Fabjan Hafner: Peter Handke – Unterwegs ins Neunte Land

Fabjan Hafner: Peter Handke - Unterwegs ins Neunte Land

Fabjan Hafner: Peter Handke -
Unterwegs ins Neunte Land

Mit seinem Buch »Peter Handke – Unterwegs ins Neunte Land« möchte Fabjan Hafner aufzeigen, dass das Slowenische bei Peter Handke mehr als nur eine Beschäftigung mit seinen Ahnen ist, sondern nichts weniger als ein Lebensthema , ja der Generalbaß im Gesamtwerk des Dichters. Slowenien ist Sehnsuchtsort, (s)ein Utopia sui generis und bukolisches Traumland. Die gesamte mütterliche Verwandtschaft Handkes gehörte der Minderheit der Kärntner Slowenen an. Besonders der Grossvater, Gregor Siutz (slowenisch: Sivec) und dessen gleichnamiger Sohn sind Licht­gestalten in Handkes Kindheit und Jugend und bleiben darüber hinaus prägend.

Hafner betont zwar wiederholt, dass Handke selber eine biografische Deutung seiner Er­zählungen (insbesondere seiner Slowenien-Rekurse) ablehnt, konzidiert dann jedoch, dass die lebensgeschichtliche Lesart…ergiebiger sei als die intertextuelle. 1942 wurde Peter Handke in Altenmarkt (bei Griffen) in Südkärnten geboren. 1944 geht die Familie nach Berlin (in den Ostteil der Stadt); Handkes Stiefvater (es stellte sich für Handke erst später erst heraus, dass es sein Stiefvater war) kam aus Berlin. 1948 zurück, hat der kleine Handke das Slowenische vollkommen vergessen und spricht »hochdeutsch«, was im Dorf als abgehoben empfunden wird. Er kann sich mit den Einheimischen, wie auch dem Grossvater nur schlecht verständigen; ihren Dialekt versteht er nicht. Hieraus rührt – so Hafner – Handkes generelle Ablehnung des Dialekts gegenüber. Die Familie ist in mehrfacher Hinsicht »am Rand«, der junge Handke doppelt unzuhause: Geografisch bewohnt die Familie einen Hof am Dorfrand; es sind »einfache Verhältnisse«. Gesellschaftlich sind sie Kärntner Slowenen, also eine Minderheit, andererseits stammt der Mann der Mutter aus Deutschland. In der Familie dient (wie auch unter den »österreichischen Kärntnern«) das Slowenische als eine Art Geheimsprache.

Handke ist Aussenseiter. Zwischen dem Grossvater, der weitgehend Vaterersatz wird (Handke »überspringt« sozusagen zeitweise eine Generation) und seinem Enkel lockert sich das sprachliche Band; Handkes Schriftsprache ist das Deutsche geworden. Die Internatszeit in Tanzenberg wird von Handke selber rückwirkend sehr negativ betrachtet; er ist dort ebenfalls heimatlos. In der Gruppenbildung »Deutschkärntner« versus »Slowenen« (Hafner weist interessanterweise darauf hin, dass niemand auf den Gedanken kommt, statt »Slowenen« die Bezeichung »Slowenenkärntner« zu verwenden) findet Handke keinen Platz. Er nimmt dort den Unterricht in slowenischer Sprache wieder auf.

Hinwendung zum Slowenischen

Nach rund einem Viertel des Buches beginnt Hafner mit der Werkbesprechung, in dem er Buch für Buch (allerdings nicht alle) auf das slowenische Thema hin abhandelt. Handkes erste Bücher können zunächst durchaus als Absonderung seiner Herkunft gegenüber gelesen werden. Dennoch schimmert die Auseinandersetzung mit »dem Slowenischen« als durchgängiges Lateralphänomen auch in seinem Erstling »Die Hornissen« durch. Hafner entwickelt dies durchaus überzeugend. Indem Handke Kindheitsbilder aneinanderreiht (das Hornissen-Symbol steht für die Bomberflugzeuge, die Handke als Kind wahr­genommen hat), ist die Motivlage fast vorgegeben, obwohl sich der junge Schrift­steller zunächst als Sprachspieler und –kritiker geriert und Lust am Experiment zeigt.

Eine verstärkte Hinwendung »zum Slowenischen«, eine Art Vorfahrenvergegen­wärtigung, beginnt mit der Erzählung »Wunschloses Unglück« (1972), in der Handke über seine Mutter und deren Freitod erzählt. Eingehend werden die Bücher seiner »Langsame Heimkehr«-Tetralogie abgeklopft. Die Bücher bis Anfang der 80er Jahre (inklusive »Die Geschichte des Bleistifts«) subsumiert Hafner (weitgehend treffend) unter der Kapitelüberschrift Aufbruch heimwärts. Ende der 70er Jahre beginnt Handke mit der Übersetzung zweier Bücher aus dem Slowenischen. Zunächst Florjan Lipuš’ »Der Zögling Tjaž« (zusammen mit Helga Mračnikar) und dann Gedichte von Gustav Januš. Übrigens waren beide Autoren, was vielen Beobachtern damals entgangen war, nicht aus Slowenien selbst, sondern können als »Auslandsslowenen« (Lipuš als »Kärntner Slowene«) bezeichnet werden. Beide, Lipuš und Januš, besuchten wie Handke das Internat Tanzenberg (ein Zufall?). Handke musste für den »Zögling« die slowenische Sprache praktisch wieder neu erlernen. Die Hilfe von Helga Mračnikar war, wie er selber rückwirkend schreibt, unbedingt notwendig. Januš konnte er dann selber übersetzen.

Den Übersetzungen widmet Hafner ein eigenes, kleines Kapitel. Es steht vor dem grössten Abschnitt seines Buches In der Heimat mit der doppeldeutigen Parenthese Auszeit von der Weltgeschichte. Besonders ergiebig wird hier das 1986 erschienene Buch »Die Wiederholung« untersucht. In diesem Buch bricht der Protagonist und Ich-Erzähler Filip Kobal (die Vokabel »kobal« entnimmt Handke dem letzten Satz des »Zögling Tjaž«), der noch nie Österreich verlassen hat, auf, um seinen verschollenen Bruder in Slowenien zu suchen.

Suche nach dem verschollenen Bruder

Während des Reisens, des Zug- und Busfahrens, vor allem aber des Gehens erfährt Kobal nun in epiphanischen Momenten (die Hafner sehr gut deutet) den Rekurs auf seinen Ahnen (was allerdings keinesfalls mit einem Ahnenkult verwechselt werden darf). Die Suche bleibt zwar faktisch erfolglos und Kobal kehrt am Ende wieder zurück zu Familie, aber diese Reise, die eine Reise zu sich selbst ist (»Die Wiederholung« ist ein klassischer Entwicklungsroman) hat den Protagonisten verwandelt, denn in den epiphanischen Erscheinungen, erzeugt durch Aufgehen in der Landschaft, ist er sehr wohl seinem Bruder begegnet. Denn Filip Kobal hat es mit dem Schein! Dabei ist Schein als Abglanz fremden Erlebens, nicht mit Täuschung zu verwechseln. »Wiederholung« bedeutet bei Handke auch immer »Verwandlung« (eine Tatsache, die Hafner ein bisschen vernachlässigt). Und am Ende beginnt Filip auch über das Erzählen zu erzählen; ein weiteres, häufiges (und wichtiges!) Motiv bei Handke, was Hafner (fast naturgemäss) vernachlässigt. Und die einst zerstrittene Familie ist plötzlich miteinander versöhnt.

Hafner bemerkt zutreffend, Cornelia Blasberg zitierend, dass für Filip Kobal gelte, was die meisten Gregor-Figuren im Werk Handkes auszeichnet, er »scheint somit die Chiffre jener Kreisbewegung zu sein, die sich als Zirkel von Ausziehen, sich Verlieren, sich Finden und Heimkehren nachzeichnen lässt«.

Die autobiografischen Anspielungen sind überdeutlich. Wie Handkes Onkel heisst der gesuchte Bruder Gregor. Und wie Gregor Siutz, der in der Zeit von 1932 bis 1937 die Landwirtschaftsschule in Maribor besuchte und eine Handschrift über den Obstbau verfasste, reist Filip Kobal mit einem »Werkheft« des Bruders welches vor allem vom Obstbau handelt. Handke bemerkt in Interviews selbst, wie wichtig ihm diese Handschrift des Onkels ist (Ich habe sein Obstbaubuch noch bei mir zu Hause…Das schwebt oben im Plafond, und ich sehe jeden Tag hinauf auf die slowenischen Beschreibungen der Äpfel, der Birnen, der ‘jabolke’ und so weiter und les zumindest ein paar Wörter davon). Gregor Siutz wird (anders als der andere gefallene Mutterbruder) durch die Feldpostbriefe (teilweise in der »verbotenen« Sprache slowenisch) und das »Obstbaubuch« zum »schreibenden Vorfahren« (Hafner zitiert hier Adolf Haslinger); ein Abwesender, der Schrift geworden ist. Und wie Handke sich mit dem Pleteršnik-Wörterbuches von 1894/95 das Slowenische Ende der 70er Jahre wieder nahebringt so benutzt Filip das große slowenisch-deutsche Wörterbuch aus dem neunzehnten Jahrhundert, um die Schrift des Bruders zu entziffern. Dezidiert anders ist allerdings, dass die Romanfigur als Wider­standsheld mindestens phantasiert wird, während der »reale« Gregor zwar ein slowenischer Agitator war, aber letztlich als Slawe in der Armee Hitlerdeutschlands ums Leben kam.

