Der Friedenskaiser (3)

Teil 2

Judith wohnte allein in einer Zweizimmerwohnung, recht geräumig für eine Studentin. Martha, ihre Freundin, ebenfalls Psychologin, übernachtete häufig bei ihr, sie wohnte bei ihren Eltern in Braunau und der letzte Zug ging früh am Abend. Wenn sie über Nacht blieb, schliefen die beiden im Doppelbett. In dieser Nacht waren wir zu dritt, Martha kuschelte sich von hinten an mich, was mein auf Judith fixiertes Begehren – »Mutter­komplex«, erklärte Martha am nächsten Morgen beim Frühstück – drosselte. »Dann bin ich auch ein Zwangscharakter?«, sagte ich mit Blick auf Judith. Diese Art Ironie, die den Sprecher vor jedem Gefühlsausdruck schützt, hatte ich von András übernommen, obwohl sie nicht recht zu mir paßte. »Du nicht«, sagte sie sanft nach einer Schweigepause, als hätte sie sich die Frage ernsthaft überlegen müssen. Sie legte mir die Hand auf den Nacken, schob sie unter das halblange Haar. Judith und Martha verheimlichten nicht, daß sie »eine Beziehung« hatten. Sie bezeichneten sich als lesbisch, aber ich glaube, das traf im eigentlichen Sinn nicht zu. (Zugegeben, ich hatte und habe keine Ahnung, worin das eigentlich Lesbische besteht; bei der männlichen Homosexualität scheint die Definition leichter zu fallen.)

Die Sitzungen der Parallelakteure wurden zäher und kürzer, nachdem András und Judith uns verlassen hatten; auch die Zahl der Teilnehmer schrumpfte. Michelangelo versuchte, die Leitung zu übernehmen. Er schlug Tagesordnungen vor, die von Franz und vom Jüngling durchkreuzt wurden. »Wir brauchen hier keinen Führer«, hörte ich einmal, während der andere zitierte: »Der Leiter ist ein Abstraktum, das sich von selbst auflöst«. In letzter Zeit hatte Michelangelo auf Vermittlung von András bzw. dessen Vater an Ausstellungen in Galerien teilnehmen können, einmal sogar während der Festspielzeit. Wenig später hatte er einen eigenen Galeristen, und er verkaufte ein paar von seinen infrarealistischen Ölgemälden zu recht guten Preisen an Sammler. Von Amerika aus hatte András sogar eine neue Kunstrichtung erfunden, den Infrarealismus, eine Art Label, unter dem Michelangelo Obermayer berühmt werden sollte. Aufs ganze, also im nachhinein, betrachtet, scheiterte das Vorhaben. Die Sammler verloren das Interesse, Michelangelo seinen Galeristen, die von ihm gemalten Bilder waren und blieben einfallslos, radikal nett auch und gerade dann, wenn sie sich um einen aggressiven – »haptischen« – Gestus bemühten. Ja, richtig, Kontrolle der Aggression war einer der Titel, die sich das Genie damals von András einflüstern ließ.

Für intellektuelle Diskussionen war Michelangelo, der Haptische, freilich zu dumpf. Nicht dumm, aber dumpf: geistig träge. In seinen Reaktionen tappte er immer ein Stück hinter dem her, wovon gerade die Rede war. András verkörperte die Avantgarde, Franz stolperte ihm manchmal voraus, Michelangelo blieb immer die Nachhut. So oder so, unsere Parallelaktion hatte sich erschöpft, war genauso ergebnislos versandet wie die echte, fiktive, die kakanische Parallelaktion. In jedem Fall scheint es ihr Schicksal zu sein, die Dinge und sich selbst aufzuschieben. Wir begannen, auf András‘ Rückkehr zu warten, doch wer zuerst zurückkehrte, schon zu Weihnachten, nach nicht einmal drei Monaten, war Judith. Sie habe es in diesem Land, wo sich András ihren Angaben nach wohlfühlte und seine Berühmtheit als Botschafter der Kultur des alten Kontinents genoß, gar nicht einleben können (wobei zweifellos auch ihre Mühe mit der englischen Sprache eine Rolle spielte), und ihr Gatte – in ihrer Stimme klang seine Ironie mit – war so gut wie nie zu Hause, er hatte so viel zu tun. Als András im Spätsommer schließlich leibhaftig zurückkehrte, gingen das Ehepaar aufs Standesamt, um sich scheiden zu lassen. Judith hatte einen Mann kennengelernt, einen rundköpfigen deutschen Schriftsteller mit grauem Haar und schwarzen, Schatten werfenden Schläfen, der ihr eine Zeitlang als Stütze diente. Später scheint er dem Alkohol verfallen zu sein und Judith, ihrer Darstellung nach, geschlagen zu haben, so daß sie sich ein zweites Mal scheiden ließ. Von der Parallelaktion war nach András‘ Rückkehr überhaupt nicht mehr die Rede. Das erste Buch von Franz Innerhofer war erschienen, er gewann damit einen bedeutenden Literaturpreis. Und András, wie eingangs bemerkt, machte sich rar.

