Der österreichische Bundespräsident

Versuch einer Diskussionsgrundlage zur Neudefinition des Amtes

Im Rahmen der Bundespräsidentschaftswahl 2016 wurde das Amtsverständnis des Bundespräsidenten thematisiert; es ging dabei weniger um dessen weitreichende Kompetenzen, die manche Juristen als autoritär ansehen, sondern um die tatsächlich praktizierte Amtsführung in Zusammenhang mit der Veränderung der politischen Landschaft der zweiten Republik. In Österreich entstammte der Bundespräsident (bislang) fast immer einer der beiden Großparteien (SPÖ, ÖVP) und führte sein Amt (meist) zurückhaltend »im Schatten« häufiger großer Koalitionen (Kirchschläger war der einzige parteilose Kandidat der zweiten Republik). Wer bösartig sein will, kann sagen: Das Land war ohnehin aufgeteilt und der Bundespräsident wollte dabei nicht stören. Dies führte zu der Feststellung vieler Bürger, dass man ein solch konsequenzloses Amt nicht brauche und man sich das Geld dafür sparen könne; allerdings: eine solche Amtsführung muss nicht schon per se falsch sein, sie sollte allerdings begründet werden und in irgend­einer Beziehung zu den weitreichenden Kompetenzen des Amtes stehen (braucht es diese nun oder nicht und warum wurden sie – bestehend seit 1929 – nicht längst geändert, wenn sie der politischen Realität so gar nicht entsprechen?). Hieran schlossen die Diskus­sion nach der Wahl an: Wozu diese weitreichenden Kompetenzen, die letztlich vom persönlichen Willen (der Autorität) des jeweiligen Bundespräsidenten abhängen und zudem kaum bis nie genutzt wurden, wie das Notverordnungsrecht, das Recht die Regierung als Ganze zu entlassen, das Recht einen Landtag oder den Nationalrat aufzu­lösen (die ersten drei wurden nie angewendet, das letzte ein einziges Mal von Miklas im Jahr 19301). Weiterlesen


  1. Eine Liste der Kompetenzen findet man dort

Veröffentlicht in: Demokratie und Rechtsstaat | Stichworte: , , , , | 8 Kommentare

Verloren im Paradies

Filmplakat "Vor der Morgenröte - Stefan Zweig in Amerika" (X-Verleih)

Filmplakat »Vor der Morgenröte – Stefan Zweig in Amerika« (c X-Verleih AG)

Ein üppiges Blumenbouquet. Dann die Totale auf einen großen, festlich gedeckten Tisch, in dessen Mitte diese Blumen liegen. Servierinnen legen letzte Hand an. Die Keller treten ein. Die Musik im Raum nebenan endet und die Türen werden auf ein Signal des Maitre hin geöffnet. Und es dauert nicht lange, bis die ersten Personen eintreten, den Tisch bewundern. Man sucht einen Tisch für Bücher. Ein Gewirr unterschiedlicher Sprachen. Jockey-Club Rio de Janeiro, August 1936. Ein Festbankett. Der Ehrengast ist Stefan Zweig, weltbekannt, ein Bestsellerautor. Brasiliens Außen­minister Macedo Soarez (Virgilio Castelo) stellt den berühmten Gast den Honoratioren des Landes vor. Acht Minuten bleibt diese Einstellung erhalten. Keine Schwenks, keine Schnitte. Es ist der Epilog im Film »Vor der Morgenröte«.

Nein, eine Biografie im klassischen Sinn ist »Vor der Morgenröte» nicht. Es sind sechs Episoden (inklusive Prolog und Epilog) zwischen 1936 und 1942. Sie zeigen Stefan Zweig, wie es im Untertitel heißt, »in Amerika«. 1936 war er 55 Jahre alt. Zweig hatte seine im Austrofaschismus versinkende Heimat Österreich verlassen und lebte in London. In Deutschland waren soeben die Olympischen Spiele zu Ende gegangen, die Hitler eröffnet hatte. Zweigs Bücher landeten 1933 auf dem Scheiterhaufen. Er fühlte sich heimatlos und erniedrigt.

