Der andere Fokus der ARD – Objektivität adé

Wie so oft wollte man sich im tagesschau-Blog ein bisschen selber feiern. Thomas Roth schilderte seine Mühen um das Interview mit Wladimir Putin. Als Sensation angepriesen (als einzigem europäischen Sender ein Interview gewährt), wurde am Freitag das Pro­gramm noch ergänzt. Von 23.30 Uhr an wurden zehn Minuten ausgestrahlt. Roth schreibt aber im Blogbeitrag, dass das Interview 60 Minuten dauerte. Wo war denn aber eigentlich der Rest?

Auf dem tagesschau-Blog trat nun – trotz des Wochenendes – eine Dynamik ein, die wohl die Redaktion überraschte. Im russischen Fernsehen war das Interview nämlich entweder ganz oder mindestens in einer Fassung von rund 27 Minuten zu sehen. Und im Laufe der Zeit verdichtete sich der Verdacht, dass die Kürzungen, die in der ARD vorgenommen wurden, den Tenor des Gespräches stark entstellt wiedergaben. Alle Passagen, in denen Putin (und auch Roth) auf die Fehler der georgischen Machthaber eingingen, fielen der Schere zum Opfer. Und auch Putins Ausführungen über die Verstrickungen der USA in den Konflikt, wie er sie beurteilt, wurden nicht gesendet.

Der Gipfel der Unverschämtheit war dann jedoch der Einwurf eines »Moderators« heute Nachmittag:

    Anmerkung zum „Zensur“-Vorwurf: Das Interview mit Wladimir Putin wurde vom ersten und zweiten Kanal des russischen Fernsehens sowie vom Auslandskanal „Russia Today“ mitgedreht. Die russischen Kollegen haben ebenfalls Auszüge des insgesamt einstündigen Interviews veröffentlicht. Diese finden sich jetzt im Internet, unter anderem bei YouTube.

    Die Kollegen in Russland haben – zum Teil – einen anderen Fokus als die ARD gewählt. Dies ist das Ergebnis eines normalen und notwendigen journalistischen Auswahlprozesses und hat – mit einer von welchen Stelle auch immer verordneten – Zensur nichts zu tun.

Na, da bin ich ja beruhigt. Deshalb zahle ich Rundfunkgebühren, damit ich mir auf youtube das komplette Interview ansehen kann (was dann in russisch ist mit teilweise englischen Untertiteln).

Aber was bedeutet denn »anderer Fokus«? Das bedeutet nichts anderes, als dass die ARD-Redaktion Aussagen von Interviews nach gewissen Meinungen aussiebt und Unliebsames nicht sendet. Man kann das Zensur nennen, es ist aber mindestens und eindeutig Meinungsmanipulation. Es ist das Gleiche, was man in unsäglichen Brandreden den ach so undemokratischen Chinesen anlässlich der Olympischen Spiele vorgeworfen hat: Man lässt nur die Meinung an die Öffentlichkeit, die einem passt.

Die bräsige und unbotmässige Arroganz dieses »Moderators« ist inakzeptabel für ein öffentlich-rechtliches Medium. Wie in einigen Kommentaren anklingt, könnte zumindest einige Tage nach dem Interview eine Aufarbeitung stattfinden und das gesamte Interview nun gesendet werden. Hierzu schweigt man. Das mindeste wäre es, die im Netz kursierende Version des vollständigen Interviews zu autorisieren oder eben zu korrigieren. Auch hierzu: Kein Wort.

Das ganze Vorgehen ist jedoch eine Katastrophe für den objektiven Journalismus, der eindeutig zu Gunsten einer Parteinahme verlassen wurde. Die ARD sorgt mit diesem unprofessionellen und stümperhaften Verhalten nicht nur dafür, dass krude Ver­schwörungstheorien immer wieder neue Nahrung erhalten, sondern erschüttert auch nach­drücklich die Informationskompetenz eines öffentlich-rechtlichen Senders. Aber das Schlimmste dabei ist: Man ist sich dessen noch nicht einmal bewusst und glaubt auch noch, alles richtig gemacht zu haben.

PS: Ach ja, noch ein positiver Aspekt: Im tagesschau-blog wurden immerhin die relevanten Links durch die Leser stehengelassen. Immerhin. Aber das ist ein bisschen wenig.