Bei der Preisverleihung in Rauris, unweit vom Dorf, aus dem Innerhofer stammte, war András jedoch zugegen (ebenso ich, als Zaungast). Er hatte sogar den Förderpreis erhalten – ein wenig lächerlich, denn mit seiner hohen Stirn, dem angegrauten Haar und der nervös-professorenhaften Gebärdensprache wirkte er viel älter als der urige, vollbärtige Innerhofer, fast schon ein wenig betagt. Irgend etwas hatte ihn in den USA aus der Bahn geworfen – oder umgekehrt, auf die Bahn gebracht. Jedenfalls war dieser András ein anderer, einer von vielen anderen, aus denen er seit jeher bestand. Oder der eine Andere, der sich hinter all den anderen versteckt hatte, wie damals auf dem Residenzplatz. Der eine Andere, der uns langsam entschwand. Während sich die Journalisten und Kamera­leute um Innerhofer drängten, las András in der Stube eines Bauernhauses vor »aus­erlesenem Publikum« (ironischer Unterton, aber in Wahrheit, glaube ich, neidete er Franz den Erfolg) einen Prosatext, eine Art Erzählung, die ich noch recht genau in Erinnerung habe, so tief war der Eindruck, den sie auf mich machte. Tags darauf teilte er einem gelangweilten Journalisten der Salzburger Nachrichten mit, er habe den Text abgeschrieben, die dämliche Jury habe es nicht bemerkt. Skandal, wenn auch nur ein kleiner, viel kleiner als die Schweinchenaktion, die langsam ins kollektive Vergessen abglitt. In der Folge, nach mehreren Jury-Sitzungen, wurde ihm der Preis aberkannt. Seine Erzählung, die nie irgendwo veröffentlicht wurde, trug den Titel Blauauges nebliger Herbst: Variation einer frühen, fast unbekannten Erzählung Musils, wie ich herausfand. Meiner Meinung nach, und soweit mich mein Gedächtnis nicht trügt, bezog sich aber nur der Titel auf Musil, und vielleicht die Perspektive, die Grundhaltung des Erzählens, nicht aber der Inhalt, nicht die eigentliche Materie seiner Erzählung, die durchaus original und originell war. Es handelte sich um eine Vorwegnahme von Innerhofers Schicksal: ein düsterer, aber sonnenklar komponierter Metatext zu den Schönen Tagen, die Franz besten Glaubens als sein Erstlingswerk präsentierte. Ein »naives, berührendes, erschütterndes« Werk: so die Floskeln der Journalisten.

Was András dazu bewogen hatte, sich die Karriere, die er immerhin in die Wege geleitet hatte, schon mit dem nächsten Schritt zu verbauen, kann ich nicht wissen, ich kann es nur vermuten, und die Erzählung hier, diese Erzählung einer Erzählung und eines Gedichts, ist nichts anderes als der Ausdruck einer diesbezüglichen Ahnung. András beherrschte vielerlei Künste halbwegs, einige sogar ziemlich gut, doch am besten war er in der Kunst, sich Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Er sägte zeitlebens am eigenen Ast . . .

Schon wieder rede ich so, als sei er gestorben. In der Zeit, als er sich noch mit Kybernetik befaßte, etwa ein Jahr nach seiner Rückkehr aus Maryland, fand in der theologischen Fakultät ein Kongreß statt, bei dem er über Steuerungsmethoden zur Generierung sozialer Utopien referieren sollte (der eigentliche Titel lautete »Befreiung von der Arbeit«). Ich saß damals im halb leeren Hörsaal, hörte einen sich in die Länge ziehenden Vortrag und wartete, als er zu Ende war, vergeblich auf András‘ Auftritt. Auf dem Podium beratschlagte sich der Moderator mit einem Kollegen, und es wurde beschlossen, seinen Vortrag später zu reihen. Ich verließ den Saal, um in einem nahen Café auf den neuen Termin zu warten, und stieß in der Nähe der Universitätsbibliothek auf einen halb zerstreut, halb entsetzt wirkenden András. Er sei in diesem verwinkelten Bauwerk umhergelaufen, habe den Hörsaal aber nicht finden können. Als ich ihm sagte, sein Vortrag sei verschoben, starrte er mich entgeistert an und meinte, jetzt sei es auf alle Fälle zu spät. In der nächsten oder übernächsten Sekunde seufzte er erleichtert, und wir verließen gemeinsam den altehr­würdigen Ort (die Universität hatte hier ihren Ursprung). In dem kleinen Café hinter der Pferdeschwemme gab er mir umständlich gestikulierend eine Einführung in die Prinzipien der Kybernetik, denen ich mühsam zu folgen versuchte.

