Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten

Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten

Es ist ja nicht so, dass sich Peter Sloterdijk darüber beklagt, dass das deutsch-französische Verhältnis vom Heroismus zum Konsumismus mutiert scheint und inzwischen mit wohlwollende[r], gegenseitige[r] Nicht-Beachtung vermutlich zutreffend charakterisiert ist. Am Ende empfiehlt er ja sogar den grossen Konfliktherden der Welt, sich nicht zu sehr füreinander zu interessieren. Denn erst gegenseitige Desinteressierung und Defaszination lassen Kooperation und Vernetzung zu.

Die Thesen basieren auf einer Rede, die 2007 gehalten wurde. Einerseits wird das deutsch-französische Verhältnis skizziert (zunächst weit ausholend und dann doch auf die Zeit nach 1945 konzentriert) und zum anderen die Rolle Deutschlands in Europa befragt. Ein Europa, für das die Bezeichnung »Nachkriegseuropa« 64 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs langsam obsolet sein dürfte.

»Metanoia« und »Affirmation«

Das 50jährige Jubiläum des gemeinsamen Gottesdienstes zwischen Adenauer und de Gaulle im Jahre 1962 in Reims antizipierend (Sloterdijk greift hier spitzbübisch dem »Jubiläumsjahr« 2012 vor [nur die Evangelische Kirche in Deutschland ist da geschäftiger: sie beginnt im Jahr 2008 die Feierlichkeiten, die sogenannte »Lutherdekade«, die 2017 ihren Höhepunkt haben soll]), stellt er trocken, aber wahrscheinlich zutreffend fest: Es gehört fast keine Phantasie dazu, um sich die Reden vorzustellen, die man…hören wird.

Fast ständig waren Deutsche und Franzosen im Wechselspiel zwischen Krieg und Frieden aufeinander fixiert und miteinander (teilweise fatal) »verbunden«. Sloterdijk beschreibt die psychosoziale[n] Verwicklungen als pathogene gegenseitige Faszination und kreiert dafür die Begriffe Metanoia und Affirmation. Dabei ist Metanoia weniger als christliche Buße, sondern als das weltliche Umlernen im Dienste erhöhter Zivilisationstauglichkeit zu verstehen. Das bloße »Wunden lecken« eines verlorenen Krieges genügt bei dieser Art säkularer Reinigung nicht. Genau wie die Sloterdijksche Affirmation mit dem Triumph des (Kriegs-)Gewinners nur unzureichend beschrieben scheint.

Dennoch ist es gerade das Affirmative, welches in der Interdependenz zwischen den beiden Polen (sprich: Welten oder [platter ausgedrückt] Nationen) bestimmend (konstituierend?) ist. Sloterdijks Beispiel ist das des im Prinzip kriegsverlorenen Italien des Jahres 1918, welches sich nur durch das Bündnis der Alliierten in einem verstümmelten Sieg als Mitgewinner des Ersten Weltkriegs hinüberretten konnte. Diese in Sieg umgefälschte Niederlage führte nicht zur metanoetischen Reinigung. Stattdessen schwang sich eine ultranationalistische Partei zu einer heroischen Hyper-Affirmation auf: die Faschisten. Mussolini errang bei Wahlen 1924 nicht weniger als 66% der Stimmen. Und statt kluger strategischer Affirmation der Siegermächte mit den Kriegsverlierern gab es den Versailler Frieden, so wird insinuiert (ohne es direkt anzusprechen).

De Gaulle statt Mussolini

Die Parallele zum siegreichen Verlierer Italien 1918 sieht Sloterdijk am Ende des Zweiten Weltkrieges in Frankreich: Denn so wie die Alliierten vom November 1917 an für die Italiener eine letzte Front errichtet hatten, damit sie bis zum Tag der deutschen Kapitulation durchhielten, trugen die Alliierten die realen Kriegslasten für die Franzosen – bis zu jener unvergesslichen »Libération« am 25. August 1944, als de Gaulle an der Spitze improvisierter eigener Truppen einen triumphalen Einzug in Paris hält. Und eben weil die französische Niederlage von 1940 um vieles eindeutiger ausgefallen war als die italienische von 1917, geriet die Einreihung der Franzosen (die nur in Jalta fehlten) unter die Siegermächte um vieles auffälliger als die der Italiener nach dem Ende des Ersten Weltkrieges. Aber immerhin, so wird erleichtert vermerkt, habe es in Frankreich de Gaulle und nicht eine Figur wie Mussolini gegeben.

Sloterdijk attestiert sehr wohl Ansätze einer authentischen französischen Metanoia die aber wegen der erneuten Demütigungen durch die Entkolonialisierungskonflikte in Indochina und Nordafrika scheiterten bzw. rudimentär blieben. 1958 diktierte de Gaulle dann die starke präsidiale Fixierung für »la grande nation«, überhöhte das Präsidentenamt mit dem Elysée [als] … europäisches Weißes Haus. Hinzu kam dann Anfang der 60er Jahre die zugespitzteste Form einer post-stressorischen Affimationsstrategie: die französischen Nuklearwaffen.