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28 Kommentare zu »Der andere Fokus der ARD – Objektivität adé«:

  1. Köppnick sagt:

    Ich habe die Wiederholung der Talkshow mit Sandra Maischberger gesehen, über diesen Link kann man sich einen Mitschnitt ansehen. Bei noch keinem politischen Ereignis ist mir aufgefallen, dass die Meinung der Politiker / der Politik von der von Experten / in Blogs so stark abgewichen ist. Obwohl ich zwar bisher in Vielem nicht mit der offiziellen deutschen Politik einverstanden war, aber es als halt andere Meinung akzeptiert habe, nach den Vorgängen in Georgien jetzt bin ich jetzt ernsthaft beunruhigt bis entsetzt.

    #1

  2. blackconti sagt:

    Der über Jahrzehnte erworbene Kultstatus der Tagesschau als objektiver Nachrichtenübermittler wird seit einiger Zeit mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Konsequenz zerdeppert. Bisher war’s bei mir nur so ein unbestimmtes Unbehagen, ein Gefühl durch die Tagesschau mehr manipuliert als informiert zu werden. Sie haben hier jetzt einen eindrucksvollen Beleg für die Richtigkeit dieses Gefühls aufgezeigt.

    #2

  3. Mr. Hyde sagt:

    Vertrauensverlust
    Danke für die Zusammenfassung und ich kann mich dem nur anschliessen. Was die tagesschau da vollzieht ist rapider Vertrauensverlust. Wer soll die noch ernst nehmen?

    #3

  4. Jeeves sagt:

    wir oder die?
    Zu blackconti u.a.: Vielleicht war’s schon immer so, nur wir werden älter und haben dazu gelernt?

    #4

  5. anna sagt:

    Interview
    Hier ist das ganze Interview mit deutschen Untertiteln:

    #5

  6. @alle
    Wie jeeves schon mutmasst: Vielleicht war man früher einfach nicht besser informiert. Obwohl es auch schon in den 70ern Gegenmeinungen gab (man denke an die kontroverse Behandlung des Vietnamkrieges). Ich glaube ja sogar, dass der »Zeitgeist«, also der »Mainstream« in den Medien zugenommen hat. Am stärksten fällt mir dies immer bei Kriegen bzw. kriegerischen Konflikten auf. Man denke an den ersten Irakkrieg der USA nach dem Überfall Kuwaits – und die propagandistische Behandlung dieses Falls. Der Überfall von S. H. fand ja definitiv statt, aber um eine Einmarschstimmung zu erzeugen, mussten Lügen her. Oder auch besonders eindringlich im Fall der jugoslawischen Sezessionskriege. Dort wurden auch wesentliche Informationen weggelassen. So erschienen häufig »die Serben« als die Schuldigen, während die Verbrechen der anderen einfach verschwiegen wurden. Zwar gibt das keine Legitimation für die geschilderten Verbrechen, aber es wird kein objektives Bild gezeichnet bzw. es wird noch nicht einmal versucht, es zu zeichnen.

    Die Ignoranz und Arroganz der ARD in diesem konkreten Fall stellt eine neue Qualität dar. Das Schlimmste ist wirklich dieser Vertrauensverlust, der damit einsickert – wenn in einem solch offensichtlichen Fall schon manipuliert wird, wie oft passiert das, wenn man überhaupt nichts davon mitbekommt?

    ERGÄNZUNG: Roth hat eine Erklärung abgegeben. Die vollständige Version es Interviews wird morgen, am 02.09.08 um 06.20 Uhr im WDR-Fernsehen gezeigt (vermutlich war der Termin um 04.00 Uhr schon belegt). Danach soll das Interview in schriftlicher Form veröffentlicht werden.

    Schau’mer mal, welche Änderungen es im Vergleich zu den im Netz kursierenden Versionen dann gibt…

    #6

  7. blackconti sagt:

    Die Erklärung Roths ist keine Erklärung, sondern ein Eiertanz. Er erklärt nicht die entscheidende Frage, warum der „Fokus“ beim, meinetwegen, notwendigen Kürzen so einseitig ausgerichtet wurde. Stattdessen erklärt er die mangelhafte technische Qualität – eine Petitesse, und dass Interviews üblicherweise gekürzt und geglättet werden. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, werden doch bei seriösen Medien die redigierten Fassungen dem Interviewten üblicherweise dann zur Autorisierung vorgelegt. Man darf aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass Putin die gesendete ARD-Fassung weder vorher gesehen noch abgesegnet hat. Der Vorwurf der Zensur, meint Roth, sei abwegig, da auch russische Sender das Interview ausgestrahlt hätten. In diesem Falle gebe ich Roth recht, Zensur ist nicht das richtige Wort. Verfälschung, Manipulation und Meinungsmache sind die zutreffenden Bezeichnungen für diese Art der Berichterstattung. Seinen Chat am Donnerstag kann sich Roth in die Haare schmieren. Dem Mann glaube ich kein einziges Wort mehr und die Tagesschau betrachte ich jetzt noch skeptischer.

