Auslöschung (1)

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Das Prinzip des Mainstreams, der anschwellenden, Zuflüsse sich einverleibenden und immer weiter anschwellenden Ströme, entspricht der viralen Ausbreitung von Inhalten im Internet, ist aber nicht nur dort vorzufinden, sondern auch anderswo, in wirklichen Welten, zum Beispiel hier, in dieser analogen Simulationswelt namens Kidzania, gegen­über vom Koshien-Baseballstadion im Herzen der Industriezone zwischen Osaka und Kobe. Kinder kommen in Begleitung ihrer Eltern oder Großeltern hierher und arbeiten, genauer: sie »arbeiten« – die Anführungszeichen sollen auf den Spielcharakter verweisen, denn die Kinder arbeiten nicht »echt«, es handelt sich nicht um einen Ort der Ausbeutung schwacher, schutzloser Arbeitskraft, sondern um spielerische Nachahmung mit Hilfe von realistischen Attrappen bzw. Realitätsbruchstücken (Ausstattung, Geräte, kleine Maschinen).

Am frühen Morgen eines schulfreien Feiertags strömen Hunderte, Tausende Kinder in Begleitung von Erwachsenen herbei. Die simulierte Stadt mit ihren Gehsteigen und Straßen, Plätzen und Geschäften und Restaurants (echte neben simulierten) füllt sich bis zu einer Menschendichte wie zu den Stoßzeiten in Umeda, wo mehrere Bahnhöfe aufeinandertreffen. Die Kinder betätigen sich, die Erwachsenen sind Zuschauer oder bleiben am Rand, spielen oder schlafen. Das alles kann nur durch starke finanzielle Investition funktionieren, Investition in Material, aber auch in Personal, das den Kindern an allen Ecken und Enden zur Seite steht und ziemlich rigide Zeitpläne durchsetzt, denn jedes Kind will sich an so einem Spieltag in möglichst vielen Berufen betätigen. Meine Tochter zum Beispiel war Flugbegleiterin und Rechtsanwältin, Kleider- und Brillenver­käuferin, Model und Journalistin und Radiomacherin. Sie war nicht Ärztin, Feuerwehr­frau, Zuckerbäckerin… Noch nicht, wir kommen wieder. Ein Mädchen, mit dem sich meine Tochter anfreundete, war schon 59 Mal hier. Weiterlesen

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FDR

»Das amerikanische Außenministerium verkündete, man befürchte, dass europäische Immigranten dem Land gefährlich werden könnten. Es war der 17. Juni 1941. Falls sie Angehörige zurückgelassen hätten, mutmaßte das State Department, könnten die Nazis sie zwingen, Amerika auszuspionieren, indem sie ihren Familien Folter androhten. Die Ver­einigten Staaten würden daher keine Visa mehr an Flüchtlinge ausgeben, die Familien­angehörige im besetzten Europa hätten. Diese Entscheidung galt für Deutschland, die Niederlande, Belgien, Norwegen, Frankreich, Polen und die Balkanländer.«

(Nicholson Baker: »Menschenrauch«, Rowohlt-Verlag, 1. Auflage 2009, S. 383)

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Diesseitsweltentfremdet

Wim Wenders: Die schönen Tage von Aranjuez

Wim Wenders:
Die schönen Tage von Aranjuez

Immer wieder sind es bei Handke auch Frauen, die zu Reisen in ein neues Zeitalter aufbrechen und/oder in eine neue Welt(erfahrung) aufbrechen. In den 1970er Jahren ist es die »linkshändige Frau«, die selbst­bewusst ihre ehelichen Ketten abstreift. Die Nova aus »Über die Dörfer« ist eine Mischung aus Zukunfts­deuterin, Philosophin und Visionärin. Schließlich die starken Frauenfiguren in »Die Abwesenheit« (besonders im Film) und dann die Hauptfigur, der Abenteuerin und »Finanzfürstin« in seinem sperrigstem und ambitioniertesten Buch »Der Bildverlust«. In »Kali« (2007) ist es eine Sängerin, die von Ferne als eine (Geistes-)Verwandte Novas oder der »Finanzfrau« aus dem »Bildverlust« erscheint.