Die »Wiederholung« – keine Suche nach der verlorenen Zeit

Das zentrale Motiv nicht nur in diesem Roman, aber vor allem hier, ist das der »Wieder­holung«. Der Titel ist demzufolge doppeldeutig und dem Leser erschliesst sich dies erst im Laufe der Lektüre (der Terminus selber fällt –ausser im Titel selber- ansonsten nicht ein einziges Mal). Das Motiv der »Wiederholung« entlehnt Handke bei Heidegger und Sören Kierkegaard, der folgendermassen definiert: »Wiederholung und Erinnerung sind dieselbe Bewegung, nur in entgegengesetzter Richtung. Denn was da erinnert wird, ist gewesen, wird nach rückwärts wiederholt, wohingegen die eigentliche Wiederholung nach vorwärts erinnert wird«.

Und Handke lässt Filip Kobal finden: Erinnerung hiess nicht: Was gewesen war, kehrte wieder; sondern: Was gewesen war, zeigte, indem es wiederkehrte, seinen Platz. Wenn ich mich erinnerte, erfuhr ich: So war das Erlebnis, genau so!, und damit wurde mir dieses erst bewusst, benennbar, stimmhaft und spruchreif, und deshalb ist mir die Erinnerung kein beliebiges Zurückdenken, sondern ein Am-Werk-Sein, und das Werk der Erinnerung schreibt dem Erlebten seinen Platz zu, in der es am Leben haltenden Folge, der Erzählung, die immer wieder übergehen kann ins offene Erzählen, ins grössere Leben, in die Erfindung.

Hafner zitiert Frauke Maier-Gossau, die dieses »Verfahren« Handkes treffend zusammen­fasst: »…der Verschwundene und seine Hinterlassenschaften sowie die Land­schaften und Orte selbst, zu denen sie in einer innigen Beziehung stehen, [dienen] zu nichts anderem als zur Beschwörung von ‘Erinnerung': erinnernd ein Bild sich zu machen, von dem für den Suchenden alsdann eine Vorstellung von Zukunft ausgehen kann – eine Hoffnung auf eine andere Art zu leben, die freilich vollends imaginativ bleibt.« Hier wird das beschrieben, was auf der rein poetologisch-ästhetischen Ebene seinerzeit durchaus Diskussionen auslöste (und zum grossen Missverständnis führte, Handke sei ein Verfechter slowenischer Unabhängigkeit), Ende der 90er Jahre jedoch mit Handkes (sogenannten) Serbien-Büchern zu heftigen politischen Konfrontationen führen wird.

Dabei war immer schon klar: Handke vertraut explizit nicht der gängigen Geschichts­schreibung, die für ihn im Dienst der Gegenwart steht. Das Grundmisstrauen den vermittelnden Instanzen gegenüber, gegen das Vorausgewusste sitzt tief. Handkes Ideal von Überlieferung, die Anschauung, der Augenschein, »verfechtet« ein induktives Verfahren: Und Nahsicht und Weitsicht haben dabei in eins zu gehen: Weitsicht wird erst, wenn Nahsicht wird: Die Sierra fern nur durch das Weggras nah.. Poetische Evidenz wohnt nur dem Bild inne nicht die Faktengenauigkeit. Nur die Anschauung führt zur Wiederholung.

Zwillingsbücher

Das Wiederholen wird als Gegenmaßnahme gegen die Abwesenheit zum Mittel der Vergegenwärtigung, ist dadurch unterschieden vom Erinnern, das die Vergangenheit in der Vergangenheit belässt. Der Moment der Epiphanie zeichnet sich aus durch ein alles andere verdrängendes Hier und Jetzt. Gekonnt verknüpft Hafner das Wiederholungs- mit dem Abwesenheitsmotiv. Die Abwesenden werden zu Sehnsuchtsobjekten, wie man exemplarisch in »Die Abwesenheit« sehen kann. Ein Greis, ein Spieler, ein Soldat und eine Schöne machen sich jeder für sich auf, finden aber schnell, wie zufällig, zueinander. Doch erst nachdem der Alte…verschwindet, wissen die verbliebenen drei, wo es langgeht. Das gesuchte Andere – ihr erklärtes Ziel – offenbart sich erst…durch diese Abwesenheit. Nach der Unsicherheit, gar Angst, erfolgt das Zerwürfnis. Schliesslich aber kommen die drei zum Erzählen und Jeder der drei legte schließlich dem anderen den Arm um die Schultern. Und für eine kleine Weile saßen wir da und ließen uns einfach sehen. (Ein ähnliches Arrangement, ausgefeilter und verspielter, im 1989 entstandenen Theaterstück »Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land«). Am Ende die Versöhnung – womit der Bogen zur »Wiederholung« wieder geschlagen ist (und die Verwandlung eingetreten ist).

Hafner sieht die beiden Bücher zentral in Handkes Werk als sich einander spiegelbildlich ergänzende Zwillingsbücher[:] ‘Die Wiederholung’ – über die Suche nach dem Vorfahren – und ‘Die Abwesenheit’ – nach dem Verschwinden des Vorfahren. Diese Überein­stimmung, so Hafner, ist stupend in ihrer Schlüssigkeit. Das Abwesende ist für Handke zugleich das Andere, das seine Beweggründe bestimmt.

Am Rande wird erwähnt, dass aus den Landschaftsbeschreibungen in der Erzählung »Die Abwesenheit« (Gattungsbegriff: »Ein Märchen«) sehr wohl auf Slowenien als Wander- und Geh-Ort geschlossen werden kann (auch wenn es keine Ortsnamen gibt), diese Indizien jedoch aus dem Film »L’Absence«, der 1992 als deutscher Beitrag zum Filmfestival in Venedig unter der Regie von Peter Handke gedreht wurde (unter anderem mit Bruno Ganz, Jeanne Moreau und Handkes späterer Frau Sophie Semin), getilgt worden sind.

Das Poetische und das Politische…

Bei all diesen Parallelen muss jedoch gefragt werden, wie weit eine Deutung der Prosa von Peter Handke alleine auf biografische Rekurse hin möglich ist. Hafner relativiert dies klugerweise selber, in dem er beispielsweise von einer Brudersuche im emphatischen Sinn spricht. Und natürlich stellt er klar, dass mit Slowenien und dem Slowenen-Volk nicht unbedingt das geografische Slowenien gemeint ist was sich an Handkes heftiger Ablehnung dem Begriff »Mitteleuropa« gegenüber indirekt zeigt. Das Slowenen-Volk ist für Handke ein durch Wörter (nicht Worte!) verbundenes. Das Slowenische ist für Handke eine »unverdorbene« Sprache (anders als das Deutsche, in dem es wegen des Nazismus noch heute schwer ist, poetische Prosa zu schreiben). Slowenien, ein Mutterkindland, Handkes »Neuntes Land«, basierend auf einem Volksmythos (erschaffen von Josip Stritar) – eine agrarische Insel, ähnlich Morus’ Utopia, eine Savanne der Freiheit. Handkes Slowenien soll (kann), so Hafner, keinesfalls mit dem realen Slowenien (der jugoslawischen Provinz) gleichgesetzt werden und muss als rein metaphorisches Land verstanden werden.

Wenn aber Hafner feststellt, dass Handkes emphatischer Begriff von Wirklichkeit (der eben gerade nicht die Alltagsrealität, sondern die herausgehobenen Momente der Epiphanie meint) dahingehend zu interpretieren sei, dass die slowenische Eigenart…sich im slawischen Verband leichter bewahren [liesse], als unter dem normierenden, gleich­macherischen Druck der westlichen Warenwelt, dann muss es doch eine mindestens partielle Übereinstimmung zwischen dem »real existierenden« Slowenien und Handkes Schwellenland, welches er als Sache meines Lebens betrachtet, geben. Da mag das Eintreten für die Republik von Kobarid, einem Dorf, welches im Zweiten Weltkrieg zwei Monate Widerstand gegen die deutsche Besatzung leistete, nur noch zusätzliches Indiz sein (Hafner legt dies irrigerweise dahingehend aus, dass Handke prinzipiell nicht gegen Sezessionen sei).