    #7

  8. steppenhund sagt:

    Also das Thema kenne ich ja nun schon zur Genüge und es freut mich, dass es auch auf diesem Blog seinen Niederschlag findet.
    Für mich als alten Verschwörungsmenschen ist es ganz offenkundig:
    1) Wahlkampf in USA
    2) Republikaner befürchten, das Rennen nicht zu machen
    3) Es gibt das Filmsujet von »Wag the Dog«
    4) Wir tauschen Albanien mit Georgien aus
    5) Wir lanzieren ein paar falsche Meldungen
    Nebenschauplatz
    1) Für Obama ist Deutschland der »natürlichste« Partner der Amerikaner. (Wieso eigentlich? Haben nicht die Engländer mit ihnen im Irak-Krieg gekämpft? Sprechen nicht die Engländer die gemeinsame Sprache? Haben nicht die Amis gemeinsam mit den Engländern gegen Deutschland gekämpft?)
    Aber da gleite ich ab. »Natürlich« bedeutet heute eher polymorph pervers. So wie die natürliche Null der deutschen DIN-Norm.
    2) Deutschland rechnet sich neue Chancen mit Amerika aus
    3) Merkel ist, was Russen angeht, ein gebranntes Kind. (Das verstehe ich sogar, man kann nicht die Unterdrückung von 40 Jahren von heute auf morgen ablegen.)
    4) Merkel verurteilt sofort ganz scharf die Russen
    5) der ARD gibt sich regierungsfreundlich
    Wirtschaft
    1) wird durch militärische Aktionen gestützt
    2) pipelines sind wichtig
    3) Suchumi ist wichtig
    4) Eingrenzung ist wichtig (NATO-Waffen an allen möglichen Grenzen Russlands)
    5) Die Waffenhändler wollen auch wieder einmal etwas verdienen

    Noch ein paar Theorien gefällig?

    #8

  9. @steppenhund
    Das Thema ist die mediale Aufarbeitung eines Interviews mit einem Journalisten und Putin. Und diese fehlerhafte, falsche, manipulative Aufarbeitung (Übersetzung und Auswahl) verursacht irgendwann sowas wie Verschwörungstheorien.

    Die ARD ein Regierungssender? Die Parteien infiltrieren natürlich gewollt den öffentlich-rechtlichen Rundfunk – aber wie weit geht dieser EInfluss? So weit, dass ein Journalist seinen guten Ruf so leichtfertig auf’s Spiel setzt? Was ist denn so schlimm an dem nicht gesendeten? Die Antwort des Moderators im tagesschau-Blog, man habe einen anderen »Fokus« ist verräterisch.

    Ich glaube, dass der Schluss, die USA stecke hinter Saakaschwilis Offensive zu kurz greift. Diese Leute haben zuviel James Bond-Filme gesehen. Gestern wurde der inzwischen 80jährige Gerd Ruge, lange Jahre ARD-Korrespondent in Moskau und Washington befragt, ob der georgische Präsident eine Marionette der USA sei. Ruge darauf trocken (sinngemäss): Das glaube er nicht; er wäre beruhigt, wenn er eine Marionette wäre, denn dann wäre er besser auszurechnen. Er ‚befürchte‘ es eher nicht.

    #9

  10. steppenhund sagt:

    Marionette allein reicht nicht. Es sind mehrere Einflüsse maßgeblich. Aber Einflüsterungen funktionieren bei einer an sich schon instabilen Person noch leichter als sonst.