De Gaulle und Adenauer in Reims 1962

De Gaulle und Adenauer in Reims 1962

Aussenpolitisch verbucht er de Gaulles Versöhnung mit Adenauer durchaus als Akt metanoetische[r] Qualität, während an den linken Kriegergebnisfälschungen, die mindestens teilweise in die Flucht in die sozialistische Übergröße führte (Stalin wurde da kaum als störend empfunden) kein gutes Haar läßt. Den Sieg der Roten Armee habe die französische Linke auf das Konto des linken Widerstands umgebucht, in dem man eine kämpfende Kirche des nachträglichen Widerstands implementiert habe, die sich als generelle Kritik der bürgerlichen Gesellschaft und des spätkapitalistischen Zeitalters gerierte, indem sie den Marxismus, die Semiologie und die Psychoanalyse zu einem suggestiven Amalgam vermischte. Natürlich beschreibt Sloterdijk hier auch die französischen Linksintellektuellen, die sich so gerne mit dem Wort »engagiert« umgeben und heute nur noch ihren polemischen Gebrauchswert kultivieren.

Camus vs. Sartre

So erscheint der Prozess der Implosion des linken Feldes in Frankreich (schon seit 1989) fast unausweichlich. Es handelt es sich, so Sloterdijk, um den finalen Zusammenbruch des pseudo-metanoetischen Systems, mit dem sich die französische Linke falsche Siege und phantomische Souveränitäten auf dem Feld der aufgewühlten Nachkriegsaffekte und Nachkriegsdiskurse zu verschaffen gewusst hatte. Das war einmal. Von den Verhältnissen eingeholt, ist nicht nur eine Atomisierung der französischen Sozialisten zu beobachten, sondern die französische Linke insgesamt, reduziert auf einen hilflosen und hysterischen Progressismus stehe längst in der Kälte und wärme sich nur noch an Strohfeuern die Hände während die post-gaullistische gemäßigte Rechte in mehreren Metamorphosen inzwischen das Experiment Sarkozy hervorgebracht hat.

Fast als einziger ragt Albert Camus bezüglich der authentische[n] metanoetische[n] Leistungen heraus. Camus habe schon in den späten vierziger Jahren auf die richtigen Fragen die richtigen Antworten gegeben. Er habe Recht behalten mit der Formulierung »Das Unglück ist heute das gemeinsame Vaterland«, diesem großen europäischen Versöhnungwort. Denn Sarte spielte nach 1945, durchwegs aus sicherer Distanz, mit dem Feuer der bewaffneten Revolte – von seinem fatalen Vorwort zu Frantz Facons »Die Verdammten dieser Erde« von 1961 bis hin zu seinem trotzigen Besuch in Stammheim, wo er zu seiner Enttäuschung einen Schwachkopf namens Baader vorfand, der den Besuch des Denkers nicht wert war.

Während Sloterdijk Sartre als Galionsfigur der französischen Pseudo-Metanoia und exemplarisch für die französische Linke mit ihrem neurotischen Exzeptionalismus und einem messianischen Aggressionsexport sieht, ist Camus der Prototyp (bzw. wohl eher Lichtgestalt) eines selbstkritisch besonnenen Frankreichs in der Mitte Europas nach dessen postimperaler und postideologischer Beruhigung. (Bei beiden – Sartre und Camus – betont Sloterdijk auch aus Ergebenheit Sartre gegenüber, dass wir auf Höhen blicken, zu denen heute kaum noch ein Autor aufsteigt).

Im Gegensatz dazu sieht Sloterdijk für die Bundesrepublik einen neuen Aggregatzustand. Die Nachkriegszeit, zahlreichen Bewährungsproben ausgesetzt und diese meist gemeistert, nähere sich ihrem Ende, und zwar aus psychopolitischen und…kulturbiologischen Gründen. Deutschland habe vorzeigbare Resultate geliefert, die Grundrichtung habe gestimmt und das überkommene deutsche Decorum mit samt seinen dunkel-romantischen heroistischen und ressentimentalen Erblasten im Licht der Kriegsergebnisse, mehr noch im Licht der mitverschuldeten Zivilisationskatastrophe sei reevaluiert und revidiert worden.

Nur Normalisierungsverweigerer und deren Furor des negativen Nationalismus bezweifelten hartnäckig die Übergangsphase der sukzessiven Auflösung des permanenten metanoetischen Ausnahmezustands in das manifeste Stadium seiner Normalisierung, die Überführung in gewöhnliche alltagspatriotische Verhältnisse.

Die üblichen Aufgeregtheiten

Und flugs sind sie da. Diejenigen, die ihre zunehmende Weltfremdheit nur durch erhöhte moralische Aufgeregtheit kompensieren (können?) und in scheinmoralischen Schauprozessen auf vermeintliche Konvertiten oder Verräter der fortschrittlichen Sache eindreschen (hüben wie drüben übrigens) – genau wie von Sloterdijk in anderen Zusammenhängen beschrieben. Sie rufen »Geraune« (Rudolf Walther im Deutschlandfunk) oder distanzieren sich vorsorglich von den (dem?) »Philosophen« oder inszenieren aus der warmen Stube ihre mediale Treibjagd wie der seneszente Moritatensänger Klaus Harpprecht in der »Zeit«, der in mustergültiger Beschränktheit vom »Schwadroneur in Schwarz-Weiß-Rot« daher schnattert und sich wünscht, man kümmere sich »einen Dreck« um Sloterdijks »abenteuerliche These«. Harpprechts Beitrag (leider von der »Zeit« nicht online gestellt) ist ein Musterbeispiel für das alarmistisch-tribunale Feuilleton altlinken (und somit altbackenen) Stils.

