Autokratischer Opportunismus

»Ich nenne das einen Anschlag auf die Demokratie (…), wenn das Parteihauptquartier einer Regierungspartei systematisch beschließt, die Debatte um die Zukunft des Landes zu verweigern«.

Dieser Satz von Martin Schulz vom Sonntag zog eine breite Welle der Empörung nach sich – nicht nur erwartungsgemäß bei den Unions-Granden, sondern auch in anderen Parteien. Schulz versuchte zu beschreiben, wie die im Spin-Deutsch der Politprofis sogenannte »asymmetrische Demobilisierung« funktioniert. Diese Taktik steht dafür, gesellschaftliche und politisch kontroverse Themen in Wahlkämpfen nicht anzusprechen, um nicht die potentiellen Wähler anderer Parteien zu mobilisieren. (Der gängige Passus lautet: »Wasser auf die Mühlen…«.)

Der Streit entzündete sich besonders auf Schulz‘ Wort vom »Anschlag auf die Demokratie«. In den hysterischen Reaktionen darauf ging unter, dass der Vorwurf der Ausklammerung provokanter Themen in Wahlkämpfen keinesfalls alleine dem Unions-Lager gemacht werden kann. So fehlt von allen Seiten eine grundlegende Debatte über den Fortgang der Integration der seit 2015 in Deutschland angekommenen Flüchtlinge. Und außer den lauwarmen Bekenntnissen zu »Europa« ist weit und weit nicht zu erkennen, mit welchen politischen Projekten die EU in den nächsten Jahren auftreten möchte. Was würde »mehr Europa« bedeuten? Wie geht es mit der Austeritätspolitik weiter? Ebenfalls nicht ganz uninteressant wäre eine Debatte darum, wie die Energieversorgung der Zukunft jenseits wohlfeiler Forderungen aussehen könnte und was sie kostet.

Schulz‘ Attacke an die Union ist außerdem absurd. Es wäre gerade bei ihm gewesen in den letzten Monaten die »Debatte um die Zukunft des Landes« programmatisch auszufüllen. Wenn der Union asymmetrische Demobilisierung vorwirft, so bedeutet dies im Klartext: Auch wir haben nicht dazu beigetragen, die Union mit Vorschlägen zu locken. Die Folgen sind übrigens bekannt: Die SPD verlor krachend drei Landtagswahlen en suite.

Stattdessen bekommt man nun wieder eine Kostprobe Merkel’scher Politik. In einer Frauenzeitschrift verkündet sie gönnerhaft, den Fraktionszwang für eine Abstimmung um die sogenannte Ehe für alle aufzuheben. Vor lauter Begeisterung merkt kaum jemand, dass es laut Grundgesetz eigentlich gar keinen Fraktionszwang gibt. Und das die Kanzlerin höchstselbst jahrelang alle entsprechenden Vorstösse im Bundestag abgeschmettert hat fällt auch weitgehend unter den Tisch. Es ist halt wie schon weiland bei der Atom-Wende. Der Wind hat sich gedreht – und damit ändert sich auch die Richtung des Schiffs. Widerstand nicht nur zwecklos, sondern unerwünscht. Erstaunlich, dass immer noch Schröder als Basta-Kanzler gilt.

Viel gefährlicher als die asymmetrische Demobilisierung – zu der immer auch die anderen gehören – ist Merkels autokratischer Opportunismus, der mit einem Federstrich lange gehegte Überzeugen dem Zeitgeist perfekt anpasst. Statt einer Diskussion um die Ehe für alle, in der die Unionsparteien als rückschrittlich dargestellt worden wären (alle anderen bekannten sich inzwischen dazu), hebelt die Kanzlerin dieses Thema mit ihrem Vorstoß aus. Dabei spielt die tatsächliche Relevanz der Thematik gar keine Rolle (für den Großteil der Bevölkerung ist dies schlicht irrelevant).

Jetzt soll noch vor der Sommerpause die Angelegenheit erledigt werden. Der Zeitpunkt ist perfekt, denn die Skeptiker haben bis zur Bundestagswahl die Sache längst vergessen (und genügend Relevanz hat es auch für sie nicht mehr). Grundgesetzänderung auf Knopfdruck. Alle finden es toll. Ein strategisches Meisterstück.

Der Sommer kann kommen. Und wenn das so weiter geht, verpasst man die Wahl noch.