    #10

  11. Eine These
    Unsere mediale Realität wurde (und wird nicht) bereits, vor allem, aber nicht nur, durch persönliche Weblogs entscheidend verändert. Und zwar hinsichtlich der Informations- und Reaktionsmöglichkeiten seitens der Konsumenten klassischer Medien (Fernsehen, Radio, Tageszeitung). Das führte auch zu einer kritischeren Einstellung gegenüber diesen Medien. Ich kann mich zumindest nicht erinnern, dass sich jemals derart schnell und massiv Widerstand gegen die etablierte (d.h. in den klassischen Medien reproduzierte) Meinung formiert hat. Man lese zum Beispiel in der aktuellen Ausgabe der Zeit die Leserbriefe (fast eine ganze Seite nur die Berichterstattung Georgien-Russland betreffend), und man wird feststellen, dass sie – fast ausnahmslos – eine harsche Kritik an der Berichterstattung des Blattes darstellen.

    Mein Eindruck ist natürlich nur ein Ausschnitt und es ist deshalb problematisch auf das Allgemeine zu schließen; außerdem ist es auch möglich, dass andere Informationsquellen als das Internet genutzt werden. Und – wie Gregor bereits erwähnte – Kriege sensibilisieren die Leserschaft vielleicht mehr als andere Ereignisse, denn wo wird massierter Propaganda betrieben als im Krieg?

    #11

  12. otti sagt:

    Manipulation und Propaganda
    Werte Damen und Herren der ARD,
    liebe Mitbürgerinnen und -bürger,

    helle Empörung geht um in unserem ansonsten recht tranigen Vaterland!
    War das ein ‚Interview‘?
    War das Zensur?
    War das Gefälligkeitsjournalismus?
    Oder einfach Hofberichterstattung?

    Fragen über Fragen, die ausführlich von kompetenten Leuten hier diskutiert worden sind.
    Der Tenor der Einschätzungen kann für die öffentlich-rechtlichen Medien nur als total verheerend bezeichnet werden.

    Deshalb erübrigen sich weitere Ausführungen zum Fall Roth. Einige grundsätzliche Anmerkungen jedoch sind gleichwohl geboten.

    Wenn man demoskopischen Erhebungen glauben darf, so haben Politiker (ganz unten) neben Journalisten das schlechteste Standing bei der Bevölkerung. Das heißt, dass die Bevölkerung durchaus nicht grundsätzlich mit der Arbeit der Medien einverstanden ist und Ungereimtheiten selbstverständlich zu registrieren weiß.

    Die Medien sollten das Schweigen der Mehrheit nicht als Zustimmung missdeuten. Auch die Mehrheit ist des Denkens fähig.
    Die Mehrheit ist mit Politik und Medien schlicht und einfach unzufrieden!

    Politik und Medien fallen über einen Menschen her, den sie als »Florida-Rolf« gebrandmarkt haben, aber von weiteren ‚Liechenstein-Nikoläusen‘ hört man nichts.
    Für Ersteren wurden sogar Gesetze geändert, bei Letzteren wird geschwiegen.

    Welch eine beschämende Doppelmoral!

    Heute, wie regelmäßig, wird wieder von Preisabsprachen von Firmen in der Zeitung berichtet, wieder wird der Bürger geschädigt.

    Wieder wird der Bürger getäuscht und betrogen.
    Das ist die bittere Wirklichkeit in unserem Land.

    Und nun soll der georgische Aggressor auch noch wirtschaflich unterstützt werden?
    Das ist pure Unmoral!

    Wir sind das Volk.

    Nicht Frau Merkel.
    Oder die Medien.

    #12

  13. Liechtenstein heisst dieses Land. (Soviel Zeit muss sein)

    Und ich hab verdammt viel über diese Liechtenstein-Leute gehört. Eigentlich zuviel.

    #13

  14. blackconti sagt:

    Also bitte Gregor, das ist jetzt nicht fair. Tippfehler machen wir alle mal. Und wenn ich otti richtig verstanden habe, so steht dem Florida-Rolf namentlich nur ein Zumwinkel entgegen. Von den tausend und mehr anderen Liechtensteinern hört man keine Namen, obwohl jeder einzelne von denen den Staat um ein vielfaches mehr betrügt als es ein Florida-Rolf je vermöchte. Das ärgert den otti und irgendwie kann ich das nachvollziehen. Warum so angefressen?

    #14

  15. Peter Viehrig sagt:

    @Gregor Keuschnig
    @blackconti

    Hinzu kommt, daß otti als ein bei twoday nicht registrierter nach Absendung seines Kommentars keine Möglichkeit mehr zu einer nachträglichen Korrektur hat.