Vielleicht haben sie aber auch in der heute notwendigen Eile dieses kleine Büchlein nicht genau genug gelesen oder sind schlichtweg ein bisschen überfordert (man braucht tatsächlich ein gewisses [historisches] Basiswissen, wie Dorle Gelbhaar richtigerweise feststellt). Oder man wittert die Möglichkeit der Revitalisierung, Sloterdijk endlich in die »rechte« Ecke stellen zu können, nachdem der erste Denunziationsversuch 1999 anlässlich seines Essays »Regeln für den Menschenpark« kläglich scheiterte (wohl auch deswegen, weil die affektgesteuerten Gesinnungs-Gouvernanten Sloterdijks intellektuellen Volten nicht gewachsen waren). Anhand des aktuellen Buches den Wunsch einer Art Wiederbelebung des Wilhelmismus zu unterstellen, ist abenteuerlich und zeugt genauso von tendenziöser Lektüre wie der scheinbar bei vielen schon eingebaute Beissreflex, der bei den Worten Normalisierung bzw. Normalität hervorschnellt. Der einschränkende Satz Sloterdijks (Man möge in die Ausdrücke »Normalität« und »Normalisierung« nicht zuviel hineinlesen.) wird mit Bedacht und somit keinesfalls absichtslos überlesen, weil er das morsche Schmähungstürmchen ansonsten natürlich sofort zum Einsturz brächte.

Walser und Benedikt XVI.

Vielleicht also ein bisschen voreilig sieht Sloterdijk die lange Serie der landesüblichen Skandale (Botho Strauß‘ »Anschwellender Bocksgesang«, Enzensbergers »Aussichten auf den Bürgerkrieg«, Walser) erschöpft (er fügt allerdings die kleine Einschränkung zunächst hinzu). Exemplarisch werden die Aufregungen am Beispiel von Martin Walsers Paulskirchenrede im Herbst 1998 aufgezeigt. Sloterdijk sieht hier Walsers Protest gegen die mechanisierte Form pseudo-metanoetischer deutscher Schuldlustrhetorik. Stattdessen plädiere dieser für eine Form der Metanoia, die sich dem Geschehenen authentischer zuwendet, als jede noch so gut gemeinte Denkmalpflege es vermöchte. Denn ohne innere Vergegenwärtigung, so Sloterdijks Interpretation des Schriftstellers, könne es keine ernsthafte, durchs Gewissen gehende Befassung mit den Schrecken deutscher Verbrechen geben. Dieser Vorgang bilde ein notwendiges Korrektiv gegen die Selbstläufigkeiten der veranstalteten Erinnerung.

Mit dem brausenden Applaus »in situ« am Ende von Walsers Rede (auch von denen, die später vehement kritisierten) war man sich selber ein paar Minuten lang zehn Jahre voraus. Inwiefern Walser mit der Rede auf die Rezeption seines autobiografischen Romans »Ein springender Brunnen« Bezug nahm, bleibt hier unberücksichtigt, obwohl es indirekt als Beleg für Sloterdijks Feuilletonkritik herhalten könnte. Etliche Rezensenten hatten in der Kindheitsgeschichte der 30er und 40er Jahre der Figur Johann (die 1945 achtzehn Jahre alt ist und in vielen Punkten grob vereinfachend als das Alter Ego Walsers bezeichnet werden kann) den Bezug auf die Verbrechen der Nationalsozialisten »vermisst« (viele erklären das Wort von der »Auschwitzkeule« in der Rede aus diesem Zusammenhang). Den Keim für diesen Konflikt mit den semitotalitär wirksame[n] Medien sieht Sloterdijk allerdings in Walsers schöne[r] Unklugkeit in den 70er/80er Jahren öffentlich den Glauben an die Wiedervereinigung nicht dem Mainstream geopfert, sondern darauf als politischen Ziel bestanden zu haben. Und das am Hypermoral-Standort Deutschland!

So war dann die Reaktion der deutschen Seite des Tumults entsprechend – eine Revanche (Bubis‘ Rolle als notwendiger »Überhellhöriger« nimmt er hier ausdrücklich aus). Brillant wie Sloterdijk die Skandalisierungsmechanismen in einem Satz zusammenfasst (Hervorhebung vom entzückten Rezensenten): Das Prinzip des Skandals ist stets die Enteignung der Wahrnehmung durch die Paraphrase, und seine Vollzugsform ist die Vernichtung des Wortlauts durch das Gerücht.

Und das an Martin Walser, einem der fleißigsten Arbeiter im Weinberg der deutschen Metanoia (Grass sieht Sloterdijk vor allem von den Überspitzungen seines eigenen Moralismus eingeholt; vergessend, dass es sich um ein mindestens platzverweisverdächtiges Revanchefoul altlinker Revolutionsverklärer handelt). Ungeachtet des Frontenwechsels von Frank Schirrmacher anlässlich des Streits um das Walser-Buch »Tod eines Kritikers« (wird nur in einer Fußnote erwähnt; die Desertion Schirrmachers gar nicht) geht Sloterdijk sogar so weit, dem deutschen Feuilleton zu empfehlen, in der jetzigen Entspannungsphase einen zweiten Blick auf die Affaire zu werfen – schon weil zwischen den Namen Martin Walser und Benedikts XVI. ein Zusammenhang bestehe.

