Ursula Krechel: Landgericht

Ursula Krechel: Landgericht

Ursula Krechel: Landgericht

Richard Kornitzer ist 1903 geboren, studiert Jura, lebt in Berlin und will unbedingt Richter werden. Er promoviert, wird Mitglied der Patent- und Urheberrechtskammer beim Landgericht I in Berlin und heiratet 1930 Claire Pahl. Claire ist Geschäftsführerin einer Firma, die Werbung für Kinos produziert. Alles läuft bestens. Sie bekommen zwei Kinder, Georg (1932) und Selma (1935). Aber bei Selmas Geburt ist das Leben der Kornitzer bereits existentiell bedroht, denn Richard ist das, was man im Nazi-Jargon einen Volljuden nennt. Da spielt es auch keine Rolle, dass er sich nicht einmal als ein richtiger Jude fühlte (er be­zeichnet sich als Jude von Hitlers Gnaden). Das Paar erlebt die immer perfider werdenden »Gesetze« und »Verordnungen«, die gegen Juden seit 1933 in Kraft gesetzt werden. Richard wird schnell in den Ruhestand versetzt und arbeitet in einer Glühlampenfabrik. Claire wird auf schmutzige Art und Weise ihre Firma abgenommen, weil sie, die Protes­tantin, zu ihrem Mann steht und sich nicht scheiden läßt. Man spürt förmlich, wie die Luft zu Atmen schwindet und die Drohungen physischer werden. Auch die Freizeit hat ihre Unbeschwertheit längst verloren. Gestern noch im Wannsee gebadet, ist dies am nächsten Tag plötzlich verboten. Rührend, wie Claire ein anderes Freibad sucht.

Diese Szenen, die in ihrer Bedrückung und Fatalität an Victor Klemperers Tagebücher 1933-1945 erinnern, werden ungefähr zur Hälfte des Buches »Landgericht« von Ursula Krechel erzählt. Bis dahin weiß der Leser schon: die Familie hat überlebt, Claire war in Deutschland geblieben (Repressalien und Enteignung inklusive), Richard kommt aus seinem Exil in Kuba zurück und die Kinder sind seit 1939 in Großbritannien und leben dort inzwischen bei einer Pflegefamilie auf dem Land. 1946 trifft sich das Paar in Bettnang (einem kleinen Weiler am Bodensee); Claire, inzwischen nieren- und fusskrank, arbeitet dort in einer Molkerei. Die Schilderung des Schweigens und der fast schüchternen Annäherung nach den vielen Jahren der erzwungenen Trennung ist einer der literarischen Höhepunkte dieses Buches.

Richard Kornitzer meldet sich bei den Behörden, pocht auf Anerkennung als »Opfer des Faschismus« und einen adäquaten Beruf. Claire ist eher pragmatisch, arrangiert sich mit dem Status quo, mildert die Ungeduld des Mannes. Das Verhältnis zu den Kindern, die kaum noch deutsch sprechen, Deutschland hassen (die Bombenangriffe!) und Vorbehalte gegenüber ihren Eltern hegen, gestaltet sich schwierig. Die Familie in England will sie adoptieren, was die Kornitzers aber ablehnen. Georg nennt sich in Briefen trotzig George; Selma schweigt zunächst, ist bockig. Mit den deutschen Eltern, die sich um sie scheinbar nicht gekümmert haben, können sie nichts anfangen (die Gründe für das vermeintliche Ignorieren werden von ihnen nicht erfasst). Aber ein Hoffnungsschimmer zeigt sich: Richard Kornitzer wird als Richter in den Justizdienst beim Landgericht in Mainz eingestellt (Landgerichtsrat).

In der »Mitläuferfabrik«

Krechel erzählt die Kornitzer-Geschichte nicht linear, aber der Leser kann der all­wissenden Erzählerin immer folgen. Der Erzählton ist der jeweiligen Situation angepasst. Richard Kornitzers frühe Zweifel und der späte, auf den letzten einhundert Seiten eskalierende Kampf für moralische Satisfaktion und Restitution, der verbissen bis paranoid geführte Antrags-, Einspruch- und Widerspruchskrieg wird in anderem Ton geführt als das Schicksal der Kinder in Großbritannien zwischen Kirchen- und Waisenhäusern und das fast ein bisschen larmoyant geratene Kapitel über Richard Kornitzers Kuba-Exil. Dabei gibt es auch gelegentlich unschöne Anleihen an eine saloppe Alltagssprache und es ist schade, dass sich kein Lektor gefunden hat, der die über sechzig »nicht wirklich« auf ein erträgliches Maß reduziert hat.

