Joachim Lottmann: Happy End

Joachim Lottmann: Happy End

Joachim Lottmann: Happy End

Irgendwann hat das jeder einmal erlebt. Man steht am Tresen in einer Kneipe und wartet auf ein Bier. Da kommt ein Mensch (es ist immer ein Mann), nicht unsympa­thisch, stellt sich neben einem und beginnt, zu erzählen. Über das Bier hier in der Kneipe, die Bedienung, seine Arbeit, über Politik, seinen Urlaub, seine Beziehung, die Ungerechtigkeit in der Welt – es geht einfach um Alles. Erst ist man nett abgelenkt, nickt zuweilen aus Höf­lichkeit, aber irgendwann wünscht man sich, dass ein ehemaliger Schulfreund das Lokal betritt, das leise im Hintergrund dudelnde Radio eine weltbewegende Nachricht verkündet oder mindestens dass das Mobiltelefon klingelt – inständig ersehnt man einen sozial halbwegs glaubwürdigen Grund, dem Redeschwall zu entfliehen.

In etwa ist das die Situation mit Joachim Lottmanns neuem Buch »Happy End«. Der wichtigste Unterschied ist, dass ich, der Leser, mich sozusagen an Lottmanns Tresen gestellt habe. Und das da jemand nicht über Beziehungsprobleme erzählt, sondern bereits auf den ersten Seiten seine Frau Elisabeth, genannt Sissi, eine 38jährige erfolgreiche Linksintellektuelle, die über das Elend in der Welt in Vergangenheit und Gegenwart zielsicher schreiben kann und in »geriatrischen« Filmen heult, in den höchsten Tönen lobt. Weiter geht es um Urlaubsreisen, Lektüreeindrücke, Kolumnenschreiberei (Schwer­punkt Tierkolumnen), seine Magenschmerzen, die auf eine zu starke Vereinnahmung durch die so vergötterte Frau hindeuten und eine Geheimwohnung in Wien. Dass einem bei der Lektüre der Kopf vor lauter Müdigkeit nicht auf das E-Book-Lesegerät fällt vermag man nur zu vermeiden, indem man diesen gelegentlich schüttelt. Eine Melange aus Hoffnung, Pflichtbewusstsein und Masochismus führt dazu, dass man bis zum Ende liest. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: , | 19 Kommentare

Präliminarien zu einem Literaturpreis

Eine kleine Tetralogie zum Bachmannpreis 2015

Service für Schnellleser:
I. Flatulenzen
II. Weg mit den Patenschaften!
III. Die Kritik in der Krise
IV. Journalistische Dominanz oder: Vermutlich keine »Muppet-Show« in diesem Jahr

Für Allesleser (ein Pleonasmus): Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literaturkritik in der Kritik | Stichworte: , , , , , , , , , , , , , , , , | 9 Kommentare

Der Maler der Apple-Moderne: Oskar Schlemmer

»Visionen einer neuen Welt« in der Staatsgalerie Stuttgart

Ein Nachklapp

Oskar Schlemmer ist ein beliebter Maler: An einem Freitag Nachmittag sind die Aus­stellungsräume der Staatsgalerie Stuttgart gut gefüllt. Das typische Publikum für einen Museumswochentag: Rentner-Gruppen, Schülerinnen und Studentinnen sowie Kinder. Während die jungen Besucherinnen und Besucher meist unangeleitet, aber mit Block und Stiften in der Hand, durch die Säle gehen, tappt die Mehrzahl der Senioren mit Kopf­hörern auf den Ohren und einem vor der Brust baumelnden Audio-Guide von Bild zu Bild, Raum zu Raum. Die Betrachter geraten dabei in seltsame, mitunter komische Korrespondenzen zu den auf den Bildern rastlos hin und her, auf und ab schreitenden Gestalten: Irgendwie fremdgesteuert beide, streben die Schlemmer-Wesen gemessenen Schrittes und meist ätherisch strahlend rank und schlank zu Höherem, während sich die Irdischen in ihren von Zeit, Schwerkraft und Erfahrung individuelle geformten Leibern durch die Ausstellung schieben.