    #15

  16. @blackconti + Peter Viehrig
    Mein Hinweis war präventiver Natur. Herr (oder Frau?) otti hat diesen Kommentar auch noch in anderen Blogs verwendet. Es wäre doch schade, wenn er nicht zwischendurch auf solche essentiellen Fehler hingewiesen würde, um ihn für die nachfolgende Ladung entsprechend zu korrigieren, oder?

    #16

  17. Peter Viehrig sagt:

    @Gregor Keuschnig

    »Herr (oder Frau?) otti hat diesen Kommentar auch noch in anderen Blogs verwendet.«

    Das ist in der Tat schräg… Copy & Paste der eigenen Kommentare unter Verzicht auf etwaige Ver- und Hinweise. Was es alles gibt!

    #17

  18. @Peter Viehrig
    Beispielsweise hier

    #18

  19. Peter sagt:

    Interview mit Thomas Roth
    Thomas Roth hat heute im DLF zu der Thematik Stellung bezogen. Ich hatte Thomas Roth immer sehr geschätzt, aber dieses Verhalten ist tatsächlich unlauter. Verschleiern ist das mindeste, was man ihm vorwerfen kann, da er die heutige Situation (mit ausgestrahltem Vollinterview und veröffentlichtem Gesprächsprotokoll) als Dauerzustand darstellt. Der Rest ist billiges Lavieren. Bettina Klein lässt in dem Interview aber nicht locker und zeigt die Stellen, an denen »der Fokus anders gesetzt« wurde, deutlich auf. Zwischen den Zeilen lässt Roth durchblicken, dass die Zusammenfassung eskalierende Passagen unterdrückte, er spricht von einem Ton, der einem Politiker unangemessen ist.

    #19

  20. Danke für den Link
    Folgendes ist mir aufgefallen:

    1. Roth verwendet eine Politkersprache (»würde sagen«; »aufgeheizte Stimmung«). Das ist bedenklich.

    2. Wenn er sagt, der WDR wollte das Gespräch vollständig zeigen und gleichzeitig ahnungslos tut, warum dies denn um 6.20 Uhr stattfindet, heuchelt er. Am Montag gegen 19 Uhr war im WDR-Videotext noch kein Hinweis auf die Sendung am nächsten morgen (man wiederholt normalerweise die »Lokalzeit«-Ausgaben in diesen Stunden).

    3. Er gibt Putins Aussage, die USA sei direkt in den georgischen Angriff involviert, nicht korrekt wieder. Putin sagt, dass er nachweisen könne, dass amerikanische Staatsbürger sich in Zonen aufgehalten haben, in die sie normalerweise keinen Zutritt hatten. Den Schluss, die USA seien daher involviert, gibt Putin als seine Meinung wieder, nicht als Tatsache.

    4. Im WDR wurden rd. 27 Minuten gezeigt; das Interview dauerte aber laut Roths Blogeintrag rund eine Stunde.

    5. Es geht nicht darum, dass die 10 Minuten-Fassung zu kurz ist, sondern darum, dass diese verfälschend ist – im Hinblick auf einige Antworten Putins. Dass Roth das nicht einsieht, stimmt auch bedenklich.

    Roth ist übrigens morgen im tagesschau-Chat.

    #20

  21. Jeeves sagt:

    Ich war gerade im Chat der Tagesschau mit Herrn Roth (04. Sept um 13:05).
    Schon Roths ersten beiden Antworten klangen wie das blah-blah eines Politikers, ich konnte mir den weiteren Verlauf denken und habe mich wieder ausgeklinkt. Traurig.

    #21

  22. Stimmt.
    Gerade aus dem Chat:

    Michael: Und noch eine Frage: Inwieweit beeinflußt die Zuschauerrückmeldung in Blogs und Foren, die für jedermann sicht- und lesbar ist, Ihre Arbeit als Journalist?

    Thomas Roth: sie erinnert uns ständig daran, dass wir unseren job möglichst gut und möglichst gewissenhaft erledigen müssen…
    im übrigen: auch wir sind nur menschen und auch uns können durchaus einmal fehler passieren.
    ich hoffe, dass unsere zuschauer auch dafür dann in einme solchen fall verständnis auf bringen, das mit dem interview war aber natürlich kein fehler.

    Noch mal zum mitschreiben:

    das mit dem interview war aber natürlich kein fehler.

    Und noch ein kleiner Nachtrag. Auf die Frage, warum Putin ausgerechnet die ARD (WDR) für ein Interview ausgewählt hat, sagt Roth:

    ich hoffe, er hat uns ausgewählt, weil er glaubt, dass die ard eine seriöse fernsehanstalt ist, die die grundsätze von fairness beachtet.