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8 Kommentare zu »Autokratischer Opportunismus«:

  1. Joseph Branco sagt:

    Passanten wollen ein schallendes Gelächter aus dem Kanzleramt gehört haben. Deutschland diskutiert über einen eine Minderheit betreffenden juristischen Lückenschluss. So liebt sie es. Die Chefin hat wieder die Nebelmaschine angemacht und der kleine Martin hat vor Freude rote Backen.

    Abschlussbericht des NSA-Untersuchungsausschusses. Banken nehmen den Staat per Cum-Ex und Cum-Cum aus wie eine Weihnachtsgans. Etc.pp. Alles verschwindet in den Schwaden. Und die Schießbudenfiguren freuen sich, wenn sie im Trubel Angela mal vors Schienbein treten können. Diesmal traut man sich nicht mal mehr die Vermögenssteuer auch nur leise anzumahnen. Thomas Piketty hat sein Kapital dann doch umsonst geschrieben

    #1

  2. Erstaunlich finde ich diese mediale Aufladung des Themas. Als strategischen Coup ist es genial: Die Kanzlerin initiiert diesen Lückenschluss – und stimmt gleichzeitig dagegen. Dass das eine ziemliche Perversion der Position eines Bundeskanzlers ist, der ja die Richtlinien der Politik bestimmen soll, merkt niemand. Man stelle sich vor dies würde mit einem Kriegs-, pardon: Friedenseinsatz geschehen.

    #2

  3. Joseph Branco sagt:

    Erstaunlich finde ich diese mediale Aufladung des Themas.

    Ich bin mittlerweile so paranoid, dass ich da nicht mehr an »Effekte« glaube. So wie der Umschwung des Wordings von Homo-Ehe zu Ehe für Alle wie bei einer koreanischen Flaggenparade funktionierte, wurden alle andere Themen abgeräumt. Man Vergleich z.B. die Aufregung TTIP/CETA Europäisch-Japanisches-Handlesabkommen.

    #3

  4. Jumid sagt:

    @Gregor Keuschnig & @ Joseph Branco
    Ja, einerseits kann das Maß der Aufregung verwundern, wenn man es auf die Medien bezieht, insbesondere auf ihr Einzuschlafen und ihre Art, einzuschläfern. Der Hinweis auf die Handelsabkommen trifft es genau. Auch den Ärger über die Kanzlerin teile ich.
    Bezieht man es auf die Sache selbst, verwundert mich wie maßvoll die Reaktion ist. Und dieser Beschluß des Bundestages ist ein enormer Schritt für das, was Brecht bezeichnete mit dem Wort, die Welt sei ins Funktionale gerutscht (ein Hinweis, den ich einem Freund verdanke). Das trifft es im Kern. Es geht hier im Kern um eine Allverfügbarkeit von Natur und Recht, die mit einem fast vorreflexiven Gültigkeitsanspruch von Anerkennungsgefühlen begründet wird. Es geht hier mitnichten im Kern um Gleichberechtigung, diese war bis auf wenige, auch anders leicht zu regelnde Ausnahmen, doch gegeben. Ich finde, man kann nicht kritisieren, dass es Konservativen (vermeintlichen, aber meinetwegen können wir es so bezeichnen) um einen Symbolgehalt ging, der eine wichtige, eine zunehmend wichtiger werdende Sache symbolisiert: nämlich Differenzen, die gesellschaftlich und rechtlich nicht verfügbar sind. Ich hätte verstanden, Differenzen gleich zu berechtigen, ich verstehe nicht ihre symbolische Einebnung. Während das eine für mich ein politisch liberaler Akt ist, den ich voll und ganz vertreten kann, ist das andere eine verlogene Anmaßung, die allerlei Realitätsverzerrungen, Umdefinitionen ins kaum Lebbare und ein weiteres Gerangel in der Anspruchspolitik nicht verhindert, sondern geradezu herauf beschwört. Nur als Beispielsplitter: demnächst steht uns eine Diskussion um eine Quotenregelung von Adoptivkindern ins Haus, wenn auch nur der Verdacht besteht, es könnte hier eine quantitative Benachteiligung bestehen. Da bin ich ziemlich sicher. Wie gesagt, das ist nur ein Splitter, weil es quantitativ gar nicht um Adoption geht, sondern um Zugang zur Reproduktionsmedizin. Soweit ich weiß, gibt es sehr viel mehr Paare, die ein Kleinkind (um die geht’s vor allem) adoptieren möchten als Kleinkinder zur Adoption anstehen. Gleichgeschlechtliche Paare, deren Kinderwunsch nicht nur als Ausnahme, sondern systematisch nur auf dem rechtlich – gesellschaftlichen oder auf dem technisch – ökonomischen Weg zu befriedigen ist, werden durch Adoptionen allein sich nicht ausreichend gewürdigt fühlen.
    Ich halte diese triumphale, teils strategische Naivität, die ich in der letzten Woche beobachten musste, wirklich für grottenfalsch und kurzsichtig. Ich glaube, jene, die von der Auflösung der Ehe sprachen, haben Recht. Das kann man natürlich alles planieren, möglichst mit den üblichen inhaltsleeren Verabschiedungs- und Entwertungs- und Beschimpfungsposen wie: das ist von Gestern, veraltet, darüber ist die Zeit (wer auch immer das ist) hinweg gegangen, das ist reaktionär, ewig gestrig, debil konservativ, der Reflex von Frühvergreisten oder mit welchen Beschimpfungen von Gruppen, die der politischen Korrektheit für nicht würdig erachtet werden und die man kritiklos verhöhnen darf, auch immer. Ich wünsche nur (fast zynisch) viel Glück mit den Resultaten.
    Von der schmuddeligen politisch – rechtlichen Art, in der das auf beiden Seiten geschah, habe ich dabei noch kein Wort gesagt. Eine solches Thema ist keine machtpolitische Verfügungsmasse, weder für CDU noch SPD und Grüne, so wird das gesellschaftlich nicht funktionieren, das ist ein Bumerang, selbst dann, wenn das Bundesverfassungsgericht sich – wie zunehmend geübt – sophistisch bis ins nicht mehr Kenntliche verbiegt und Äußerungen und Ansprüche und Maßstäbe, die es bis in die jüngste Zeit vertrat, damit als Gelaber mit kurzer Halbwertszeit offenbart. So kann man aber nur Gelaber mit Großbegriffen auf Mamorsäulen durch Gelaber mit anderen Großbegriffen auf neuen Mamorsäulen substituieren: sorry, wenn Ihr uns ernst genommen habt, war nicht so gemeint, wir meinten nur opportune Augenblicksprinzipien. Das legt die Axt an die intellektuelle und rechtliche Autorität des Bundesverfassungsgerichtes. Dass das genauso kommt, bezweifele ich allerdings kaum.