Jugoslawien ist Handkes A priori

Hafners These, Handkes »Engagement« für Serbien sei mit der Angelegenheit des »Slowenischen« in seiner Intensität und Wichtigkeit nicht vergleichbar, ist bei näherer Betrachtung kühn. Richtig wird zunächst herausgearbeitet, dass mit der politischen (und vor allem gesellschaftlichen und ökonomischen) Orientierung Sloweniens an »den Westen«, die Handke als Anbiederung und als vorschnelle Aufgabe kultureller Identität bewertet, bei Handke ein Bildverlust eingetreten sei (sein sperriges Opus Magnum mit diesem Titel liefert hier profund Zeugnis). Handke sei, so Hafner, seines Kinderlandes enteignet worden. Dieser Feststellung ist unbedingt zuzustimmen. Aber in dem Hafner das Kinderland ausschliesslich mit Slowenien gleichsetzt, springt er zu kurz. Handkes vehemeter Protest der Loslösung Sloweniens von 1991 in »Abschied des Träumers vom Neunten Land« (hier beginnt Hafners Kapitel Heimatlos) bezog sich darauf, dass mit der slowenischen Sezession dem Staatenbund Jugoslawien der Todesstoss versetzt wurde – Jugoslawien: Handkes Arkadien.

Die Quelle springt, vereinigt stürzen Bäche,
und schon sind Schluchten, Hänge, Matten grün.
Auf hundert Hügeln unterbrochner Fläche
Siehst Wollenherden ausgebreitet ziehn.

Verteilt, vorsichtig abgemessen schreitet
Gehörntes Rind hinan zum jähen Rand;
Doch Obdach ist den sämtlichen bereitet,
Zu hundert Höhlen wölbt sich Felsenwand.
[…]
Und mütterlich im stillen Schattenkreise
Quillt laue Milch bereit für Kind und Lamm;
Obst ist nicht weit, der Ebnen reife Speise,
Und Honig trieft vom ausgehöhlten Stamm.

Hier ist das Wohlbehagen erblich,
Die Wange heitert wie der Mund,
Ein jeder ist an seinem Platz unsterblich:
Sie sind zufrieden und gesund.

So schildert Faust seine Vorstellung von Arkadien. Er wird es betreten – und wieder hinausgetragen werden. Arkadien war (nicht nur) für Goethe Synonym für das »goldene Zeitalter«. Insofern erscheint die Zuweisung, Handkes Jugoslawien sei sein Arkadien gewesen, nicht übertrieben. Dabei ist dieses Arkadien beileibe nicht nur Selbstzweck und Jugoslawien nicht nur Träger der Kontinuität. Auch von antikapitalistischer Schwärmerei ist Handke, wenn man ihn genau liest, weit entfernt.

Parallel dazu, dass Handke Slowenien, dem Land seiner (mütterlichen) Vorfahren als eine Art Gegenwelt sah, war dieses Slowenien natürlich (geografisch und politisch) Bestandteil des Staatenverbunds Jugoslawien und rückte somit in den politischen Kontext des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Besatzung. Hier findet nämlich – bei aller Rede um die Geschichtslosigkeit des Handkeschen Denkens und Schreibens – sehr wohl eine historische Einordnung statt. Und diese ist fundamental. Handke betont ausdrücklich, dass die Findung des Staates Jugoslawien im weitgehend eigenen, von anderen Mächten autarken Widerstand konstituierend und beispielhaft für ihn sei. Hafner weist selber darauf hin, dass Handke im gemeinschaftliche[n] Kampf der Völker Jugoslawiens, auch der unterschiedlichen Parteien und Weltanschauungen – ausgenommen fast nur die kroatischen Ustascha-Faschisten – gegen das Grossdeutschland einen integrativen Gründungsmythos seines weiten Seelen-Landes sieht.

Viele werfen Handke vor, diesen Gründungsmythos idealisierend darzustellen. Tatsächlich interessiert er sich für die (spätere) Politik Titos nur am Rande. Aber hier greift dann das von Hafner so ausführlich dargelegte Ideal von Überlieferung. Jugoslawien ist Handkes A priori – Voraussetzung für alles Andere. Hafner weist zwar darauf hin, dass die von Handke ersehnte Gegengeschichte…kein aus der Luft gegriffener Entwurf ist, erkennt jedoch nicht den Rang dieser Gegengeschichte. Wenn er schreibt, dass Jugoslawien…im Kindheitskrieg auf der Gegenseite jener Aggressoren [stand], die den Tod der Mutter­brüder verschuldet…oder zumindest des Gewährenlassens auf die Väter geworfen haben, dann muss man auch hier die biografischen Bezüge Handkes erkennen: Sowohl Handkes »Lichtgestalt« Onkel Gregor, als auch Handkes Stiefvater Bruno Adolf [sic!] und sein leiblicher Vater (Ernst Schönemann) waren Soldaten der deutschen Wehrmacht. Handke verfremdet in der »Wiederholung« das Soldatentum Gregors in dem er Kobals verschollenen Bruder zum Widerstandskämpfer in der Republik Kobarid macht.

Konstituierend im Widerstand gegen den Nationalsozialismus

Der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, insbesondere der »einfachen Leute« spielt für Handke eine wichtige Rolle: »Und wenn es in diesem Jahrhundert in Europa für mich Helden gegeben hat, dann waren das die jugoslawischen Partisanen.« Und im »Figaro littéraire«, aus dem Hafner zitiert, sagte Handke 2004: Die Slowenen (das Volk meiner Mutter) haben durch haben durch den Widerstand ihrer Minderheit gegen Hitler die Ehre Kärntens gerettet. Gegenwärtig vergisst man den Beitrag der Partisanen zur Befreiung Kärntens im Jahr 1945. Damals war es ein Ruhmesblatt Mitteleuropas.

Ohne diese politische Grundhaltung ist seine Emphase für Jugoslawien nicht denkbar, wie sich auch im 1983 erschienenen »Chinese des Schmerzes« zeigt. Hafner sucht in der Besprechung hierzu ausführlich nach biografischen Parallelen Handkes mit denen des »Schwellenkundler[s]» Loser, der Hauptfigur. Die eigentliche Tat, die dem Buch so etwas wie eine Handlung gibt, wird jedoch fast nur beiläufig erörtert: Loser tötet im Affekt einen Hakenkreuzschmierer (archaisch mit einem Steinwurf), den er in flagranti erwischt. Die Hakenkreuze tauchen im Buch vorher mehrfach auf; Loser entfernt sie sogar mithilfe seiner kleinen Tochter.

Unverständlich, wie Hafner dies dahingehend deutet, dass Loser durch diese Tat gleich­sam zum Deutschen, also zum Täter werde und Handke sich damit auf die Seite der Väter stelle. Das genaue Gegenteil dürfte der Fall sein. Durch diesen Totschlag konstituiert sich in der Person des Protagonisten der (in der Familie nicht vorhandene) Widerstand gegen den Nazismus. Unabhängig von einer juristischen Bewertung der Tat (Handke hat Jura studiert) wird Loser zu einem »Gerechten«.

Ohne Jugoslawien als A priori sind die späteren, sogenannten Serbien-Bücher Handkes nicht verständlich (Was Jugoslawien betrifft, bin ich gern ewiggestrig oder meinetwegen nostalgisch). Und in dem Hafner herausstellt, dass Handke seine Heimat aufgrund der lebensgeschichtlichen Tatsachen in Slowenien gefunden habe (vermutlich jedoch eher das, was Handke meine Art Heimat nennt) und allen späteren Engagements…dieses schick­salhafte Moment abspricht (Danach durch Serbien reisend, hatte ich dagegen keiner­lei Heimat zu verlieren) übersieht er Ursache und Wirkung: Nach dem »Zusammen­bruch« Jugoslawiens gibt es für Handke keine Heimat im emphatischen (freilich allegorischen) Sinne mehr. Handkes Sehnsucht nach Aufgehobensein und Aufgehen in einer Gemein­schaft (die freilich immer eine Gemeinschaft der Verstreuten war), wird mit der Zer­schlagung Jugoslawiens unerreichbar.