Die Reise durch mehrere südamerikanische Länder 1936 hatte ein festes Ziel: Das PEN-Treffen in Buenos Aires vom 5. bis 15. September. Es ist die nächste Szene im Film. 80 Schriftsteller aus 50 Ländern; nur zwei deutschsprachige Autoren. Neben Stefan Zweig ein gewisser Emil Ludwig. Die Journalisten drängen sich um Zweig. Dieser weigert sich, die verabscheuten Nazis öffentlich anzugreifen. Ein Intellektueller könne nicht radikal sein, müsse sich seinem Werk widmen.

Zu Beginn der Sitzung dann Emil Ludwig (überzeugend: Charly Hübner) mit einer Brandrede auf die Notwendigkeit des politischen, klar Stellung beziehenden Intellektuellen. Er trifft den Nerv der Teilnehmer. Danach werden die exilierten bzw. bedrohten deutschen Autoren aufgezählt. Auch Zweigs Name fällt. Er verbirgt sein Gesicht mit den Händen. Man glaubt, er weint. In einem Brief an eine Noch-Ehefrau Friderike beschreibt er die Situation anders. Er habe sich »widerlich gefühlt« bei diesem »Jahrmarkt der Eitelkeiten«, der ihn angeekelt habe.

–> weiterlesen auf Glanz und Elend

Veröffentlicht in: Essay | Stichworte: , , | 1 Kommentar

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Roland Schimmelpfennig: An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Roland Schimmelpfennig:
An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts

Ein Wolf überschreitet einen gefrorenen Fluss. Drei Wochen später: Tomasz fährt nach Berlin zu seiner Freundin Agnieszka. Beide kommen aus Polen; er arbeitet auf dem Bau, sie hat mehrere Jobs, als Putzfrau und Kindermädchen, sechs Tage in der Woche. Es schneit und es ist kalt und Tomasz steht in einem Stau, der mehrere Stunden dauern soll. Er steigt aus und da sieht er den Wolf, macht ein Foto und das wird bald ganz Berlin elek­trisieren. Fast gleichzeitig verschwindet ein Mädchen, das von seiner Mutter zuweilen geschlagen wird. Sie ist abge­hauen mit dem Nachbarsjungen. Der Busfahrer bemerkt das Fehlen. Währenddessen gehen Mädchen und Junge durch den Wald, finden einen toten Jäger mit Gewehr. Der Vater des Jungen ist Alkoholiker, hat kürzlich einen Suizid versucht und ist in der Psychiatrie. Die Eltern des Mädchens sind geschieden; beide waren oder sind Künstler (gewesen). In weiteren Rollen: Charly und Jacky, ein Ehepaar, das in Prenzlauer Berg einen Kiosk betreibt und Dialoge führt wie in einer RTLII-Soap, ein Ex-Lehrer, eine Praktikantin, die über den Wolf für eine Zeitung etwas schreiben soll, ein Chilene, der Rumäne ist, eine Frau, die ihre soeben verstorbene Mutter noch einmal hassen darf und daher deren Tagebücher verbrennt und ein altes Ehepaar.

Es geht um all diese Figuren (und noch ein paar mehr) in Roland Schimmelpfennigs »An einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des 21. Jahrhunderts«. Sie werden in insgesamt 103, meist kurzen szenischen Einspielern, ein paar Tage im Februar 2003 in und um Berlin aus wechselnder Perspektive begleitet. Kern des Buches ist die Aus­reißergeschichte zweier Jugendlicher – des »Mädchens« und des »Jungen«. So wie diese beiden bleiben viele andere Figuren in diesem Buch namenlos und wenn die Namen dann doch – mehr oder weniger zufällig – fallen, werden sie nicht verwendet. Da muss der Leser zwischen dem »Vater des Jungen«, »Vater des Mädchens«, »Mutter des Jungen« und »Mutter des Mädchens« unterscheiden. Später kommen unter anderen noch ein Bruder des Vaters des Jungen und eine Freundin der Mutter des Mädchens hinzu. Das klingt verwirrender als es ist. Im Laufe des Buches entsteht dann eine Reigen-Struktur. Es kommt zu kurzen oder, seltener, längeren Begegnungen der Figuren miteinander. Fast jeder bekommt es einmal mit jedem zu tun (sogar das Gewehr macht die Runde) und man könnte sicherlich schöne Graphiken erstellen, wer wem wann begegnet – wenn es nicht so egal wäre. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: | Kommentar abgeben

