»Grindelwald« als Buch

Vor einigen Monaten hatte ich hier eine kleine Erzählung mit dem Titel »Grindelwald« veröffentlicht. Ich hatte mir dies aus Anlass des 100. Geburtstags meines Vaters schon Monate im Voraus vorgenommen und es dann doch erst kurz vorher halbwegs geschafft. Anfangs hatte ich »Grindelwald« von der Titelseite verbannt; mit der Verlinkung im »Bildblog« in 6 vor 9 war der intime Rahmen, in dem ich den Text halten wollte, ad absurdum geführt.

Es gab einiges an Lob, obwohl ich kein Schriftsteller bin (und es auch niemals sein werde). Dabei hatte ich noch im April einer Schriftstellerin versprochen, niemals ein Prosabuch zu schreiben, weil es davon wahrlich genug gebe. Aber Barbara Miklaw hat mich dann geduldig aber hartnäckig überredet, aus meinen Aufzeichnungen ein kleines Büchlein von 70 Seiten zu machen. Dies erscheint nun heute, am 27.2. Ich hoffe, dass sich wenigstens die kleine, erste Auflage verkauft.

Lothar Struck: Grindelwald

Lothar Struck: Grindelwald

Den Titel haben wir gelassen, obwohl es sich um einen erweiterten Text handelt, der von Frau Miklaw behutsam lektoriert wurde. Der Sound blieb erhalten, was auch einige spezielle Formulierungen angeht. Das umfangreichere Buch stimmt mit dem Text im Blog nicht mehr überein. Zusätzlich wurden im Blogtext einige Veränderungen vorgenommen, was Bezeichnungen oder Zuordnungen von Protagonisten angeht.

Hier ist der Link zur Verlagsseite, wo das Buch ab sofort bestellt werden kann. Und hier der Link zu Amazon.

Weiter lieferbar sind natürlich meine literaturwissenschaftlichen Sachbücher über Peter Handke und Jugoslawien (hier als pdf) und Handke und das Kino.

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Gift und Gegengift

Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror - Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland

Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror -
Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland

Thilo Sarrazin wird im September 2012 in einem »Spie­gel«-Interview indirekt des Rassismus beschuldigt. Diesen Vorwurf will er nicht auf sich sitzen lassen und schreibt daher einen Brief an die Redaktion mit der Bitte um Richtigstellung (was natürlich eine erneute Diskussion um seine Thesen zur Folge hätte) oder Entschuldigung. Der Redakteur antwortet elaboriert und, sofern das Zitat korrekt wiedergegeben wurde, mit hörbarer Freude: Die Aussagen aus dem Buch »Deutschland schafft sich ab« seien lediglich »pointiert zusammengefasst« worden; eine Korrektur lehnt er ab.

Diese Antwort sei für ihn der Grund gewesen, das vor­liegende Buch »Der neue Tugendterror« zu schreiben, so Sarrazin. Das bedeutet umgekehrt: Hätte der »Spiegel« – immerhin eines der beiden Medien, die aus dem kontro­vers diskutierten Buch einen für den Autor sicher­lich in mehrfacher Hinsicht lohnenden Vorabdruck vorge­nommen hatten (was er scheinbar vergessen hat, da er laufend den »Spiegel« ob seiner Einseitigkeit attackiert) – einfach nur Sarrazins Leserbrief abgedruckt, wäre der Leserschaft das neue Buch erspart geblieben. Weiterlesen

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Uwe Kolbe: Die Lüge

Uwe Kolbe: Die Lüge

Uwe Kolbe: Die Lüge

Neulich strahlte das ZDF einen zweiteiligen Film über den Alltag des »normalen« Bürgers in der DDR aus. Es war der inzwischen längst übliche Mix aus historischen, teilweise privaten Filmaufnahmen und Prominenten, die in den Zeugenstand gerufen wurden. Sie erzählten vom Mangel, vom Zusammenhalt, von ihren Idealen, die sich sukzessive pulverisierten. Überraschender als die Tatsache eines solchen Films an sich war der Titel: »Nicht alles war schlecht«. Adaption eines Liedtitels der »Prinzen« von 2010? Möglich. Aber sofort kamen mir die Erzählungen von Verwandten und Bekannten aus meiner Kindheit in den Kopf. Man hörte den Satz bis weit in die 70er Jahre hinein: Damals, beim Hitler, sei nicht alles schlecht gewesen. Einen Film im Jahr 1970 mit einem solchen Titel über den Alltag im Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1939 gibt es meines Wissens nicht; er hätte einen veritablen Skandal ausgelöst.

