Martin von Arndt: Rattenlinien

Martin von Arndt: Rattenlinien

Martin von Arndt: Rattenlinien

Dr. Andreas Eckart, Sohn italienisch-deutscher Eltern, Nervenarzt, Soldat für das Deutsche Kaiserreich und in den 1920er Jahren Kriminalkommissar in Berlin, sitzt im Herbst 1946 in einem Haus der Nähe von Washing­ton und müht sich mit einer uralten Schreibmaschine in Übersetzungen von Büchern vom Deutschen ins Englische, die niemanden interessieren. Der Leser kennt Eckart aus Martin von Arndts Roman »Tage der Nemesis« als er 1921 in die Fallstricke türkisch-armenischer Geheimdienste und deutscher Außenpolitik geriet. Inzwischen sind 25 Jahre vergangen. Er lebt bei Liam, einem reichen und hemdsärmeligen ehemaligen amerikanischen Botschaftsangehörigen, der ihn in letzter Minute aus den Klauen der Gestapo in die Staaten schleusen konnte. Eckart, Moralist und Pazifist, wurde einst »Nazifresser« genannt, trat für die junge deutsche Demokratie ein, galt damit nach 1933 als politisch unzuverlässig und wurde schließlich entlassen. Die Hauptschuld hieran trägt sein ehemaliger Assistent Gerhard Wagner, der zum überzeugten Nazi und SS-Mann wird und sich an seinem ehemaligen Chef rächen will. Eckart wird zunächst drangsaliert, später gefoltert, soll Gesinnungsfreunde verraten, die inzwischen im Untergrund sind, so unter anderem auch seinen ehemaligen Assistenten Rosenberg. Gerade noch rechtzeitig gelingt die Flucht in die USA.

Mit sanftem Druck lässt sich Eckart im Herbst 1946 von seinen amerikanischen Freunden und Bekannten zur Teilnahme an der Operation »Rattenlinien« des US-Geheimdienstes CIC in Europa überreden. Hochrangige Nazis und SS-Offiziere versuchen über die Alpen bis nach Italien zu fliehen um von dort aus per Schiff nach Südamerika (Argentinien, Chile) zu kommen. Sie erhalten Hilfe von Sympathisanten aus Deutschland, Österreich (vor allem auch Südtirol), dem Roten Kreuz (welches mit verblüffender Naivität ausge­stattet scheint) und dem Vatikan. Eckart und US-Special-Agent Dan Vanuzzi, Sohn italienischer Einwanderer, bilden zusammen mit zwei Helfern ein »Greifkommando« und sollen den SS-Obersturmbannführer Gerhard Wagner, der aktiv an Judenerschiessungen beteiligt war, aufspüren damit er vor Gericht gestellt werden kann. Dabei spricht die Physis gegen Eckart – er hat sich zwar von seiner Morphiumsucht befreit (er kehrte aus dem Ersten Weltkrieg als Kriegszitterer zurück), wurde jedoch zum Linkshänder (warum, erfährt man später), ist nicht besonders trainiert, hat Magenprobleme und ist 60 Jahre alt. Aber er kennt Wagner und dessen Mentalität, spricht italienisch und deutsch und der Appell, etwas Gutes zu tun, verfängt schließlich. Dabei gibt es zwei Probleme: Die Verwaltung in weiten Teilen Südtirols obliegt bei den Franzosen, so dass amerikanische Aktivitäten nicht gerne gesehen sind. Und wenn die Gesuchten erst einmal in Italien angekommen sind, endet der offizielle Einfluss der Amerikaner vollends, weil Italien ein souveränes Land ist.

Martin von Arndt bettet in die Erlebnisse der beiden Agenten Rückblenden über Eckarts Schicksal ein. Vor allem geht es um Rosenberg, der als Jude verfolgt jahrelang in Deutschland als »U-Boot« lebte und von mehr als 30 verschiedenen, mutigen Personen versteckt wurde. Rosenbergs Geschichte erinnert an die des einst sehr beliebten Quizmasters Hans Rosenthal, der die Nazi-Diktatur im Untergrund überlebte. Als Rosenberg im Roman dann doch gefasst wird, gelingt ihm durch eine glückliche Fügung die Flucht.

Die Zusammenarbeit zwischen Eckart und Vanuzzi ist nicht spannungsfrei; der Ameri­kaner hat Probleme mit Autoritäten, mag die Deutschen nicht und bleibt skeptisch. Ob Eckart wirklich der »Good German« ist? Man liest argwöhnisch jeweils die Dossiers des anderen. Dennoch scheinen Sie Wagner und seinen Freunden dicht auf den Fersen. Es geschieht ein Mord an einen Informanten, der jedoch nicht aufgeklärt werden kann. Dichte Stimmungsbilder aus dem Südtirol in der Eiseskälte des Winters 1946/47 gelingen. Man liegt auf der Lauer und kämpft mit Problemen innerhalb der alliierten Zuständig­keiten und rivalisierender Geheimdienste. Von der Zivilbevölkerung gibt es nur Argwohn. Obwohl sich die beiden als Rotkreuzmitarbeiter ausgeben, bleibt man wortkarg und abweisend. Die Sympathien sind noch ungebrochen mit den alten Machthabern, was Wasser auf Vanuzzis Mühlen ist. Schließlich wird Eckart sogar von Kroaten entführt, kann aber dank eines mysteriösen Hinweises befreit werden. Währenddessen ist es den Schergen um Wagner gelungen, die Grenze nach Italien zu überschreiten. Die beiden machen sich auf die Verfolgung und Eckart besucht den pensionierten Inspektor Leopardi in Rom, der ebenfalls aus »Tage der Nemesis« bekannt ist. Leopardi und sein Sohn kämpfen im Rahmen ihrer Möglichkeiten gegen die faschistischen Seilschaften. Eine Spur führt schließlich zu einem Kloster nach Bozen. Dort stößt auch Rosenberg zum Team hinzu, den Eckart telegrafisch in Berlin erreicht hatte.

Martin von Arndt baut in diesen Roman zahlreiche Überraschungen und Winkelzüge ein was bis zum Schluss für Spannung sorgt. Im Glossar zeigt sich, dass historisch nach­prüfbare Fakten den Rahmen der Geschichte bilden. Die eigens zum Roman erstellte Webseite listet noch weitere Hintergründe auf. Dennoch handelt es sich um keine aufdringliche Doku-Fiktion, die historische Figuren Texte in den Mund legt. Die Klassifizierung des Verlags als »Kriminalroman« nicht direkt falsch, aber etwas un­glücklich gewählt. Auch das englische »Thriller« trifft es nicht genau. »Rattenlinien« ist ein Buch, das sich souverän zwischen den Genres bewegt. Von Arndt bedient nicht nur gekonnt den Plot der Agentengeschichte sondern zeigt in den Zwischentexten über das Schicksal Eckarts und Rosenbergs im Nazi-Berlin seine literarischen Qualitäten. Das Ende ist dann noch einmal verblüffend und hallt im Leser lange wie ein Echo nach.

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