Der Friedenskaiser (2)

Teil 1

Judiths Hund, warum fällt er mir jetzt wieder ein? Als wäre er die heimliche Hauptfiguer jener Jahre. Ich sehe ihn vor mir, besser gesagt: neben mir, wie er still in einer Ecke des Hörsaals liegt und manchmal die Ohren bewegt, als lauschte er den mehr oder minder klugen Diskussionen im Seminar. Damals regte sich kein Mensch darüber auf, daß Hunde oder Kleinkinder an die Universität mitgenommen wurden. In manchen Seminaren war es erlaubt zu rauchen, und es war überhaupt kein Problem, die Räumlichkeiten am Wochen­ende für Feste zu nutzen (die Portiere feierten mit). Ich will nicht sagen, daß es damals besser war, die Luft in den Zimmern war wirklich verpestet, aber . . . Nun ja, der Hund hörte zu und dachte mit, wenigstens sah es so aus, während wir uns in endlose Gedanken­gefechte verstrickten. Judith hatte ihm einen typischen Hundenamen gegeben, Bello oder Waldi oder Ajax, etwas in dieser Art, einen Namen, der überhaupt nicht zu seinem melancholischen Gemüt paßte. Sie selbst hatte einen ähnlichen Blick, vor allem, wenn sie András anschaute, der sie so wenig beachtete. Dabei war sie eine schöne Frau, die schönste weit und breit, daran zweifelte niemand. Aber das schien András nicht zu jucken; er vergnügte sich lieber mit Hausfrauen, die unter seiner Anleitung das sich abzeichnende Übergewicht ihres Körpers bekämpften.

Judith hatte keine Probleme dieser Art. Kein Wunder, sie war zehn, fünfzehn Jahre jünger als diese Frauen. Wenn ich an Musils Roman denke, fällt mir auf, daß Ulrich überhaupt keine ernstzunehmenden Geschlechtspartnerinnen hat, jedenfalls keine, die er von sich aus ernstnimmt, ernstnehmen will. All diese Diotimas und Gerdas und Bonadeas – höhere Hausfrauen der Jahrhundertwende. Und dann, als der Strang der Frauengeschichten durchzuhängen beginnt, plötzlich die eigene Schwester, die angeblich vergessene. Warum ausgerechnet die eigene Schwester? Gibt es in der kakanischen Großstadt unter den zwei Millionen Einwohnern wirklich keine einzige schöne Frau, die vom Alter und vom geistigen Niveau her zu ihm passen würde? Vielleicht hat András Judith verschmäht, weil sie nicht in das Anders-Schema paßte. Oder weil dieser Ulrich-Typus, den er willentlich oder, was wahrscheinlicher ist, unwillentlich verkörperte, für solche Frauen keinen Sinn hat, weil er nichts mit ihnen anfangen kann. Weil sie ihn öffnen, lockern würden? So sah es Judith selbst, in manchmal nachtlangen Gesprächen vertraute sie es mir an. »Seine Panzerungen werden abfallen, wenn er sich erst einmal auf mich einläßt.« Das war der Stil, den wir damals pflegten. András hat sich aber nicht auf sie eingelassen. Ob er nicht wollte oder nicht konnte, wer will diese Frage entscheiden? Am wenigsten er selbst . . . Er ließ sich nicht auf Judith ein, nicht einmal durch die Heirat, die er auf dem Standesamt wie einen mittelmäßigen Scherz absolvierte (ich war Trauzeuge). Judith weinte, und der, der seit ein paar Sekunden ihr Mann war, machte irgendeine ironische Bemerkung. Kein einziger Verwandter war zugegen, auch nicht der Musiker-Vater, nur eine kleine Schar Paralellaktionisten in ihrem üblichen Aufzug. András hatte die Heirat akzeptiert, damit Judith ein Visum für die USA bekäme, wo er ein Jahr lang studieren oder forschen sollte, postgraduate, ein für mich damals neues Wort. Und Judith, die New York für das Mekka der Psychoanalyse hielt, brannte auf die Reise. Sie führte nicht nach New York, sondern in die Provinz, nach Maryland. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Fiktion | Stichworte: , | Kommentar abgeben