Und auch die durch das Fragen zu sich und vor allem zur Welt findende Frau im Theaterstück »Die schönen Tage von Aranjuez« ist eine solche starke Persönlichkeit. Sie sitzt mit einem Mann (der nicht »ihr« Mann ist, es vielleicht auch nie war) auf einer Terrasse. Es ist Sommer, die Sonne scheint, nur ab und zu ein warmer Wind. Im Mai 2012 wurde dieser »Sommer­dialog« im Rahmen der Wiener Festwochen von dem inzwischen verstorbenen Luc Bondy uraufgeführt. Knapp drei Jahre später widmet sich Wim Wenders diesem Stück und machte daraus einen Film.

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Wiederspruch

»Inanimate I know I am and I will remain«
Lloyd Cole: Period Piece

Die Frage ist wie immer, wer spricht. Der Sänger, ja, aber er spricht im Namen der Mauer, von der nichts übrig ist als mineralische, also unbelebte, erfundene, mit Zucker verzierte Souvenirs. Wie einst die bitteren, angeblich heilsamen, jedenfalls notwendigen Pillen, die man uns schmackhaft machte. Aber: Wenn der Stein etwas weiß, und mehr noch, wenn er etwas von sich weiß, wie kann er dann tot sein? Der Sänger also, den Tod weder fürchtend noch verachtend, vielleicht sogar – insgeheim? – liebend, zugleich distanzierend, belebt, indem er sich widerspricht, die Mauer, die selbst in der Vergangenheit sehend, fühlend und blühend war. Jetzt erst, lange im nachhinein, darf sie tanzen und bleiben. Tanzend bleiben, schließlich waren das die besten Jahre, und es sieht nicht so aus, als würden sie wiederkehren.

Niemals.

Oder doch. Nicht die besten, aber bessere Zeiten. Ohne Widerspruch einstweilen.

© Leopold Federmair

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Die Schachtel

Seit zehn Jahren steht sie unter der Abwasch, hört das Wasser über sich und dem Topf und der Pfanne röcheln und schwappen. Entschlossen umfunktioniert, damals, von einer Frau, die sich als Ordnerin bei Umzügen ein Zubrot zur schmalen Rente verdiente. Ob sie noch lebt? Sicher! Die Schachtel dient weiter, sie schafft und gestaltet Raum und gibt den Dingen Herberge. Ihre Öffnung hatte sich, scheinbar für immer, den Blicken zugekehrt, die selten, aber regelmäßig auf sie fallen würden. Diese Schachtel verbirgt nicht, sie zeigt. Mir ist, als würde sie sprechen, meine Sprache verbessern: Nicht selten, oft! Du weißt nicht, wie geschäftig du bist. An ihrer Stirn ist die Linie mit den Jahren gesunken, die Sorgenfalte unmerklich gewachsen. Kein Wunder, oder doch: daß die Schachtel ausharrt, noch.

© Leopold Federmair

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Dina Sikirić: Was den Fluss bewegt

Dina Sikirić: Was den Fluss bewegt

Dina Sikirić: Was den Fluss bewegt

Im Dezember 1960 fährt eine Mutter mit ihrer fünfeinhalbjährigen Tochter mit dem Zug von Jugoslawien in die Schweiz. Sie flüchtet nicht vor Armut oder Krieg. Es ist Liebeskummer; die Mutter trennt sich von ihrem Mann, dem Vater des Kindes. Tatsächlich war mit einer Freundin der Mutter, einer Landsfrau, die mit einem Schweizer verheiratet ist, alles geplant. Wohnung und Arbeit (in einer Apotheke) sind sicher. Für das Mädchen, die Ich-Erzählerin in Dina Sikirićs »Was den Fluss bewegt«, ist dies eine überraschende aber auch sinnliche Reise, mit »Verheißungen« und Glücksversprechen erfüllt. Anfangs neugierig, »verzückt« und »glühend vor Glück« die neuen Eindrücke geradezu aufsaugend, kommt nach wenigen Tagen die Ernüchterung: Sie wird in ein Kinderheim gebracht, in dem Schwestern mit religiöser Inbrunst das Kind in eine hässliche Kluft und einen strengen Tagesablauf stecken. Nur sonntags geht es für ein paar Stunden zur Mutter.