Kakanien ist abgesackt

Ich blickte vom Buch auf, um mir ein poetisches Bild aus den Fleurs du mal vor Augen zu führen (stoisch und ohne zu klagen gehen Mütter durch das Chaos der wimmelnden Städte) als vom Platz her durch das sommerabendliche Fenster ein fernes Stimmensirren zu schwellen begann. Vögel, dachte ich zuerst, Amseln, ein verirrter, verwirrter Schwarm… Dann fiel mir ein, daß es da draußen nur noch Spatzen gab. Und Krähen, die sich im Sommer verzogen. Aber jetzt knackte und knarrte es schon im Luftgefüge. Das Sirren kam näher und verwandelte sich in ein menschlich-weibliches Kreischen. Ich stand auf, schob meine Silhouette in den Fensterrahmen. Der Lindenbaum ruhte windstill in seinem staubigen Grün. Zwischen seinen Wurzeln nisteten die Autos der Anrainer. Eine unglaublich dicke Frau watschelte auf den Kinderspielplatz zu, in einem fort Flüche und Beschimpfungen ausstoßend, die zielsicher auf ein Mädchen am Rand des Sandkastens zuflogen. Diese dicke Frau, jünger, als ich beim ersten Anblick dachte, noch nicht dreißig, stieß mit dem Bauch gegen die niedrige Umzäunung. Das Gitter hielt ihren massigen Körper zurück, während ihr Gekreisch anschwoll und anschwoll. Von dem, was sie schrie, verstand ich nichts außer zwei Wörtern, die sie wie einen Refrain wiederholte, während ein helles Glöckchen an ihrer Handtasche den Rhythmus betonte: »…türkische Fut, du türkische Fut…« Weiterlesen

Veröffentlicht in: Demokratie und Rechtsstaat | 17 Kommentare

Fabjan Hafner

Fabjan Hafner - c Privat

Fabjan Hafner – c Privat

Gerade lese ich wie zufällig dass der Literatur­wissenschaftler, Übersetzer und Dichter Fabjan Hafner verstorben ist. Hafner wurde nur 49 Jahre alt. Sein Tod ist unfassbar für mich.

Natürlich hatte ich 2008 sein Buch »Peter Handke – Unterwegs in Neunte Land« gelesen. In meiner Hybris schickte ich ihm den Link zu meiner Besprechung mit einigen Kritikpunkten und er antwortete sogar. Berührungsängste mit »Dilettanten« (meine Formulierung) hatte Hafner nicht. Endlich lernte ich ihn persönlich auf einem Handke-Symposium in Mürzzuschlag 2012 kennen. Er war sehr freundlich und heiter, gänzlich ohne Allüren – morgens um acht beim Frühstück wie nachts um eins auf dem Weg zurück zum Hotel. Seine Stimme erinnerte mich zuweilen an die des jungen Klaus-Maria Brandauer. Als ein Teilnehmer kurzfristig ausfiel, übernahm er einen Vortrag. Der Text war derart brillant, dass ich das Manuskript von ihm erbat. Er bedauerte jedoch und zeigte auf das Notizfeld seines Smart-Phones. Dort waren fünf, sechs Stichpunkte hineingetippt. Der Rest war improvisiert.

Hafner war ein großartiger Kenner nicht nur der Literatur Peter Handkes. Er übersetzte mit Akribie und Hingabe Autoren wie Florjan Lipuš und Gustav Januš vom Slowenischen ins Deutsche und entdeckte auch so manchen unverdient-unbekannten Schriftsteller für den deutschen Sprachraum. Er fungierte als Herausgeber (u. a. von Christine Lavant), schrieb Kritiken und literaturwissenschaftliche Aufsätze. Dünkel waren ihm fremd; er schrieb klar und geschliffen, wollte gelesen und auch verstanden werden. Geehrt wurde Hafner auch als Lyriker für seine mal düsteren, mal melancholischen, mal heiteren Gedichte. Unermüdlich sein Wirken um mehr über den Kärntner Widerstand zu erfahren.