    #4

  5. @Jumid
    Die Entscheidung von dieser Woche zeigt wie schnell gesellschaftspolitische Entscheidungen getroffen werden können, wenn das, was im Grundgesetz verankert ist, auch tatsächlich angewandt wird. Auf die gönnerhaft Geste der »Freigabe« des »Fraktionszwangs« (abgemildert als »Fraktionsdisziplin« bezeichnet) wurde in den Medien kaum eingegangen. Der Zweck heiligt scheinbar die Mittel. Nur einmal habe ich gehört, dass damit de facto die Große Koalition beendet sei, weil im Koalitionsvertrag stehen würde, dass es keine wechselnden Mehrheiten gebe. Demnach wäre der Koalitionsvertrag nicht grundgesetzkonform, denn man man schwerlich Abgeordneten, die ihrem Gewissen unterworfen sein sollen vorschreiben, wie sie abzustimmen haben. Gestört hat das niemanden. Auch die strategische Komponente von Merkel (das »Abräumen« des Themas im Wahlkampf) fand in den Medien nicht statt.

    Jetzt gibt es die ersten Stimmen, die sich für eine Gleichstellung der Lebensgemeinschaften einsetzen und das Ehe-Privileg kippen wollen. Auch hier wird mit der Diskriminierung argumentiert. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann die Ehe als Institution fiskalisch und gesellschaftlich fällt. Die religiöse Komponente (Sakrament) ist längst passé.