    Und meine Frage nach der Differenz zwischen der einen Stunde (im blog) und den 27 Minuten beantwortete Roth:

    gregor_keuschnig: sie schreiben im tagesschau-blo, dass das gespräch rd. eine stunde gedauert hat. jetzt sagen sie, die langversion sei gesendet worden. das waren aber nur 27 minuten. was war denn rest?

    Thomas Roth: der rest war die zeit, die der konsekutiv-dolmetscher gebraucht hat, der putin immer stückweise übersetzt hat.
    übrigens war der nicht zu beneiden, da putin glänzend deutsch spricht und ihn immer wieder (zurecht) korrigiert hat.
    der dolmetscher wurde von der russischen seite gestellt.

    (Ich dokumentiere das hier aus dem original Chat; bei tagesschau.de gibt es später sicherlich ein Chatprotokoll)

    #22

  23. Peter sagt:

    Verständnisprobleme
    Ich hatte das Gefühl, dass Herr Roth überhaupt nicht verstanden hat, was ihm vorgeworfen wird. Oder er stellt sich schlicht dumm, was ich aber nicht glaube. Der Unterschied zwischen Partei ergreifen und tendenziöser Berichterstattung scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen. Schade.

    #23

  24. @Peter
    Ja, eine Art Tunnelblick.

    Wenn er etwa sagt, man habe versucht den inneren Sinn des Gesprächs zu erhalten, so kann es doch einem Mann wie Roth nicht verborgen bleiben, dass es sinnentstellend ist. was da zusammengefasst wurde. Sinnentstellend in dem Sinn, dass Äusserungen Putins, die seinen Standpunkt besser darstellen, einfach weggelassen wurden.

    Hier das Chatprotokoll.

    #24

  25. en-passant sagt:

    Zum Tunnelblick
    Nur mal als Einwurf, leicht neben der Erregung über‘s Thema: Tunnelblick: Haben wir den nicht alle?

    Mir ist vor längerem aufgefallen, wie meine Erwartung an die mutmaßlichen Qualitäten von Nachrichten zwar immer mehr gestiegen sind, die eingehenden Nachrichten aber auch immer mehr zu wünschen übrig ließen, und ich mein Gefühl des Ungenügens teilweise aber oft schon nicht mehr genau begründen konnte. (Nicht nur wegen einem Mangel an Fakten oder Verfahren – etwa „embedded journalism“ -, sondern etwa auch in den Zweifeln an den um sich greifenden Sprachstereptypen, vulgo Politik-Sprachfloskeln, die, als Konvention, vermeintlich ein gängiges diskursives Level halten, es inhaltlich aber längst unterschreiten; aber auch etwa meine Übermüdung an Sendungen, die oft gar nichts Neues beitragen, sondern ein ungefähres atmosphärisches Bild der Lage vermitteln mit leeren Bildern und begleitenden Kommentaren: Wolken.)

    Worauf ich hinauswill, ist, dass letztlich der Zuhörer an der Herstellung der Nachrichten beteiligt ist (diese Lesart ist ein alter Hut in der Medienkommunikation) und dass auch Fakten immer erst extra gemacht werden müssen (etwa dadurch, dass sie „professionell“ von mindestens zwei Quellen einander bestätigen). Die Nachricht ist die Einigung zwischen Beobachtern, Berichtern, Zeugen, einem Sender und den Empfängern – und jeder daion ist irgednwie auch ein Interessierter und ein jegliches Interesse fließt ein. Glaubwürdigkeit ist ein komplexer Abgleichungsprozess von Informationen und ihrer Weitergabe mittels Erfahrungen über Wahrscheinlichkeiten (und also einem impliziten Wissen über deren Herstellung).

    Ja, ich weiß, klingt banal – aber ist das immer bewusst?

    Ich bin weit davon entfernt, die Selbstgefälligkeit und Prozeduren etwa der Nachrichtenproduzenten zu verteidigen. Das alles bedeutet aber auch, dass unsere Erwartung, das Dispositiv in dem wir als Mehrfach-Adressierte empfangen und „senden“ irgendwann den Gegenstand – der selber wieder einer Höherkomplexion unterliegt (Tatsächlichkeiten, subjektiven Sichtweisen, momentanen Schwerpunkten, Auslassungen, Interpretatation, Manipulationen… bis zur Rechfertigung des Reportierenden über sein eigenes Verstricktsein und seine Auferlegungen) – zu einem gleichsam immer fiktiveren machen, unter anderem auch mittels unserer Kritik daran (die ja auch eine aufgrund unserer enttäuschten Erwartungen ist). Und das, was alle zusammen in einem Konsens als „Wahrheit der Gemeinschaftsleistung“ ansehen könnten, wird dann vielleicht so etwas wie „die Verbesserung der Nachricht“, aber immer noch nicht irgendeine Objektivität gewesen sein.