Noch einmal für Jugoslawien

Die Prägung der Protagonisten in Handkes Prosa ist durchaus nicht auf Slowenien beschränkt – so eindeutig dies auch zunächst scheinen mag. Autobiografisch bleibt anzumerken, dass Handke auf der Insel Krk (Kroatien) eine Art Initiationserlebnis hatte und seinen Erstling »Die Hornissen« fertigstellte (Hafner erwähnt dies). Handkes Theaterstück »Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land« kann durchaus (wenn auch ohne textuellen Bezug) als ein Aufbruch in das »sonore Land« Jugoslawien verstanden werden. Und wie man im Journalband Gestern Unterwegs nachlesen kann, bereist Handke zwischen November 1987 und Juli 1990 beileibe nicht nur Slowenien und Jugoslawien (man ist geneigt, die Notizen zu diesen Reisen als Abschiede zu lesen). Auch einiger seiner Erzählungen aus dem 1991 erschienenen Band »Noch einmal für Thukydides« spielen an jugoslawischen Orten. 1995 wird in einer Neuauflage die Erzählung »Noch einmal für Jugoslawien« aufgenommen, die 1992 bereits in der »taz« abgedruckt war. Sie heisst im Buch: »Die Kopfbedeckungen von Skopje«; ein Beschwörungstext:

Ein mögliches, kleines Epos: das von den unterschiedlichen Kopfbedeckungen der vorübergehenden Menschheit in den großen Städten, wie zum Beispiel in Skopje in Mazedonien/Jugoslawien am 10. Dezember 1987. Es gab sogar, mitten in der Metropole, jene »Passe-Montagne« oder Gebirgsüberquer-Mützen, über die Nase unten und dir Stirn oben gehend und nur die Augen freilassend, und dazwischen die Radkarrenfahrer mit schwarzen Moslemkappen, die fest auf den Schädeln saßen, während daneben am Straßenrand ein alter Mann Abschied nahm von seine Tochter oder Enkelin aus Titograd/Montenegro oder Vipava/Slowenien, vielfache Spitzgiebel in seiner Haube, ein islamisches Fenster- und Kapitellornament (die Tochter oder Enkelin weinte). Es schneite im südlichsten Jugoslawien und taute zugleich. Und dann passierte einer mit weißem gestrickten, von orientalischen Mustern durchschossenen Käppi unter dem vertropfenden Schnee, gefolgt von einem blonden Mädchen mit dicker Schimütze (Quaste obenauf), und gleich darauf einem Bebrillten mit Baskenmütze, dunkel­blauer Strengel obenauf, gefolgt von einem Beret eines Großschritt­soldaten und den paarweise Polizisten-Schirmmützen und deren gemuldeter Oberfläche. […] Ein Junger mit vielschichtiger Ledermütze, von Schicht zu Schicht eine andere Farbe. Einer schob einen Karren und hatte eine Plastikkappe über den Ohren, das Kinn umwickelt mit einem Palästinensertuch.
[…]
Eine Brillenschönheit ging vorbei mit lila Borsalinohut und schlenderte um die Ecke, gefolgt von einer sehr kleinen Frau mit selbstgestrickter Zopfmütze, welche hoch aufragte, gefolgt von einem Säugling mit Sombrero auf der noch offenen Schädelfontanelle, getragen von einem Mädchen mit überkopfgroßer Baskenmütze ‘made in Hongkong’. Ein Junge mit Schal um Hals und Ohren. Ein Bursche mit Schifahrer-Ohrenschützern, Aufschrift TRICOT. Undsoweiter. All das schöne Undsoweiter. All das schöne Undsoweiter.

Wille zum Miteinander: Der ewige Friede ist möglich

Hafner betont zwar, dass Handke sich durchaus bewusst in die Tradition er literarischen Friedens- und Freiheitssehnsucht stellt, überrascht jedoch mit ausgesprochen sparsamen Hinweisen in seinem Werk hierauf. So klopft er zwar Handkes »dramatisches Gedicht« »Über die Dörfer« wieder hinsichtlich der Parallelen zum Slowenischen hin ab (wieder das Heimkehrmotiv; wieder ein Gregor; wieder die nachher versöhnte Familie [durch Gregors grosszügigen Verzicht auf das Erbe]), unterlässt es aber die eminent politische Rede der »Nova« in dem Stück als Beleg für diese Friedenssehnsucht einzubringen:

Der Krieg ist fern von hier. Das zwischen euch Vorgefallene sei euer letztes Drama gewesen, das gesagte sei ungesagt. Unsere Heerscharen stehen nicht grau in grau auf den grauen Betonpisten, sondern gelb in gelb in den gelben Blütenkelchen, und die Blume steht hochaufgerichtet als unser heimlicher König. […] Das Bergblau ist – das Braun der Pistolentasche ist nicht; und wen oder was man vom Fernsehen kennt, das kennt man nicht. Geht in der ausgestöpselten freien Ebene, als Nähe die Farben, als Ferne die Formen, die Farben leuchtend zu euren Füssen, die Formen die Zugkraft zu euren Häuptern, und beides eure Beschützer. […] Die Natur ist das einzige, was ich euch versprechen kann – das einzig stichhaltige Versprechen. […] Sie kann freilich weder Zufluchtsort noch Ausweg sein. Aber sie ist das Vorbild und gibt das Maß: dieses muß nur täglich genommen werden. […] Übergeht die kindfernen Zweifler. Wartet nicht auf einen neuen Krieg, um geistesgegenwärtig zu werden: die Klügsten sind die im Angesicht der Natur. Blickt ins Land – so vergeht die böse Dummheit. […] Und verachtet die unernsten Spötter: es ist noch immer – seid dankbar. Die Dankbarkeit ist die Begeisterung, und erst das bedankte erscheint als die Dauerform – erst die Dankbarkeit gibt den Blick in die weite Welt. […] Laßt die Illusionslosen böse grinsen: die Illusion ist die Kraft der Vision, und die Vision ist wahr. […] Der ewige Friede ist möglich.

»Der ewige Friede« – eine Anspielung auf Kants Schrift »Zum ewigen Frieden«. Das Sein im Frieden ist Handkes Vision, eine Sehnsucht nach der friedlichen Gemeinschaft. Vielleicht ist sie eine Illusion; vielleicht war Jugoslawien eine Projektionsfläche, wie Hafner einmal anmerkt. Aber Jugoslawien ist für Handke »Beispielland für ein anderes Europa«. Und ohne Illusion würde man gar nichts tun, würde man immer seine Scheiße ver­schmieren, vielleicht…ohne Illusion ist man depressiv. Handke versuchte noch, ein Refugium für seine Illusion zu finden. Er, der Heimatlose »entdeckte« das »Exil« Serbien, welches sich »Bundesrepublik Jugoslawien« nannte.

Patiniertes Pathos erkennt Hafner da gelegentlich, zitiert Slavoj Žižeks kritische Haltung Handkes Slowenienbild gegenüber und erwähnt Drago Jančars Diktum, Handke habe, was Slowenien anbelangt, eine »rosarote Brille« auf (das war im Verhältnis zu dem, was Handke noch zu hören bekommen sollte, harmlos; Jančar argumentierte noch). Gregors Schwester Sophie wirft ihrem Bruder in »Über die Dörfer« eine Kraft der Verklärung vor, die Hafner auf einzelne Äusserungen Handkes bezieht und fast entschuldigend anbringt.

In einem fast angeklebt erscheinenden 6. Kapitel fragt Hafner anhand der »Morawischen Nacht«: Ist nicht doch eine Heimkehr möglich? Handke könnte, so Hafners Idee, sich zwischenzeitlich selber »verwandelt«, sozusagen eine Versöhnung mit sich selbst vorge­nommen haben. Es gibt im Buch sehr wohl Indizien für eine derartige Versöhnung, insbesondere wenn man den erzählenden (inzwischen verstummten) Dichter mit Handke gleichsetzt. Aber indem Hafner auf Äusserungen Handkes hinweist, die eine Art Partisanen­stück über den slowenischen Widerstandskämpfer Lipej Kolenik-Stanko (1925-2008) zu schreiben, dürfte es wohl ziemlich sicher sein, dass Handke die Thematik nicht mehr loslassen wird.

Profunde Kennerschaft

Nur selten sind Hafners Interpretationen ein bisschen gewagt, etwa wenn er auf Handkes Präferenz dem Vornamen Gregor gegenüber hinweisend suggeriert, dass die Wahl seines jetzigen Wohnsitzes (Chaville) auch damit zu tun haben könnte, dass dort eine Kirche dem heiligen Gregor gewidmet sei. Oder wenn er darin, dass für den verschollenen Onkel Gregor dessen Schwester Ursula, also Handkes Tante, Taufpatin wurde, das Weibliche in Handkes Werk stellvertretend für das Andere, das Abwesende deutet. Und auch die Interpretation des Namens »Sorger« (des Protagonisten aus »Langsame Heimkehr«), die Hafner auf den Fluss »La Sorgue«, der Heimat des Dichters und Widerstandskämpfers René Char zurückführt, scheint verstiegen (der Bezug auf Heideggers »Sorge« und »Be­sorgen« ist deutlich näherliegender).