Die Beliebtheit Schlemmers beim Publikum erschließt sich sofort: Seine Bilder bieten eine aufgeräumte, geradezu cleane Ästhetik in zurückhaltender, harmonischer, freundlicher Farbigkeit. Eigentlich immer sind menschliche Gestalten zu erkennen, meist in angedeutete architektonische Zusammenhänge eingefügt, in suggestiven Posen und Konstellationen. Eine klassische Moderne, deren Irritationsvermögen fast gänzlich verschwunden ist, die uns aber noch einmal das große Versprechen auf eine bessere, effizientere, schwerelose Welt spürbar macht, das die Moderne auch einmal war.

Oskar Schlemmers Gemälde müssten eigentlich die Wände der Smart Homes von Silicon Valley-Tycoonen schmücken, finanziert vom Gewinn aus Google- und Apple-Aktien.

Dass sie das bisher nicht tun, liegt nicht an den Internet-Unternehmern, sondern an den Schlemmer-Erben. Nach dem Tot von Tut Schlemmer, der Witwe Schlemmers, ver­hinderten deren Erben nicht nur den Verkauf seiner Werke fast vollständig, sondern auch viele Ausstellungen sowie Publikationen. Der Ruf von Oskar Schlemmer als einer zentralen Figur der klassischen Moderne, – wie ihn auch die Stuttgarter Ausstellung feierte –, ist deswegen eher mythischer Natur. Aufgrund der Machenschaften seiner Erben und der Ängstlichkeit vieler Museen ist seine kunsthistorische Einordnung heute ungenau, mehr Behauptung als Anschauung. Aber nun, 70 Jahre nach seinem Tod, ist die Diskussion wieder eröffnet, denn nun sind die Rechte an den Bildern frei. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Kunst | Stichworte: , , | Kommentar abgeben

Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten (Hrsg. von Jakob Augstein)

Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten - Hrsg. v. Jakob Augstein

Frank Schirrmacher: Ungeheuerliche Neuigkeiten – Hrsg. v. Jakob Augstein

Der überraschende und bestürzende Tod des 54jährigen Frank Schirrmacher ist noch nicht einmal ein Jahr her, da erscheint schon ein Band mit seinen Aufsätzen aus den Jahren 1990 bis 2014. Es sind 39 Texte und fünf Gespräche (mit Joachim Fest, dem Albert Speer jr., Ottfried Preußler, Günter Grass [jenes Gespräch von 2006, in dem er seine Mitgliedschaft in einer Einheit der Waffen-SS öffentlich machte] und das Ver­söhnungsgespräch zwischen Martin Walser, Salomon Korn und Ignatz Bubis nach Walsers Paulskirchenrede 1998 – der längste Beitrag im Buch). Die Ordnung der Texte innerhalb der sieben gewählten Kategorien ist nicht chronologisch; warum, bleibt offen. Die Texte werden ohne erklärende Erläuterungen abgedruckt. Kontexte und Hintergründe muss der Leser gegebenenfalls selber eruieren.

Der Titel des Sammelbandes trifft perfekt Schirrmachers Duktus: »Ungeheuerliche Neuigkeiten«. Herausgegeben ist das Buch von Jakob Augstein, der auch ein kurzes, aber sehr stupendes Vorwort verfasst hat. Die längst eingesetzte Hagiographisierung Schirr­machers insbesondere in weiten Teilen des Kulturjournalismus vermeidet Augstein, allerdings ohne dabei dem großen Kollegen den Respekt zu verweigern. So bezichtigt er Schirrmacher beispielsweise des Alarmismus, was zweifellos den Tatsachen entspricht. Kongenial wenn auch nicht originell der Vergleich mit dem »rasenden Reporter« Egon Erwin Kisch. Wenn man Schirrmachers Texte in dieser Geballtheit hintereinander liest, bemerkt man das Umtriebige, fast Hektische, das Augstein kongenial beschreibt. Stets gilt es, der Erste zu sein, der sich einer am Horizont anbahnenden gesellschaftlichen Diskussion widmet. Und wenn die anderen auf den Zug aufgesprungen waren, winkte schon ein anderes Thema. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Medien | Stichworte: , , , , | Kommentar abgeben