    Auch der Kritiker sähe ja lieber das bestätigt, was er als das Richtigere schon ahnt.

    Aber wie gesagt: das nur mal ganz nebenei.

    #25

  26. Ja und nein
    Mag ja sein, dass wir alle irgendwo und irgendwie den Tunnelblick haben. Vielleicht dient er auch dazu, die Fülle aller Möglichkeiten von Wahrnehmungen zu sortieren (denke gerade an Arno Schmidt, der – angeblich oder wirklich? – die ganzen Eindrücke gar nicht mehr verarbeiten konnte und darunter fast körperlich litt; aber ich bin kein Arno Schmidt-Experte).

    Aber im vorliegenden Fall kommt es mir reichlich einfach vor, sich hinzustellen und zu sagen: Ich kann die Empörung nicht verstehen; wir haben keinen Fehler gemacht. Ungefähr wie ein Meteorologe, der nicht glaubt, dass es geregnet hat, während die Leute ihre Schirme ausschlagen.

    Vielleicht ist tatsächlich die Erwartung zu hoch. Vielleicht sind auch diese Journalisten (mit Verrentungsanspruch) sich dessen nicht mehr bewusst und erliegen irgendwie (1.) dem »Apparat« und dessen Strukturen (er »freut« sich ja, dass das Gespräch in Form von 9 Minuten gesendet wird – ich würde mich ärgern!) und (2.) der eigenen, vorgefassten Meinung, derer sie sich immer nur noch vergewissern und wohlweislich das andere, das »störende« ausklammern.

    Ist es nicht irgendwo auch ein Verdienst, dass die von Ihnen beschriebene Übereinkunft zwischen Sender und Empfänger, diese »Kumpanei« des Nachrichtenkonsens, nicht mehr so existiert bzw. nicht mehr so zu existieren scheint? Was mich am meisten empört hat, war nicht so sehr das Verhalten von Roth, sondern der Einwurf des Moderators im tagesschau-Chat (steht im Beitrag). Man habe, so steht es dort, einen eigenen »Fokus« bzw. einen anderen Fokus als die russischen Kollegen. Das bedeutet faktisch, dass es mehrere »Wahrheiten« über ein Gespräch zwischen zwei Menschen gibt. Im einen Fall soll gezeigt werden, wie Putin sich wehren muss (die Kurzfassung) – im anderen Fall wird aus dem Interview tatsächlich ein Gespräch (mit Rückfragen, Einwürfen, usw). Das ist ein grosser Unterschied.

    Ja natürlich möchte der Kritiker das bestätigt haben, was er immer schon weiss! Es gibt eine Szene in einem Woody-Allen-Film, wo er in einer Kinoschlange mit einem Freund (oder einer Freundin) wartet. Sie unterhalten sich über irgendetwas und es kommt zu einem Disput. Allen behauptet A – der andere B. Und plötzlich erscheint die Figur, um die es geht, neben den beiden und bestätigt A. Und dann sagt Allen sinngemäss: Wenn das doch immer so gehen würde…

    Darin liegt ja auch die Gefahr dieses hyperkritischen: Man wuselt solange herum, bis sich einem das zeigt, was man eh‘ schon immer so dachte. Ich nenne das den Realititäsverlust inmitten der Realität. So gibt z. B. einen Blog hier auf twoday, der in einem Beitrag schreibt, die Flugzeuge seien nicht in das WTC geflogen. (und ich gestehe, es nicht zu Ende gelesen zu haben. Ist das nun auch schon ein Tunnelblick?)

    #26

  27. en-passant sagt:

    nochmal Tunnelblick
    Arno Schmidt gerierte sich ja als Mathematiker – und als Genauigkeitsfanatiker (der etwa Goethe nachwies, dass es nicht hatte Vollmond sein können, als der das in ein Stück so schrieb, und der deshalb ein minderer Literat für ihn war) ein Paranoiker. Also schrieb er sich alles auf. Und war dann über seinen Zettelkästen schon mal kurz vor dem Hirn-Durchbrennen… (seine Frau Alice gab ihm dann mal einen Schnaps).