Carsten Gansel: Literatur im Dialog

Carsten Gansel: Literatur im Dialog

Carsten Gansel: Literatur im Dialog

38 Gespräche von Carsten Gansel mit Schriftsteller­innen und Schriftstellern zwischen 1989 und 2014 sind im von Norman Ächtler im Verbrecher-Verlag herausgebrachten Band »Literatur im Dialog« chronologisch abgedruckt. Gansel, 1955 in Güstrow geboren und mit dezidiert ostdeutscher Akademiker­vita, ist seit 1995 Professor für Neuere Deutsche Literatur und Germanistische Literatur- und Mediendidaktik an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Die meisten Gespräche aus dem Band wurden in der DDR- Wochenzeitschrift »Sonntag« bzw. später in »Der Deutschunterricht« veröffentlicht; einige sind allerdings erstmalig publiziert. Das 39. Gespräch ist bilanzierend und findet zwischen Carsten Gansel und Norman Ächtler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Gießener Institut für Germanistik, statt.

In der interessanten Einleitung Ächtlers, die einige grundsätzliche Fragen behandelt, etwa ob es sich um Interviews oder Gespräche handelt und wie es um die Selbstinszenierungen der Befragten bestellt sein mag, werden die »drei Generationen« vorgestellt, die Gansel in und mit seinen Interviews zu DDR und Literatur befragte: Die Gründungsgeneration nach 1945, die »Heineingeborenen« (ein Wort von Uwe Kolbe) und die heute um die 40jähr­igen, »Hineingeschriebenen«. Es kommen so unterschiedliche Autoren wie Stefan Heym, Hermann Kant, Christoph Hein, Christa Wolf, Erich Loest, Ulrich Plenzdorf aber auch »westdeutsche« Stimmen wie Peter Kurzeck, Norbert Gstrein, Peter Härtling, Günter Grass oder Alexa Hennig von Lange zum Spannungsfeld von Erinnerung und Literatur und Politik und Publizität (vor allem aber nicht nur im Hinblick auf die »geschlossenen Gesellschaft« der DDR) befragt.

Es gibt mehrere Gründe, warum man dieses Buch nicht mehr so schnell aus der Hand legen mag. So wirken Gansels Sach- und Fachkenntnisse der jeweiligen Publikationen der befragten Autoren auf eine berückende Weise altmodisch. Man ist es vom dröhnenden Feuilleton-Geschwafel einfach nicht mehr gewohnt, dass da jemand tatsächlich die Bücher gelesen hat und kundig (Lektüre-)Eindrücke zu formulieren und einzubringen weiß. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: , , , , , , , , | 2 Kommentare

Der Friedenskaiser (1)

Er hieß András mit Vornamen…

Spontan greife ich zum Imperfekt, doch bestimmt trägt er den Namen immer noch mit sich herum, von einem Ableben ist mir nichts zu Ohren gekommen. Im Lauf der Jahre verschwand er aus meinem Blickfeld, machte sich rar, verbrachte ein Forschungssemester oder zwei in den USA, übersiedelte in ein anderes Land, ließ immer weniger von sich hören, zuletzt, seit einer Reihe von Jahren, gar nichts mehr. Er hieß András, bestand auf dem Akzent über dem zweiten A und konnte bissig werden, wenn ihn jemand Andreas nannte. Die paar Artikel aus seiner Feder, die mir zu Gesicht gekommen sind, zeichnete er, wenn überhaupt, dann mit »Anders Schwarz«, immer am Ende des Textes. Auch auf dem Gedichtband, den er in Italien veröffentlichte, stand dieser für Italiener schwer auszu­sprechende Name. Anders, wie der Mann ohne Eigenschaften. Diese Parallele ist mir erst viele Jahre später bewußt geworden. Musil nennt seinen Helden ja nie beim Nachnamen, und die Figuren des Romans tun es auch nicht.