Wir blieben lose in Kontakt und schickten uns zuweilen Grüße. Vor gerade einmal knapp einem Jahr, am 23. April, traf ich ihn in Graz. Er war mit Josef Winkler für ein paar Stunden zu einem Workshop über Handkeonline gekommen. Er erklärte sich bereit, meine Erzählung »Grindelwald« zu lesen. Und was ich nicht hoffte, trat dann ein: er schrieb mir eine persönliche Kritik dazu; lobte und kritisierte und ermutigte mich, weiterzumachen.

Sein Gruß für 2016 war voller Enthusiasmus und Lebensfreude. Oft hatte ich versprochen nach Klagenfurt zu kommen; tatsächlich plante ich einen Besuch für den Spätsommer dieses Jahres ein. Dieser wunderbare Fabjan Hafner wird nicht mehr da sein. Ich hatte noch so viele Fragen an ihn, wollte noch so viel von ihm lernen, mich von seiner Leidenschaft für die Literatur anspornen lassen.

(Mehr und Besseres kann ich im Moment nicht schreiben. Der Schmerz ist zu groß)

c Fabjan Hafner

c Fabjan Hafner

Veröffentlicht in: Literatur | Stichworte: | Kommentar abgeben

Warum ich keine Literaturkritik mehr schreibe

1

Daß ich überhaupt Literaturkritik geschrieben und veröffentlicht habe, liegt daran, daß ich als junger Mann auf den Besitz von Büchern versessen war, aber nicht genug Geld hatte, mir welche zu kaufen. Als Rezensent hat man ein Recht auf sein Rezensionsexemplar, man läßt sich nicht mit losen Druckfahnen abspeisen. Später dann, als ich nach Argentinien und von dort nach Japan ging, trennte ich mich von meiner mittlerweile stattlichen Bibliothek. Schon vorher waren mir die Bücher mehr und mehr zur Last geworden: die Wohnung verstaubte, und es wurde immer schwieriger, eine Ordnung aufrechtzuerhalten. Ich sagte mir, das Wesentliche dieser Gebrauchsgegenstände, ihren Inhalt sozusagen, hätte ich ohnehin in meinem Kopf gespeichert, und so verkaufte ich die gesamte Bibliothek zu einem Spottpreis (abgesehen von einigen Ausnahmen wie der Pléiade-Werkausgabe von Borges). Ich fühlte mich erleichtert und habe diesen Schritt nie bereut.

Mit meiner kritischen Tätigkeit fuhr ich fort, aus Trägheit und anhaltender Neugier. Hatte ich die Bücher gelesen, verschenkte ich sie oder ließ sie irgendwo zurück. Das digitale Zeitalter hatte inzwischen begonnen, und ich war froh, daß mir die Verlage pdf-Dateien schickten anstelle von Bücherpaketen. Sie taten es anfangs mit einem gewissen Mißtrauen, ganz so, als könne man mit digitalem Gut mehr Schindluder treiben als mit analogem. Daß ich auf die Zusendung eines »echten« Buchs verzichtete, verstanden sie nicht; hartnäckig schickten sie mir das Rezensionsexemplar, das mir zustand.

Eigentlich wollte ich immer schon Schriftsteller werden, aber es mangelte mir am nötigen Selbstbewußtsein. So war ich überrascht und glücklich, als mir gegen Ende meines Studiums, als ich nolens volens irgendwelche beruflichen Schritte unternehmen mußte, wozu ich gänzlich unfähig war, der Leiter einer Literatursendung im Radio auf meine Anfrage zurückschrieb, er wolle mich unter seine freien Mitarbeiter aufnehmen. Kurz darauf ergab sich für mich, nachdem zwei andere Bewerber abgesagt hatten, die Mög­lichkeit, als Lektor an eine Universität nach Frankreich zu gehen, und ich ließ sie nicht verstreichen. Erst einige Jahre später, als ich immerhin schon einen Roman in der Schublade hatte und ein wenig aus dem Französischen übersetzte, begann ich wirklich, Literaturkritik zu schreiben, aus dem eingangs erwähnten Grund, denn mein Brotberuf war nie besonders einträglich. Damals ging man noch persönlich in Redaktionen, um Text zu liefern, anfangs tatsächlich noch auf Papier, dann auf einer Diskette, die ich in einen Schlitz am Hauptcomputer der Zeitung, für die ich schrieb, stecken mußte.