Aber dennoch zieht einem das Buch in den Bann, entwickelt einen Sog und man wird gegen Ende Zeuge eines Prozesses einer neurotischen Verbitterung, die das Leben bis zum Ende bestimmen wird – und damit denen auf eine infame Art und Weise wieder Macht verleiht, die Kornitzer in das Exil getrieben haben. Wobei »Exil« ein viel zu harmloser Ausdruck erscheint für das, was dort zu Bruch gegangen ist und nie mehr zusammengesetzt werden kann. Dabei dachte man zu Beginn, dass sich Kornitzer mindestens arrangieren kann in der neuen Bundesrepublik, die, das stellt sich früh heraus, aus allzu vielen alten Protagonisten »aufgebaut« werden soll. Ich bin in einer Mitläuferfabrik gelandet, denkt er früh und immer wieder tauchen imaginierte Bilder der Kollegen vor seinem geistigem Auge auf, wie sie sich wohl während der Zeit verhalten, gegeben, wie sie gegessen, ge- und verurteilt haben, während er auf Kuba war, seine Frau von der Gestapo drangsaliert und die Kinder in Großbritannien hin- und hergeschoben wurden. Er bemerkt, wie halbherzig die »Ent­nazifizierungen« laufen und wie lästig den Alliierten diese Vorgänge sind. Sie wollen ihre Verantwortung so schnell wie möglich loswerden und schließen schnell Kompromisse. Aber es gelingt Kornitzer zunächst, diese Vorgänge zu verdrängen und die Bilder seiner neuen Kollegen in Nazi-Gesten zu bannen. Er versenkt sich in seine Arbeit, tut das, was er immer schon machen wollte: Richter sein und Recht sprechen; Gerechtigkeit walten lassen.

Ein erstes Erschrecken ist der »Fall« Philipp Auerbach 1951/52 und die Behandlung dieses Vorfalls in Medien, Politik und Öffentlichkeit. Ganz schlecht kommt der »Spiegel« dabei weg. Die Empörung aus einem zutiefst tendenziösen Artikel vom Februar 1951 ist bei Figur und Autorin erkennbar. Noch kann Kornitzer die andere Seite sehen, zumal schnell die Beförderung zum Landgerichtsdirektor folgt. Aber immer seltener vermag er dahinter eine Anerkennung für eine Leistung sehen. Er sieht sich als eine Art Alibi, misstraut zunehmend dem Lob und den öffentlichen Reden. Auch die Zuweisung eines Hauses in Mainz-Mom­bach – als inzwischen anerkanntes Opfer des Faschismus steht ihm das zu – vermag er nicht rückhaltlos zu goutieren. Aber jetzt, da er nicht mehr in einer Kammer zur Unter­miete wohnt, kann Claire nach Mainz kommen. Sie richten sich ein in dem Haus; der Gestank der Fabriken in der Nähe (gemeint sind wohl diese und diese), des Dieselöls der Rheinkähne – all diese Insignien des Fortschritts (des »Wirtschaftswunders« – dieser Begriff fällt nicht einmal) werden hingenommen; niemand außer ihn scheint dies zu stören. Große Probleme gibt es immer noch mit den Kindern, die in den Sommerferien kommen und fremd bleiben, sich auch später den Eltern entziehen (George wird Ingenieur, Selma will Bäuerin werden, schmeißt dann das Studium und heiratet 1957, wie sie ihrem Vater halb stolz halb trotzig erklärt, einen Juden, was Kornitzer als »Qualifikation« nicht genügt, aber er schweigt). Claire macht die Hausarbeit, liest, versenkt sich in die Literatur, in Svevo, Somerset-Maugham, Kleist und andere. Aber ihre Gesundheit ist angegriffen.