Erst kürzlich, beim Nachdenken über das Schicksal des Multitalents, ist mir eingefallen, was ich vergessen oder verdrängt hatte, nämlich daß wir eine Art Zeitschrift herausgaben, ein paar hektographierte, mit Büroklammern zusammengeheftete Blätter, meist unter dem Titel Die Parallelaktion, manchmal auch nur Die Aktion, oder ganz ohne Titel. Eine von András‘ Theorien besagte, daß Musil seine Parallelaktion als Gegenunternehmen zur Aktion verstand, der von Franz Pfemfert herausgegebenen Zeitschrift, die in den Jahren, als sich Musil an sein Großprojekt machte, kommunistische Propaganda trieb. András, im vorletzten Kriegsjahr geboren, meinte, es gehe heutzutage darum, Aktion und Parallel­aktion miteinander zu verschmelzen, also individuelle Freiheit und Gemeinschaftssinn. Er war 1956 mit seinem Vater, einem Klarinettisten, der später ins Mozarteum-Orchester aufgenommen wurde, aus Ungarn nach Österreich gekommen und hatte sich 1968, als er sein Studium begann, für den Prager Frühling begeistert. Unsere Zeitschrift vertrieben wir an der Universität, nur András ging in die Cafés und Bierkeller und verkaufte »das Or­gan«, wie er es nannte, zu wechselnden Preisen und mit beträchtlichem Erfolg. Manchmal nahm er Michael mit oder Franz, seinen Schüler – als solchen sehe ich ihn vor mir, obwohl er älter war und auf den ersten Blick mehr Eindruck machte als sein Mentor. Franz war der einzige von uns, der zu einer gewissen, wenn auch problematischen und kurzfristigen, Berühmtheit gelangen sollte. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Fiktion | Stichworte: , | Kommentar abgeben

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten

Greg Grandin: Kissingers langer Schatten

Man muss Greg Grandins »Kissingers langer Schatten« wirklich bis zum Schluss, d. h. inklusive der Danksagung am Ende des Buches lesen. Denn hier finden sich nicht nur die üblichen Worte an Helfer, Lektoren, Freunde oder Familie sondern auch der Dank an den 2011 ver­storbenen Christopher Hitchens. Zugleich emanzipiert sich Grandin von Hitchens Vorgehensweise in dessen Anklageschrift »Die Akte Kissinger« aus dem Jahr 2001. Hitchens »selbstgerechte Empörung« habe verhindert, die »Wirkungsmacht seiner [Kissingers] Ideen…zu erklären«. Er sei derart auf sein Studienobjekt fixiert gewesen, dass die »äußeren Bedingungen seines [Kissingers] politischen Handelns unreflektiert« geblieben wären. Dadurch sei ihm »Wesentliches entgangen«.

Grandins Kritik ist deshalb so bemerkenswert, weil man sie ebenso auf sein Buch anwenden kann. Obwohl er mehrfach einer Dämonisierung Kissingers das Wort redet, passiert genau dies. So, als würden die Fakten nicht ausreichen, flüchtet er sich in zuweilen abenteuerliche Kausalitäten und, was noch schlimmer ist, in Vermutungen. So wird berichtet, dass Kissinger den Krieg zwischen dem Irak und den Iran (»Erster Golfkrieg« von 1980 bis 1988) befürwortet, seinerzeit »die Iraker als ein Gegengewicht gegen den revolutionären Iran« gesehen und Unterstützung für Saddam Hussein vorgeschlagen habe. So weit, so gut. Als reiche dies nicht aus, bringt Grandin noch einen vermeintlichen Ausspruch Kissingers: »Schade, dass sie [Irak und Iran] nicht beide verlieren können«. Das Problem ist allerdings, dass es Kissinger gesagt haben soll, was zwar sowohl im Text als auch in einer Fußnote am Ende der Seite klargestellt wird: »Dieses Zitat ist nicht zweifelsfrei belegt«. Aber warum erscheint es dann überhaupt im Buch? Grandin benennt mit Raymond Tanter, einem ehemaligen Mitarbeiter des Nationalen Sicherheitsrats der USA, noch einen Kronzeugen, der gesagt haben soll, dass Kissinger im Oktober 1980, also rund vier Wochen nach Beginn des Krieges, dass die »Fortsetzung der Kämpfe zwischen Iran und Irak im Interesse Amerikas sei«. Eine Quelle für dieses Zitat fehlt dann allerdings. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Politik | Stichworte: , , , , , , , , | 11 Kommentare