Fabjan Hafner hat sich – aller Divergenzen zum Trotz – mit diesem überaus detailreichen Buch als profunder Kenner des Werkes von Peter Handke erwiesen. Er vermeidet ermüdendes Germanistenjargon, in dem er streng am »Text« bleibt. Hafner animiert, Handke wieder zu lesen und in seinen Romanen und Erzählungen neue Facetten zu entdecken. Hierfür muss man ihm danken.


Die kursiv gedruckten Passagen sind Zitate aus Fabjan Hafners Buch. Zur besseren Orientierung wurden Zitate von Peter Handke in blau hinterlegt. Eine Passage kursiv und blau bedeutet demnach, dass es sich um ein Handke-Zitat handelt, welches im Buch angeführt wird. Auf eine Unterscheidung zwischen Textzitat und Interviewzitat wurde verzichtet, da sich dies aus dem Geschriebenen ergibt.


Zu Handkes Beziehung zu Lipej Kolenik-Stanko (und mehr) siehe dieses Interview mit der »Kleinen Zeitung«: »Ich bin ein überzeugter Staatenloser«.


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7 Kommentare zu »Fabjan Hafner: Peter Handke – Unterwegs ins Neunte Land«:

  1. mikerol69 sagt:

    Hiermit einige meiner Gedanken zu disser schönen Leistung vom Keuschnig
    hiermit mein sontags kommentar, Lieber Lothar »Keuschnig«

    Dem stimme ich im allgemeinen zu, dass das Slowenische bei Peter Handke mehr als nur eine Beschäftigung mit seinen Ahnen ist, irgenwie musste dieser verblüffend primitive jahrelange Deutschen [selbst] Hass ja eine Gegengegend haben. Ich erinnere ich mich wie kurz nach dem ich das „Neunte Land“ vor ungefähr 15 Jahren las, dann in der mir verhassten „Travel Section“ der New York Times zwei Slovenische Doktoranden als Barkeeps in einer Slovenischem Restaurant deutsche Mercedes Besucher grinsend oder mit Grinsen bedienten! Es liegt schon viel konkretes in diesem Traumland im Vergleich zu dem eher nebulösen – ans Glasperlenspiel erinnernden Friedenzelt im DEL GREDOS.

    Handke gerät, glaub ich schon lange, aber in einen Konflikt mit seiner grossen tiefschürfenden Slovenishen Identitäts Findung Erarbeitung in DER WIEDER-HOLUNG und dem Stammesfrieden das ein vereinigtes Yugslavien für ihn bedeutet, besonders dadurch da Yugoslavien auch Sozialismus bedeutet, Herderische Impulse stossen da auf etwas gesellschaftliches, und dem grossen Wunsch, der Suche, dieses der Unfriedlichkeit als Kind ausgesetzten, nach Frieden… was in einer gewissen Komik ausartet wenn Sorge in der LANGSAMEN HEIMKEHR versucht friedenstiftende Formen in geologischen Formationen zu finden. Sehr viel dieses Landschaften beschreiben hängt auch damit zu sammen, und die Vorliebe für Dichter wie Hermann Lenz und Stifter. Was Titos Yugoslavien betrifft, sollte man ja nicht vergessen was für ein artificielles, von Amerikanischen Geld unterstützes Gebilde es war – und wie wenig dazu gehörte es in den Untergang und Stammeskämpfe zu treiben, die Deutsche [Gentschers] Anerkennung von Kroatien, einem Ustasha Nachfolge Regierung garantierte doch das wieder Ausbrechen der Nachkriegs Kämpfe?? Mehr als Andeutungen dazu finded man in Handkes grossen EINBAUM Stück, in dem auch viel Brecht und Kipphardt stecken.

    Man sollte wahrscheinlich mal überlegend sich einfühlen in einen solchen verstörten wütenden Burschen wie der höchst talentierte Handke einer gewesen ist zur Kindheit [siehe die hundert Mucken die ihn auf Wut brachten - Versuch über die Müdigkeit und WUNSCHLOSES UNGLUECK]… und sich vorstellen, dass er allein sich auf Wanderschaft machte nach dem Abitur – und DIE WIEDERHOLUNG wo er genau das tut – immer noch auf aber spirituelle Suche nach den toten heroischen Onkeln [wie ja auch in DIE HORNISSSEN, seinem ersten Buch auf der Insel Krk 1965 geschrieben… also das träumende Suchen, auch in die Musik weg, wie in dem Versuch über die Jukebox. Also erstmals physisch weg weg von den bis auf den Grossvater/Mutter Sivec miserablen Verhältnissen, auch der Armut… für mich ist DIE WIEDERHOLUNG besonders wichtig weil ich das Buch zu einer Zeit las da ich Zeit hatte mich seinem „King of Slowness“ Syntax zu überlassen… also sehr gesund fand ich das in den staubigen Pfäden im Chapparal der St. Monica Montanas ausserhalb von Los Angeles.

    Was „Platz“ Anweisung der Erinnerung betrifft, verwundert mich so ein Wunsch, oder Notwendigkeit. Also, dass Handke kein „Recherche du Temp perdu“ will, und Proust scheinbar auch nicht besonders leiden mag, geht mir schon auf: aber warum, frage ich mich, diese e w i g e Wieder-Holung, immer wieder???? Liegt es an einer Traumata, die im Grunde genommen, immer noch dazwischen steht?

    Was der Handke den Kobal über Erinnerung sagen lässt und die verschiedenen Kommentare dazu, das stimmt schon alles: aber bei dem Verständniss des Erinnerten hapert es, und Erinnernung ist keine Garantie das sie stimmt oder einigermassen volkommen ist, oder das das wichtigste, oft das schmerzhafteste nicht unerinnert bleibt. „Ich scheib aus meiner Wunde“ lässt Handke seinen zerfetzten Parzifal in „Der Kunst desFragens“ sagen: immer wieder Erinnern – Erinnerung als Versuch der Ueberwindung des Trauma [der Traumata] bis jetzt noch nicht ganz gelungen, und als Surrogat für Alle traumatisierten, die Rolle des Künstlers, auf komischem Umweg, beinah verschrobener Art. Im HAUSIERER tat er das auf andere Weise auch.

    Ich weiss nicht ob Handke das Slowenische kannte als er und seine Mutter 1944 nach Berlin gingen, aber als er nach Griffen zurück in 1948 berlinerte er … das Slowenisch hat er erst richtig gelernt um Die Wiederholung schreiben zu könne, eignes Wörterbuch gemacht und so und sich die Literature einverleibt und daraus übersetzt. Hafner hat schon recht mit der Begründung von Handke’s Ablehnung vom Dialekthaften, darüber hab ich mich auch mal mit dem Handke Freund Skwara – dem „don Juan der mit der selben Frau“ in der Niemandsbucht auftaucht, unterhalten. Das war wirklich ein keuscheartiges Gebäude in dem er diese Jahre verbrachte. Beim Haslinger gibts ein Bild davon…. aber wenn man sich von früh an in die Bücher verkriecht ist das mindestens weniger schlimm???

    Ich weiss schon, dass die Briefe des Bruder’s der Mutter ein Art Familien Heiligtum [heirloom] für Handke waren, ich hatte immer das Gefühl“ , dass der gefallene Bruder [Brüder] doch Partisanen gewesen seien??? oder vielleicht verwechsle ich jetz Handke’s eigenen Wunschtraum mit der blöden Wirklichkeit.

    Das wandern, phantasieren sich beruhigen spielen ja eine grosse Rolle auch in anderen Büchern, z.b. Del Gredos ist ein beinah reines Wander and Reise Buch. Auch zu betonen ist, dass Handke in seinen Romanen, Prosa und Gedichten, nur über sich selbst, eigene Erlebnisse schreibt, projiziert, in dem er Figuren wie, z.b. die Bankierin von Del Gredos, den Sorger von Heimkehr oder den geistesgestörten Josef Bloch als „personae“ für seinen eigenen Geisteszustand , abgrenzende Filter PHANTASIERT!! sich frei phantasieren heisst es ja immer wieder, also kein Selbsverständniss, kein psychologische Kategorisierung oder Analyse sondern Versuch aus dem Ich auszubrechen und Kontakt aufzunehmen, warum sonst, was sich doch interressanterweise viel mehr entwickelt als dieser zeitweise sehr unglückliche Autor, nämlich seine unübertreffliche Technik sich, sein Ich, sprachlich darzustellen… das interressiert mich mehr – die Geisteszustände – als das autobiographische das ich bis zu den psychoanalytischen Abgründen erforscht; bei den Dramen, den frühen sowie den späteren ist das anders; da breitet, verfächert sich die konkretiesierende Phantasie! Die Stücke also überleben dann vielleicht noch eher??? Wie gesagt, ich mach mir gerade viel Gedanken, wieder, um all dieses, an Hand einer längeren Summa über die ganze Prosa an Hand einer Riesen Rezension und Kommentar über den Del Gredos Roman … ist schon irgend so ein Meisterwerk mit einigen Schwächen was wohl zu erwarten ist in einem Werk von 350 tausend Wörtern. Es lohnt sich aber wirklich besonder durch was Lothar „Sperrigkeiten“ nennt durchzulesen, langsam; einige Teile sind auch nur „geschrieben“ so wie ein Profi gewieft es auch kann und vieleicht muss um so ein Riesenwerk zusammenzubasteln dass auf lange Strecken hin von spektakulären Intensität ist, sagt derjenige der so was gern hat, und in dritten Kapitel so vielleicht die besten fünf tausend Worte enthält die in der westlichen Literatur irgendjemand je geschrieben, ich meine die Beschreibung der Vernichtung die der Tormento Tropical in Nordfrankreich, im Foret de Chaville in den frühen Jahren des neuen Jahrhunderts hinterlassen hat.