Jetzt ist es sicherlich nicht opportun, Nazideutschland mit der DDR zu vergleichen. Das Grass-Wort von der »kommoden Diktatur« war ja so ganz falsch nicht. Aber dass man einen derart kontaminierten Titel genommen hatte, befremdete mich doch. Merkwürdig dann, dass ich mich während der Lektüre von Uwe Kolbes neuem Buch »Die Lüge« an dieses »Nicht alles war schlecht« erinnerte. Im Roman erzählt der Komponist Hadubrand Einzweck, genannt Harry, von den ersten rund dreißig Jahren seines Lebens in der DDR. Untrennbar ist dies verbunden mit dem Verhältnis zu seinem Vater Hildebrand, genannt Hinrich, der Anfang der 1950er Jahre mit seiner damaligen Frau Karla als überzeugter Kommunist von Hamburg in die sich formierende, sozialistische deutsche Republik, »dem Morgenrot entgegen«, übersiedelte. Weiterlesen

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»Fragment/e zu einigen populären Songs« (2)

Das Heideröslein

( für Mari, die mondän, aber auch eine Heidemarie war )

 

Erst spät hatte mir meine Mutter erzählt, dass, wenn ich, mich mit kleinen Fäusten an den unverkleideten Gittern auf unserem Balkon festhaltend, versucht hatte, mich einem über den Feldern hinter unserem Haus austobenden Sommergewitter zu stellen, ich im Moment des Blitzens manchmal geschrien hatte, wie ein Mädchen mit hoher Stimme, durch­dringend und schrill. Es klang durch, dass ich, obwohl ein stilles Kind, das seinen Eltern sonst selten Anlass dazu gab, ihnen dann ein bisschen unheimlich gewesen war. Diese Erzählung wiederum hatte ich lange Zeit vor mir selber, als etwas Schamhaftes in meinem Selbstbild versteckt, und Gedanken daran erst spät, nämlich als das Moment einer Verrücktheit während einer anderen, zulassen können.

***

Du sagtest Liebe / ist nur ein Wort / ich sagte geh / doch noch nicht fort. – Sollte ich wirklich einmal einräumen, wie im Innigsten, in riskanter Nähe zu den falschen Tönen und dem Herz-Überzeugtesten, immer auch das noch Falschere wohnt? Das Bodenlosere? Der sich eben darum und um die Gefährlichkeit umso mehr aufzuschwingen wissende Irrtum? Oder war das jetzt gleichfalls nur ein Desillusionierungs-, ein Selbstanklage-, ein Aufrichtigkeitskitsch? Weiterlesen

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Peter Sloterdijk: Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen

Peter Sloterdijk: Reflexonen eines nicht mehr Unpolitischen / Hans Ulrich Gumbrecht: Wachheit

Peter Sloterdijk: Reflexonen eines nicht mehr Unpolitischen / Hans Ulrich Gumbrecht: Wachheit

»Reflexionen eines nicht mehr Unpolitischen« lautet der Titel der Dankrede Peter Sloterdijks anlässlich der Verleihung des Börnepreises 2013. Sofort fühlt man sich erinnert an Thomas Manns »Betrachtungen eines Un­politischen« von 1918 und fragt sich, wie diese An­spielung zu verstehen ist. Mann hatte damals mit einem über 600 seitigen Konvolut zum einen die Verderbnis der Literatur durch die Beschäftigung mit der Politik konstatiert (und seinen Bruder Heinrich mehr oder weniger offen als abschreckendes Beispiel eines »Zivilisationsliteraten« inszeniert) und gleichzeitig exakt dies mit seinem Bekenntnis zum reinigenden Krieg – Kultur versus Zivilisation – selber betrieben. Dabei war Thomas Mann mindestens zu Beginn des Großen Krieges eigentlich nur das, was man heute Mainstream nennt. Und, um es ein bisschen salopper zu formulieren: Unabhängig davon, dass Thomas Mann in den 1930er Jahren (nach einiger Zeit des Abwartens) zum scharfen Gegner der Nationalsozialisten wurde, war er politisch nicht unbedingt ein Visionär. Kann sich ein Denker wie Sloterdijk sozusagen freiwillig in diese Tradition stellen?

Eine andere Möglichkeit wäre, dass es sich um eine besondere Form der Koketterie handelt. Eine Art Spiel mit Etiketten. Schließlich ist Sloterdijks Rede mit knapp 35 großzügig bedruckten Seiten gar nicht mit Manns voluminösem Text vergleichbar. Die ersten etwas mehr als 20 Seiten diesem »Sonderdruck edition suhrkamp« nimmt Hans Ulrich Gumbrechts Laudatio ein, in der er immerhin am Ende die selbstironische Volte platziert, sich selber zu seiner Wahl zu gratulieren, denn die Statuten des Preises sehen vor, dass nur eine Person den Preisträger bestimmt, und dies war eben Gumbrecht. Weiterlesen

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Vom Misstrauen sich selbst gegenüber. Anmerkungen zum Antifaschismus.