Sloterdijk erkennt in der Wahl Joseph Ratzingers zum Papst im Jahr 2005 eine Manifestierung für die Tiefenerholung der deutschen Nachkriegszivilisation. Und so sieht er Benedikt XVI. (und Walser) in einer Reihe mit Heuss, Niemöller, Adorno, Dahrendorf, Willy Brandt, Weizsäcker, Grass, Kluge und Enzensberger. Alleine diese »Shortlist« der deutschen Metanoia gäbe reichlich Stoff zur Analyse. Wieso fehlt dort Adenauer? Oder Kohl? Und ist nicht der Friedensnobelpreis 1971 an Willy Brandt schon eine koppernikanische Wende in der Wahrnehmung der Anderen auf Deutschland (und der sogenannte Einigungsprozess Kohls und Genschers 1989/90 erst recht)?

Vom Idioten zum gewöhnlichen politischen Egoisten

Aber was bedeutet das für Deutschland im Allgemeinen und das deutsch-französische Verhältnis im speziellen? Mit der sich vollendenden Wandlung Deutschlands zu einer metanoetisch stark durchgearbeiteten und zivilisatorisch einigermaßen regenerierten Nation sind die Zeiten zu Ende, in denen schon die Wendung »deutsche Interessen« als ein Rückfall in Denkformen der NS-Zeit galt. Wenn es ein halbes Jahrhundert lang im deutschen Interesse lag, so wenig wie möglich Interessen zu zeigen – vergessen wird hier die Entspannungspolitik der sozial-liberalen Koalition – so kann die Zukunft des Landes nur in einer Rückkehr zu einer gemäßigten Affirmativität liegen. Dies werde im übrigen von den ausländischen Partnern der Deutschen erwartet.

Sloterdijk konstatiert, Deutschland sei schon seit einer Weile dabei, seine Übergangsrolle als Idiot der europäischen Familie abzulegen und sich zu einem gewöhnlichen politischen Egoisten zu entwickeln. Und hier könne es sich, wie ironisch bemerkt wird, von Frankreich eine Menge abschauen. In einer kleinen Ergänzung wird versucht, die Disparität seiner Äusserungen zu Ungunsten Frankreichs noch zu kompensieren: Deutschland habe, so die These, aus der Wahrhaftigkeit seiner Metanoia eine Lüge gemacht, da es seine totale Abhängigkeit von der militärischen Schutzfunktion anderer wie eine moralische Leistung vor sich her trage. Die Deutschen neigen zu der Überzeugung, sie hätten aufgrund ihrer vergangenen Verbrechen einen höheren Anspruch darauf erworben, in einer Welt zu leben, in der es keine Kriege gibt. Warum Frankreich im Gegensatz dazu durch seine (relativ autarke) Verteidigungsbereitschaft aus der Lebenslüge eine Wahrheit gemacht hat, bleibt ein bisschen diffus.

Beziehungslosigkeit als Friedensprogramm

Am Ende unterbreitet Sloterdijk dann seine These von der wohltuende[n] Entflechtung der beiden Nationen, der Auflösung der fatalen Überbeziehung, die mindestens seit Napoleon das Verhältnis bestimmte. Die heilsame Freundschaft, begründet 1962, ruhe auf der soliden Basis der errichteten Beziehungslosigkeit, die man diplomatisch als Freundschaft zwischen den Völkern beschreibt.

Fast heiter spielt Sloterdijk mit den offiziellen Versatzstücken deutsch-französischer Beziehungsrhetorik und deren verströmende Festreden-Langeweile. Nicht die exzessive Beschäftigung miteinander ist für ihn Garant für »gutnachbarliche Beziehungen«, sondern das eher das gelassene, von detaillierten Kenntnissen zumeist wenig getrübte Nebeneinander. Merkwürdig nur, dass dieses Buch eine Art post-paneuropäischer Zeit vorweg zu nehmen scheint: die Europäische Union als Klammer der »Beziehung« (und als ein unausweichlicher Faktor, was das »Nebeneinander« angeht) kommt allenfalls als Randphänomen vor. Sieht Sloterdijk in Konsequenz der Thesen in seinem Buch »Falls Europa erwacht« von 1994 die EU bereits als untergehendes Konstrukt? Damals konstatierte er, dass eine EU, die sich als neues Imperium definiere »die Reste seiner Seele« verlöre und sah für diesen Fall den »Untergang durch Verwahrlosung in den nächsten drei Generationen« voraus. Sein damaliges Credo, man möge sich auf ein »Nicht-Reich, eine neue Union politischer Einheiten« einigen, um der »imperialen Allianz von Ambition und Zynismus« auszuweichen, wird nicht ansatzweise aufgenommen.