    #5

  6. Jumid sagt:

    Ich stimme dem zu, dass es wahrscheinlich so kommen wird, wie Sie es beschreiben, dass die Ehe fällt. Nur war das niemals Gegenstand der Diskussion, insofern ist es sozusagen eine Art Aussterben einer Form in der zweiten Natur. Mit einem rationalen Entschluss hat das natürlich nichts zu tun, sondern mit einem Beschluss, dessen Nebenfolgen die Hauptfolgen deutlich überwiegen. Aus dieser Sicht verstehe ich auch, dass manche diese Ereignisse der letzten Woche als taktisches Manöver wahrnehmen. Das ist es ja auch für eine machttaktisch gewiefte, intellektuell aber im Nirwana irrlichternde Kanzlerin. Darin unterscheidet sie sich parteiübergreifend nicht von einer Mehrheit der politischen Klasse und ihrer Kommentatoren. Da kann man nur sagen: Hut ab! Ich sehe es als taktische Meisterleistung an, wenn jemand einem Schwimmer Meer eine Holzplanke hinwirft und anschließend bejubelt wird dafür, dass sie so großzügig ist, ein so stolzes Schiff in einem Badesee zu Wassern. Dass sie damit durchkommt, ist wirklich Teil des Elends. Zugleich fehlt aber, wie so oft, die Diskussion der Sache und ihrer Konsequenzen.
    Dass dieses Prinzip der Ehe in irgendeiner Hinsicht passé wäre, sehe ich aber in gar keiner Weise. Sie wird in dieser Entscheidung in der Tendenz sogar bestätigt, sie wird als Normmodell ausgeweitet und damit zugleich im Grundsatz verändert oder sogar abgeschafft, weil die herkömmliche Ehe zu einem Spezialfall eines irgendwie schwammig konsensuellen Vertragsverhältnisses gemacht wird. So paradox ist das. Insofern trifft der grottendumme Beschwichtigungssatz, es werde niemandem etwas genommen, in gar keiner Weise. Der würde nur dann stimmen, wenn man eine eigene, gleichberechtigte Form der Partnerschaft hätte. Diese kulturell zu schaffen und mit einer ihr eigenen Würde zu versehen, wäre die Aufgabe einer Minderheit, die stolz auf sich hält. Diese ist aber unter meinem Radar nirgends zu sehen. Ich sehe nur Me-Too-Kaperer, die es aber als diskriminierende Unverschämtheit sehen, so genannt zu werden.Und hier muss ich noch einmal persönlich und vielleicht auch etwas überscharf werden: Ich verstehe das Anliegen, ich akzeptiere das Anliegen, meine Achtung gibt’s für solche trotzige Infantilität allerdings nicht. Aber das ist sehr persönlich, auf meine Achtung ist ja auch niemand angewiesen, darauf kann man sich ein Ei pellen.
    Es ist nicht ausschließlich ein Me – Too – Gesetz, um die sozusagen die als diskriminierend empfundene Definitionsmacht der herkömmlichen Institution Ehe zu brechen und sich auch so nennen zu können. Die symbolische Aufladung dreht sich nicht zufällig um den Begriff „Ehe“ und insbesondere die Kinderfrage. Und da kann man rumregeln wie man mag, eine gleichgeschlechtliche Ehe mit Kindern kann ohne Heterosexualität niemals bestehen, sie ist nicht ins Soziale auflösbar, nicht theoretisch, und praktisch auch nicht. Diese Dinge spielen aber vermeintlich überhaupt keine Rolle mehr, sobald man das aber in der Praxis regeln möchte, sind diese sofort da. Man hat ja versucht, die Frage der Nachkommenschaft zumindest teilweise sozial zu regeln, z.B. über Samenbanken, wo es inzwischen ehemalige Spermaspender gibt, die damit vieles verbunden haben mögen, nur keine Vaterschaft. Diese schlugen nach zwanzig Jahren hart auf wie die Dachdecker, als sie erfahren mussten, dass ihre inzwischen erwachsen gewordenen und ihnen völlig unbekannten Kinder, so unbekannt, dass sie deren Existenz nicht mal kannten, ein