Er wisse nicht, sagte ein Freund vor etlichen Jahren in einer Diskussion über den Nationalsozialismus, was er damals für ein Schwein gewesen wäre: Seine Worte fielen mir in den vergangenen Tagen rund um die Diskussionen über den Akademikerball der FPÖ, die damit verbundenen Demonstrationen und gewalttätigen Ausschreitungen wieder ein: Es blieb das einzige Mal bislang, dass sich jemand in meinem Beisein oder auch öffentlich nicht nur derart radikal, sondern überhaupt selbst das Misstrauen ausgesprochen hatte: Noch immer nötigt mir dieser Satz eine Menge Respekt ab und ich hätte ihn in der Vergangenheit nicht auszusprechen vermocht: Heute hingegen erscheint es mir beinahe billig ihn nachzusprechen, obwohl es das, so es ernst gemeint und mit Nachdruck geschieht, keineswegs ist. Weiterlesen

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Ins Heu gehen

In der vergangenen Woche gab es im Feuilleton der ZEIT ein Stürmchen im Latte-macchiato-Glas. Florian Kessler, freier Autor und Journalist, beklagt, dass sich die deutsche (sic!) Gegenwartsliteratur fast nur aus Akademikerhaushalten rekrutiert, was naturgemäss Auswirkungen auf die Literatur selbst habe. Dies gelte sowohl für die Schreibenden wie für das Rezeptions-, Preis- und Funktionärswesen des Betriebs. Salopp gesagt: Akademikersöhne und –töchter schreiben wie Akademikerväter und –mütter dies schon immer gewollt haben. Alles andere, abseitige, proletarische (dieses Wort fehlt, wird aber suggeriert) habe keine Chance. Um seinen Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, versucht er es mit einer guten Portion Selbstironie. Zum einen beschreibt er durchaus humorig, wie er selber in den Betrieb eingedrungen ist (die Brille!), zum anderen »outet« er sich (!) selber als Professorensohn (ich habe dieses »oder auch ich« tatsächlich zwei Mal überlesen). Selbstbezichtigung zur rechten Zeit ist ja aus diversen Revolutionen bekannt, kostet aber heute noch nicht einmal mehr den Kopf.

Kessler findet in Enno Stahl in der taz einen Fürsprecher. Stahl ist seit Jahren Pfahl im Fleisch der Literaturkritik (naja, jenseits der bürgerlichen Zeitungen). Unlängst ist seine Aufsatzsammlung »Diskurspogo« erschienen. Sein Programm lässt sich – mit seinen eigenen Worten – ungefähr so zusammenfassen: »Die idealistisch-romantische Perspektive auf künstlerische Elaborate, die – speziell im Feuilleton – unverändert auf die werk­immanente Methode pocht, impliziert ein konkurrierendes Wertungsdispositiv, eines, das meiner Meinung nach im Zeichen der gravierenden Umgestaltungsprozesse der west­lich-kapitalistischen Gesellschaftsformation ausgedient hat«. Kurz – und womöglich nicht dialektisch ausgewogen: Literatur muss politisch sein, alles andere ist kapitalistischer Mist. Weiterlesen

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Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf: Arbeit und Struktur

Wolfgang Herrndorf:
Arbeit und Struktur

Tagebuch-Texte von Künstlern potentiellen Lesern nahezubringen und dabei womöglich literarisch einzuordnen, ist immer schwierig. Fühlt man sich doch ständig herausgefordert Werkbezüge zu entdecken bzw. fortzuschreiben, die den mit der Materie nicht einigermaßen vertrauten Leser eher langweilen. Tagebücher von Literaten liefern ja zuweilen durchaus instruktive Einblicke in die sogenannte Werkstatt. Neben Form- und Schreibproblemen und literaturwissen­schaftlichen und/oder philosophischen Überlegungen stehen auch häufig genug banalste Notizen aus dem Alltag. Und immer entsteht dabei die Frage, ob der Autor – bei aller Intimität einzelner Eintragungen – eine spätere Veröffentlichung nicht immer schon bei der Niederschrift einkalkuliert hat (also eine gewisse Form der Selbstzensur praktizierte) oder ob der naive Glauben nach dem »reinen« Text, einer Art »Écriture automatique« vielleicht dieses Mal wahr werden wird.

[...]

Der ganze Beitrag hier bei »Glanz und Elend«

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