    Ich stimme Lothar zu:
    Die Suche bleibt zwar faktisch erfolglos und Kobal kehrt am Ende wieder zurück zu Familie, aber diese Reise, die eine Reise zu sich selbst ist (»Die Wiederholung« ist ein klassischer Entwicklungsroman) hat den Protagonisten verwandelt, denn in den epiphanischen Erscheinungen, erzeugt durch Aufgehen in der Landschaft, ist er sehr wohl seinem Bruder begegnet. Denn Filip Kobal hat es mit dem Schein! Dabei ist Schein als Abglanz fremden Erlebens, nicht mit Täuschung zu verwechseln. »Wiederholung« bedeutet bei Handke auch immer »Verwandlung« (eine Tatsache, die Hafner ein bisschen vernachlässigt). Und am Ende beginnt Filip auch über das Erzählen zu erzählen; ein weiteres, häufiges (und wichtiges! aber wie M.R.) Motiv bei Handke, was Hafner (fast naturgemäss) vernachlässigt. Und die einst zerstrittene Familie ist plötzlich miteinander versöhnt.“ Versöhnlich ist Handke aber kaum selbst.

    Auch in diesem stimmer Lothar und ich überein: „
    Dabei war immer schon klar: Handke vertraut explizit nicht der gängigen Geschichtsschreibung, die für ihn im Dienst der Gegenwart steht. Das Grundmisstrauen den vermittelnden Instanzen gegenüber, gegen das Vorausgewusste sitzt tief. Handkes Ideal von Überlieferung, die Anschauung, der Augenschein, »verfechtet« ein induktives Verfahren: Und Nahsicht und Weitsicht haben dabei in eins zu gehen: Weitsicht wird erst, wenn Nahsicht wird: Die Sierra fern nur durch das Weggras nah.. Poetische Evidenz wohnt nur dem Bild inne nicht die Faktengenauigkeit. Nur die Anschauung führt zur Wiederholung.“ T’ja entweder glaubt man an Jesus hier oder an Fakten, ich selbst guck da in ein Gehign MIR und seh da was damit ausgeschaletd wird!

    Auch dies finde ich wichtig: „
    Das Wiederholen wird als Gegenmaßnahme gegen die Abwesenheit zum Mittel der Vergegenwärtigung, ist dadurch unterschieden vom Erinnern, das die Vergangenheit in der Vergangenheit belässt. Der Moment der Epiphanie zeichnet sich aus durch ein alles andere verdrängendes Hier und Jetzt. Gekonnt verknüpft Hafner das Wiederholungs- mit dem Abwesenheitsmotiv. Die Abwesenden werden zu Sehnsuchtsobjekten, wie man exemplarisch in »Die Abwesenheit« sehen kann. Ein Greis, ein Spieler, ein Soldat und eine Schöne machen sich jeder für sich auf, finden aber schnell, wie zufällig, zueinander. Doch erst nachdem der Alte…verschwindet, wissen die verbliebenen drei, wo es langgeht. Das gesuchte Andere – ihr erklärtes Ziel – offenbart sich erst…durch diese Abwesenheit. Nach der Unsicherheit, gar Angst, erfolgt das Zerwürfnis. Schliesslich aber kommen die drei zum Erzählen und Jeder der drei legte schließlich dem anderen den Arm um die Schultern. Und für eine kleine Weile saßen wir da und ließen uns einfach sehen. (Ein ähnliches Arrangement, ausgefeilter und verspielter, im 1989 entstandenen Theaterstück »Das Spiel vom Fragen oder Die Reise zum sonoren Land«). Am Ende die Versöhnung – womit der Bogen zur »Wiederholung« wieder geschlagen ist (und die Verwandlung eingetreten ist).“

    Was für mich sehr wichtig ist im Verständniss von Handke’s Liebe eines vereinigten Jugoslavien, dass dies auf der Wahl des Grossvater’s Sivec für die erste Union in 1921 basiert [Slovenien war eigenständiger Staat von 1919 bis 1921!] und für Sivec so etwas wie eine Kontinuität des K.U.K. bedeutet, das friedliche Zusammenleben von Verschiedenen, auch der Grossvater schon Phantast! Deswegen halte ich den lieben Handke auch für einen heimlichen Anhänger solcher Wünsche!

    #1

  2. Dr. Fabjan Hafner sagt:

    Meine Lektüre ist nur EINE von vielen möglichen, und manche meiner Befunde dürften daher nur im Zusammenhang meiner Argumentation einleuchten.

    So habe ich versucht, den Einfluss von Heidegger auf Handke zu geringer anzusetzen als das in der Vergangenheit oft gesehen wurde; daher kommt auch meine Bevorzugung der Lesart von Dorothee Fuß (vgl. Bedürfnis nach Heil«. Zu den ästhetischen Projekten von Peter Handke und Botho Strauß. Bielfeld: Aisthesis 2001),- weil ich auf die Bedeutung des Miteinander von Poesie und Politik für Handke, verkörpert im Dichter-Partisan René Char, hinauswollte. Die Heidegger-Lesart lehne ich nicht ab, nur ist sie m. E. weniger fruchtbar. (Genauso führt es nirgendwohin, darauf zu pochen, dass Sorger in Kärnten ein Allerweltsname ist.)

    So sehr ich mich bemüht habe, meinen Text auch punktuell lesbar und verständlich zu halten, ist manchmal die Zusammenschau mehrerer Stellen unabdingbar. So glaube ich natürlich nicht, dass alle Deutschen Täter wären; aber Handkes Loser (der ja eine Fortschreibung von Bloch und Keuschnig I ist) lehnt die Gewalt ebenso ab wie den Faschismus. Sein Stein trifft ja durchaus den Richtigen; moralisch „richtig« oder „gerechtfertigt« wird der Totschlag dadurch nicht. Von ferne leuchtet das Camus-Wort: „Ein Ziel, das ungerechter Mittel bedarf, kann kein gerechtes Ziel sein.«

    Ob Handke wirkliche jegliche Sezession ablehnt, weiß ich nicht. Die Loslösung der Südslawen von der österreichisch-ungarischen Monarchie findet jedenfalls seine Zustimmung. Nur Integralität Jugoslawiens möchte er unangetastet wissen. Im slowenischen Karst war er jedenfalls, wie ich höre, gerade wieder vor zwei Wochen; seine Utopie ist also noch nicht verbraucht.

    Was nun die Gregor-Kirche in Chaville angeht, so hat sie sicher nicht den Ausschlag gegeben für die Ortswahl, bestätigt sie aber sozusagen mythisch-biographisch. (Dass die Schutzheiligen Handke viel bedeuten belegt etwa der Verweis auf S. Leocadia in Toledo in DER BILDVERLUST.)

    Die Tante als Abwesenheitsverkörperung soll vor allem auf die Barthes-Stellen verweisen und so das Weiblich-Mütterliche mit dem Slowenischen als dem Abwesend-Anwesenden par excellence verklammern.

    Das Buch hätte noch viel umfangreicher sein können, vielleicht sogar müssen. Diese nachträglichen Ausführungen bitte ich nicht als Rechthaberei oder Unbelehrbarkeit misszuverstehen, sondern nur als den Versuch zu akzeptieren, meine Befunde in jenen Nachbarschaften zu verorten, denen sie entstammen. Andere Sichtweisen sind sicher nicht weniger begründet; meine Argumentation ist nur EIN Versuch, Zusammenhänge freizulegen.


    [Diese Stellungnahme ging per E-Mail ein und ist von Fabjan Hafner autorisiert.]

    #2

  3. #1 – Viel Zustimmung meinerseits und Dank
    Versöhnlich ist Handke aber kaum selbst.
    Vielleicht daher diese permanenten Wieder-Holungen, die Sie bemerken?