Sieht Sloterdijk die EU im Jahr 2012 bereits auf dem Rückzug? Oder warum glaubt man eine Reanimation des Primats der Nationalstaaten herauszulesen? Hat für ihn die paneuropäische Idee, die »Hyperpolitik« der »Wettgemeinschaft…auf Weltverbesserung«, die aber das Gegenteil einer Welt- oder Kontinentalinnenpolitik darstellt (»Im selben Boot«, 1995), bereits ausgedient zu Gunsten einer benignen Entfremdung? Was, wenn die »Nachkriegsgesellschaft« nur eine trübe Sonntagsgesellschaft von siebenundzwanzig (und bald vielleicht noch mehr) Solisten darstellt, die als gemeinsame Melodie höchstens die ersten Takte von »Hänschen Klein« intonieren können, zu einer Symphonie jedoch in kakophones Getöse abstürzen? Wäre dann nicht die Defaszination der glücklich Getrennten eine lobenswerte Alternative zur Wiederbelebung einer wie auch immer gearteten (gefährlichen) bi- oder multilateralen Bündnispolitik? Ist so der nach-geschichtliche ‚modus vivendi‘ einer Friedensordnung höherer Stufe zu verstehen?

Vieles bleibt kursorisch, manches wird angedacht, einiges mit dicken Strichen nur grob skizziert (beispielsweise eine immer wieder hervorbrechende Medienkritik), aber bei allen Ungenauigkeiten, die einer solchen Vorübung nun einmal eigen sind – das Buch ist anregend (Sloterdijks aphoristisches Schreiben ist fast immer ein Gewinn), einige Thesen verblüffend und luzide. Auch und gerade dort, wo man dem Autor nicht mehr unbedingt folgen mag.


Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus dem besprochenen Buch.

Leseprobe – Suhrkamp-Verlag, pdf

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11 Kommentare zu »Peter Sloterdijk: Theorie der Nachkriegszeiten«:

  1. en-passant sagt:

    Bin ebenfalls jetzt schon »entzückt« – Danke!
    Und will man nach solcherart Tiefenauslotungen und Aneinanderreihungen von Hellsichten eigentlich nach »drunter« über Politik hören? Welcher mit der Sache Befasste könnte solche Analysen leisten? Sie bis ins Detail überzuegend gewichten? Über Zeitspannen in einem gültigen Verhältnis sehen? Selbst wenn man hier und da an den Einschätzungen andere Nuancen betonen würde, bilden sie insgesamt einen Zusammenhang, eine Durchdringung, die ich niemandem sonst zutraue. Intellektueller Zugriffsmut und dazu dieser Sloterdijk-Sound – geil!

    Klar, das ist von Politikern nicht zu leisten und nicht erwarten. (Oder doch, wo sie gerade mal wieder die Milliarden verteilen und mit Generationenfolgen spoielen, die Zauberlehrling?)

    Jedenfalls weiß ich jetzt wenigstens, warum mich fast alle Politik nur mehr langweilt – sie ist (etwa wie auch viele haarspalterische Philosophie in dann doch nur den ewig selben kreisenden kategorialen Zwangsverhältnissen) einfach weder inspiriert noch inspirierend! Sollte man aber nicht ein Minimum davon verlangen dürfen? – Ich würde ganz egoistisch beantworten: Ja!

    (Ich hatte ein paar der früheren Sloterdijk-Sachen gelesen, z.B. »Im selben Boot«, aber dieses Buch, schon wegen der Camus-Gewichtung, aber auch wegen meiner mir selber nicht ganz geklärten schwärmerischen Frankreich-Liebe, werde ich mir dieses ganz bestimmt demnächst auf der Zunge zergehen lassen!)

    Merci beaucaup pour votre médiation!

    #1

  2. »Im selben Boot« habe ich höchstens zum Teil verstanden; die Allegorien Sloterdijks, die Sie ja auch so schätzen, kamen mir da ein wenig zu sehr konstruiert vor.

    Dennoch: Nach so einer Lektüre wieder mit dem »Alltäglichen« des politischen Diskurses (= der Salbaderei) konfrontiert zu werden, ist schon kurz Kulturschock-verdächig.

    [EDIT: 2009-01-06 12:41]

    #2

  3. lou-salome sagt:

    No mail to K.G.
    M.E. kann ein politisches Gleichgewicht und ein ausgewogenes Machtverhältnis zwischen Staaten ein gegenseitiges Desinteresse sowie eine Defaszination zulassen und erlauben. Ist damit nicht Frieden gesichert? Obwohl, ausruhen darf man sich darauf auch nicht.
    Und geht der Versuch, eine politische Balance zu halten, nicht auf den Frieden von Utrecht zurück ( Sloterijk zieht ja einen geschichtlichen Bogen von Karl dem Großen bis in die posthistorische Zeit, beschreibt er auch die spanischen Erbfolgekriege und dessen Konsequenzen? Ich habe immer gedacht, seit dieser Zeit änderte sich das politische Gleichgewicht, es entstand eine Pentarchie).

    Ich habe von Peter Sloterijk bis heute nichts gelesen, werde dies aber nachholen. Und – trotz der „ errichteten Beziehungslosigkeit“ zum Nachbarstaat Frankreich, er gehört zu meinen Favouriten und nicht nur, um dort Urlaub zu machen.
    Wieder eine interessante Buchvorstellung von Ihnen, Herr K., danke.