In weit ausholenden Bewegungen wird das Schicksal der Kinder erzählt, ihre Odyssee in Großbritannien (am Ende nennt Krechel Literatur, aus der sie womöglich das Schicksal destilliert hat), ihre Sehnsucht nach den schweigenden Eltern. Im etwas langen Exil-Kapitel wird der Leser mit der kubanischen Exilantenszene konfroniert. Diese ist natur­gemäß nicht so schillernd und glanzvoll wie beispielsweise in Kalifornien. Es gibt keine Manns, keinen Feuchtwanger, keinen Brecht (nicht einmal ein Alfred Döblin mit seiner verzweifelten Unaufgehobenheit). Kornitzer bekommt eine Sekretärsarbeit bei einem Anwalt und schlägt sich mit der Hitze und der alles beherrschenden Korruption herum. Schiffe mit Flüchtlingen werden wieder zurückgeschickt, weil nicht mit ausreichenden Summen geschmiert wird und er ist ganz froh, dass nicht Claire auf einem dieser Schiffe ist (das beruhigt das sporadisch aufkommende schlechte Gewissen, die Frau als arische Geisel zurückgelassen zu haben, aber im kubanischen Konsulat in Hamburg gab es nur ein Visum, womöglich, weil die Bestechungssumme trotz der Erbschaft der Mutter zu niedrig war). Es kommt wie es kommen muss, Kornitzer lernt eine Frau kennen, eine Lehrerin. Fast ein bisschen geschraubt wird diese Liebesgeschichte erzählt. Und natürlich wird die Frau auch schwanger und Kornitzer »verliert« noch vor der Geburt auch den Kontakt zu diesem Kind, das die Mutter auf seinen Wunsch hin Amanda nennt. Eine ledige Mutter ist in Kuba unmöglich; das Kind wächst nicht bei der Mutter auf. Zum Abschied bekommt er ein Bild gezeigt, die kleine Amanda an der Hand von jemand, der auf dem Foto abgeschnitten ist. Aber da brechen die Exilanten schon auf; nur wenige bleiben und wollen den Sozialismus in Kuba verwirklichen. Sie verzweifeln dann ein bisschen später.

Die Verlesung der Grundgesetz-Artikel

Immer wenn man denkt, Kornitzer habe sich einigermaßen eingerichtet, bricht es aufs Neue aus ihm heraus. Für eine Verhandlung am 20. September 1956 hatte er einen Vertreter der Presse sowie den Landgerichtsdirektor eingeladen. Bevor er eine Ver­handlung eröffnet, liest er ohne jegliche Kommentierung und Veranlassung Artikel 3 Ab­satz 3 und Artikel 97 Absatz 1 des Grundgesetzes. Zunächst scheint sich ein Spoerlsches Possenspiel zu entwickeln, aber die Angelegenheit schaukelt sich zu einem handfesten Skandal hoch. Kornitzer war mit seinen Restitutionsgesuchen immer wieder gescheitert und wollte offensichtlich mit dieser unorthodoxen Maßnahme für Aufsehen sorgen. Im Gegensatz zu Kafkas Josef K., der seine Prozessgegner nicht kennt, ist Kornitzer fast immer auf dem Laufenden (nur wenige Male zitiert die Erzählerin Aktennotizen, die er nicht bzw. nicht zur gleichen Zeit zugängig waren), kennt seine Feinde und die Fallstricke der Gesetze und Paragraphen. Er gibt an, dass er, wenn er nicht hätte fliehen müssen, in gehobenerer Position wäre als jetzt und will auch hier – ja, was eigentlich? Geld? Titel? Anerkennung? Widmung? sein Recht? Und er pocht auf eine Entschädigung für die in Claires requirierter Wohnung von der Gestapo oder sonstwem entwendeten (und seitdem verschwundenen) Gegenstände.