Ein vielseitiger Kunstschreiber

Mario Vargas Llosa wird achtzig

Es war fast ein bißchen spät für diese Auszeichnung, als Mario Vargas Llosa 2010 den Nobelpreis für Literatur zugesprochen bekam. Nicht weil er zu alt dafür gewesen wäre, sondern weil sein Lebenswerk damals bereits eine beeindruckende Zahl an Büchern umfaßte, von denen viele aus der Geschichte der lateinamerikanischen Literatur und einige aus der Weltliteratur nicht mehr wegzudenken sind. Wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag erschien nun ein neuer Roman des peruanischen Autors, der in den neunziger Jahren in seinem Heimatland spielt, in einer Zeit, als er selbst mit guten Aussichten für die Präsidentschaft kandidierte, während sein Gegner Alberto Fujimori, heute Gefängnisinsasse, sich anschickte, mit populistischen Slogans das Land für ein Jahrzehnt unter seine zweifelhaften Fittiche zu bringen.

Fast drei Jahrzehnte vor Vargas Llosa hatte sein kolumbianischer Kollege Gabriel García Márquez den Nobelpreis erhalten, vor allem für ein Buch, den Beststeller Hundert Jahre Einsamkeit. Über »Gabo«, mit dem er eine Zeitlang befreundet war, hatte Vargas Llosa schon 1971 in Madrid seine Doktorarbeit abgeschlossen, Untertitel: »Geschichte eines Gottesmords«. Der gemordete Gott ist, Vargas‘ Interpretation zufolge, die verhaßte Wirklichkeit, die der Romancier durch sein fiktionales Gebäude ersetzt. Diese Idee, Wahrheit durch die kunstvolle Lüge der Literatur zu vermitteln, entwickelte Vargas Llosa später weiter, er machte sie zum Fundament seines eigenen Schaffens und nahm sich dabei unter anderem den Uruguayer Juan Carlos Onetti zum Vorbild. Vargas Llosa ist nicht zuletzt ein hervorragender Essayist, der eine Reihe von Gestalten aus Kunst und Literatur mit seltenem Großmut porträtierte. Fragt man, welches seiner eigenen »Lügengespinste«, die immer auch einen starken Gehalt an zeitgenössischer oder historischer Realität aufweisen, im Zentrum seines Schaffens steht, fällt die Antwort bei solcher Vielfalt schwer. Hat man den »totalen Roman« Gespräch in der Kathedrale ob seiner kompositorischen Kühnheit und der Fülle an Figuren und Szenen aus der Diktatur Manuel Odrías (1948-1956) bewundert, wo die Hauptfigur (wie Vargas Llosa selbst) für kurze Zeit der kommunistischen Ideologie anhängt, so wird man den acht Jahre später (1977) erschienenen komödiantischen Roman Tante Julia und der Kunstschreiber mit Staunen über die schwankhafte Leichtigkeit lesen, mit welcher ein und derselbe Autor zu schreiben versteht. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: | Kommentar abgeben

Im Schein der Bilder II

Notiert nach einem Blitz im Fenster, der springende
Bacchus zufällig auf dem screen

AUSSER SOEBEN

Dionysos    Bacchus
verhallene Rufe
nichts das in Wirklichkeit wäre
außer soeben

sein blitzhaftes Kürzel
wie er dem Parder-
wagen entsprang    Malerei
am nachdonnernden

Rand unsrer hektischen Sphäre
der Fuß dicht am Rad
braucht kaum die Nabe
als blinkende Stufe