    #3

  4. Thanks
    Sloterdijks Bogen geht zwar zurück bis Karl dem Großen – allzu sehr ins Detail geht er dann aber nicht, was man ihm sicher vorwerfen kann, denn diese verkürzende Häppchengeschichte ist tatsächlich gefährlich. Danach kommt schon Napoléon und dann die beiden Weltkriege.

    Die Ungeheuerlichkeit seiner These liegt darin, daß die gängigen Versöhnungsmuster, die uns seit jeher vorgebetet und mit dessen Reden wir zugeschüttet werden, mit einem Handstreich vom Tich gewischt werden. Indem Sloterdijk die ökonomischen Verknüpfungen so stark betont, geht er davon aus, daß es keine Ambitionen mehr gibt, Kriege zu führen (Kriege stören langfristig eine Ökonomie). Demnach wäre der profane »Binnenmarkt« plus das gegenseitige Desinteresse Gewähr für eine Art »ewigen Frieden«.

    Ich bin nicht sicher, ob dieser Schluß richtig ist. Nimmt man profane Streitigkeiten (bspw. Nachbarschafts- oder Familienstreit), so ist die Defaszinationsthese sicherlich nicht ganz falsch. Sie kann aber immer nur nach einem irgendwie gearteten Friedenskonstrukt greifen. Diese Situation sieht Sloterdijk im deutsch-französischen Verhältnis jetzt erreicht.

    [EDIT: 08:16]

    #4

  5. steppenhund sagt:

    Also wenn ich das jetzt richtig verstanden habe, sieht Sloterdijk einen Krieg in Europa durchaus als vernünftiges und notwendiges Mittel, um zu einer höheren Form des Friedens zu kommen?
    Gleichzeitig lerne ich aus der verlinkten Literatur, dass der Weltkrieg bis 1962 gedauert hat, weil die Franzosen ja damals noch weiter mit Indochina etc. Krieg geführt haben.
    Dass Adenauer, Kohl oder Brandt fehlen würde mich auch stutzig machen. Aber die Darstellung treibt mich eher in die Resignation des Biedermeierschen Bürgers. Lasst die anderen Politik machen. Die ist in Wirklichkeit nicht zu verstehen.
    Meiner bescheidenen Meinung nach ist jede Erklärung für die angesprochene Art von Geschehnissen ausschließlich kommerziell bedingt. Da gibt es keine Affirmation und keine Metanoia (habe ich jetzt als neues Wort dazu gelernt), sondern schlicht Habsucht und Raffgier.
    Und Neid, wenn ich über die Grenze schaue und es den anderen besser geht. Da benötige ich weder Sartre noch Camus und auch keinen der deutschen Philosophen. Wir als Menschen sind unfähig, dazu zu lernen. Nicht als Einzelner, aber als Menschheit von Generation zu Generation. Erfahrung lässt sich nicht weitergeben. Deswegen werden sich kleine Kinder immer wieder einmal verbrennen und große Kinder werden andere verbrennen.
    Aber die Buchbesprechung ist toll!

    #5

  6. Dass Sloterdijk den Krieg befürworten soll, ist eine unzulässige Interpretation einiger Rezensenten, die sich aus dem Buch nicht ergibt. Davon steht dort kein Wort. Dto, dass der Krieg für Frankreich bis 1962 gedauert hat (die entsprechende Passage im Original habe ich zitiert).

    Brandt fehlt ja in Sloterdijks Liste nicht. Er ist sogar der einzige, der mit Vornamen erwähnt wird. Dass Kohl fehlt, ist einerseits verwunderlich, andererseits jedoch stringent zur These. Man denke an die Versöhnungsinszenierungen, die Kohl mit Mitterrand veranstaltete.

    Hinsichtlich der Kommerzialisierungen von Kriegserlebnissen vermag ich Dir nicht zu folgen. Wo soll das bspw. in der nach-napoleonischen Zeit in Deutschland oder Frankreich stattgefunden haben? Oder 1918? Oder meinst Du eine Kommerzialisierung in Bezug auf politische Ränkespiele?

    Wenn Erfahrung sich tatsächlich nicht weitergeben lässt (wofür einiges spricht) – welche Folgen hätte das für die »Nachkriegszeit«? Wäre dann die Sloterdijk untergeschobene These (eine Paraphrasierung von Jünger) fast unabwendbar? Will sagen: Ist dann irgendwann ein Krieg nicht nur wieder möglich sondern auf eine perverse Art und Weise wieder nötig? Das kann es eigentlich nicht sein (daher »Metanoia« – wobei dieser Begriff zugegebenermaßen sehr akademisch ist, aber Sloterdijk bringt aus seinem Elfenbeinturm nur gelegentlich den Müll runter, sonst verläßt er ihn eher nicht.)

    #6

  7. en-passant sagt:

    Krieg und Frieden
    War denn nicht auch die EWG der eigentliche Antrieb (hervor gegangen aus der Montan-Union, eine Art Kartell) – um so besser einzuführen mit all der Versöhnungsrhetorik, dem Erneuerungsheroismus? Sicher meinte keiner der ursprünglich Beteiligten (die die Unsinnigkeit der Kriege ja auch erlebt hatten) es falsch. Aber starke Impulse gingen aus von dem beiderseits des Rheins ja neu zu organisierenden und d.h. wirtschaftlich zu stabilisierenden Staatswesen.