    Womit ich immer noch bei Ihrem Beispiel aus der Meteorologie bin: Ist Regen auf den Kopf nicht ein objektivierteres Geschehen als eine eher interpretatorische Mutmaßung über eine fern stattgehabte Wirklichkeit? Oder wäre das eine Standpunkt-Sache? Relativität, wo man hinsieht.

    Was man den Journalisten vorwerfen könnte, wären – mal wieder – die Nebeneffekte ihrer Produktionsgewissheiten. Aber auch damit sind wir bei unseren eigenen Produktionsgewissheiten, nämlich von Annahmen über mutmaßliche Wirklichkeit (die medial zudem per se eine hergestellte ist).

    Wohlweislich: ich rede hier nicht der Manipulation das Wort. (Schließlich gibt es journalistische Standards, und soweit ich das verstanden habe, geht die Enpöfung darüber, dass eben die mal wieder unterboten wurden.)

    Aber der besagte „Fokus“ (als Bündelung von mehreren: Aufmerksamkeit, Interesse, Erwartung an Bestätigung des eigene Weltbild oder Grad der Flexibilität der Bandbreite desselben…), ist ja das, mit dem auch jeder Zuschauer arbeitet.

    Geht es also letztzlich um Deckungsungleichheiten? Ich frage mich das.

    Immer wenn ich mal beim Zappen auf die RTL-„Nachrichten“ komme – „und gleich bei uns in der Sendung“ -, muss ich einsehen, dass man die Geschehen den Leuten da draußen auch so erklären kann. „Die Welt“ ist anscheinend längst zu sehr ein eingeführtes Format. Nur gibt es dann immer noch eine Unzahl anderer (Welten und Formate…).

    Und außerdem ist es natürlich mal wieder so, dass Roth, der in wer weiß welchen Zwangslagen (eigentlich ja wohl zwischen allen) steckt, unerbittlicher kritisiersiert wird als die, die „sowieso nur Scheiße erzählen“. Anders gesagt: ist es nicht die Fehlstelle im Guten, die auf das Bessere deutet? Da müssten wir ihm dankbar sein: Mit seiner Hilfe stellten wir dann jeweils eine bessere Welt erst noch her.

    #27

  28. Ja, ich verstehe den Ansatz. Es ist ja so, dass man oft lesen konnte, von »so einem« wie Roth hätte man das nicht erwartet. Insofern ist der »Bloggeraufstand« im tagesschau-blog nebst Ausstrahlung des Interviews in voller länger natürlich ein Triumph derjenigen, die als kritische Masse gesehen wird. Bei Roth hat das dann gewirkt, eben weil man es versuchte; bei einem anderen Korrespondenten (bspw. eines Privatsenders) hätte man vermutlich diese Energie nicht investiert.

    Ich bin ja – obwohl auf der Welle der Empörung mit segelnd – jemand, der die Pauschalverurteilungen immer selber verurteilt. In einem Blog hiess es, er (der Blogger) traue der öffentlich-rechtlichen Meinungsmanipulation sowieso schon lange nicht mehr. Welch‘ ein Blödsinn in dieser Dekretierung liegt; so jemand hat seine intellektuelle Redlichkeit bei mir sofort verloren (es sei denn, er war besoffen). Aber es ist natürlich so: Wer einmal »lügt«, dem glaubt man…sagen wir mal: schwieriger.

    Will sagen: Ja, der Fokus des Widerspruchs auf das zusammengeschnittene Interview resultiert aus der Tatsache der virulenten Skepsis dessen, was dort gezeigt wurde. Die Schnitte waren sehr unprofessional – und dennoch hätte ich es nicht gemerkt. Wurde erst aufmerksam durch einige Kommentatoren, die es im russischen Fernsehen sahen.

    Der »Fokus« der ARD lag darauf, Putin als in die Ecke gestellten Staatslenker darzustellen. Dieser ging aber oft genug – wie man dann sehen konnte – in die Offensive über. Dies ist aber dann eben keine objektive Berichterstattung mehr. Und drei, vier Sätze aus Putins Gespräch kann ich dann auch noch so montieren, dass er als neuer Weltendemiurg erscheint. Das hat dann aber mit Journalismus nichts mehr zu tun.

    #28