Der zuständige Redakteur fragte mich damals, was ich sonst so täte. Ich wußte keine rechte Antwort, von meinen Schubladen wollte ich nicht erzählen, und so lautete der Kommentar des Redakteurs zu meinem Gestotter: »Aber vom Artikelschreiben kann man doch nicht leben.« Danke für die Auskunft, dachte ich und war zu perplex, um zu ant­worten. Auf die Idee, mir irgendwelche Hinweise, eine kleine Handreichung zu geben, kam der Mann nicht. Umgekehrt kam ich nicht auf die Idee, die mir auf abstrakter Ebene durchaus bekannt war, daß man nämlich seine Ellbogen einsetzen muß, um sich im Medienbetrieb ein sei es auch noch so kleines Plätzchen zu verschaffen (im Literatur­betrieb gilt dasselbe, auch unter Übersetzern). Bei der Wochenendbeilage derselben Tageszeitung bekam ich nach annähernd zehn Jahren freier Mitarbeit Schwierigkeiten, weil ich in anderen Organen zu veröffentlichen begonnen hatte. Man erwartete von uns Schreiberlingen, daß wir dem Blatt treu blieben – so sah die Freiheit aus. Ausnahmen wurden bei sogenannten Berühmtheiten gemacht, die durften veröffentlichen, wo sie wollten.

Diese Geschichten spielen in Österreich, einem engen Ländchen mit sogenannter Pressekonzentration, wo Eifersüchteleien und Mißtrauen gang und gäbe waren. Andererseits: Vom Artikelschreiben kann man nicht leben – vor allem nicht, wenn man nur für ein Organ schreibt. Ich versuchte zu wechseln, was mir auch nicht recht gelingen wollte, und war froh, als sich die Möglichkeit ergab, regelmäßig für eine Schweizer Zeitung zu schreiben, die über solchen Kleinkram erhaben war und ist, obwohl ja auch die Schweiz, nach dem Bekunden einiger von dort stammender Autoren, ein enges Ländchen ist: wahrscheinlich doch, trotz der verbindenden Alpen, mit etwas weiterem Horizont. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Essay | Stichworte: , , , | 18 Kommentare

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co.

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co

Ronald Thoden (Hrsg.): ARD & Co

»Wie Medien manipulieren« lautet der Untertitel des Sammelbandes »ARD & Co.« Herausgegeben wurde das Buch von Ronald Thoden, V.i.S.d.P.-Redakteur des seit 2010 online verwaisten Magazins »Hintergrund«, für das im Impressum eine »Verlag Selbrund GmbH« zeichnet. Wenn man nach dem Herausgeber googelt findet man einen Bericht über ein »Querdenker«-Forum 2003 zu den Anschlägen des 11. September 2001, organisiert von Thoden. Dort wurden teilweise absurde Theorien zu den Anschlägen ausgebreitet. Immerhin: Für das Buch »ARD & Co.«, im Selbrund-Verlag erschienen, konnten mit Ulrich Tilgner, Kurt Gritsch und Walter von Rossum Autoren gewonnen werden, deren Urteile ich durchaus schätze (auch wenn ich ihnen nicht immer zustimme).

Leider verläuft die Lektüre recht ernüchternd, wenn man sich durch Titel und Untertitel konditioniert substanzielle Medienkritik erhofft. Die gibt es zwar auch – häufig zu Beginn der jeweiligen Beiträge. Dann jedoch ergreift etliche Autorinnen und Autoren zu oft das Besserwisser-Pathos, mit dem sie nicht nur die medialen Erscheinungen beleuchten und kritisieren, sondern sich in fachliche Gegenargumentationen begeben.