Malte Herwig: Die Frau, die Nein sagt

Malte Herwig: Die Frau, die Nein sagt

Malte Herwig: Die Frau, die Nein sagt

Es ist der 23. September 1953. Eine 32jährige Frau verlässt mit ihren beiden Kindern (6 und 4) den Geliebten. »Keine Frau verlässt einen Mann wie mich«, hatte dieser getönt. »Einen Mann, so reich und berühmt«. »Und sie? Hatte schallend gelacht und ihm entgegnet, dann sei sie eben die erste Frau, die es fertigbrächte«.

Mit dieser Szene beginnt das Buch »Die Frau, die Nein sagt« von Malte Herwig. Der Mann, den man nicht verlässt, ist Pablo Picasso. Er ist damals fast 73 Jahre alt. Die Frau, die in einer der wenigen Reportersuperlative in diesem Buch »die berühmteste Überlebende der Kunstgeschichte« genannt wird, ist Françoise Gilot. Sie ist die Frau, die nach zehn Jahren Nein gesagt hat. Und bis heute immer dann Nein sagt, wenn es ihr passt. Mit allen Konsequenzen.

Gilot ist Jahrgang 1921 und 90 Jahre alt, als sich der SZ-Reporter Malte Herwig bei ihr meldet. Zehn Monate lebt die Dame in New York, im Mai und Juni zieht es sie nach Paris. Sie ist Malerin gewesen und geblieben. »5000 Zeichnungen und 1600 Gemälde« fasst ihr Œuvre aus 75 Jahren. »‚Außer malen tue ich ja nichts'«, so die lakonische Begründung für dieses Werk. Ihre Zeit mit Picasso, als sie Muse, Mutter und Geliebte war, hat ihr Leben zwar geprägt, aber Herwig reduziert sie nicht darauf.

Natürlich gab es glückliche Tage, wie dieses Bild, das auch im Buch abgedruckt ist, zeigt. Die einzelnen Etappen der Liaison und den Einfluss Gilots auf Picassos Schaffen werden herausgearbeitet. Picasso sei »der einsamste aller Menschen« gewesen, so Gilot. Dies trotz der zahlreichen Geliebten und vermeintlichen Freunde; Letztere fast alle Jasager. Zur Einsamkeit gesellt sich die Unsicherheit dieses vermeintlichen Berserkers Picasso. Und dann diese Eifersucht als Matisse sie als Modell nahm. Zuweilen zitiert Herwig aus Gilots Buch über das Leben mit Picasso.

Das Genie als menschliches Scheusal – man glaubt, dies zu kennen und ist dann doch immer wieder überrascht. Picasso belegte seine Ex-Geliebte, die Mutter seiner Kinder, mit einem Bannstrahl. Er, der berühmte Mann, drohte Galerien und Museen, ihnen keine Bilder mehr zu liefern, wenn sie Bilder von Françoise Gilot ausstellen sollten. So schrumpft Größe. Lange Zeit machte der Betrieb, die Kritik, mit. Man kennt das. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Kunst | Stichworte: , , | Kommentar abgeben

