den so­gar ei­ne als Ruck­sack­trä­ge­rin ge­tarn­te New-York-Times-Jour­na­li­stin an­ge­setzt ist (auch hier – Sie wis­sen schon) das Dik­tier­ge­rät im Mont­blanc-Fül­ler ein­ge­ar­bei­tet ist und nicht in sei­nem Pe­nis.

Es sind nicht die ein­zi­gen Ab­len­kun­gen, die in die­sen zä­hen Brei hin­ein­ge­rührt wer­den. So steht Schim­mel­busch in ei­ner Schlan­ge in ei­ner Star­bucks-Fi­lia­le in Bar­ce­lo­na, (die Be­mer­kung »et­was Düm­me­res als Star­bucks-Kri­tik [ist] kaum denk­bar« wird man hof­fent­lich fürst­lich ho­no­riert ha­ben) und sieht die Blicke des spa­ni­schen Lum­pen­pro­le­ta­ri­ats auf sei­nen schö­nen An­zug, was ihn zu al­ler­lei Ge­dan­ken ver­an­lasst. Oder es wird über Klein- und Groß­bür­ger phi­lo­so­phiert. Schließ­lich ist von ei­ner Art Ma­schi­ne mit dem Na­men iMind die Re­de, die es Men­schen er­mög­licht, »das Be­wusst­sein an­de­rer zu er­fah­ren«. Zwi­schen­durch wird über die »blas­se Gar­de haupt­amt­li­cher Bern­hard-Ex­ege­ten« ge­lä­stert, wo­bei Schim­mel­busch ali­as Schim­mel­busch al­ler­dings kei­ner­lei ex­ege­ti­sche Al­ter­na­ti­ve an­bie­tet. Al­so al­les Kin­ker­litz­chen, die den Span­nungs­bo­gen bis zur Be­geg­nung des Er­zäh­lers mit Bernhard/Murau auf­recht er­hal­ten sol­len.

Am En­de des Bu­ches ist Schim­mel­busch ali­as Schim­mel­busch plei­te, aber be­kommt 28 Mi­nu­ten Zeit, mit Bern­hard ali­as Murau zu re­den, wo­bei es na­tür­lich ei­nen ein­zi­gen Bern­hard-Mo­no­log gibt bzw. das, was Schim­mel­busch da schreibt ein Bern­hard-Mo­no­log sein soll, der, da­mit sei­ne er­schrecken­de Un­fä­hig­keit ei­nen Bern­hard-Mo­no­log zu schrei­ben nicht so auf­fällt (okay, es gibt zwei halb­wegs gut imi­tier­te »Kalkwerk«-Sätze) , auch wie­der­um Ab­len­kun­gen Schim­mel­buschs ein­streut und am En­de dann in et­wa so er­gie­big ist als hät­te man ei­nem Glas Was­ser beim Ver­dun­sten zu­ge­se­hen.

Al­so dann an die so­ge­nann­ten Rei­se­be­rich­te des Ver­le­gers, der na­tür­lich nicht Sieg­fried Un­seld ge­nannt wird, ver­mut­lich auch gar nicht ge­nannt wer­den darf, weil sonst Kla­gen dro­hen. Die­se Kla­gen wä­ren al­ler­dings auch voll­kom­men ge­recht­fer­tigt wenn es so et­was wie ein Li­te­ra­tur­ge­richt ge­ben wür­de, denn ein solch be­lang- wie zu­sam­men­hang­lo­ses und lä­cher­li­ches Zeug hat Un­seld nie ge­schrie­ben, wie man min­de­stens im Brief­wech­sel Bernhard/Unseld hät­te se­hen kön­nen. Wo­mög­lich glaubt Schim­mel­busch, dass es sich um ei­ne Par­odie han­delt, aber wenn man dann so gar kein Sprach­ge­fühl hat soll­te man es doch sein­las­sen. Schim­mel­busch braucht die­se No­ta­te al­ler­dings für sei­ne zwei­te Lieb­lings­be­schäf­ti­gung: das Hand­ke-Bas­hing.

Schwer zu sa­gen, ob Schim­mel­buschs Ver­eh­rung für Bern­hard grö­ßer ist oder sein ob­ses­si­ver Hass auf Hand­ke. Da­bei geht es nur vor­der­grün­dig um Hand­kes kon­tro­vers dis­ku­tier­te Tex­te zu Ser­bi­en und Ju­go­sla­wi­en. Der Haupt­grund liegt wohl dar­in, weil Hand­ke sich zwei‑, drei mal in In­ter­views ne­ga­tiv bis ver­ächt­lich über Bern­hard ge­äu­ßert hat und Schim­mel­busch sol­che Äu­ße­run­gen als per­sön­li­che Be­lei­di­gun­gen auf­fasst, die es um­ge­hend zu süh­nen gilt. Nach sei­nem lä­cher­li­chen und vor Feh­lern strot­zen­den Text im »Frei­tag« vor zwei Jah­ren gibt er sei­nem Äff­chen nun aber­mals ge­hö­rig Zucker und dik­tiert dem »Ver­le­ger« al­ler­lei Ti­ra­den ge­gen Hand­ke in die Fe­der. Pas­send hier­zu hat ja die ZEIT so­eben Wer­bung für »Die Murau Iden­ti­tät« ge­macht und Schim­mel­buschs Text über den »Ver­gleich« von Bern­hard und Hand­ke pu­bli­ziert, in dem er teil­wei­se die glei­chen Ver­dre­hun­gen und Zi­ta­te-Fäl­schun­gen an­bringt wie im Buch, al­ler­dings noch zu­sätz­lich gar­niert mit def­ti­gen Lü­gen, wo­bei man dies von Schim­mel­busch ja durch­aus ge­wohnt ist und in­zwi­schen ist man es auch ge­wohnt, dass so et­was vom Feuil­le­ton der ZEIT nicht we­nig­stens kor­ri­giert wird, falls man das, was die ZEIT da pro­du­ziert über­haupt noch Feuil­le­ton nen­nen soll­te und nicht viel­leicht eher Kla­mauk oder, bes­ser, »Schmie­ren­thea­ter«.

»Mög­li­cher­wei­se ist mein Ge­hirn die Wur­zel all mei­ner Pro­ble­me«, so mut­maßt Schim­mel­busch ali­as Schim­mel­busch ali­as Este­ban in ei­ner schein­bar hell­sich­ti­gen Pha­se, wohl wis­send, dass der­ar­ti­ge Pas­sa­gen als Aus­weis von Selbst­iro­nie ge­wer­tet wer­den und vir­tu­el­le Plus­punk­te bringt. Nach vier Stun­den Lek­tü­re der 204 Sei­ten ist man der­art er­schöpft, dass man sich über nicht ein­mal mehr auf­re­gen mag, so phan­ta­sie­los und dumm ist die­ses Buch ei­ner weit­ge­hend ta­lent- und sprach­lo­sen Kra­wall­schach­tel. Wenn es ei­nen Gott ge­ben soll­te – war­um schützt er nicht to­te Dich­ter vor sol­chen Sym­pa­thi­san­ten und uns, den Le­ser, vor ei­nem sol­chen Schund?

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