    Die Saga vom Krieg als Regulator der größeren Einheiten (Völker) und Überlebensnotwendigkeit im Sinne zu tarierender Gesamtkräfteverhältnisse und heraus impliziten Erneuerungszwängen, ist ja eine der Mächtigen überhaupt, etwas, was die unter sich ausmachen – dafür haben sie ja dann ein Volk mit seinen Ressourcen. Machiavelli, sein Geist west heute noch durch die Vermittlung der politischen Theorien, soweit ich weiß – und geht dann glatt bis Carl Schmitt. Und taucht in den amerikanischen Think-Tanks wieder auf. (Etwa Karl Rove.) Alles natürlich in neuen Theorie- und Rhetorik-Verkleidungen.

    Sloterdijk – und muss das nicht auch jemand machen? (hat er auch beim „Menschenpark“ versucht) – unternimmt es aber, so weit ich es sehe, diese Perspektive aus größerer Ferne zum alltäglichen Nachrichten-HickHack anzunehmen ohne in Hochmut und den Zynismus der Stärkeren zu verfallen. Der Zynismus ergibt sich eher aus den Sachlagen als vom Referenten her, der versucht „kalt“ zu bleiben, um sich nicht emphatisch verführen zu lassen.

    Das mit dem Desinteresse, der eben auch einen gewissen Frieden bewahrt, kann man in jedem Büro beobachten. Aber als Philosoph muss er es natürlich in ein schillernderes, „nachhaltiges“ Kleid von Argumenten packen.

    Ich freu mich immer noch auf das Buch!

    #7

  8. Die Versöhnungsrhetorik war zu Zeiten Adenauers notwendig und wichtig; die »Wirtschaftsgemeinschaft« sollte die äussere Klammer bieten. In dem Sloterdijk diese Rhetorik heute als obsolet betrachtet (er sagt da so explizit natürlich nicht) und die ökonomischen Verflechtungen als solche nur noch als Katastrophenszenarien wahrgenommen werden, muß entweder eine neue Form des Umgangs miteinander gefunden werden oder – und das ist die These – genügt ein freundliches, aber unbestimmtes Nebeneinander.

    Insoweit folge ich Sloterdijk durchaus. Ich glaube sogar, dass die derzeitige »EU-Rhetorik« (immer bei bestimmten Jubiläen oder den Europawahlen zu beobachten) kontraproduktiv ist. Dass so etwas wie Reisefreiheit als Errungenschaft der EU betrachtet werden soll, ist nicht mehr vermittelbar. Und was nutzt das Feiern der wegfallender Grenzen, wenn über die Hintertür Freiheitsrechte einer hysterischen Terrorismusangst geopfert werden?

    Genau so unsinnig wäre es, wenn jemand heute wieder von der »Erbfeindschaft« zwischen Deutschland und Frankreich faseln würde. Auch das zeigt dieses Buch meiner Ansicht nach: Die EU als supranationaler Schmelztiegel taugt nicht. Das Verhältnis zwischen den Nationalstaaten wird nicht durch diese inzwischen als bürokratischer Moloch wahrgenommene (und sich so gerierende) Organisation definiert. Die Nationalstaaten werden bleiben (meiner Meinung nach werden sie sich selber viel stärker regionalisieren), weil die EU zu kurz springt. Man erinnere sich daran: die EWG wollte als Ziel mehr als nur ein Wirtschaftsraum sein, sondern politische Kraft bündeln und langfristig eine Art Vereinigtes Europa (das wurde ganz schnell fallengelassen).

    Daher mein Gedanke, Sloterdijk schreibe das Jubiläum 2012 antizipierend eine Art Science-Fiction-Essay aus der Zukunft. Und da spielt überraschenderweise die EU kaum noch eine Rolle.

    #8

  9. lou-salome sagt:

    Nachgedanken
    Peter Sloterdijk – Interview über Zukunft

    Ich habe Sloterdijk bisher nur vom Namen gekannt. Und dann lese ich hier etwas über die Theorie der Nachkriegszeiten und heute entdecke ich in meinem Stapel Zeitungen dieses Interview aus der Süddeutschen Zeitung mit ihm:

    http://www.sueddeutsche.de/kultur/332/453028/text/

    Und wie war das mit dem Elfenbeinturm? Nicht nur die Wortneuschöpfungen von P. Sloterdijk, sondern u.a. auch sein Arbeitsbereich ( siehe in der Einleitung zum Interview von Eva Karcher) scheinen einem Turmniveau zu entsprechen.

    Seine Sichtweisen zum Thema Zukunft sind spannend, locken Assoziationen und Neugier hervor. Warum spricht die Politik tatsächlich nicht von Inflation? Das frage ich mich seit Beginn der Berichterstattung über die Wirtschaftskrise. Eine Wirtschaftskrise ohne Inflation? Gibt es nicht.