So geißelt Wolfgang Bittner in »Feindbild Putin« durchaus berechtigt die einseitige Dämonisierung Putins und Russlands in der Berichterstattung um die Ukraine-Krise von Ende 2013 bis heute. Aber er belässt es nicht dabei, sondern beginnt seine eigenen Bewertungen, sieht die Krise als Inszenierung der USA mit dem Hintergrund einer politischen Destabilisierung Russlands. Bittner schreibt unter Berufung von Henry Kissinger und seinem Interview vom 2. Februar 2014 mit CNN, dass »der Regime Change in Kiew sozusagen die Generalprobe für das sei, ‚was wir in Moskau tun möchten'«. Als Quelle wird der Link der »Neuen Rheinischen Zeitung« angegeben. Dort kann man allerdings nachlesen, wie das Kissinger-Zitat von Bittner sinnentstellend verfälscht wurde. Die Frage des CNN-Reporter lautete: »Sie kennen Putin gut. Sie haben ihn häufiger getroffen als jeder andere Amerikaner. Glauben Sie, dass er beobachtet, was in der Ukraine passiert, und denkt, der Westen und die USA würden dies im Grunde als Schritt zur Umzingelung Russlands betreiben?«. Kissingers Antwort: »Ich glaube, dass er denkt, dass dies eine Generalprobe ist, für das, was wir in Moskau tun möchten…« Kissinger hat also nicht gesagt, dass die USA einen »Regime Change« in Russland planten oder ihn machen sollten, er hat lediglich eine Vermutung darüber geäußert, dass Putin dies so empfinden könnte. Der Unterschied ist frappierend. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Medien | Stichworte: , , , , , , , | Kommentar abgeben

Der Friedenskaiser (3)

Teil 2

Judith wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung, recht geräumig für eine Studentin. Martha, ihre Freundin, ebenfalls Psychologin, übernachtete häufig bei ihr, sie wohnte bei ihren Eltern in Braunau und der letzte Zug ging früh am Abend. Wenn sie über Nacht blieb, schliefen die beiden im Doppelbett. In dieser Nacht waren wir zu dritt, Martha kuschelte sich von hinten an mich, was mein auf Judith fixiertes Begehren – »Mutter­komplex«, erklärte Martha am nächsten Morgen beim Frühstück – drosselte. »Dann bin ich auch ein Zwangscharakter?«, sagte ich mit Blick auf Judith. Diese Art Ironie, die den Sprecher vor jedem Gefühlsausdruck schützt, hatte ich von András übernommen, obwohl sie nicht recht zu mir paßte. »Du nicht«, sagte sie sanft nach einer Schweigepause, als hätte sie sich die Frage ernsthaft überlegen müssen. Sie legte mir die Hand auf den Nacken, schob sie unter das halblange Haar. Judith und Martha verheimlichten nicht, daß sie »eine Beziehung« hatten. Sie bezeichneten sich als lesbisch, aber ich glaube, das traf im eigentlichen Sinn nicht zu. (Zugegeben, ich hatte und habe keine Ahnung, worin das eigentlich Lesbische besteht; bei der männlichen Homosexualität scheint die Definition leichter zu fallen.)

Die Sitzungen der Parallelakteure wurden zäher und kürzer, nachdem András und Judith uns verlassen hatten; auch die Zahl der Teilnehmer schrumpfte. Michelangelo versuchte, die Leitung zu übernehmen. Er schlug Tagesordnungen vor, die von Franz und vom Jüngling durchkreuzt wurden. »Wir brauchen hier keinen Führer«, hörte ich einmal, während der andere zitierte: »Der Leiter ist ein Abstraktum, das sich von selbst auflöst«. In letzter Zeit hatte Michelangelo auf Vermittlung von András bzw. dessen Vater an Ausstellungen in Galerien teilnehmen können, einmal sogar während der Festspielzeit. Wenig später hatte er einen eigenen Galeristen, und er verkaufte ein paar von seinen infrarealistischen Ölgemälden zu recht guten Preisen an Sammler. Von Amerika aus hatte András sogar eine neue Kunstrichtung erfunden, den Infrarealismus, eine Art Label, unter dem Michelangelo Obermayer berühmt werden sollte. Aufs ganze, also im nachhinein, betrachtet, scheiterte das Vorhaben. Die Sammler verloren das Interesse, Michelangelo seinen Galeristen, die von ihm gemalten Bilder waren und blieben einfallslos, radikal nett auch und gerade dann, wenn sie sich um einen aggressiven – »haptischen« – Gestus bemühten. Ja, richtig, Kontrolle der Aggression war einer der Titel, die sich das Genie damals von András einflüstern ließ. Weiterlesen

Veröffentlicht in: Fiktion | Stichworte: , , | Kommentar abgeben