Heiner Geißler

Ja, ich weiss. Man soll über Tote nichts Schlechtes reden. Und Heiner Geißler ist ja auch ein Politiker, der das Land zu seiner Zeit geprägt hat.

Aber der Kult, der seit vielen Jahren um ihn betrieben wurde, hat mich immer überrascht. Er wurde meist von denen forciert, die seine aktive Zeit als CDU-Generalsekretär und als strategischer Planer der Karriere von Helmut Kohl nicht mitbekommen haben. Sie kannten nur den Herz-Jesu-Geißler von dem man irgendwann nicht mehr wusste, dass er in der CDU war.

Egon Bahr bekannte einmal, dass Geißler der einzige Politiker in seiner Karriere gewesen sei, dem er eine Zeit lang nicht die Hand gegeben habe. Willy Brandt nannte ihn einst den schlimmsten Hetzer seit Goebbels. Geißlers Schärfe in der politischen Auseinandersetzung der damaligen Zeit brächten ihm heute mühelos das Etikett »Populist« ein – wenn nicht noch Schlimmeres. Seine Wahlkampagnen würden heute permanente Shitstorms entfachen.

Als die FDP-Abgeordnete Hildegard Hamm-Brücher das Verfahren ihrer Partei von der SPD hin zur Koalition mit der CDU/CSU unbehaglich fand, war es Geißler der von einem Anschlag auf die Verfassung sprach – weil eine Abgeordnete ihre Gewissensentscheidung artikulierte. Und auch Geißler zog gerne NS-Vergleiche – der Pazifismus der 1930er-Jahre habe Auschwitz erst möglich gemacht, so tönte er 1983, als die Grünen sich aufmachten, eine tragende politische Kraft zu werden.

Geißler wurde irgendwann rehabilitiert. Schließlich war er von Kohl ausgebootet worden. Wie oft bei politischen Beratern hielt sich Geißler plötzlich für den besseren Kopf – das konnte jemand wie Kohl nicht zulassen. Er wurde milder und traf mit seinen politischen Äußerungen den medialen Mainstream. Während Helmut Schmidt als weltpolitischer Universalstratege gefeiert wurde, fungierte Geißler als das soziale Gewissen Deutschlands. Und noch eine späte Gemeinsamkeit mit Helmut Schmidt: Auch bei Geißler dachte man er sei längst in der falschen Partei. Diese Überparteilichkeit machte ihn in den letzten Jahrzehnten so beliebt. Dabei verzieh man ihm großzügig gelegentliche verbale Ausrutscher.

Heiner Geißler ist heute gestorben. Protagonisten wie er haben heute in Volksparteien keine Chance mehr. Ich weiss gar nicht, ob das gut oder schlecht ist.

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5 Kommentare zu »Heiner Geißler«:

  1. Dauersauer sagt:

    Das gleiche kann man auch über Peter Gauweiler sagen, der ja gleich alle HIV positiv getestete Menschen in Sperrzonen abschieben wollte.
    Natürlich möchte auch ein Heiner Geißler so wie diverse andere Politiker nicht als Kotzbrocken in die Geschichte eingehen, für die sie von Teilen der Bevölkerung gehalten wurden. Nur wer verhilft zu diesen Imageaufbesserungen?
    Dazu bedarf es ja mehr als ein paar warmer Worte.
    Auch hier dürften unsere Medien eine wichtige Rolle spielen. Zumindest als Kollektivgedächtnis versagen sie total.

    #1

  2. Richtig, als Kollektivgedächtnis versagen die Nachrichtenmedien zusehends. (Gauweiler wird nie die Popularität eines Geißler erreichen, weil er sein Sperrigsein nicht hinter wohlfeilen Thesen verbrämt.)

    #2

  3. Blackconti sagt:

    Diese plötzliche Wandlung vom Saulus zum Paulus habe ich Geissler spätestens seit seiner Rolle als „Mediator“ gegen den Stuttgart 21-Protest nicht mehr abgenommen. Nach dieser denkwürdigen „Schlichtung“ war die Kraft des Protestes futsch und die nachfolgende Volksabstimmung brachte das gewünschte Ergebnis. Egal wie unsinnig, egal wie die Kosten explodieren – jetzt kann Kasse gemacht werden.

    #3

  4. TangoZulu sagt:

    Die Läuterung noch zu Lebzeiten habe ich ihm abgenommen. Wenn ein Mensch in der Hybris und dem Ehrgeiz junger Jahre Grenzen überschreitet, erhält er die Chance, aus dieser Erfahrung heraus zu reifen. Geißler hat diese Chance zur Aussöhnung m.E. ergriffen und dadurch menschlich ein Format erreicht, das seinem einstigen Förderer und späteten Rivalen im Ergebnis versagt blieb. Das bedeutet aber keineswegs, dass man in der Gesamtbilanz seine Ambivalenz ausblenden sollte.

    #4

  5. @TangoZulu
    Naja, Geißler war 1980 50 Jahre alt; nicht mehr so ganz jung. Er war eben vollkommen aufgegangen in seiner Rolle als Wahlkampfmanager und CDU-General. Außerdem war seine Loyalität zu Kohl sehr fest. Das bröckelte dann 1988/89, als Kohl mit etlichen seiner Projekte (»geistig-moralische Wende«) nicht mehr weiter wußte. Die Ereignisse in der DDR spielten ihm dann in die Hände. Aber da war Geißler schon abgemeldet.

    Ich weiß auch nicht, ob es tatsächlich eine Läuterung bei Geißler gab. Das »soziale Gewissen« war er auch schon als Generalsekretär (später als Minister). Aber eben sehr gebremst. (Man darf nicht vergessen, dass unter Kohl die Sozialsysteme weitgehend unangetastet blieben; die Reformen führte dann Jahre später Schröder mit rot-grün durch.) In seiner Rolle als Elder Statesman war er eben nur von Parteistricken befreit und konnte nach Herzenslust idealisieren. Und die Medien spielten mit.

    #5

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