Vorfälle dieser Art häuften sich, immer öfter kam er zu spät zu Verabredungen oder erschien gar nicht. Im Lauf der Jahre erfuhr ich von verschiedener Seite, daß seine Nachlässigkeit – so wurde sein Verhalten interpretiert – auf wachsenden Unmut stieß, so daß am Ende niemand mehr mit ihm zu tun haben wollte. Ich selbst vermied es fortan, ihn für Tagungen und Projekte vorzuschlagen. Trotzdem bewarb er sich bei diversen Gelegenheiten, ließ sie aber verstreichen oder gab ein verworrenes Statement aus dem Stegreif, lieferte ein eilig zusammengeschustertes Papier, das bei weitem nicht auf der Höhe seiner Möglichkeiten war. Später erfuhr ich, daß er schon seit längerem in Italien lebte. Als ich in Wien auf der Straße zufällig dem Originalgenie begegnete, Michael alias Michelangelo Obermayer, erzählte er mir, András habe vor einigen Jahren geheiratet (»eine reiche Frau!«), er ziehe zwei Kinder groß, koche gern und fahre einen Alfa Romeo. Ich hielt das zunächst für einen Scherz, bis ich mich erinnerte, daß Michael zu derlei gar nicht fähig war; früher hatte er lediglich zwanghafte Witzchen gemacht, um sich András anzupassen, der mit seinem Ironiestil glänzte. András unterrichtete an einer Provinz­universität – welches Fach, wußte Michael nicht zu sagen. Wenn sein Bericht zutraf, hatte sich András von jedem Parallelaktionismus bekehrt. Wie Candide hatte er sich ins private Lustgärtlein zurückgezogen. Warum auch nicht, letzten Endes tun das die meisten Menschen. Man muß nicht so enden wie Franz Innerhofer, mit dieser entsetzlichen Konsequenz. Selbst Ulrich Anders war, so gesehen, nur ein Durchschnittstyp.

Danach habe ich András noch einmal gesehen, nicht nur im Erzählbild, sondern leibhaftig gesehen, wenn auch nur aus der Ferne. Aus geringer Distanz, um genau zu sein, denn der Raum in der Alten Schmiede, der mich an die Werkstatt erinnerte, die die revolutionären Marxisten in der Steingasse gemietet hatten, bot nur einem kleinen, elitären Publikum Platz. András hatte in Italien einen Gedichtband veröffentlicht, den er nun in der Nacht der Lyrik – neben anderen Dichtern mit anderen Gedichtbüchern – vorstellen sollte. Ich habe das Buch damals erworben: eine seltsame Publikation, in Catania erschienen, etwa siebzig Seiten stark (oder schwach), und dreisprachig. Als ich vor nunmehr fünfzehn Jahren fast alle meine Bücher verschleuderte, war auch dieses darunter, aber ich erinnere mich, daß auf den linken Seiten der italienische Text gedruckt war, rechts in viel kleinerer Schrift, manchmal wie in den Rahmen gestopft, die deutsche zusammen mit der ungarischen Version. Die deutsche entsprach der italienischen annähernd, manchmal mehr, manchmal weniger; in zwei oder drei Fällen schien mir, daß es sich um ein anderes Gedicht handelte. Der italienische Titel des Bandes lautete pane posto sasso, der deutsche brot statt stein, die Buchstaben waren ausnahmslos klein geschrieben, wie András es immer gemacht hatte. In der Nacht der Lyrik las er nur ein einziges Gedicht, dieses aber mehrmals, und nur die italienische Version. Im Raum, in dem sich fast nur Dichter befanden, wurde es unruhig, bei der vierten oder fünften Wiederholung wurden sogar Rufe laut, »Ü-ber-se-tzen, ü-ber-se-tzen!« und »Auf deutsch! Auf deutsch!«, rhythmisch wie ein Sprechchor. András griff sich an die Brille – er trug jetzt eine eckige Brille und hatte fast keine Haare mehr, sah aber gut aus mit seinen hohen Backenknochen und schattigen Wangen, ähnlich wie Pier Paolo Pasolini, als hätte er sich auch äußerlich seiner Wahlheimat (Wahlheimat?) angeglichen – und blickte ins Buch, als suche er dort nach etwas, blickte dann auf und trug ein fünftes oder sechstes Mal, ohne den Text anzusehen, die italienische Version vor, ehe er vom Lesetisch aufstand und ins Hinterzimmer ging.