Die Eingaben werden zwar bürokratisch bearbeitet und beantwortet, aber Kornitzer beißt auf Granit. Elaboriert rechnet man ihm das Haus an, vergleicht seine Karriere mit denen der nicht emigrierten Juristen (was ihn empört, da es sich im geringsten Fall um Nazi-Mit­läufer handelt). Kornitzers Handlungen wirken wie eine Mischung aus Koeppens Keeten­heuve, der als Politiker am bruchlosen Kontinuum einer Weiter-so-Bundesrepublik scheiterte und schließlich ins Wasser ging und Michael Kohlhaas, nur das Kornitzers Waffe das Wort und die zuweilen beißende Polemik ist (nicht ohne Grund verwendet Krechel ein Kohlhaas-Zitat als Motto). Auch physisch leidet er: er wird fett und herzkrank. Er spürt sein Herz im Halse klopfen und es wird der Sitz einer undemokratischen Nebenregierung, ein Unruheherd. Um die Fallstricke der Bürokratie besser zu überblicken, schaltet er einen Anwalt ein, der die Eruptionen seines Mandanten mildert und manchmal Teilerfolge erreicht. Aber Kornitzers Wünsche, Eingaben, Forderungen nehmen immer mehr zu. Er verlangt Einsicht über seine Beurteilung und stört sich daran, dass man ihn dort als massig bezeichnet. Er macht eine Fastenkur, die verlängert wird und muss sich davon erst einmal erholen. Weitere Kuren und Urlaube folgen. Schließlich wird er zum Senatspräsidenten am Oberlandesgericht Koblenz ernannt. Aber auch das ist ihm nicht recht und er wertet die Beförderung als Taktik seiner Gegner um: Keine Emotionen sind überliefert, nur Förm­lichkeiten, Verbindlichkeiten, ein großes Pflaster auf einer großen Wunde, und dann den Blick abgewandt, den Sargdeckel geschlossen. Resignierend heißt es schließlich, dass Kornitzer, der so gerne Richter war, das Landgericht nicht mehr betritt. Er gibt auch jetzt keine Ruhe, mit Feuereifer stürzt [er] sich…in die Arbeit für seine Wiedergutmachung. Ein wenig Erholung findet er nur in seiner Eigenschaft als Vizepräsident der Akademie für Völkerrecht in Den Haag. Hier fühlt er sich akzeptiert, sicher und unbeobachtet, denn in Den Haag gibt es keine gegnerische Partei und es gibt zarte Andeutungen, dass es dort auch so etwas wie Freunde gibt, wovon in Mainz niemals die Rede ist.

Und seine Frau? Sie kommt hierüber auch nicht zur Ruhe, einerseits steht sie ihrem Mann bei, andererseits… Als Richard aus Berlin zurückkommt (er war dort um Zeugen von Claires Wohnungsrequirierung aufzuspüren) liegt seine Frau mit Oberschenkelhalsbruch bewusstlos im Haus. Sie kann danach nicht mehr gehen, ihre Nieren versagen immer mehr. Mit noch nicht einmal 60 Jahren wird sie zum Pflegefall. Kornitzer hört ihre (nicht verbalisierten) Vorwürfe. Und über eine zitierte Behördenantwort erfährt der Leser dann, dass Claire gestorben ist.

Nicht versöhnt

Nach dem Tod seiner Frau: Jetzt sah er sich im scharfen Gegenlicht, seine grämliche Gestalt, die Mundwinkel, die sich nach unten bogen, er sah seine schwere, dunkle Horn­brille, hinter denen er seine Augen im Spiegel nicht wirklich sah. (Oder wollte er sich selbst nicht in die Augen schauen?) Er sah seine untätigen Hände, auf ihnen die blauen Flüsse der Adern und erste Altersflecken auf den Handrücken, die Monde der Finger­nägel, er sah sich und erschrak. Er sah seinen Hader, sah ihn wie eine zweite Gestalt hinter sich, eine dunkle Erscheinung, böse, streitbar, unzufrieden. Ganz leise schlich er von sich selbst fort. Kornitzer ist, wie Robert Fähmel in Bölls »Billard um halbzehn« »nicht versöhnt mit mir und nicht mit dem Geist der Versöhnung.« Er scheint, wie eine andere Böll-Figur in diesem Roman, der die Restaurationsstimmung sehr gekonnt einfängt, regelrecht Angst zu haben »sich von der banalen Tatsache überzeugen [zu lassen], daß das Leben weitergeht und die Zeit einen versöhnt.« Und so pflegt Kornitzer eine moralisch getriebene Unerbittlichkeit. Er war nach Deutschland zurück- aber nicht angekommen. Sein Glaube an Recht und Gerechtigkeit war unter den Bedingungen dieser Bundes­republik zum Scheitern verurteilt. Es gibt noch einen Höhepunkt, als Amanda zu Besuch kommt, die junge Frau will weiter nach Paris, Sängerin werden. Und 1970 schließt Kornitzer einen Frieden, akzeptiert die 3000 Mark Schadensersatz für Claires Wohnungs­vertreibung und dann scheint es so, als sei damit sein Lebenszweck erloschen, denn irgendwann erfährt der Leser – auch hier indirekt – das Richard Kornitzer kurz danach gestorben war.

Aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende. George (verheiratet mit einer Britin, die von der Erzählerin unpassend dünkelhaft als schlichtes Gemüt abqualifiziert wird) arbeitet inzwischen in einer Ingenieursfirma am Rhein. Er, der sich als eine krude Mischung aus Deutscher und Brite empfand, erhält eines Tages Post von einem Verlag, der ein Handbuch der deutschsprachigen Emigration herausgeben möchte und den Sohn um Bestätigung der bisher gesammelten Daten von Richard Kornitzer bittet, um diesen aufzunehmen. George überlegt aber seine Frau weiß gar nicht, was es da zu überlegen gibt. Es machte sie stolz, daß ihr Schwiegervater zu der Ehre kam, daß ihm ein Lexikonartikel gewidmet wurde. Aber Georges Antwort an den Verlag ist von ähnlicher Verbitterung wie das Verhalten seines Vaters. Er sagt ab, sieht sich außer Stande, die Angaben zu bestätigen oder zu korrigieren. Stattdessen beklagt er, sein Vater habe einen Testamentsvollstrecker einge­setzt, der mehr als vier Jahre [hat] verstreichen lassen, um den Nachlaß zu regeln, obwohl er, seine Schwester in England sowie die ebenfalls erbberechtigte Frau Amanda Pimienta (eine Verwandtschaftsbezeichnung zu nennen, vermied er) sich in allen Fragen des Testaments und der Aufteilung des Erbes einig seien. Er bat die Redaktion des Handbuches, diesen Skandal aufzugreifen und der schreienden Ungerechtigkeit, die letzte, die sein Vater erdulden müsse, ein Ende zu bereiten. Und er verblieb mit verbindlichen Grüßen. George verstand nicht, daß er Zeuge war, Zeuge für das Leiden und den Hochmut seines Vaters. Eine Mitarbeiterin des Verlages schüttelte den Kopf über diesen Brief. Einen Eintrag im Handbuch gab es nicht. Die Rache des Sohnes für 1939?

In Zeiten der großen Coolness ist ein Buch wie »Landgericht« per se schon eine Provokation. Aber es ist ein aufrührendes Buch, sperrig, nervig, eine Prise moralinsauer und in der Schilderung der Bitternis eines zutiefst unglücklichen Menschen verstörend. Über die gelegentlichen sprachlichen Defizite liest man irgendwann einfach hinweg. Einige werden dieses Buch sicherlich als lästig empfinden – das wäre die Gemeinsamkeit zwischen gestern und heute, zwischen Gruppe 47 und Feuilletonzirkus 2012 (nicht ohne Grund gibt es eine abschätzige Bemerkung Kornitzers über die »Kriterien« der Gruppe 47). »Land­gericht« ist ein Buch, das größte Aufmerksamkeit verdient. Und ein Buch, das auf seltsame Weise die Koordinaten des Lebens wieder ein bisschen zurechtrücken könnte.


Die kursiv gesetzten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

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6 Kommentare zu »Ursula Krechel: Landgericht«:

  1. blackconti sagt:

    Noch während des Lesens dieser ausgezeichneten Buchbesprechung stand für mich fest: Das Buch werde ich mir umgehend beschaffen. Du beschreibst einige Passagen, die ich sofort mit dem Verhalten meines Vaters nach dem Krieg assoziierte und möglicherweise finde ich in diesem Buch die ein oder andere Erklärung für bis heute Unverstandenes.

    #1

  2. Die Lektüre lohnt in jedem Fall.

    Sagst Du mir dann Bescheid, wie Du’s empfunden hast?