Grundrecht!!!! haben, ihre biologischen Erzeuger kennen zu lernen. Dieses Prinzip ist krachend gescheitert. Und die Konsequenzen dieses Scheiterns sind noch gar nicht voll absehbar, weil an diesem Prinzip der Blutsverwandtschaft potentiell alles Mögliche hängt. Sobald es nämlich Vorteile bringt, man könnte das auch nennen: sobald sie sich durch die Nichtanwendung dieses Blutsrechts in ihren Grundrechten auf Gleichstellung beeinträchtigt sehen, ist die andere Natur des Vertragsrechts völlig irrelevant. Es gibt traurige Beispiele von Menschen, die Jahre ihres Lebens darauf verwenden, ihre biologische Abstammung zu klären, obwohl es für sie der Vertragstheorie nach gar nicht existieren dürfte.
    Insofern ist die oben beschriebene Änderung eines Prinzips (nicht Ergänzung oder Pluralisierung, aber darum handelt es sich hier m.E. nicht) nicht nur eine Erweiterung des Personenkreises oder der „Anspruchsberechtigten“, sondern die Sicht einer Minderheit wird normativ für die Sicht einer Mehrheit. Im Gegensatz, vielleicht zu Ihnen, Herr Keuschnig, sicher aber zu vielen anderen, glaube ich nicht, dass die Ehe in den Augen vieler eine Idee von gestern ist. Das sehe ich anders.
    Nichts aber ist für die Moderne, mehr noch für die Postmoderne, skandalöser als Unverfügbarkeit, Nichtmachbarkeit, diese ist ein Skandal der Welt, der beleidigend ist und nicht toleriert werden kann für die Westentaschengötter eines radikalen sozialen Konstruktivismus.
    Ich sehe hier übrigens sehr wohl eine Entscheidung, die sehr eng mit Phänomenen eines dumpfen und in seiner Rückwärtsgewandtheit unhaltbaren Populismus verbunden ist. Eine solche Entscheidung verändert Lebensverhältnisse, real und symbolisch, auf eine Art, deren volle Wucht sich erst viel später entfaltet und das auch nur im Kontext ähnlicher, gleichgerichteter Entscheidungen. Das wird in der Diskussion in keiner Weise gespiegelt, was uns verkauft wird medial, ist diese mosaikhafte, kleingehaltene Stückhaftigkeit, die sich letztlich kompensatorisch in machttaktischen Fragen verliert. Diese sind wichtig, aber als fast ausschließlich diskutierte unangemessen.
    Wie richtig diese Vermutungen sind, zeigt der von @Keuschnig verlinkte Artikel in der Prantlhauser Glocke aus München. Auch wenn ich darin fast jeden Satz falsch finde, hat er symptomatischen und eventuell auch prognostischen Wert. Die Tinte der Beschlussprotokolle ist ja noch nicht einmal trocken. Und es ist keine Einzelstimme, ich zitiere die Philosophin Catherine Newmark aus dem Philosophiemagazin „Sein und Streit“ (krieg das leider mit den Links hier nicht so hin):
    „Aber wäre es nicht viel zeitgemäßer, als die Ehe für alle auszuweiten, das Problem der Verwandtschaft durch die Etablierung ganz neuer zivilrechtlicher Vertragsformen zu lösen? Die es allen, Frauen, Männern, Queers, erlauben würden, ihre Sorgeverhältnisse staatlich absichern zu lassen?
    Dann ließe sich die Ehe ganz vom zivilrechtlichen Zusammenhang abkoppeln und könnte den Religionsgemeinschaften und ihren traditionellen Auffassungen überlassen werden. Auf diese Weise würde ihr »ursprünglicher christlicher Sinn«, um den sich die CSU ja soviel Sorgen macht, erhalten bleiben, ohne Schaden anzurichten.
    Sie hätte dann keinerlei bürgerlich-rechtliche Konsequenzen mehr, sondern nurmehr symbolische Bedeutung. Nicht anders als, sagen wir, das Segnen-Lassen einer polyamoren Gemeinschaft durch einen Guru – oder das konsensuale Halten eines privaten Sexsklaven zuhause.“