Gottfried Benn vertrat bekanntlich die Auffassung, ein Dichter könne im Leben ungefähr sechs oder sieben wirklich gute Gedichte schreiben, mehr sei nicht möglich; András hatte diesen Satz in den Zeiten der Parallelaktion mehrmals zitiert. Wenn er zutrifft, hat András mit seinem schmalen Gedichtband genug getan – vorausgesetzt, die darin enthaltenen Gedichte stellen tatsächlich die Essenz von etwas dar: einer Vielzahl von Texten, die nicht der Rede wert sind; eines untergründigen Werks oder zunehmenden Schweigens. Ich empfinde es fast als Verrat, wenn ich das in der Alten Schmiede vorgetragene Gedicht hier auf deutsch wiedergebe. Leider bin ich nicht imstande, das italienische Original treu zu erinnern und wiederzugeben, doch die Übersetzung habe ich zu Hause, als ich noch ein Zuhause besaß, oft und oft gelesen, sie ist mir Buchstabe für Buchstabe im Gedächtnis geblieben. Ich gebe sie hier wieder, weil ich – ohne jede Ironie – der Ansicht bin, daß dieses Gedicht ein versäumtes Dichterleben rechtfertigt:

    forever young

    für immer ruhst du nun
    mein allermüdes herz
    die letzte täuschung schwand
    mir, der mich ewig wähnte
    doch untergehe, unterging
    und spür noch den betrug
    in unsern fahlen sinnen
    nicht wunsch ist tot, doch lust
    und ewig ruhe jetzt
    genug geschlagen
    mich und, und für nichts
    ist würdig auch die erde nicht
    der bitterkeit und langen weile
    quillt nun nur schlamm
    sei ruhig jetzt
    verzweifle noch ein letztes mal
    an unserm schicksal
    das nur tod schenkt
    verachte jetzt, und endlich
    verachtet der natur
    groteske macht
    die allhier waltende
    endlose nichtigkeit des endes

Was ich hier wiedergegeben habe, ist András‘ eigene Übersetzung seines Gedichts oder kommt ihr zumindest nahe; möglich, daß ich selbst einiges abgeändert, Lücken ergänzt habe. Das alles ließe sich nachprüfen, indem mich ich mir ein Exemplar des Buchs besorge und die Druckfassung mit dem Output meines Gedächtnisses vergleiche, aber es drängt mich genausowenig danach, wie dies bei der Parallelaktion – der Zeitschrift, meine ich – der Fall ist. Im Internet habe ich lustlos einige Kataloge hiesiger Bibliotheken durch­stöbert, ohne Ergebnis. Wahrscheinlich müßte ich nach Italien reisen, aber selbst dort wäre es schwierig, ein Exemplar des in winziger Auflage an einem entlegenen Ort veröffentlichten und zweifellos längst vergriffenen Buchs aufzutreiben. Hinzu kommt, daß ich mich, wie erwähnt, von jeder Bibliophilie befreit habe. Wichtig ist mir, was in den Büchern steht, aber nicht, wie sie aussehen oder sich anfühlen. Wichtig ist, was in unseren Köpfen geschieht: was wir darin behalten, umschichten, tun.

Und die Wirklichkeit, das heißt, die Parallelakteure, was ist aus ihr, aus ihnen geworden? Michael alias Michelangelo, dem ich die letzten Nachrichten über unseren Hauptakteur verdanke, ist heute Zeichenlehrer an einem Gymnasium. Er malt, wie er mir bei unserer Begegnung auf der Straße gestand, »fleißig weiter«, zeigt seine Bilder aber nur sporadisch auf Sammelausstellungen. Judith, die wegen einer körperlichen Beeinträchtigung keine Kinder bekommen kann, arbeitet als Kinderpsychologin und lebt mit einem Arzt zu­sammen, der nebenher in einem »fast professionellen Orchester« (so Michael) Klarinette (!) spielt. Ajax, ihren Hund, hatte Judith einschläfern lassen, kurz bevor ich die Stadt unserer Hoffnungen verließ. Innerhofers Geschichte ist bekannt, man kann sie in seinen lieferbaren Büchern nachlesen; von seinem Ende habe ich an anderer Stelle erzählt.


© Leopold Federmair

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