    #2

  3. KTSchnider sagt:

    Dankeschön für diese Rezension. Nachdem ich mich soeben durch »Mittelreich« und zufällig eher gleich danach durch »Gerron« gelesen habe, gebe ich nach dieser Besprechung die Hoffnung nun doch nicht auf, etwas Interessanteres, allenfalls »Besseres« Literarisches um »jene Zeiten herum« lesen zu können. Immer daran interessiert, wie der immer länger werdende Blick nach hinten heute gestaltet und dem Publikum vorgesetzt wird. Gespannt bin ich auf das, was Sie als »moralinsauer« bezeichnen – könnte sein, denke ich, was an Autorenstimme mir in den genannten Büchern als »wichtigtuerisch« vorkam. Was sprachliche Defizite angeht, bin ich ebenfalls neugierig. Ob dort die Schwierigkeit eines redlich schreibenden Menschen liegen könnte – mit »jenen Zeiten« sich so eingehend zu befassen und darüber zu berichten, dass dort die Autorenstimme manchmal »quietscht«, wo sie ansonsten das »Eigene« ausliess – was weder Bierbichler noch Lewinsky in irgend einer Weise schafften oder auch gar nicht schaffen wollten?
    Jedenfalls, merci – und das Buch kommt mir auch auf den Tisch!
    Mit freundlichem Gruss
    Ktschnider

    #3

  4. @KTSchnider
    Vielleicht teilen Sie uns ja Ihre Eindrücke nach der Lektüre mit?

    #4

  5. blackconti sagt:

    @Gregor

    Du hattest mich ja um eine kurze Meinungsäußerung zu Deinem Buchtip „Landgericht“ gebeten und dem kann ich jetzt endlich nachkommen.

    Verständlicherweise dauert es immer eine geraume Zeit, bis man ein Buch aus Deutschland hier, Tief im Süden, in Händen halten kann. Manchmal fügt es sich glücklich, dass so ein Bücherwunsch in der Nähe eines Besuchertermins fällt. Dann geht’s rasch und kostengünstig. Dieses Glück hatte ich diesmal nicht, aber da Deine Rezension des Romans „Landgericht“ mich höchst neugierig auf die rasche Lektüre gemacht hatte, so habe ich das Buch bei einer deutschen Buchhandlung in Kapstadt bestellt, ungeachtet des doppelten Verkaufspreises. Auf Lager hatten die es nicht, aber sie haben es bestellt und bereits 6 Wochen später wurde geliefert ( ursprünglich hieß es: 2 Wochen – ist halt Afrika!).

    Um es kurz machen: Das Warten hat sich gelohnt. Selten hat mich ein Buch so gefesselt und berührt. Es fällt mir schwer zu werten, was mich mehr beeindruckt hat, das an- und abschwellende Tempo des Romans, Jahre vergehen wie im Zeitraffer und dann verharrt die Geschichte plötzlich in der detaillierten Beschreibung des Augenblicks, oder die wirklich gekonnt verwobenen Zusammenhänge zwischen der emotionslosen Banalität amtlicher Entscheidungen, der Banalität des Bösen, und den zerstörerischen Auswirkungen auf das Individuum. Der latente Zweifel, ob es sich hier um eine fiktive Geschichte oder nicht doch eher um eine reale Biographie handelt, ist bewusst angelegt und führt auf verstörende Weise zu eher noch tieferem Mitleiden mit der zerissenen Familie.

    Bei 500 Seiten gibt es natürlich auch Passagen, bei denen man einfach etwas schneller liest, weil ein bestimmter Moment, hin- und hergewendet, von vorn, von hinten, von oben und unten beschrieben, irgendwann genug ist und man die Absicht der Autorin spürt, jetzt besonders literarisch zu werden, was am Ende dann aber nur nervt. Kommt Gott sei Dank nicht oft vor und , wie gesagt, dann liest man halt einfach etwas schneller.

    Obwohl viele Fakten im Roman bekannt sind, wer wüsste nicht, dass Nazirichter ihre Karriere in der BRD nahtlos fortgesetzt hätten, wer wüsste nicht, dass Juden auf der Flucht vor den Nazis große Probleme hatten irgendwo auf der Welt Asyl zu finden, so erlebt man dieses nüchterne Wissen hier plötzlich hautnah und bedrückend aus der Sicht der Betroffenen. Ein wirklich großartiges Buch, welches nachwirkt.
    Noch mal vielen Dank für Deinen Tip.

    Herzliche Grüße

    #5

  6. Herzlichen Dank für Deine Rückmeldung. Dass das Buch was taugt, ist ja inzwischen auch durch den Deutschen Buchpreis dokumentiert. Es enthält in der Tat einige sehr interessante Einzelheiten. Mich hat das Ende ergriffen: Der Sohn, der seinem Vater in der gleichen Verbissenheit die Rehabilitation verweigert, wie damals die ehemaligen Nazis Kornitzer (wenn es auch eine andere Wiedergutmachung gewesen wäre).

    #6

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