    Kommt schneller als vermutet ….. Ohne Worte! Wenn das so toll wäre, hätten wir weder das Problem noch den Streit, hätte sich ja gleich als Lösung für gleichgeschlechtliche Partnerschaften angeboten. Man wäre Pionier gewesen, Avantgarde, und hätte uns traurige Nachhut unbehelligt hinterhertrotten lassen können. Oder ist es doch nicht so toll? Was aus dem Text wohl eher hervor geht, ist in Perspektive nicht Aufwertung einiger, sondern Abwertung aller. Auch das ist gleich. Is ja prima gelaufen.

    #6

  7. @Jumid
    Im Gegensatz, vielleicht zu Ihnen, Herr Keuschnig, sicher aber zu vielen anderen, glaube ich nicht, dass die Ehe in den Augen vieler eine Idee von gestern ist. Das sehe ich anders.
    Diese andere Sicht respektiere ich. Aber ich glaube nicht daran, weil eine Säule des Eheversprechens praktisch inexistent geworden ist: das religiöse, sakrale. Wer heute kirchlich heiratet macht dies fast immer nur noch aus inszenatorischen Gründen. Zur Taufe gibt man die Kinder um sie später in den kirchlichen Kindergärten unterbringen zu können (wobei der finanzielle Anteil der Kirchen meist nur noch minimal ist – dafür bestimmen sie nach wie vor die Einstellungskriterien). Kommunion oder Konfirmation sind Familienfeiern. Das Religiöse ist nur Fassade. Das bewerte ich gar nicht, ich stelle es nur fest.

    Der »christliche Sinn« der Ehe ist längst eine Schimäre; Futter fürs Poesiealbum von Politikern, die selber kaum noch einen Bezug zu dem haben, was sie predigen. Sie ist eigentlich nur noch eine steuerlich bevorzugte Lebensgemeinschaft zweier Menschen. Beliebig auflösbar. Auch das bewerte ich nicht. Aber wenn dem so ist, ist das, was man »Ehe für alle« nennt nur folgerichtig. Und das, was im SZ-Artikel steht dann auch.

    Aber warum bevorzugt der Staat eigentlich Lebensgemeinschaften? Früher war klar: Hieraus gehen Kinder hervor (Adenauer: »Kinder kriegen die Leute immer«). Auch das ist längst nicht mehr in Stein gemeisselt. Man will Freude haben, Unabhängigkeit, beruflichen Erfolg. Kinder sind Verpflichtung zuweilen sogar Hemmnis. Man schiebt es hinaus. (In einkommensschwachen Familien sieht das anders aus. Hier bilden Kinder eine gewisse Absicherung, zuweilen sogar Status.)

    Es gibt keinen wirklichen Grund mehr, Lebensgemeinschaften staatlich zu subventionieren. Bei Paaren mit Kindern sieht das anders aus; hierin liegt ja ein gewisses Interesse (ansonsten kann z. B. der Kapitalismus bzw. das Wachstum nicht funktionieren). Aber warum kinderlose Ehen mit Ehegattensplitting dahingehend subventioniert werden, dass der geringere Verdiener (meist die Frau) besser zu Hause bleibt oder einen 450 Euro-Job annimmt, hat mir bis heute niemand erklären können.

    Nichts aber ist für die Moderne, mehr noch für die Postmoderne, skandalöser als Unverfügbarkeit, Nichtmachbarkeit […]
    Das ist richtig. Wobei die Grenzen ständig neu definiert und ausgedehnt werden. Als ich Kind war galt Homosexualität als Straftat. Das machte man allenfalls im Verborgenen. Das ist noch nicht einmal 50 Jahre her. Es wird nur eine Frage der Zeit sein, wenn Pädophilie als Straftat neu definiert werden wird. Zuweilen höre ich auch, dass das Inzestverbot »überholt« sei. Niemand erklärt, was »überholt« genau bedeutet; es wird einfach behauptet.

    Die Klage über diese Entgrenzung der Sitten und Moral ist aber uralt. Schon Platon sah die Jugend verdorben und haderte mit dem »Zeitgeist«. Vielleicht sind dies Elemente einer Evolution, deren Sinn einem nur verborgen bleibt.

    #7

  8. Ich bin (wieder einmal) etwas spät dran, aber: Man sollte nicht übersehen, dass die Taufe, die Firmung und die Eheschließung neben oder besser mit ihrem religiösen Charakter auch einen rituellen haben, der über den bloß religiösen hinaus weist: Sie stehen in einer mehr oder weniger starken Verbindung zu dem individuellen Lebensweg und dessen verallgemeinerbaren Abschnitten: Dem auf die Welt kommen, dem Erwachsen werden und der Entscheidung mit jemandem anderen Zusammenzuleben (und neues Leben zu begründen). Zeremonien und Rituale markieren diese Abschnitte sichtbar und eindringlich, weshalb sie auch in Zeiten schwindenden Glaubens, noch immer eine Bedeutung haben (sie weisen auf uns, aber auch über uns hinaus; sie stiften eine gewisse Verbindung und Verbindlichkeit).

    Um noch mit einer Bemerkung an Jumid anzuschließen: Es überaus ärgerlich, wie da mit einem eigentlich recht klar definierten Begriff (dem der Ehe) umgegangen wird (nämlich so, als bräuchte man sich um ein allgemein verbreitetes Verständnis, nicht zu kümmern, es lebe die Acht- und Gedankenlosigkeit!).

    #8

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