    Mir kommt die Verfilmung von Bölls »Billard um halbzehn« von Huillet/Straub in den Sinn (die Filmemacher mochte Handke): Sie hieß »Nicht versöhnt«. Auch in Bölls Roman, den Handke, glaube ich, »betulich« nannte (Bücher von Böll mag Handke vermutlich nicht ob ihres politischen Realismus, geht es um »Erinnerungen« in einer Familie, um »Wieder-Holungen«, die letztlich nicht zum Versöhnen führen. Seine Bücher sind immer das Gegenteil, nein: ihre Protagonisten versuchen die Versöhnung.

    Was wird bleiben fragen Sie? In jedem Fall die Journale, besonders »Die Geschichte des Bleistifts« und »Gestern Unterwegs«. Bei den Romanen »Die Wiederholung«, aber auch »Langsame Heimkehr«, das sperrige Epos »Der Bildverlust« und die »Morawische Nacht« werden Handke »über-dauern«; viel eher als seine Stücke (hiervon dann wirklich nur »Das Spiel vom Fragen« – aber das ist wirklich ein grandioses Drama). Als Geheimtip noch die Versuche, besonders »Versuch über den geglückten Tag«. Ach ja, und hoffentlich »Noch einmal für Thukydides«.

    Alles in allem schreibt Handke zwar von sich selber, aber seine »Wirkung« geht darüber hinaus: Das sind Entwicklungs-, ja Bildungsromane. Bildungsromane auch, weil sie den Leser »bilden« (»bildsam« heisst das bei Stifter, einem seiner Vor-bilder).

    #3

  4. Antwort auf Michaels Kommentar
    der irrtümlich hier angegeben wurde:

    Wir sind selber Meinung was den BLEISTIFT betrifft, das am häufigsten annotierte bei mir außer dem Gewicht der Welt; DIE WIEDERHOLUNG; LANGSAME HEIMKEHR; DIE NIEMANDSBUCHT; von den VERSUCHEN, den JUKEBOX, den Handke selber für den besten der drei hält, trotz dem der DON JUAN [der zu dieser Erzählsart gehört] noch viel virtuoser tanzt! DEL GREDOS befürchte ich wird’s nicht, wird ein Buch für Handke Kenner bleiben/ werden, nichts für den Anhieb; aber Ausschnitte davon in Kompendien! LINKHAENDIGE FRAU nehme ich an wird. Also was bleibt von Thomas Bernhard?
    Eindeutig ist der »Bildverlust« ein Buch für Handke-Kenner und sogar Enthusiasten; die »Jukebox« ist tatsächlich ein bisschen vergessen worden von mir.

    Was von Bernhard bleiben wird? Na, in jedem Fall »Frost«, das »Kalkwerk«, die autobiografischen Bücher (auch hier: der Grossvater als Lichtgestalt!). Unbedingt »Wittgensteins Neffe«. Von den Theaterstücken natürlich »Der Theatermacher«. Also schon eine Menge!

    >i>Ich selber wünsche mir den HAUSIERER, aber mein Gespenst wird sicherlich entäuscht , die erste Auflage glaub ich ist immer noch erhältlich, nach vierzig Jahren! Höchst wahrscheinlich der TORMANN, gezinkt genug um zu überleben; UEBER DIE DOERFER ist das Herz der Sache; DIE STUNDE ALS WIR NICHTS VON EINANDER WUSSTEN sicherlich, wie BODENSEE ein Happening das einen die Welt neu sehen erfahren lässt,
    »Übder die Dörfer« habe ich in einer grandiosen Inszenierung der »Gruppe 80« in Wien gesehen; das Stück steht und fällt mit dem Regisseur; textlich ist es sehr schwere Kost, wenn auch sehr interessant.

    und natürlich KUNST DES FRAGENS. Kritik daran wäre, dass das Stück einen, den Leser, die Audienz, noch nicht in einen tiefereren Zustand des – jetzt fehlt am früh Morgen das deutsche Wort – im rätselhaften verrätselt?? verlässt: dazu kommt es dann aber niemal in gegewärtigen Zustand der Kritik.
    Ja, eines der besten deutschsprachigen Stücke der letzten 30 Jahre (hiess früher: Das Spiel vom Fragen, dann »Kunst des Fragens«

    Zum Thema »unversöhnlich«:
    Wiederholungzwang heisst das glaub ich auf Deutsch… Zugzwang im Schach!!! warum auf gewisse Weise die selbe Bewegung immer wieder durch gemacht wird… das wiederbeleben-erleben der Traumata um zurück zum Paradies! Handke sagte zum STUNDE Stück, was ja vom formalistischen musikalischer Sicht die Summa des ganzen dramatische Frühwerks ist, dass er nachdem er diesen »Versöhnungs Moment« oder was immer »liebliches Zusammensein« erreichte, er nicht wusste wie jetzt weiter, dann fiel ihm ein einen von Hinten in die Kniekehle zu treten oder so… da lebt die »Historie« dann wieder auf.

    Ja, so ist es. Oder auch nicht.

    ich seh den Handke in seiner Todesstundesekunde noch schnell was mit dem Bleistift in dem letzten Notizbuch notieren… der Wert dessen für die Marbacher dann! Er hatte ja seine Glückszeit in den ersten zwei Lebejahren, man schau sich nur dass Bild on von Maria Sivec und dem Peter in Haslingers Buch.
    Schönes Bild – in der letzten Sekunde noch eine Notiz schreibend.

    Vim Wenders sagte mir hier in Seattle, dass Handke den ihn am nahestehenden oft weh tut. Um das zu wissen brauch man bloß Gewicht der Welt lesen. Ab einen gewissen Zeitpunkt vermeidete ich soweit möglich mit ihm allein zu sein. Er wurde mir ein ziemlich Dunkler. Was die Colbin während der parallelen Handke-Jugoslaven Krieges da sagte stimmt sicherlich. Also ich les das Werk auch auf seine dunklen Töne hin.
    Ja. Sie müssten versuchen, sich mit ihm auszusöhnen.

    #4

  5. mikerol69 sagt:

    ich weiss auch nicht warum mien ganze antwort auf keuschnigg ganz woanders gelandet ist??
    das Zweigespräch geht weiter…
    Na, wo bleibt der Rest der Bande, oder wird das wieder nur ein Zwiegespräch?!

    Ich hoff schon, dass viel überlebt… zur Bildung der Sprachmagie, Handke’s Werk ist schon ein schöner fundamentaler Ziegelstein. Ja Wirkung sicherlich. Auch das graziöse seines formalen, besonders in den kürzeren Sachen. Beim Del Gredos vermisse ich das, ist eher eine Rumpelkammer! Ein Tripbuch mit viel Unterbrechungen! La Zona als Dystopie überzeugt mich nicht besonders, ist ein Sammelsurium. Das da die »Bilder« verschwinden – die die »Bankierin« bis dahin gegen alles gefeit wie eine gepanzerte Weste stimmt schon, und dem Licht… vieleicht nörgele ich nur… ich ICH würde, stelle mir so was heimtückerischer vor… mein Kommentar zu dem Buch kommt ja bald… auf
    http://handke-discussion.blogspot.com/
    die Bankierien die scheinbar ihr Lebenlang wie Herr Handke und sein Steimetz in Bergen rumgklettert und spaziert ist durch ganz Spanien? Und so etwas wie den darin beschiebeen Schneesturm überlebt… na ja, es macht nicht all zu viel aus, ist scheinbar ‘ne Hünin!!

    Wir sind selber Meinung was den BLEISTIFT betrifft, das am häufigsten annotierte bei mir außer dem Gewicht der Welt; DIE WIEDERHOLUNG; LANGSAME HEIMKEHR; DIE NIEMANDSBUCHT; von den VERSUCHEN, den JUKEBOX, den Handke selber für den besten der drei hält, trotz dem der DON JUAN [der zu dieser Erzählsart gehört] noch viel virtuoser tanzt! DEL GREDOS befürchte ich wird’s nicht, wird ein Buch für Handke Kenner bleiben/ werden, nichts für den Anhieb; aber Ausschnitte davon in Kompendien! LINKHAENDIGE FRAU nehme ich an wird. Also was bleibt von Thomas Bernhard?