    Mit seinem Satz „ Nun zeigt sich, dass die Natur ein Gedächtnis hat, sie sammelt Eindrücke, sie erinnert sich an uns. …“ fiel mir sofort Frank Schätzing und sein „Schwarm“ ein. ( Schätzing und das dazugehörende Marketing hin oder her, es ist ihm gelungen, einen spannenden Science fiction- und Umwelt- Thriller zu schreiben). Ich denke da sofort ans verdreckte Mittelmeer und die Nordsee, in denen seit Jahrzehnten unser Zivilisationsdreck verkappt wird.
    Oder an die Ausbeutung der Meere. Und das nicht nur für den Fischmarkt.
    Japan ist z.B. sehr an den Abbau von Methanhydrat interessiert, da ihr Energieverbrauch enorm hoch ist. Vor ein paar Jahren habe ich gelesen, das sie keine Mühen und kein Geld scheuen, so schnell wie möglich an diesen Rohstoff heranzukommen. ( Leider fällt mir die Literaturquelle dazu nicht mehr ein, habe jedoch diese zwei Links gefunden. Ich hoffe, es reicht für meine o.g. Aussage).

    http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/nano/bstuecke/02728/index.html

    Ich verstehe Peter Sloterdijk so, das er u.a. keine Zukunft für eine Normalisierung der Ökologie sieht. Die Welt im palliativem Zustand. Das ist deutlich und konsequent mitgeteilt. Aber wird es die erreichen, die es hören und verstehen sollten?

    #9

  10. Danke für das Interview
    Wirtschaftskrisen ohne »Inflation« gibt es schon – man nehme die Deflation in Japan in den 90er Jahren. Inflation ist hier auch weniger als Preisteuerung gebraucht, sondern als eine Art Überhitzung.

    Der Kapitalismus hat immanent nur zwei Reaktionsmöglichkeiten: Entweder er füllt die Blase, die laufend Faulgase produziert mit weiteren Gasen (das macht man im Moment, in dem man abermals Geld vergibt, was man eigentlich nicht hat) oder man verknappt das Abstraktum Geld (das hat man in den 30er Jahren gemacht). Vom Zweiten kennt man die Folgen, daher macht man das Erste – was aber wieder zum Kreislaufkollaps (vulgo Krise) führen wird.

    Eine schöne Zusammenfassung liefert Sloterdijk hier:

    Die Frage ist also, ob eine philanthro-kapitalistische Makropolitik im Zusammenspiel mit einem spendablen Welt-Steuerstaat global lebbare Verhältnisse herbeiführen kann.

    Weiter oben sagt er (richtigerweise), dass der Kapitalismus immer zyklisch ist und die Krise nur eingedämmt werden kann. Grob formuliert die Fußballplattitüde paraphrasiert: Nach der Krise ist immer vor der Krise.

    Auch die Betrachtungen über das Verhältnis zur Natur finde ich sehr erhellend:

    Der Mensch der prähistorischen und historischen Zeiten konnte seine Dramen vor dem Hintergrund einer Natur aufführen, von der man dachte, sie werde nie reagieren. Man ließ seine Abfälle praktisch folgenlos irgendwo liegen, die Hufeisen der römischen Kavallerie stecken ja heute noch im deutschen Schlamm. Doch wir haben die glücklichen Jahrtausende humaner Expansion hinter uns. Natur war das Außen, in dem unser Handeln scheinbar spurlos verschwand. Diese Auffassung ist für immer dahin. Mit einem Mal funktionieren unsere Externalisierungen nicht mehr, die Abfälle kehren zurück, der Wahnsinn verpufft nicht mehr in der Weite der Ozeane. Nun zeigt sich, dass die Natur ein Gedächtnis hat, sie sammelt Eindrücke, sie erinnert sich an uns. Jetzt müssen wir uns mit einer bedrohlich erinnerungsfähigen, scheinbar immer rachelüsterneren Natur zusammenraufen.

    Der Rekurs in ethische Gefilde bestätigt den Kommentator en-passant: Sloterdijk ist eben genau nicht zynisch. Das ist heutzutage selten. Man sollte ihm mindestens zuhören.

    #10

  11. Zu Sloterdijk faellt mir zunaechst folgendes ein: in seinem so gross-spurigen Abhandlung ueber Deutsch/Frankreichische Verhaeltnisse
    bringt er denn ueberhaupt die nachkriegs Macht-Verhaeltnisse, hier USA dort USSR, mit ins Spiel,
    welche solche kleinlichen Kaempfe doch eigentlich aus-schloss. Ansonsten, war das uralte Gekaempfe
    der ab Carlus Magnus‘ geteilten Kaiserreich Haelften eigentlich doch nur eine Weiterfuehrung bloeder Kaempfe
    zwischen den Germanischen Staemmen; wie so bei allen, ob Slavisch oder Afri oder Amerikanschen. Dumpf drueckt sich
    das wohl noch immer in Vorurteilen der Preussen ueber die Baiern und vice versa; was Freud
    die Verwundung des Narziss durch den kleinen Unterschied bezeichnete, auch von Dorf auf Dorf.

    Was er in »Regeln für den Menschenpark« sagt finde ich interressanter. Aber eigentlich sollte man
    wenn man von Zuechtigung, auch wieder gross spurig spricht, und sich auf
    Plato’s Politikon beruft, die Erkenntnisse der Psycho-Analyse nicht ausser acht lassen.
    Zu sehr, zu wenig gehemmt. Wir koennten ja auch Gott bitten es mal mit nem anderen
    Affen neu zu versuchen. S. beschreibt was Heidegger unter Humanismus und Sein versteht,
    insofern ich das selbst verstehe, schon sehr schoen, leider ekelt mich sowas von Heidegger
    kommend eher an.

    #11