© Sander Ort

Veröffentlicht in: Kunst | Stichworte: | Kommentar abgeben

Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts

Peter Handke: Vor der Baumschattenwand nachts

Peter Handke:
Vor der Baumschattenwand nachts

1977 veröffentlichte Peter Handke mit »Das Gewicht der Welt« zum ersten Mal ein »Journal«, das aus (zum Teil leicht bearbeiteten) Einträgen aus seinen Notizbüchern bestand. Bis auf zwei Ausnahmen (»Phantasien der Wiederholung« 1983 und ein kurzer, transkribierter Ausschnitt aus dem Notizbuch vom 31. August 1978 bis 18. Oktober 1978, der im letzten Jahr erschien) wurden die Journale zunächst nicht in seinem Hausverlag veröffentlicht sondern im Residenz-Verlag und später dann bei Jung & Jung, was der persönlichen Freund­schaft Handkes mit dem Lektor und späteren Ge­schäftsführer des Residenz-Verlags Jochen Jung geschuldet war, der 2000 dann seinen eigenen Verlag gründete. Erschienen die ersten drei Journale noch relativ zeitnah zu den Notaten änderte sich dies nicht zuletzt aufgrund der umfangreichen Reisen Handkes in den 1980er Jahren. »Am Felsfenster morgens« von 1998 versammelte Aufzeichnungen von 1982 bis 1987 und die Notizen zwischen 1987 und 1990 2005 in »Gestern unterwegs«. 2010 kam mit »Ein Jahr aus der Nacht gesprochen« eine Art Zwischenwerk heraus mit meist sehr kurzen, fast aphoristischen Sentenzen, die an Traumeindrücke erinnern sollen. Mit »Vor der Baumschattenwand nachts« liegt nun ein neues, umfangreiches Journal vor, welches Eintragungen von 2007 bis Ende 2015 aufführt. Damit ist man unter Aussparung der Notizen zwischen 1991 und 2006 (diese Notizbücher befinden sich in Marbach und damit nicht mehr im Besitz des Autors) in der Gegenwart angekommen. Erstmalig sind in einem Journalband Zeichnungen des Autors eingefügt. Das Kunststück ist, dass keine einzige der mehr als 80 farbigen Illustrationen die Phantasie des Lesers konditioniert, sondern sogar noch beflügelt.

–> weiterlesen auf Glanz und Elend

Veröffentlicht in: Peter Handke | Kommentar abgeben

Christoph Hein: Glückskind mit Vater

Christoph Hein: Glückskind mit Vater

Christoph Hein:
Glückskind mit Vater

In einem Gespräch aus dem Jahr 1993 mit Carsten Gansel, das im neulich vom Verbrecher-Verlag herausgegebenen Gesprächsband »Literatur im Dialog« abgedruckt wurde, hatte Christoph Hein sich selber als »Chronisten« bezeichnet, der nur das beschreiben könne, was er mit seinen Augen gesehen habe. Seinen Chronistenstatus hat Hein auch danach nie aufgegeben, obwohl er zwischen­zeitlich mit zahlreichen anderen Etiketten wie »politischer Autor« versehen oder gar unsinnigerweise als Ostalgiker bezeichnet wurde. Seine Helden seien allesamt »Trotz­köpfe« hieß es einmal (als sei dies schon ein literatur­kritisches Kriterium); ein andermal verortete man sie im intellektuellen Milieu. Letzteres stimmt nicht, denn »Willenbrock« war ein braver Autohändler, in »In seiner frühen Kindheit ein Garten« portraitiert Hein in einer Mischung aus Verklärung und Kitsch den RAF-Terroristen Wolfgang Grams und in »Landnahme« wird das Leben eines Unternehmers erzählt, der sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hatte.

Abgesehen von einem sich erst im weiteren Verlauf erschließenden kurzen Prolog begegnet man in Christoph Heins neuem Buch »Glückskind mit Vater« der Hauptfigur Konstantin Boggosch zunächst als 69jährigen Rentner in der (ost-)deutschen Provinz mit seiner zweiten Frau Marianne, die infolge einer Hüftoperation gehandicapt ist. Boggosch ist dort als ehemaliger Lehrer und Schuldirektor bekannt und geschätzt. Ein rundes Gründungsjubiläum des Gymnasiums steht an und eine junge Journalistin der Lokalzeitung möchte ein Interview mit ihm. Es sollen alle noch lebenden ehemaligen Schuldirektoren zu Wort kommen und auf einem Bild posieren. Aber Boggosch ist mürrisch und weist die Journalistin nach kurzer Bedenkzeit ab. Seine Welt sei unter­gegangen, sagt er in einer Mischung aus Resignation und Verbitterung. Gleichzeitig geht ein Brief vom Finanzamt an einen gewissen Konstantin Müller ein. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: | 17 Kommentare