Wenn Qualitätsjournalisten operieren

Ich gestehe freimütig bis gestern von der Existenz einer »Deutschen Gesellschaft Qualitätsjournalismus« nichts gewusst zu haben. Die Meldung im Branchenmagazin »Kress« über einen Beitrag des FAZ-Mitherausgebers Werner D’Inka hat mich auf die Spur gebracht. Im Band »Quo vadis, Qualitätsjournalismus», der als pdf herunterladbar ist, findet sich D’Inkas Beitrag. Ausgewiesene Journalistenschützer wie beispielsweise Roland Berger, Volker Bouffier, Bernd Raffelhüschen, Jürgen Fitschen, Jens Weidmann oder auch Götz Werner erklären in zuweilen knappen wie banalen Beiträgen, wie wichtig heutzutage Journalismus ist. Sogar Bahnchef Rüdiger Grube fand zwischen den Tarif­verhandlungen seines Personalvorstands noch Zeit, einen Text zu verfassen. Man fragt sich in Anbetracht dieser Zusammenstellung mehr denn je, wie schlecht es um das, was man gemeinhin »Journalismus« nennt in diesem Land bestellt sein muss, wenn es solche Lobredner braucht.

Die hehren Bekenntnisse dieser Herren (es sind nur wenige Damen) haben in etwa den Erkenntniswert einer Sandmännchen-Sendung. Es komme nicht auf Klickzahlen im Internet an, weiß zum Beispiel Volker Bouffier, der leider nicht schreibt, was er in seiner zugegebenermaßen kurzen Zeit im ZDF Verwaltungsrat dafür getan hat, Kulturprogramme jenseits der Einschaltquotenhörigkeit ins Programm zu platzieren. Fast jeder dieser Fachleute in Sachen Journalismus betont die Notwendigkeit der freien Presse. Interessanterweise wissen sie auch recht genau, wie diese auszusehen hat. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Medien | Stichworte: , , | 42 Kommentare

Florian L. Arnold: Ein ungeheuerlicher Satz

Florian L. Arnold: Ein ungeheuerlicher Satz

Florian L. Arnold:
Ein ungeheuerlicher Satz

»Novelle« nennt Florian L. Arnold sein Buch »Ein ungeheuerlicher Satz«. Seit einigen Jahren bedienen sich Verlage dieser Gattungsbezeichnung vermehrt, um kurze Erzählungen, die nicht als Roman vermarktet werden können, aufzuwerten. »Novelle« dient dabei Fall als Distinktionsmerkmal gegenüber »Erzählung«. Hier trifft diese Spielerei jedoch nicht zu. Es handelt sich tatsächlich um eine »unerhörte Begebenheit«, wie Goethes Definition der Novelle lautete. Der namenlose Ich-Erzähler, ein 13jähriger Junge (?), wird eines Tages mit einem »ungeheuerlichen Satz« seines Vaters konfrontiert: »Wir gehen weg«. Die Folgen werden einschneidend sein.

Man lebt in einer Art Wildnis; für sich, alleine. Die Zeit, in der die Novelle spielt, ist nicht eruierbar. Zwei-, dreimal im Jahr fährt die Familie mit einem alten, »selbstmordgefährdeten« Auto in die Stadt. Dort kauft man unter anderem schwarze, unlinierte Hefte, die vom Vater irgendwann zwanghaft vollgeschrieben und von der Mutter dann per Post nach »Ignatu« verschickt werden. Ansonsten lebt man vom Gemüsegarten. Es scheint weder Telefon noch Internet zu geben. Soziale Kontakte halten sich in Grenzen, bleiben schließlich bis auf einen gewissen Rösenmarrer gänzlich aus (und sofort denkt man bei diesem Namen an Roithamer aus Thomas Bernhards »Korrektur«).

Der Vater, eine Hermann-Burger-Figur, ist ein rauchender Melancholiker, geheimnisvoll in seinem scheinbar kindischen Hass auf das Licht, die Sonne, die Hitze, den Sommer. Ein Mann, der mit seinem Sohn über einen längst verwilderten Friedhof spaziert und Grab­steine buchstabiert, entziffert und sich von seinem Kind die Lebensdaten ausrechnen lässt. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: | Kommentar abgeben

Cartoonage Atelier Günter Grass

In memoriam Günter Grass

Atelier Günter Grass - © Malte Herwig

Cartoonage Atelier Günter Grass (2011) – © Malte Herwig

© Malte Herwig

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: , | Kommentar abgeben