Alles ist furchterregend – ihr Fremdsein, die unverständliche Sprache, die (auch menschlich) kalte Umgebung, die merkwürdige Kleidung der Betreuerinnen (die sie »Riesenkrähen« nennt). Sie hat das Gefühl »stets fehl am Platz zu sein«. Nur die 10jährige Domenica aus Italien, wie sie eine Fremde, wird ihre Freundin. Drei Monate bleibt sie stumm, eine »Sprachlosigkeit der Trauer«, und flüchtet sich in eine mythische Traumwelt in der auch die im Heim angelernte christliche Symbolik einen Platz findet. So wird der Gottesdienst zu einem Fest, hier spricht sie in der ihr fremden Sprache die Gebete nach und Gott wird zur Projektion, denn er ist wie sie ein Fremder. Schließlich beginnt sie die neue Sprache zu lernen, was noch einmal ihre Außenseiterrolle verstärkt. Die von ihr so fieberhaft erwartete und ersehnte Taufe, das Dazugehören und Aufgenommenwerden in die Gemeinschaft der Kinder, wird niemals stattfinden, denn sie ist, wie sie erfahren muss, ein »Heidenkind« (weil sie aus einer muslimischen Familie stammt).

Als sie nach schier endlosen anderthalb Jahren in den Sommerferien in ihr Heimatland Jugoslawien zurückreist blüht sie wieder auf, gerät in einen »Glückstaumel«. Plötzlich steht sie im Mittelpunkt, genießt ein gewisses Ansehen, trifft auf ihre Familie und vor allem den Vater, den sie so sehr vermisst hatte. Der führt sie aus in die Stadt und in ein Fotostudio und lässt von nun an in jedem Sommer dort Fotografien von ihr und sich machen und so entsteht in den vielen Jahren ihres sommerlichen Zusammenseins ein »ernstschönes Vater-Tochter-Paar« und das Erzählen über diese so kostbaren Augenblicke des Einverstanden-Seins mit der Welt gehören zu den schönstens Stellen dieses Buches. Weiterlesen

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Handwerk statt Gesinnung

Ein Bericht über einen Fund

Also wieder so ein Buch über Massenmedien und »wie sie uns in die Irre führen«. Und es gibt sofort harten Tobak:

»Wir werden nicht richtig informiert. Wir leben mit der Desinformation. […] Desinformation wird von einem Kartell aus Politikern, Funktionären, Öffentlichkeitsarbeitern und Presse­sprechern betrieben. Sie tun das ihnen Mögliche, die Presse in ihren Dienst zu nehmen und sie nur insoweit mit der Wahrheit zu bedienen, als sie dem jeweiligen Mitglied des Kartells nicht schädlich ist.«

Der Autor skizziert die Selektion in den Nachrichtenredaktionen und kritisiert sie:

»Die Meinung ist frei, doch worüber die Bürger überhaupt Meinungen haben können, das haben zuvor zu einem erheblichen Teil die Journalisten per agenda-setting entschieden.«

Und dann wendet er sich diesen Journalisten zu:

»Sie lügen, weil sie unter Erfolgszwang stehen und von ihren Chefs oder Auftraggebern unter Druck gesetzt werden, interessanter zu schreiben als die Konkurrenz. Sie lügen, weil sie nur Informationen verkaufen können, die andere nicht haben. Sie lügen, weil sie in der Redaktionshierarchie aufsteigen wollen, weil sie mit ihrer Geschichte auf der ersten Seite oder weil sie den Pulitzerpreis bekommen wollen. Und sie schlittern in die Lüge hinein, weil sie mit Übertreibungen begonnen haben und das Übertriebene immer noch weiter gesteigert werden muß, damit es interessant bleibt.«

Immerhin wird konzediert:

»[D]ie dreiste Lüge ist freilich selten…Häufiger liest man…die Legierung aus Dichtung und Wahrheit.«

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Neujahrslied

LF (© Leopold Federmair)

LF (© Leopold Federmair)

Die Sonne ist aufgegangen,
der Mond steht irgendwo.
Die Vögel hocken auf den Schnüren.
Asphalt vereist, bevor die Laster kommen.

Viel weißer Rauhreif ziert die Felder
mit starren Stalaktiten,
die in den Himmel reichen,
auffliegen werden, denken sie.

Abweisend glänzt der Himmel
mit seinen Hieroglyphen,
dem Kommenden ein Schild.

Dem Kommenden ein Schild.

© Leopold Federmair

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