    Ich selber wünsche mir den HAUSIERER, aber mein Gespenst wird sicherlich entäuscht , die erste Auflage glaub ich ist immer noch erhältlich, nach vierzig Jahren! Höchst wahrscheinlich der TORMANN, gezinkt genug um zu überleben; UEBER DIE DOERFER ist das Herz der Sache; DIE STUNDE ALS WIR NICHTS VON EINANDER WUSSTEN sicherlich, wie BODENSEE ein Happening das einen die Welt neu sehen erfahren lässt, Handke hat ja Brecht’s Projekt der anti-Aristotelischen Theaters weiter, zu Ende ?? geführt; warum Theater: Katharse, aber eine besonderer Art, wo der Stier nicht mehr geopfert wird! Und ein ganz grosser Text, zur Zeit nur Mueller’s QARTETT vergleichbar.

    und natürlich KUNST DES FRAGENS. Kritik daran wäre, dass das Stück einen, den Leser, die Audienz, noch nicht in einen tiefereren Zustand des – jetzt fehlt am früh Morgen das deutsche Wort – im rätselhaften verrätselt?? verlässt: dazu kommt es dann aber niemal in gegewärtigen Zustand der Kritik. »Lesestücke« werden die ja aus dem guten realistischen Beurteilung der Kultur benannt ; [man soll sich doch einmal vorstellen dass kein Schwein das bisher in der USA gemacht hat wo doch vor einer nicht zu langen Zeit die Leute von den frühen Stücken und der STUNDE schwärmten; weiss nur von einem Regiemensch, ‘nem Serben mit ner kleinen Truppe in Chicago [ zeljko dukic zeljko[at]tutato.com] der aber dazu nicht die Schauspieler hat, eine feige provinzielle Branche die in den letzten zehn Jahren noch miserabler geworden ist; hier ist es nicht am Platz die Namen der zu hängenden zu nennen, aber bald. »Kanaille!« würd MEIN Grossvater schimpfen! Die frühen Sachen sind ja alle großartig brilliant, conceptual art, man muss aber mal unter dieser Bande in New York gelebt haben um zu sehen dass die schlechtesten Streber unter denen dann so was nicht machen oder… die Kultur wird eben ein Misthaufen aus unverdaubaren bleiben. Manchmal kommt dann ein Orkan oder Tornado und reißt die Presshholz Häuser nieder und der darin angehaufte Mist quillt raus… ich bereue nicht nach solch einem Ungewetter anwesend gewesen um das mal so zu beschreiben wie Handke was der Orkan in Chaville hinterlassen hat. So ein Ablass würde meinen Hass der Konsumgesellschaft mindestens einige zeitlang lindern. Auch ich muss in eine Gegend wo die Zitronen blühen, die aber nicht Süd-Kalifornien heisst, Baja California Sur ist ganz was anderes.

    Zum Thema »unversöhnlich«:
    Wiederholungzwang heisst das glaub ich auf Deutsch… Zugzwang im Schach!!! warum auf gewisse Weise die selbe Bewegung immer wieder durch gemacht wird… das wiederbeleben-erleben der Traumata um zurück zum Paradies! Handke sagte zum STUNDE Stück, was ja vom formalistischen musikalischer Sicht die Summa des ganzen dramatische Frühwerks ist, dass er nachdem er diesen »Versöhnungs Moment« oder was immer »liebliches Zusammensein« erreichte, er nicht wusste wie jetzt weiter, dann fiel ihm ein einen von Hinten in die Kniekehle zu treten oder so… da lebt die »Historie« dann wieder auf.
    Aber man sollte sich erinnern, dass er sich zu einem gewissen Zeitpunkt, so um 1975 herum entschieden hat nicht mehr mit Unheimlichen zu spielen; trotzdem taucht »die Geschichte« als etwas zerstörerisches immer wieder auf [z..b als kettenschwingender Indianer in der LANGSAMEN HEIMKEHR. Im DEL GREDOS, in La Zona taucht der Bankierin ihr Doppel- oder Gegenbild auf: und ermordet ihren Liebhaber, von einem Moment zum nächsten — da distanzieren wir uns auf ganz neue Art Abspaltung von dem Todesdrang, the death instinct! Abspaltung genau wie im TORMAN aber der Impuls lebt noch! »Dissociation« , das was er in der Trauma benötigte um zu überleben wird dann des Künstler’s Haupttalent! Auch so’ne Scheide, treshold.

    Mit so einer Traumata wie Hande sie zehn Jahre lang vom 2ten bis 12ten Lebensjahr erlitten hat erholt man sich nur durch langjährige Psychotherapie, inzwischen ist die Lösungsversuch durch die Schrifstellerei scheinbar ein so erfolgreiches Kompensation, Symptom, dass er diesem ewigen Drang nicht mehr entgeht… ich seh den Handke in seiner Todesstundesekunde noch schnell was mit dem Bleistift in dem letzten Notizbuch notieren… der Wert dessen für die Marbacher dann! Er hatte ja seine Glückszeit in den ersten zwei Lebejahren, man schau sich nur dass Bild on von Maria Sivec und dem Peter in Haslingers Buch. Besonders wenn man analytisch geschult und eine Idee hat von dem was da vor sich geht zwischen den beiden. Das depressive hat er wohl schon von ihr intra-Utero mitbekommen. Anlehehnde Depression heisst das. Der lebenlange Exhibitionismus Drang für die beigefügte Trauma… Leider ist dann doch etwas von dem gehassten Stiefvater in ihn eingedrungen….

    ich möcht eigentlich nicht alles wieder holen was da in den

    HANDKE LINKS + BLOGS
    SCRIPTMANIA PROJECT MAIN SITE: http://www.handke.scriptmania.com
    and 12 sub-sites steht

    http://www.handkelectures.freeservers.com [the drama lecture]

    und besonders

    http://www.kultur.at/see/roloff.htm

    [dem handke auf die schliche/

    http://handke-discussion.blogspot.com/

    [the American Scholar caused controversy about Handke, reviews, detailed of Coury/Pilipp’s THE WORKS OF PETER HANDKE

    http://www.artscritic.blogspot.com
    [some handke material, too, the Milosevic controversy summarized]

    Vim Wenders sagte mir hier in Seattle, dass Handke den ihn am nahestehenden oft weh tut. Um das zu wissen brauch man bloß Gewicht der Welt lesen. Ab einen gewissen Zeitpunkt vermeidete ich soweit möglich mit ihm allein zu sein. Er wurde mir ein ziemlich Dunkler. Was die Colbin während der parallelen Handke-Jugoslaven Krieges da sagte stimmt sicherlich. Also ich les das Werk auch auf seine dunklen Töne hin.

    Handke hat bis jetzt keine Tragödie geschrieben! Aber, Tragödie existiert im/ als Subunktive in dem EINBAUM Stück

    #5

  6. mikerol69 sagt:

    »Ja. Sie müssten versuchen, sich mit ihm auszusöhnen.«

    Hatte ich versucht indem ich anbot den EINBAUM zu übersetzen als das niemand hier machen wollte. Ich brauch so was wie ‘nen Genickschuss,
    noch eine unbezahlte Uebersetzungs Schufterei und dann an den Mann, ein Theater davon überzeugen. Er wollte aber nicht, Suhrkamp war auch ganz erstaunt. Ich hab ihn erwischt und er kanns nicht verdauen und hat nach dem Bleistift das lügen gelernt! Ich selber finde es gut so: Ich kann mich für sein Werk einsetzen, darüber schreiben, brauch nicht zimperlich zu sein. Weder Suhrkamp noch Jung & JUng drucken ja irgendwas in den Sekondär Werken was irgendwie kritisch über Handke oder das Werk ist. Auch die Pichler Biographie, im Mitwirken mit dem Autor, gemacht entält nichts derartiges. Das IMAGE soll ganz Sonnenkönighaft bleiben! Auf so was langweiliges lass ich mich nicht ein. Warum munkeld die Bankierin mit »Schuldgefühlen«… wenn immer Handke munkelt, sei es im Chinesen des Schmerzens oder dem Nachmittag eines Schriftsteller… diese Koans, Mysteriösitäten die er doch angeblich hasst… dahinter liegen die Gründe für diese Schuldgefühle verborgen. Ich lache nur!

    Um auch Keuschnigs Comment zu diesem meinem Commentar auch zu kommentieren:
    ein Soupçon Hass sowie Masochism genügen ein wenig Klarheit ins Gehirn zu bringen, der Grandiosität ihr Löschpapier – Liebe sowie fantatischer Glauben stören etwaige Realitätseinschätzung ja viel mehr!

    #6

  7. Ihr Einsatz ist – um Handke zu paraphrasieren. Und das ist entscheidend. Die Hintergründe um den »Einbaum« vermag ich nicht zu kommentieren.

    Es ist doch inzwischen so, dass er machen kann, was er will – es wird immer gegen ihn ausgelegt (wohlgemerkt: nicht von Ihnen). Und manchmal habe ich das Gefühl, er mag das; er befeuert dann den Furor gegen sich selber. Der Selbsthass, der in jedem von uns steckt. Oder: der nur in den wirklich Grossen so stark steckt. (Oder ist das auch nur ein Klischee?)

    Verzweifelter Sinnloser Versuch, einen toten Blog mit einem ebenso toten Thema zum Leben zu erwecken. Aber irgendwann wieder zurück in die platonische Höhle. Bald.

    #7

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